Heidelberg

Heidelberg: Sparkurs im Rathaus wird nur leicht korrigiert (Sa, 26 Sep 2020)
Von Holger Buchwald Heidelberg. Die Auswirkungen der Corona-Krise werden noch Jahre zu spüren sein. In seiner Sitzung am Donnerstag beriet der Haupt- und Finanzausschuss darüber, welche Investitionen angesichts eingebrochener Steuer- und Gebühreneinnahmen sowie zusätzlicher finanzieller Belastungen infolge der Pandemie bis mindestens zum Doppelhaushalt 2023/2024 zurückgestellt werden müssen. Zudem brachten die Stadträte einen Nachtragshaushalt auf den Weg. Zuvor gab Finanzbürgermeister Hans-Jürgen Heiß aber einen Überblick über den Ernst der Lage. Demnach konnte Heidelberg aufgrund eines erfreulich positiven Ergebnisses im Haushaltsjahr 2019 sogar Schulden abbauen. Im laufenden Jahr wird der Schuldenstand aber von 181 Millionen auf 255,4 Millionen Euro steigen. "Ohne den Rettungsschirm lägen wir sogar bei einer Verschuldung von deutlich über 300 Millionen", so Heiß. Nach dem aktuellen Stand bekomme die Stadt 56 Millionen Euro von Bund und Land. Die einzelnen Entscheidungen des Ausschusses im Überblick: > Ein Nothilfefonds soll im Falle eines zweiten Lockdowns Kunstschaffenden, Selbstständigen oder anderen Betroffenen unter die Arme greifen. Theater-Intendant Holger Schultze hatte zuvor angeboten, der Stadt eine Million Euro aus Rücklagen zu überweisen, und vorgeschlagen, das Geld für soziale und kulturelle Einrichtungen zu nutzen. Die SPD beantragte daraufhin, von diesem Geld 200.000 Euro für einen Nothilfefonds zu reservieren, falls es aufgrund der Corona-Pandemie zu erneuten Betriebsschließungen oder Auftrittsverboten kommen sollte. Dieses Geld sollte freischaffenden Künstlern zur Verfügung gestellt werden, so Fraktionschefin Anke Schuster. Ihr CDU-Kollege Jan Gradel hingegen schlug vor, den Nothilfefonds für Vereine und das Handwerk zu nutzen. Nach einer Sitzungsunterbrechung einigte sich die Mehrheit des Ausschusses schließlich auf einen Kompromiss. Es bleibt bei den 200.000 Euro im Nothilfefonds, man legt sich derzeit aber noch auf keinen Kreis möglicher Leistungsempfänger fest. Auch wenn die Modalitäten des Fonds also noch ausgearbeitet werden müssen, wird das Geld bereits in den Nachtragshaushalt eingestellt. > Die Zuschüsse an soziale und kulturelle Träger werden im nächsten Doppelhaushalt in gleicher Höhe wie schon in diesem Jahr bezahlt. Darauf hatte sich der Gemeinderat bereits vor der Sommerpause verständigt. Mittel werden somit zwar nicht gekürzt, aber auch nicht gemäß der Tarifsteigerungen erhöht. Der größte Zuschuss, den das Sozialamt vergibt, sind die Zuwendungen für die Seniorenzentren, die mit 1,8 Millionen Euro pro Jahr zu Buche schlagen. Im Bereich des Kulturamtes, ist es die Schurman-Gesellschaft, der Träger des Deutsch-Amerikanischen Institutes, die knapp 810.000 Euro erhält. Ohne Diskussion und bei nur wenigen Enthaltungen fasste der Ausschuss diese Beschlüsse quasi einstimmig. > Bei den Bauinvestitionen für die kommenden zwei Jahre taten sich die Stadträte schwerer. Schon im Juli hatten sie sich darauf verständigt, bereits begonnene Projekte, für die bereits Gelder geflossen sind, auf jeden Fall fortzusetzen und andere in den übernächsten Doppelhaushalt zu schieben. Insbesondere um die "Gelbe Liste" mit einem Volumen von fast 33 Millionen Euro gab es aber noch Diskussionen. Darauf stehen Bauinvestitionen, die nur dann in den nächsten beiden Jahren getätigt werden sollen, wenn die Haushaltslage es zulässt. Schon jetzt ist klar, dass einiges davon gestrichen werden muss. Ungeachtet dessen nahmen die Stadträte am Donnerstag Änderungen an der Prioritätenliste vor. > Die Erweiterung des Turnzentrums soll bereits jetzt begonnen werden. Sofern der Gemeinderat zustimmt, werden dafür auf Antrag der SPD im nächsten Doppelhaushalt 425.000 Euro, also zehn Prozent der Investitionssumme, bereitgestellt. Ursprünglich hatte die Stadtverwaltung vorgeschlagen, das Projekt komplett in den übernächsten Doppelhaushalt zu verschieben. > Die Kindertagesstätten Otto-Hahn-Platz auf dem Emmertsgrund und Hardtstraße in Kirchheim werden – ebenfalls auf Antrag der SPD – erst ab 2023 in Angriff genommen. In beiden Stadtteilen würden nämlich bereits im "Forum" und in der Stettiner Straße Kitas gebaut. "Wir begrüßen prinzipiell den Kita-Ausbau und die Erhöhung der Platzanzahl in der gesamten Stadt", so Fraktionschefin Anke Schuster in der Begründung. Allerdings habe die Stadtverwaltung dargelegt, dass man den Bau einer weiteren Kita pro Stadtteil nicht stemmen könne. Insgesamt werden so im nächsten Doppelhaushalt 7,7 Millionen Euro eingespart. > Der Aufbau eines Sirenennetzes in Heidelberg mit geschätzten Kosten von 410.000 Euro sollte nach dem Vorschlag der Stadtverwaltung frühestens ab 2023 kommen. Die CDU setzte sich aber mit ihrem Antrag durch, das Thema noch einmal in die nächsten Haushaltsberatungen aufzunehmen und damit wieder auf die "Gelbe Liste" zu setzen. Beim Warntag am 10. September blieben die Warn-Apps "Nina" und "Katwarn" nämlich lange stumm. "Aus Mannheim bin ich viel schneller gewarnt worden", ärgerte sich CDU-Fraktionschef Jan Gradel. Diese Erfahrung habe gezeigt, dass man dringend ein zuverlässiges System benötige, um die Bevölkerung zu warnen. Der Antrag ging mit sieben Ja-, sechs Nein-Stimmen und vier Enthaltungen knapp durch.
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Hospital-Gelände Heidelberg: Endlich eine Straße für Hilde Domin (Sat, 26 Sep 2020)
Heidelberg. (dns) Ihre Gedichte wurden in 26 Sprachen übersetzt, 2004 wurde sie Ehrenbürgerin Heidelbergs – und jetzt soll hier auch eine Straße nach der Schriftstellerin Hilde Domin benannt werden. Die Wahl-Heidelbergerin, die von 1961 bis zu ihrem Tod 2006 in der Stadt lebte, ist einer von elf Menschen, die die Stadtverwaltung als Namenspaten für die Straßen und Plätze im Hospital-Gelände vorschlägt. Nachdem im Heidelberg Innovation Park vornehmlich Männer zum Zug kamen, legte die Verwaltung nun Wert darauf, vor allem weibliche Namen für das Wohngebiet im Süden Rohrbachs auszusuchen. So stehen auf der Liste, die ab nächster Woche in politischen Gremien beraten wird, acht Frauen und drei Männer. Dabei soll auch eine prominente Zeitgenossin Domins geehrt werden: Die Karikaturistin Marie Marcks, die ebenfalls den Großteil ihres Lebens – bis zu ihrem Tod 2014 – in Heidelberg verbracht hat. Für ihre lustigen und oft kritischen Zeichnungen wurde sie 1995 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Wie diese beiden großen Heidelbergerinnen waren auch die meisten der anderen Namenspatinnen und -paten im kulturellen oder sozialen Bereich tätig. So sollen zwei Wege nach den Komponistinnen Clara Schumann (1819-1896) und Fanny Hensel (1805-1847) benannt werden. Mit Hanna Nagel (1907-1975) soll zudem eine weitere Heidelberger Zeichnerin geehrt werden. Schriftstellerin Domin bekommt Gesellschaft durch ihren russischen Kollegen Ossip Mandelstam (1891- 1938). Dieser war von 1909 bis 1910 für einen Studienaufenthalt in Heidelberg. Weil sie sich in Heidelberg sozial und politisch engagierten, sollen zudem Straßen und ein Platz nach Marie Clauss (1882-1963), Katharina Freifrau von Künßberg (1883-1978) und Therese Wiesert (1893-1990) benannt werden. Clauss hatte 1922 eine Arztpraxis in Heidelberg eröffnet und betreute auch in der NS-Zeit weiter jüdische Patienten. Außerdem half sie, den Rechtsanwalt und Hochschullehrer Max Hachenburg vor den Nazis zu verstecken. Die Botanikerin Künßberg engagierte sich für Frauenrechte. 1942 musste sie sich als Jüdin verstecken. Nach dem Krieg kehrte sie nach Heidelberg zurück und war unter anderem Gründungsmitglied des Deutschen Frauenrings. Wiesert war ab 1921 Fürsorgeschwester und setzte sich vor allem für die Mütterberatung ein. Nach der Machtübernahme der Nazis setzte sie trotz Denunziation und Disziplinarverfahren ihre Kontakte zu jüdischen Familien fort. Daneben finden sich auch ein Historiker sowie ein Chemiker auf der Liste: So soll eine Straße nach Golo Mann (1909-1994) benannt werden, der nicht nur Sohn von Thomas Mann war, sondern nach Studium und Promotion in Heidelberg auch einer der wichtigsten Historiker der Bundesrepublik. Ebenfalls in Heidelberg hatte der russische Chemiker Dimitri Iwanowitsch Mendelejew (1834–1907) studiert, der als Entdecker des Periodensystems der Elemente gilt.
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Heidelberg: Theaterplatz soll eine Insel der Ruhe inmitten der Altstadt sein (Sat, 26 Sep 2020)
Von Maria Stumpf Heidelberg. Es ist ein Platz, der mit Sonne, Licht und Schatten spielt, eine Insel der Ruhe mit mächtigen Platanen und Brunnen mit Fontänen. Grün- und Blumenbeete werden von Sitzmauern umschmeichelt, kleinteilige, farbige Natursteine – von Hand verlegt – pflastern die Fläche: Bewohner und Besucher der Stadt haben den neu gestalteten Theaterplatz mit seiner stimmigen Gesamtkonzeption schon seit Juli erobert, seit Freitag ist er als Ort der Begegnung auch offiziell eingeweiht. Dazu begrüßten Oberbürgermeister Eckart Würzner und der Heidelberger Unternehmer und Mäzen Wolfgang Marguerre zahlreiche Gäste. Coronabedingt geladene Ehrengäste und einige Anwohner der Theaterstraße gesellten sich dazu. Der neu gestaltete Platz mitten in der Altstadt verbindet nach fünf Monaten Bauzeit das Ensemble Theater und Wormser Hof. Die Gesamtkosten für das Projekt liegen bei rund 750.000 Euro, Wolfgang Marguerre unterstützte mit einer Spende in Höhe von 680.000 Euro. Als größter Einzelspender hat er bereits die Sanierung des Theaters mit mehr als 15 Millionen Euro mitfinanziert. "Ein schönes Theater braucht auch einen schönen Vorplatz für die Pausen. Das ist doch klar", begründet er sein Engagement. Es sei ihm eine große Freude, zu sehen, welch stimmiges Gesamtbild sich hier nun präsentiere. Damit werde auch das Theater aufgewertet. Oberbürgermeister Würzner betonte, dass die Arbeiten "eine besondere Herausforderung" gewesen seien. Es galt zum Beispiel, die neun Platanen zu erhalten und die oberflächennahen Baumwurzeln erforderten "teils chirurgische Präzision". Über 180 Quadratmeter Asphalt und 500 Kubikmeter Unterboden und Steine seien ausgebaut worden, so der OB. Die Stadt habe außerdem über 170 Quadratmeter neue Pflanzfläche mit Blühstauden und Gehölzen angelegt. Die Archäologen der Stadt vermuteten hier mittelalterliche Siedlungsreste, sodass auf dem Gelände nicht tiefer als 50 Zentimeter gegraben worden sei. Wo das punktuell notwendig war, etwa beim Brunnen, habe das Kurpfälzische Museum die Arbeiten begleitet. Der Brunnen mit Beleuchtung habe übrigens ein eigenes, fünf Kubikmeter großes Wasserreservoir. Würzner dankte den beteiligten Behörden für ihre Mitarbeit und begrüßte auch Landschaftsarchitektin Elke Ukas aus Karlsruhe. Ihr Büro managte die Gestaltung des Platzes. Die Umbauarbeiten wurden seit acht Jahren auch kritisch von einem Bürgerbeteiligungsverfahren begleitet. Letztlich wurden die vorhandenen Autoparkplätze um drei Stellflächen reduziert, doch die Zufahrt blieb für den Theater-Anlieferverkehr und für das Gewerbe vor Ort relativ breit gestaltet. Auch das Lichtkonzept fand Kritiker. "Ich hätte mir weniger Flächen für Autos gewünscht und die Radstellplätze gerne weiter vorne zur Straße hin gesehen", meint Bezirksbeirat Gerd Guntermann von der Grün-Alternativen Lista (GAL) noch immer. Bewohner der Straße indes freuen sich. "Total grün und hell, einfach schön", sagen sie. "Wir genießen unsere Pausen hier", ergänzen Theatermitarbeiter. Besonders der Brunnen kommt gut an. "Wasser beruhigt und bringt trotzdem Lebendigkeit." Als weiterer Schritt sollen laut OB nun noch "zeitnah" die Theaterstraße Nord und Süd umgebaut werden. "Dann sind wir hier fertig."
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Heidelberg: Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs bei Corona-Hilfen (Sat, 26 Sep 2020)
Von Matthias Kros Heidelberg. Tausende Antragsteller in ganz Deutschland sollen sich unrechtmäßig Corona-Soforthilfen für Kleinunternehmer und Soloselbstständige erschlichen und so einen Schaden in Millionenhöhe verursacht haben. Bundesweit gehen Staatsanwälte mindestens 6900 mutmaßlichen Betrugsfällen nach. Dies geht aus einer Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) unter den Justizministerien und Generalstaatsanwaltschaften der Länder hervor. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil zeigte dafür am Freitag wenig Verständnis: "Jede Form von Leistungsmissbrauch ist natürlich eine Sauerei, um das mal klar zu sagen, weil es unsolidarisch ist gegenüber denen, die die Hilfe brauchen", sagte der SPD-Politiker dem Bayerischen Rundfunk. In Baden-Württemberg waren bei der letzten statistischen Auswertung im August knapp 300 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Auch die Staatsanwaltschaft Heidelberg ist bereits aktiv. Laut Thomas Bischoff, Erster Staatsanwalt, werden derzeit zwölf Ermittlungsverfahren in Zusammenhang mit der missbräuchlichen Inanspruchnahme der Corona-Soforthilfe geführt. Der mutmaßliche Gesamtschaden betrage insgesamt rund 85.000 Euro, so der Jurist. Die Ermittlungen dauerten aber noch an. Prozesse werden noch keine geführt. Der Verdacht laute auf Subventionsbetrug, erklärte der Jurist. Anstoß zu den Ermittlungen seien hauptsächlich Anzeigen der Anti-Geldwäsche-Einheit des Bundes (Financial Intelligence Unit, FIU) und der verschiedenen Geschäftsbanken, die die Soforthilfen auszahlen. Dabei beträfen die Ermittlungen verschiedene Fälle: So könnte das angegebene Gewerbe vorgetäuscht sein, also gar nicht oder nicht mehr existieren. In anderen Fällen könnte der Antragsteller das Unternehmen einer anderen Person angegeben haben. Oder die Corona-Soforthilfe könnte beantragt worden sein, obwohl der Betrieb keinen Umsatzrückgang hatte. Manchmal würden auch Unternehmen einen Antrag stellen, die schon vor der Corona-Krise Zahlungsschwierigkeiten hatten. Und schließlich gebe es Fälle, in denen die Hilfe "zweckwidrig" verwendet würden, also nicht zur Rettung des Betriebes, sondern für private Ausgaben. Der Strafrahmen reiche von Geldstrafe bis zu einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, erklärte Bischoff. Ob die bekannt gewordenen Fälle nur die Spitze des Eisbergs sind, wollte der Jurist nicht spekulieren. Darüber, ob die Dunkelziffer vergleichbarer Taten hoch ist, liegen der Staatsanwaltschaft Heidelberg keine Informationen vor, sagte er. Unternehmen aller Branchen können aufgrund wirtschaftlicher Einbußen als Folge der staatlichen Corona-Auflagen einen Antrag auf Überbrückungshilfe stellen, soweit ihr Umsatz 50 Millionen Euro nicht übersteigt. Auch Solo-Selbstständige und Freiberufler fallen darunter; sie erhalten zwischen 9000 und 60.000 Euro, je nach Unternehmensgröße. Der Betrieb darf nicht vor März in wirtschaftlichen Schwierigkeiten gewesen sein. Das Programm fand großen Anklang. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) gab die Zahl der gestellten Anträge im Sommer mit rund zwei Millionen an. Entsprechend groß ist die Zahl der potenziellen Betrugsfälle. "Die strafrechtliche Aufarbeitung der Corona-Krise dürfte die Justiz noch bis weit ins nächste Jahr hinein beschäftigen”, sagte Sven Rebehn, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Richterbundes (DRB), dem Redaktions-Netzwerk Deutschland.
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Heidelberg: Marla und David Celia zollen Neil Young im Karlstorbahnhof Tribut (Sat, 26 Sep 2020)
Von Peter Wiest Heidelberg. Ein bisschen träumen sie schon in den Tag hinein, die beiden auf der Bühne – wie ihr 2018 erschienenes gemeinsames Album "Daydreamers" es ja auch nahelegt. Oder besser in den Abend hinein, wie jetzt im Karlstorbahnhof, wo die in Heidelberg aufgewachsene Sängerin Marla und der kanadische Sänger und Gitarrist David Celia mit ihrer Band ein außergewöhnliches Konzert gaben. Die Musik nehmen sie dabei, was schnell zu bemerken war, bei aller leichtlebigen Tagträumerei sehr ernst – womit bereits die erste Gemeinsamkeit vorhanden wäre mit Neil Young, dem sie an diesem Abend Tribut zollten. Gibt’s das wirklich? Wenn man mit geschlossenen Augen so dasitzt im Saal, in den das als Open Air geplante Konzert wetterbedingt verlegt werden musste, hat man tatsächlich das Gefühl, da singe der junge Neil höchst persönlich. In der Tat: David Celia hat fast alles drauf, was seinen berühmten Superstar-Landsmann auszeichnet, der mit seiner klaren Haltung und Einstellung gegenüber Donald Trump gerade in den letzten Wochen fast mehr Schlagzeilen machte als mit seiner Musik – und der vor exakt 50 Jahren ein absolutes Meisterwerk veröffentlicht hat. Genau diesem Meilenstein-Album ist der Abend gewidmet: "After the Gold Rush", das musikalisch ja auch ab und an ein wenig tagträumerisch wirkt, dessen Songs jedoch inhaltlich immer wieder relativ düstere Blicke in die Zukunft werfen, von denen sich einige mittlerweile bereits bewahrheitet haben. All dies kommt nicht zu kurz bei diesem Konzert. Wobei allerdings, und das ist gut so, die Musik natürlich im Vordergrund steht. Und siehe da: Die Frau neben David Celia trägt mit ihrer Bühnen-Präsenz, besonders jedoch mit ihrer wundervollen Stimme noch mehr dazu bei, dass das sichtlich Young-affine Publikum in einer Mischung aus Nostalgie und Begeisterung nach und nach dahin schmilzt. Marla ist ein Name, den man sich merken sollte – auch wenn oder vielleicht gerade weil er in der Stadt, aus der die Sängerin kommt, außerhalb der Musik-Szene noch immer weitgehend unbekannt ist. Das könnte, nein, das sollte sich ändern nach diesem Konzert: Denn auch diese Ex-Heidelbergerin hat’s absolut drauf. Melancholisch stimmige Liebeslieder wie "Only Love can break your Heart" oder "I believe in you", der rockig-fetzige "Southern Man", faszinierende Melodiebögen wie beim Titelstück "After the Gold Rush" bis hin zu fast schon choralem Sound beim abschließenden "Cripple Creek Ferry": Was ist das doch heute mehr denn je für ein Album, das Neil Young da vor fünf Jahrzehnten veröffentlichte! Und wie gekonnt und mitreißend bringt es diese Band rüber: Nicht nur durch die authentischen Gesangsparts von David Celia und Marla, sondern auch durch die solide Grundlage von Pierre Thomé am Bass und Sacha Toorop am Schlagzeug sowie nicht zuletzt durch das Karlstorbahnhof-"Eigengewächs" Tobias Breier, der gekonnt die Keyboards bedient und dabei auch ein erstaunliches Gesangstalent offenbart. Dass ein solches Ensemble nicht einfach so von der Bühne gehen kann, wenn der "Gold Rush" vorbei ist, versteht sich von selbst. Auch die Kostprobe der eigenen Celia/Marla-Musik kam gut an – und weitere Neil Young-Klassiker wie ein berauschendes "Cinnamon Girl". Vielleicht gibt’s ja zum nächsten 50-jährigen Jubiläum in zwei Jahren das "Harvest"-Album zu hören – der Wormser Historiker Daniel Nagel könnte auch dazu wieder eine fundierte popkulturelle Einführung geben.
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Heidelberg: Elsa Kremsers und Levin Peters Film "Space Dogs" im Karlstorkino (Sat, 26 Sep 2020)
Von Wolfgang Nierlin Heidelberg. Der Geist eines verstorbenen Hundes streift durch die Moskauer Straßen. Nachts lagert er im Schatten des Mondes und beobachtet das menschliche Treiben unter den Lichtern der Zivilisation. Zwischen Autoverkehr und verlassenen Parkplätzen, Rummel und Nachtclub-Betrieb folgt er unsichtbaren Spuren, deren Ziele nur er kennt. Mit einem Rudel streunender Artgenossen sucht er in den Resten und Hinterlassenschaften der Menschen nach Nahrung und Unterschlupf. Er trinkt aus Regenpfützen, geht wie ein Raubtier auf die Jagd oder schnüffelt so lange an einem Auto, bis die Alarmanlage ausgelöst wird. Perfekt angepasst an ihre Umgebung, leben diese herrenlos Tiere in einer Parallelwelt. Unterwegs auf geheimnisvollen Wegen teilen sie ein Wissen, das wir nicht kennen. In Elsa Kremsers und Levin Peters beeindruckendem Film "Space Dogs" ist für einmal die Perspektive umgekehrt, und wir blicken zusammen mit den Tieren auf uns Menschen. Aus diesem ungewöhnlichen dokumentarischen Material entwickeln die beiden Filmemacher den Mythos der Hündin Laika, die 1957 als erstes irdisches Lebewesen ins All geschossen wurde und als "kosmisches Treibgut" aus ihrer Kapsel auf die Erde blickte. Was sah das Tier damals und was sieht es heute? Einst beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglüht, spinnen Kremser und Peter Laikas Geschichte in traumverlorenen Bildern fort und vermischen historische Tatsachen und fiktive Elemente, um eine uns unbekannte Welt zu zeigen. Dafür haben sie eine poetische Erzählung aus wissenschaftlichen Tatsachen und kosmischen Phantasien geschrieben, die in Abschnitten von dem russischen Schauspieler Alexey Serebryakov aus dem Off vorgetragen wird. In der Distanz zum Menschen leben die streunenden Tiere eine Freiheit im Verborgenen. Neben diesem überraschenden, virtuos realisierten Perspektivwechsel thematisieren die beiden Filmemacher den sogenannten "Space Race", den Wettlauf ins All, der 1950er und 60er Jahre, als die Großmächte um die Vorherrschaft im Weltraum stritten und für ihre Versuche mit verschiedenen Tieren experimentierten. Etwa mit dem zunächst nur "Nr. 65", später "Ham" genannten Schimpansen, den die Amerikaner mit einer Rakete in die unendlichen Weiten schickten. Dieser kam zwar lebendig zurück, verhielt sich aber verändert und seiner Spezies entfremdet. Bislang unveröffentlichte Filme aus russischen Archiven zeigen, wie Straßenhunde für ihre Weltraummission präpariert, malträtiert und instrumentalisiert wurden. Was sie im Namen des wissenschaftlichen Fortschritts schmerzlich erduldeten, lässt sich beim Blick in ihre Augen nur erahnen. Doch spiegeln die Hunde zugleich jene Projektionen zurück, mit denen die Menschen in ihren tierischen Stellvertretern den "Zauber heldenhafter Entdecker" imaginieren beziehungsweise sehen wollen. Info: Heidelberg, Karlstorkino am 26., 28., 29. und 30. September.
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Heidelberg: "Fridays" streikten wieder für Klimaschutz (Update, plus Fotogalerie) (Fri, 25 Sep 2020)
Von Joris Ufer Heidelberg. Trotz Corona und Herbstwetter demonstrierten am Freitag rund 2000 Menschen in Heidelberg. In mehreren Protestzügen liefen die Demonstranten zur Neckarwiese, wo die zentrale Kundgebung stattfand. Organisiert wurde die Demo von Fridays For Future (FFF) und der antirassistischen Gruppe "United Colors of Change". Gemeinsam protestierten die Aktivisten für Klimaschutz und gegen strukturellen Rassismus. Langsam aber stetig füllt sich gegen 15 Uhr der Park vor der Stadtbücherei mit Menschen. Viele von ihnen tragen Plakate oder Banner. "Wir haben die Welt von unseren Kindern nur geliehen" steht auf einem, "Wir haben Platz hier" in Bezug auf die Aufnahme von Flüchtlingen auf einem anderen. Die Aktivisten wollen aufzeigen, dass die Themen Rassismus, Flüchtlinge und Klimawandel eng zusammenhängen. 400 Teilnehmer sind von der Polizei für den Marsch zugelassen. Da es nun mehr als 800 sind, werden sie in zwei getrennt laufende Gruppen aufgeteilt. Nur 15 Minuten später starten weitere 330 Menschen vom Friedrich-Ebert-Platz – eine Sicherheitsvorkehrung zum Infektionsschutz. Alle Demonstranten tragen Masken und halten Abstand. Die Teilnehmer sind bunt gemischt. Neben Schülern und Studenten sind auch viele Senioren und Familien gekommen. "Rassismus und Klima gehören zusammen", erklärt Carsten Müller-Donhuijsen, der sich mit seinem kleinen Sohn und dessen Freund in den Zug eingereiht hat. Er sei heute hier, weil seine Kinder ihn angestachelt hätten. Immer wieder sind Sprechgesänge aus der Menge zu hören. Auch den Namen "Breonna Taylor" skandieren sie. Die afroamerikanische Notfallsanitäterin war im März von Polizisten erschossen worden und wurde zu einer Ikone der "Black Lives Matter"-Bewegung. Über die Theodor-Heuss-Brücke treffen die drei Züge zeitversetzt auf der Neckarwiese ein. Dort warten schon viele weitere Menschen. Von 2500 Teilnehmern sprechen die Organisatoren, die Polizei zählt 1500. Die Beamten loben das vorbildliche Verhalten der Menschen bei der größten Heidelberger Demonstration seit Beginn der Pandemie. FFF-Sprecherin Line Niedeggen sagt in ihrer Rede, dass auch "Fridays For Future" nicht frei von Rassismus sei, obwohl man sich schon früh als antirassistische Bewegung verstanden habe. Neben ihr steht Tanja Parker von "United Colors of Change". Im Gespräch mit der RNZ fordert sie von der Politik, "dass sie mehr zuhören und endlich Taten folgen lassen". Während auf der Bühne verschiedene Musiker und Redner auftreten, brandet im Publikum immer wieder Jubel auf. Trotz des mittlerweile kalten Windes und beginnenden Regens scheint ihre Begeisterung ungebrochen. Ein prominentes Thema in den Reden ist die wiederholte Weigerung von Innenminister Horst Seehofer, eine Studie über Polizeigewalt in Auftrag zu geben. "Seebrücke statt Seehofer", ruft ein Vertreter der Organisation "Seebrücke", die sich für Flüchtlinge einsetzt, und erhält zustimmenden Applaus aus der Menge. Er hebt hervor, dass die Flüchtlinge, die an Europas Grenzen abgewiesen würden, oftmals vor den Auswirkungen des Klimawandels geflohen seien. Für diesen macht der Aktivist vor allem große Industrienationen wie Deutschland verantwortlich. Auf der Wiese in der Menge steht die Doktorandin Rebecca Ignatz. Sie trägt ein Plakat, auf dem eine brennende Erde abgebildet ist. Auch für sie gehören Rassismus und Klimawandel zusammen: "Weil es so viel Diskriminierung gibt, ziehen die Menschen nicht mehr an einem Strang, um gemeinsam die großen Probleme zu lösen", sagt sie. "Während Corona sollten die anderen Probleme nicht vergessen werden." Update: Freitag, 25. September 2020, 20.35 Uhr Heidelberg. (juf/mün) Am Freitagnachmittag ziehen zwei Demonstrationszüge durch die Innenstadt. Fridays for Future und weitere Organisationen haben den öffentlichen Kampf für den Klimaschutz wieder aufgenommen. Wegen der Corona-Pandemie müssen zwei Startpunkte für die Demo gesetzt werden. Jeweils 400 Demonstranten dürfen sich an der Stadtbücherei und auf dem Ebert-Platz versammeln. Nach Augenzeugenberichten sind es aber offenbar mehr Menschen, als eigentlich erlaubt wurden. Die Demonstrationszüge gehen über die Theodor-Heuss-Brücke zur Neuenheimer Neckarwiese, wo ab 17 Uhr Reden gehalten werden. Insgesamt gibt es in Baden-Württemberg über 50 Menschenketten, Protestzüge und Kundgebungen, bei den vor den Folgen der Erderwärmung gewarnt wird. In Stuttgart kamen nach Schätzungen der Veranstalter rund 6000 Menschen zusammen, auch in Freiburg ging die Polizei von einer ähnlichen Zahl aus. In Karlsruhe beteiligten sich laut Fridays for Future rund 3500 Menschen an einer Menschenkette. Bundesweit wollten die Klima-Protestler am Freitag an insgesamt rund 400 Orten auf die Straße gehen - stets unter Einhaltung der Corona-Auflagen mit Abstand und Maske, wie sie betonten. Im Südwesten waren Aktionen unter anderem auch in Mannheim und Heidelberg, Heilbronn, Bruchsal und Ulm geplant. In Konstanz wollten die Fridays-for-Future-Anhänger unter anderem für eine klimapositive Stadt bis 2030 auf die Straße gehen. Dann soll die Stadt der Umwelt mehr Treibhausgase entziehen, als sie verursacht. Konstanz hatte im Mai 2019 als erste deutsche Stadt den Klimanotstand ausgerufen. Überschattet wurde die Freiburger Kundgebung von einem Zwischenfall, bei dem eine Teilnehmerin der Demonstration schwer verletzt wurde. Nach Angaben der Polizei erlitt eine weitere Person leichte Verletzungen, als ein Zelt von einer Sturmböe angehoben wurde. Die beiden Teilnehmer seien verletzt worden, als das Zelt mit seinen schweren Gewichten an den Haltebänder wieder zu Boden gefallen sei, sagte ein Polizeisprecher. Die Aktivisten zeigten sich mit dem Echo auf ihre Protestaufrufe zufrieden, sie mahnten aber auch zu einem konsequenteren Einsatz gegen den Klimawandel. "Inlandsflüge nur für Insekten", forderten sie in Stuttgart auf einem Protestplakat, "Kein Grad weiter" hieß es auf einem Banner. "Bei der Klimakrise sind wir alle Risikogruppe", warnte die Stuttgarter Aktivistin Nisha Toussaint-Teachout. Sie habe kein Verständnis mehr dafür, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Klimakrise so wenig Beachtung fänden. "Bei Corona hören wir auf die Wissenschaft. Bei der Klimakrise tun wir das nicht und das ist für mich schwer nachzuvollziehen." Wegen der weltweiten Pandemie hatten die Aktionen der Bewegung zuletzt überwiegend im Internet stattgefunden. Im vergangenen Jahr hatten die Klimaschützer regelmäßig Tausende vor allem junge Menschen zu Demonstrationszügen durch die Städte motiviert.
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Heidelberg: "Vorgaben nicht eingehalten" - Kritik an Betriebshof-Plänen (Update) (Fri, 25 Sep 2020)
Heidelberg. (RNZ) Stadt und Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (RNV) arbeiten derzeit an zwei Varianten für den Neubau des Betriebshofs am alten Standort in Bergheim. Arnulf Weiler-Lorentz, Stadtrat der Bunten Linken, übt nun Kritik: "Die Vorgaben, die der Gemeinderat für die Planung des neuen Betriebshofes gemacht hat, sind in der vorgelegten Planung der RNV nicht eingehalten", heißt es in einer Pressemitteilung. Nach dem Aus für den Standort "Großer Ochsenkopf" hatte der Gemeinderat im Herbst 2019 beschlossen, die Planung am alten Standort wieder aufzunehmen. Dabei sollten die Flächen bis zum Czernyring einbezogen werden. "Die beiden vorgelegten Varianten berücksichtigen diese Flächen jedoch nicht", so der Stadtrat. Er fordert, dass man die Zahlen für den mittel- und langfristigen Fahrzeugbedarf aktualisiere. Auf dieser Basis müssten die Planungsvarianten vorgelegt werden. "Hierbei soll eine Kostenschätzung getrennt nach den Kosten in der Bauphase und für das Zielkonzept 2030 vorgenommen werden." Erst dann könne der Gemeinderat entscheiden. Update: Freitag, 25. September 2020, 19.45 Uhr Von Julia Lauer Heidelberg. Er sollte zwischenzeitlich auf den Ochsenkopf verlegt werden, aber der Betriebshof bleibt, wo er ist: in Bergheim. Das steht seit vergangenem Herbst fest. Aber wie kann das künftig aussehen? Pläne für den Neubau haben Stadtverwaltung und die Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (RNV) am Mittwochabend vorgestellt. In zwei Entwürfen nehmen die Überlegungen konkret Gestalt an. Sie seien jedoch "Arbeitsstand, kein finales Ergebnis", betonte Baubürgermeister Jürgen Odszuck in der Kantine der Stadtwerke vor rund 60 Besuchern; etwa ebenso viele verfolgten die Veranstaltung im Internet. Zum Stand der Dinge hier die wichtigsten Fragen und Antworten. > Worum geht es bei den Entwürfen? Der Gemeinderat sprach sich im vergangenen Herbst für den Verbleib des Betriebshofs am Altstandort in Bergheim aus. Das Konzept für Quartiersentwicklung in Bergheim sieht jedoch auch bezahlbaren Wohnraum, Grünflächen und die Einbeziehung des Kreativwirtschaftszentrums Dezernat 16 vor. "Wir haben eine Vielzahl an Varianten entwickelt, bewertet und wieder verworfen", berichtete Gunnar Straßburger, der bei der RNV den Bereich Infrastruktur leitet. Vorgestellt wurden nun zwei Entwürfe, die der Vielzahl an Anforderungen bestmöglich gerecht werden sollen. Auch externe Architekten und Planer wirkten daran mit. > Was passiert mit dem Zentrum für Kreativwirtschaft? In beiden Entwürfen kommen in Bergheim sowohl Busse und Bahnen als auch Werkstätten und Büros auf dem bisherigen Areal unter. Das heißt: In beiden Varianten bleibt der Bereich zwischen Emil-Maier-Straße und Czernyring – und damit auch das Zentrum für Kreativwirtschaft, das Dezernat 16 – vom Umbau des Betriebshofs unangetastet. Wie es mit dem Grundstück des Dezernat 16 weitergeht, ob die Bebauung in dieser Form bestehen bleibt oder ob das Gelände umgestaltet wird, ist somit unabhängig vom Umbau des Betriebshofs. > Wie sieht es mit Grünflächen und mit Wohnraum aus? An den Betriebshof soll ein Grünstreifen angrenzen, der ebenerdig als Park nutzbar ist und gegebenenfalls auch Reservefläche sein kann. "Beide Varianten gehen von einer Grünfläche von 20 auf 150 Meter aus", sagte Michael Rudolf vom Stadtplanungsamt. In einem Entwurf liegt der Streifen an der Emil-Maier-Straße, im anderen zur Karl-Metz-Straße hin. Das Dach des Betriebshofs soll begrünt sein, ist aber nicht als Aufenthaltsort gedacht. Wohnungen sind in den nun vorgestellten Plänen nicht vorgesehen. In einer der Varianten entsteht jedoch städtebaulich nutzbare Fläche an der Karl-Metz-Straße. Dort sind einige Wohnungen denkbar, etwa in einzelnen Gebäuden. > Die Fläche des Betriebshofs soll kleiner werden, der Nahverkehr aber ausgebaut werden. Wie soll das klappen? In beiden Entwürfen kommen im Betriebshof 28 Bahnen und 28 Busse unter. Das bedeutet, dass zusätzliche Abstellflächen im Stadtgebiet erforderlich sind – dauerhaft. Während 27 Wasserstoff-Busse künftig zwischen Wieblinger Weg und der Bundesstraße 37 parken sollen, sind für die Bahnen zwei Standorte vorstellbar: entweder östlich der Haltestelle Rohrbach Süd, wo 20 Bahnen auf einer Fläche unterkommen könnten, die derzeit landwirtschaftlich genutzt wird. Oder an der Haltestelle Berufsschule in Wieblingen, wo auf dem Gleisbaulager der RNV Platz für ebensoviele Bahnen entstehen könnte. Die Rohrbacher Variante wäre günstiger (etwa 15 statt etwa 20 Millionen Euro). > Wo sollen die Bahnen während des Umbaus hin? "Vor uns liegt die Herausforderung, einen Betriebshof im laufenden Betrieb umzubauen", so Baubürgermeister Odszuck. Während der drei bis vier Jahre dauernden Bauphase sind daher auch noch temporäre Abstellflächen nötig. Die Fahrzeuge alle nach Edingen-Neckarhausen zu verlagern, wie es in früheren Überlegungen angedacht war, geht jedoch nicht mehr; dort ist dann ein Großteil der Fläche bereits anderweitig belegt. Vorübergehend können Bahnen in Handschuhsheim (vier Bahnen), Leimen (zwei Bahnen), Kirchheim (drei Bahnen) und Edingen (sieben Bahnen) untergebracht werden. Dafür sind keine weiteren Baumaßnahmen erforderlich. > Worauf basieren die Annahmen für das Verkehrskonzept? Das Verkehrskonzept, das den Entwürfen zugrunde liegt, geht von Planungen für die nächsten 10 bis 15 Jahre aus. Demnach sind dann 45 Bahnen und 47 Busse im Einsatz. Der Ausbau der Straßenbahnlinien ins Neuenheimer Feld sowie über Patrick-Henry-Village nach Schwetzingen sind dabei bereits berücksichtigt. Die beiden nun vorgestellten Varianten gehen über diese Planung hinaus. Sie schaffen Platz für drei weitere Bahnen (also 48) und acht weitere Busse (also 55). Eine Verdopplung der Taktung etwa wäre damit jedoch nicht möglich. > Wie geht es weiter, wann wäre Baubeginn? Im Herbst beginnen die politischen Beratungen zu den beiden Entwürfen im Bezirksbeirat Bergheim sowie im Gemeinderat. Für das Planfeststellungsverfahren durch das Regierungspräsidium Karlsruhe ist mit drei Jahren zu rechnen (eines für die Vorbereitung, zwei für die Bearbeitung). Der Bau könnte also frühestens 2024 beginnen. Voraussetzung ist, dass es bis dahin genügend alternative Abstellflächen gibt.
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Heidelberg: Anzeigetafel am Hauptbahnhof defekt - Hebebühne fehlt (Fri, 25 Sep 2020)
Heidelberg. (shy) Seit Ende August ist sie kaputt – die Anzeigetafel am Hauptbahnhof. Der Grund: Taubenkot. Aber dann gab es richtig gute Nachrichten. Auf Nachfrage der RNZ hatte ein Bahnsprecher am Dienstag versprochen, dass die Anzeigentafel am Donnerstag repariert werde. Allerdings hat das nun leider doch nicht geklappt. Die Begründung ist durchaus nachvollziehbar: "Um die Anzeige zu reparieren, benötigt das Team eine Hebebühne", teilt ein Bahnsprecher am Freitag mit. Unglücklicherweise hätte die aber trotz Reservierung nicht vor Ort gebracht werden können. Ende nächster Woche soll die Tafel dann aber wirklich endlich repariert werden.
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Normannia Heidelberg: Zehn Polizisten ermitteln gegen acht Personen (Update) (Fri, 25 Sep 2020)
Heidelberg. (shy) Der Innenausschuss des Landtags Baden-Württemberg hat sich in seiner Sitzung am Mittwoch unter anderem mit den Ermittlungen zum antisemitischen Übergriff in den Räumen der Burschenschaft Normannia befasst. Wie der Ausschussvorsitzende Karl Klein (CDU) – laut einer Presseerklärung – mitteilte, wird derzeit durch das Polizeipräsidium Mannheim und die Staatsanwaltschaft Heidelberg ein Ermittlungsverfahren gegen acht Personen geführt. Diese stünden im Verdacht, einen 25-jährigen Mann körperlich misshandelt und antisemitisch beleidigt zu haben. Der Fall sei aufgrund seines Hintergrundes und seiner Bedeutung für die Polizei Baden-Württemberg alles andere als gewöhnlich. Das Polizeipräsidium Mannheim setze daher über zehn Ermittler ein, sagte Klein. Der Mannheimer SPD-Landtagsabgeordnete Boris Weirauch fordert unterdessen umfassende Aufklärung. Wie bereits angekündigt, hat er eine Anfrage an den Landtag Baden-Württemberg gestellt. Konkret will Weirauch unter anderem wissen, wann und wie die Landesregierung Kenntnis von dem Vorfall erhalten hat und wegen welcher Straftatbestände gegen welche Personen ermittelt werde. Außerdem fordert Weirauch Informationen von Landesregierung, Polizei- und Justizbehörden sowie dem Verfassungsschutz über mögliche Erkenntnisse, ob zwischen den Personen – gegen die ermittelt wird – und der "Identitären Bewegung", der "Jungen Alternative", der AfD oder anderen rechtsextremen Gruppierungen Verbindungen bestehen. Ferner will er wissen, ob bereits vor dem Vorfall Verbindungen zwischen der Normannia und der rechtsextremen Szene bestanden, und ob die Räume der Burschenschaft als Treffpunkt der rechtsextremen Szene bekannt sind.  Update: Freitag, 25. September 2020, 19.36 Uhr Heidelberg. (shy) Drei Heidelberger Burschenschaften haben in einer gemeinsamen Presseerklärung ihre Solidarität mit dem Verbindungsstudenten erklärt, der Ende August im Haus der Burschenschaft Normannia antisemitisch beleidigt, mit Gürteln geschlagen und mit Münzen beworfen worden sein soll. "Mit Abscheu und Betroffenheit haben wir, die Heidelberger Burschenschaften Allemannia, Frankonia und Vineta, den antisemitischen Vorfall zur Kenntnis genommen", heißt es in der Mitteilung. Antisemitische Beleidigungen und Demütigungen mit tätlichen Angriffen hätten sie in einer akademischen Verbindung nicht für möglich gehalten. Mit der sofortigen Auflösung der Aktivitas habe die betroffene Altherrenschaft das Mindestmaß der zwingend gebotenen Konsequenzen gezogen. "Rassistische und insbesondere antisemitische Äußerungen, Angriffe sowie jede Art von Diskriminierung innerhalb unserer Verbindungen oder gegenüber Gästen und Dritten sind für uns absolut undenkbar", heißt es weiter. Ein derartiges Verhalten sei in keiner Weise zu akzeptieren, zu entschuldigen oder zu verharmlosen, sondern müsse, auch abgesehen von den strafrechtlichen, harte Konsequenzen haben. Und weiter: "Wir setzen uns aktiv für die verfassungsmäßige Ordnung unseres Grundgesetzes ein, die gerade aus dem Gedanken geboren wurde, nie wieder solche Diskriminierungen zu dulden." Die drei Burschenschaften sind die ersten, die sich in Heidelberg zu dem Vorfall öffentlich zu Wort melden – insgesamt gibt es in Heidelberg rund 30 Burschenschaften und Studentenverbindungen. Der Vize-Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, Frederek Musall, hatte wenige Tage nach Bekanntwerden des Vorfalls gefordert, dass sich die Burschenschaften – gerade vor dem Hintergrund ihres historischen Selbstverständnisses als Vorkämpfer der Demokratie – klar zu dem antisemitischen Vorfall positionieren und sich distanzieren müssten. Update: Montag, 21. September 2020, 20.17 Uhr Von Sarah Hinney Heidelberg. Der Übergriff im Haus der Burschenschaft Normannia Ende August, bei dem ein Student mit Gürteln geschlagen, antisemitisch beschimpft und mit Münzen beworfen worden sein soll, ist nicht der einzige strafrechtlich relevante Vorfall, in den Mitglieder der Normannia verwickelt waren. Recherchen der RNZ haben ergeben, dass mindestens ein Mitglied der Normannia bereits am 19. Januar 2019 bei einem Angriff auf das Linke Zentrum "Ewwe longt’s!" in der Mannheimer Neckarstadt beteiligt war. Bei der Eröffnungsfeier des Zentrums hatte eine Gruppe von "Störern" versucht, sich Zutritt zu den Räumlichkeiten zu verschaffen und Pfefferspray versprüht. Später wurde durch eine Landtagsanfrage des Mannheimer Abgeordneten Boris Weirauch bekannt, dass es sich bei den "Störern" um Mitglieder der "Jungen Alternative" (JA) Baden-Württemberg sowie um Beteiligte mit Bezügen zur rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) handelte. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hat jetzt auf RNZ-Nachfrage bestätigt, dass mindestens ein Mitglied der Normannia unter den "Störern" war. Ebenfalls bestätigt ist, dass es in der Folge zu einem Ermittlungsverfahren gegen dieses Mitglied gekommen ist. Tatvorwurf war das Führen von Waffen bei öffentlichen Versammlungen oder Aufzügen, strafbar nach dem Versammlungsgesetz. Wie das Verfahren ausging, konnte die Staatsanwaltschaft angesichts der Vielzahl an Ermittlungsverfahren gegen die "Störer" nicht sagen. Zudem soll nach RNZ-Informationen ein Student der Heidelberger Verbindung Rupertia am 1. Mai 2019 von mehreren Normannia-Mitgliedern in der Heidelberger Altstadt zunächst antisemitisch beschimpft und später so geschlagen worden sein, dass das Opfer dabei einen Zahn verlor. Dass es an jenem 1. Mai einen Vorfall gab, hat die Staatsanwaltschaft Heidelberg auf RNZ-Anfrage nun ebenfalls bestätigt. Ein Mitglied der Burschenschaft Normannia wurde in diesem Zusammenhang vom Amtsgericht Heidelberg am 22. Juni 2020 wegen gefährlicher Körperverletzung schuldig gesprochen. Details zu dem Verfahren nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Das Urteil sei aber noch nicht rechtskräftig. Im Zusammenhang mit den Vorfällen am 1. Mai gibt es noch ein weiteres laufendes Ermittlungsverfahren gegen eine andere Person, die zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat ebenfalls Mitglied der Normannia war. Der Tatvorwurf lautet hier auf gefährliche Körperverletzung sowie Volksverhetzung. Wie schon nach dem antisemitischen Übergriff im Haus der Normannia vor drei Wochen gab die Polizei auch nach dem Vorfall am 1. Mai 2019 keine Pressemitteilung heraus. Dabei hatte der Verletzte – laut Staatsanwaltschaft – noch am Abend der Tat Anzeige bei der Polizei erstattet. Doch damit endet die Liste der Ermittlungsverfahren gegen Normannia-Mitglieder noch immer nicht: So hatte die Staatsanwaltschaft Heidelberg vergangenes Jahr auch noch wegen des Verdachts des Zeigens eines "Hitlergrußes" gegen einen der Burschenschaftler ermittelt. Dieses Verfahren wurde mit Verfügung vom 3. Januar 2020 in Ermangelung eines hinreichenden Tatverdachts aber eingestellt, so die Staatsanwaltschaft Heidelberg. An dem antisemitischen Übergriff vom 29. August sollen acht Personen beteiligt gewesen sein. Nach RNZ-Informationen sind mindestens zwei davon Normannia-Mitglieder. Drei weitere stammen aus dem Saarland. Es soll sich um Mitglieder der Saarbrücker Burschenschaft Ghibellinia zu Prag handeln. Bekanntes Mitglied unter den "Alten Herren" dieser Burschenschaft ist der AfD-Bundetagsabgeordnete Christian Wirth – er ist auch Mitglied der Normannia. Update: Donnerstag, 17. September 2020, 20 Uhr Innenministerium hält Zweifel an neutraler Aufklärung für nicht angebracht "Wir nehmen den Vorfall sehr ernst" - Viele offene Fragen werden erst jetzt beantwortet Von Sarah Hinney Heidelberg. Warum wurde die Öffentlichkeit nach dem antisemitischen Übergriff auf einen Studenten im Haus der Burschenschaft Normannia am 29. August erst so spät informiert? Wieso hat die Staatsanwaltschaft Heidelberg in ihrer Pressemitteilung das Schlagen mit dem Gürtel als "gängiges Ritual" dargestellt, obwohl dieses Ritual unbekannt ist? Weshalb wird das Innenministerium erst jetzt aktiv, obwohl seit Jahren bekannt ist, dass die Burschenschaft Normannia Bezüge in die rechtsextreme Szene hat? Wie kann gesichert werden, dass der Vorfall lückenlos aufgeklärt wird, wenn Vertreter von Polizei und Justiz zu den Alten Herren der Normannia gehören? Und hatte Innenminister Thomas Strobl – der selbst seit Studienzeiten Mitglied der "Landsmannschaft Afrania" ist, zu der auch das mutmaßliche Opfer des aktuellen Vorfalls gehört – durch seine Verbindungen frühzeitig Kenntnis von dem Vorfall? Es sind viele Fragen offen – einige davon haben Strobl und das Innenministerium jetzt beantwortet. "Ich habe zur Landsmannschaft Afrania überhaupt keinen regelmäßigen Kontakt mehr", sagte Strobl gegenüber der RNZ. Er selbst habe von dem antisemitischen Vorfall Kenntnis bekommen, als er von der Polizei bearbeitet wurde. Zur Normannia habe er auch zu seiner eigenen Studentenzeit als Afrania-Mitglied in Heidelberg kaum Kontakt gehabt, sagte der Minister weiter. "Besuche aus dem anderen Haus waren sehr selten – was auch damit zusammenhängt, dass die Normannia eine Burschenschaft ist, wir eine Landsmannschaft. Das sind unterschiedliche Dachverbände. Deswegen hatten wir – obwohl wir Nachbarn waren – mit anderen Verbindungen viel mehr Kontakt." Warum das Innenministerium sich erst im Zuge des antisemitischen Übergriffs mit der Normannia beschäftigt, dazu sagt ein Ministeriumssprecher: "Die Burschenschaft ist kein Beobachtungsobjekt des Landesamtes für Verfassungsschutz." Unabhängig davon würde die Polizei bei konkreten Gefahren oder dem Verdacht von strafbaren Handlungen tätig. "Bei antisemitischen Vorfällen sind wir dabei in hohem Maße sensibel und gehen jedem Hinweis auf strafbares Verhalten konsequent nach." Zweifel an der neutralen Aufklärung des Falles seien nicht angebracht, heißt es weiter aus dem Ministerium. Es gehe darum, den Sachverhalt lückenlos aufzuklären, und es werde – ohne Ansehen der Person – jedem noch so geringen Verdachtsmoment umfassend nachgegangen. Dabei habe das Ministerium den Fortgang der Ermittlungen eng im Blick und stehe auch im Austausch mit der jüdischen Gemeinde in Heidelberg und dem Antisemitismus-Beauftragten des Landes, Michael Blume. Blume hatte vergangene Woche die Pressemitteilung von Staatsanwaltschaft und Polizei kritisiert, weil dort das Schlagen mit dem Gürtel als "gängiges Ritual" dargestellt wurde. Auf die Frage, wie es dazu kam, gibt das Ministerium lediglich eine ausweichende Antwort: "Die konkrete Tathandlung ist Gegenstand der aktuellen Ermittlungen. Wir nehmen den Vorfall im Innenministerium sehr ernst und haben Vertrauen in die polizeiliche Arbeit und die lückenlose Aufklärung." Völlig offen bleibt indes die Frage, warum die Öffentlichkeit nicht spätestens nach der Hausdurchsuchung bei der Normannia am 2. September informiert wurde. Die Information der Öffentlichkeit sei am Verlauf der Ermittlungen auszurichten und obliege der Staatsanwaltschaft, heißt es dazu aus dem Ministerium. Update: Montag, 14. September 2020 Normannia hat seit Jahren Verbindungen zu Rechtsextremen Nun macht auch die Landtags-SPD Druck. Auch OB Würzner und die Universität meldeten sich zu Wort. Zudem stellt sich die Frage, wer den Wikipedia-Beitrag zur "Gürtelung" schrieb, der erst nach dem Vorfall entstand? Von Sarah Hinney Heidelberg. Aufklärung mit Nachdruck hat Innenminister Thomas Strobl am Donnerstag gegenüber der RNZ im Zusammenhang mit dem antisemitischen Übergriff auf einen Studenten im Haus der Normannia versprochen – auch die Landtags-SPD macht jetzt Dampf. Der Mannheimer SPD-Abgeordnete Boris Weirauch möchte in einer Landtags-Anfrage wissen, ob Verbindungen von Burschenschaften in die rechtsextreme Szene, Bezüge zur AfD und zur "Identitären Bewegung" bestehen. Bezüge der Normannia zur AfD zu finden, ist ein Leichtes: Zu den "Alten Herren" der Burschenschaft gehört der AfD-Bundestagsabgeordnete Christian Wirth. Martin Kohler, stellvertretender Vorsitzende des Berliner Landesverbands der AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative" (JA), posierte bereits 2018 auf der Terrasse des Normannia-Hauses – und postete das Bild auf Instagram. Der AfD-Politiker Malte Kaufmann war ebenfalls 2018 als Redner bei der Burschenschaft zu Gast. Auch die Nähe der Burschenschaft zur rechtsextremen Szene ist seit Jahren bekannt. Schon 2004 hatte die RNZ über ein geplantes Treffen bei der Normannia berichtet, das nach Protesten wieder abgesagt worden war. Zu der Veranstaltung waren unter anderem Michael Nier und Karl Richter als Redner angekündigt. Richter wurde 1995 wegen Volksverhetzung verurteilt. Nier war Europakandidat für die NPD. Aus Österreich sollte außerdem Gerhoch Reisegger anreisen – ein rechtsextremer Publizist und Verschwörungstheoretiker. Unklar ist indes weiterhin, was hinter dem Versuch steckt, den antisemitischen Übergriff im Haus der Normannia im Nachhinein zu verharmlosen. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hatte am Montag gegenüber der RNZ geäußert, dass es sich bei dem Schlagen mit Gürteln, der sogenannten "Gürtelung", angeblich um ein gängiges Ritual handele. In einer Presseerklärung hatten Polizei und Staatsanwaltschaft die Aussage am Dienstag wiederholt. In der Nacht zum Mittwoch hatte dann ein Unbekannter einen ausführlichen Wikipedia-Artikel zum Thema angelegt. Darin wurde behauptet, dass es sich bei der "Gürtelung um ein humoristisches Ehrenritual mit dem Zwecke symbolischer Bestrafung oder eines Kräftemessens innerhalb jugendlicher (meist akademischer) Kreise" handle. Pikant dabei: Nur wenige Stunden später verbreitete Norbert Weidner auf Twitter den Beitrag. Weidner war von 2008 bis 2012 Schriftleiter der "Burschenschaftlichen Blätter" und als solcher Mitglied des Verbandsrates der Deutschen Burschenschaft. Er gilt überdies als rechtsextrem und gehörte früher mehreren neonazistischen Organisationen an. Der Wikipedia-Beitrag hatte jedoch nicht lange Bestand – seit Donnerstagabend ist er gelöscht. In der Causa Normannia sind also viele Fragen offen. "Die Geschehnisse müssen vollständig aufgeklärt werden", forderte Oberbürgermeister Eckart Würzner am Freitag. "Ich bin entsetzt über diesen widerlichen Vorfall. Es ist wichtig, dass das Opfer Anzeige erstattet hat und die Täter nun ermittelt werden." In Heidelberg gebe es keinen Platz für Antisemitismus, rechtsradikales Gedankengut und Gewalt – weder in Burschenschaften noch an anderer Stelle. "Wir sind eine weltoffene und tolerante Stadt, in der das friedliche Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen tagtäglich gelebt wird. Jüdisches Leben ist ein unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaft", so der OB. Auch die Universität Heidelberg hat sich inzwischen zu Wort gemeldet und verurteilt antisemitische Übergriffe und Diskriminierungen auf das Schärfste: "Die Universität Heidelberg ist eine Einrichtung, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft, Geschlechter, sexueller sowie religiöser und weltanschaulicher Orientierungen, sozialer Schichten und aus vielen verschiedenen Ländern zusammenkommen, um partnerschaftlich, gleichberechtigt und respektvoll miteinander zu arbeiten." Zu Burschenschaften unterhalte die Universität keinerlei institutionelle Verbindungen. Vielmehr betrachte man sie als "Netzwerke von Privatpersonen". Die Uni vertraue darauf, "dass die staatlichen Instanzen antisemitische Übergriffe jeglicher Art rückhaltlos aufklären und ahnden". Update: Samstag, 12. September 2020 "Wer schweigt, macht sich mitschuldig" Nach dem Vorfall bei der Burschenschaft Normannia demonstrierten in Heidelberg 100 Menschen gegen Antisemitismus. Von Philipp Neumayr Heidelberg. Rund 100 Menschen versammelten sich am Freitagabend auf dem Universitätsplatz, um nach dem Vorfall im Haus der Heidelberger Burschenschaft Normannia ein Zeichen zu setzen gegen Antisemitismus. Das Junge Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) in Heidelberg hatte am Mittwoch im Internet zu der Kundgebung mit dem Titel "Entschlossen gegen Antisemitismus" aufgerufen, und Angehörige verschiedener Parteien und Initiativen von den Liberalen bis zur Antifa waren diesem Aufruf gefolgt. Er sei "schockiert und wütend", darüber, was sich auf dem Burschenschafts-Haus zugetragen habe, erklärte Patrick Baumgärtner vom Jungen Forum der DIG. In der Nacht auf den 29. August soll ein 25-Jähriger dort mit Münzen beworfen und mit Gürteln geschlagen worden sein, nachdem er angegeben hatte, dass er jüdische Vorfahren habe. Ans Licht gebracht wurde das Ganze von der Antifaschistischen Initiative Heidelberg, die darüber auf ihrer Homepage und in einer Pressemitteilung informierte. Auf der Homepage der Normannia wurde inzwischen die Auflösung der studierenden Mitglieder der Burschenschaft, der sogenannten "Aktivitas", bekannt gegeben. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Staatsschutz beschäftigen sich mit dem Fall. Es sei nicht der erste antisemitische Übergriff in diesem Jahr, weder in Heidelberg noch in Deutschland, sagte Baumgärtner. Er und ein weiterer Vertreter des Jungen Forums forderten unter anderem, das Thema Antisemitismus in der Gesellschaft grundsätzlicher anzugehen, auch unterschwelligere Formen dessen auszumachen und darauf hinzuweisen. CDU-Landtagskandidatin Anja Boto sagte: "Antisemitismus ist nicht tragbar und das müssen wir in alle Gesellschaftsgruppen hinaustragen." Der Heidelberger FDP-Landtagskandidat Benjamin Brandstetter betonte, dass eine schnelle Aufklärung, wie sie Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) versprach, nicht ausreiche. "Wir müssen den Antisemitismus als das bekämpfen, was er ist: ein Angriff gegen uns alle." Hieronymus Eichengrün von den Jungen Liberalen hat es laut eigener Aussage selbst erlebt, wie es ist, zum Ziel von Antisemitismus zu werden, als er mit Kippa durch die Stadt lief. Mittlerweile mache er das nicht mehr, da er das Gefühl habe, sich nicht mehr frei bewegen zu können. Eichengrün forderte, dass der Staat mit aller Härte gegen antisemitische Übergriffe wie bei der Normannia vorgehen müsse, dass die Polizei stärker für Antisemitismus sensibilisiert wird – und dass niemand mehr die Augen verschließe, denn: "Wer schweigt, macht sich mitschuldig." Update: Samstag, 12. September 2020 Landes-SPD will mehr über die Vorfälle bei der Burschenschaft wissen Von Sören Sgries Heidelberg/Stuttgart. Nachdem die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen zu einem antisemitischen Vorfall in einem Heidelberger Burschenschaftshaus aufgenommen hat, schaltet sich auch die Landtags-SPD ein. In einer Landtagsanfrage, die am Donnerstag gestellt wurde, wollen die Parlamentarier unter Bezug auf die RNZ-Berichterstattung unter anderem wissen, wann die Landesregierung von den Vorfällen Kenntnis bekommen hat. Auch wird sehr detailliert nach Bezügen zur AfD, zur "Identitären Bewegung" oder anderen rechtsextremen Parteien oder Gruppierungen gefragt. Der Mannheimer SPD-Abgeordnete Boris Weirauch sagte dazu, die Landesregierung müsse genau hinschauen, ob es Verbindungen von Burschenschaftlern in die rechtsextreme Szene gebe: "Zustände wie in Österreich, wo rechtsextreme Burschenschaften offen agieren und leider wesentlichen gesellschaftlichen Einfluss ausüben, darf es in Deutschland nicht geben!" Update: Freitag, 11. September 2020 Innenminister verspricht Nachdruck bei der Aufklärung Die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg fordert alle Burschenschaften zur Distanzierung auf. Die Jusos wollen weitere Verbindungen vom Verfassungsschutz prüfen lassen. Von Sarah Hinney und Sören Sgries Heidelberg. Auch das Innenministerium Baden-Württemberg beschäftigt sich mit dem antisemitischen Übergriff im Haus der Burschenschaft Normannia. Innenminister Thomas Strobl (CDU) sagte am Donnerstag im Gespräch mit der RNZ: "Ich kann Ihnen versichern, dass durch das Polizeipräsidium Mannheim unter Sachleitung der Staatsanwaltschaft Heidelberg mit Nachdruck daran gearbeitet wird, den strafrechtlich relevanten Sachverhalt aufzuklären." Am 29. August soll ein Mitglied der Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania bei der Normannia beleidigt, mit Münzen beworfen und mit Gürteln geschlagen worden sein, nachdem er angegeben hatte, dass er jüdische Vorfahren habe. Laut Strobl – der 60-Jährige studierte selbst in Heidelberg Jura und ist Mitglied in der Verbindung Afrania – hat das Innenministerium sich von Anfang an regelmäßig und eng über die Ermittlungen des Polizeipräsidiums Mannheim informieren lassen. Dort seien Spezialisten des Staatsschutzes, aber auch etwa Kriminaltechniker eingebunden. Das laufende Verfahren wollte er nicht kommentieren. Er betonte aber: "Antisemitische Vorfälle nehmen wir nicht einfach hin, sie müssen vollständig aufgeklärt werden." Der Schutz jüdischen Lebens und die Bekämpfung von Antisemitismus hätten "bei mir persönlich und im Innenministerium höchste Priorität". Strobl sagte weiter: "Wir treten jeder Form von Antisemitismus in all seinen widerwärtigen Erscheinungsformen mit äußerster Konsequenz entgegen. Das ist mir auch persönlich ein Herzensanliegen." Auch der Vize-Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, Frederek Musall, äußerte sich am Donnerstag auf RNZ-Nachfrage: "Gerade weil sich Burschenschaften in ihrem historischen Selbstverständnis als Vorkämpfer der Demokratie verstehen, sind sie jetzt aufgefordert, sich klar zu dem antisemitischen Vorfall zu positionieren und sich zu distanzieren." Es sei aber wichtig, "nicht alle in einen Topf zu werfen". Gerade in einer internationalen, weltoffenen Stadt wie Heidelberg dürfe kein Platz sein für Antisemitismus – und auch nicht für Rituale, die gegen die Würde von Menschen verstoßen. "Körperverletzung ist eine Straftat, das kann man nicht beschönigen", so Musall weiter. Auch wenn es sich nur um Verfehlungen einzelner handeln sollte, findet Musall: "Wenn die Burschenschaften in Heidelberg sagen, dass so etwas hier keinen Platz hat, dann ist das auch ein wichtiges Signal über Heidelberg hinaus." Die Studierendenschaft der Universität Heidelberg verurteilt den antisemitischen Angriff auf das Schärfste. "Sowohl die Universität Heidelberg als auch die Heidelberger Studierendenschaft haben eine beschämende Vergangenheit, was Antisemitismus und Nationalsozialismus anbelangt", sagte der Vorsitzende der Studierendenschaft, Leon Köpfle. "Als Studierende der Universität Heidelberg sehen wir uns deshalb in einer besonderen Verantwortung, dass weder nationalsozialistisches Gedankengut noch Antisemitismus je wieder einen Platz an unserer Universität – oder überhaupt in unserer Gesellschaft – finden." Auch der Heidelberger SPD-Landtagskandidat Daniel Al-Kayal und die Juso-Hochschulgruppe verurteilen in einer Erklärung den Übergriff. Der Fall lege die antisemitische Gesinnung der Burschenschaft für alle offen. Die Jusos würden seit Jahren mit Aktionen zum Semesterstart über Burschenschaften aufklären. Juso-Mitglied Annalena Wirth sagte: "Burschenschaften locken Erstsemester mit günstigen Unterkünften und Gemeinschaftsgefühl, dahinter stecken jedoch unterdrückende Strukturen und ein Weltbild, das 1933 stehen geblieben ist.” Immer wieder würden der Normannia Verbindungen in die rechtsextreme Szene nachgesagt. Al-Kayal fordert deshalb, dass der Altherrenverein der Normannia und weitere Burschenschaften vom Verfassungsschutz überprüft werden. Update: Donnerstag, 10. September 2020, 20 Uhr Demütigende Männlichkeitsrituale "haben im 21. Jahrhundert nichts zu suchen" Antisemitismus-Beauftragter der Regierung kritisiert Presseerklärung der Polizei - Innenministerium wird aktiv Von Sarah Hinney Heidelberg. Der antisemitische Übergriff im Haus der Burschenschaft Normannia in Heidelberg zieht Kreise. Am Dienstag hat sich der Antisemitismus-Beauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg, Michael Blume, zu den Vorfällen geäußert. Er habe Erkenntnisse, dass zu den Alten Herren der Normannia "Vertreter von Justiz und Polizei gehörten", so Blume. Namen nannte er am Mittwoch auf Nachfrage der RNZ nicht. Gleichwohl betonte Blume, dass er persönlich mit dem Landeskriminaldirektor gesprochen habe und in alle Richtungen ermittelt werde. Verärgert zeigte sich Blume über die Veröffentlichung der Presseerklärung von Polizei und Staatsanwaltschaft, in der die sogenannte "Gürtelung" als gängiges Ritual bezeichnet wurde. Zum Hintergrund: Der Geschädigte soll in der Nacht vom 29. August im Haus der Normannia in der Straße "Kurzer Buckel" am Schloss von mehreren Personen mit Gürteln geschlagen, Münzen beworfen und antisemitisch beschimpft worden sein, nachdem er angegeben hatte, dass er jüdische Vorfahren hatte. "Ich wünsche mir, dass Männlichkeitsrituale, die Demütigungen und Gewalt beinhalten, endlich aufhören", sagte Blume, der betonte, dass er selbst bei der Bundeswehr war. Blume sagte weiter: "Ich bin der Meinung, so etwas hat im 21. Jahrhundert nichts zu suchen. Weder bei einer Burschenschaft noch in einer Pressemitteilung der Polizei." Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein neuer Beitrag auf Wikipedia. Dort wird behauptet, dass es sich bei der "Gürtelung" um ein "humoristisches Ehrenritual" handle. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hatte erstmals am Montag gegenüber der RNZ geäußert, "dass das Gürteln von Gästen der Burschenschaft nach bisherigem Erkenntnisstand nicht unüblich ist und wohl von den Beteiligten in der Regel akzeptiert wird". Noch am Montag war zu diesem "Ritual" im Internet – auch bei Wikipedia – allerdings nichts zu finden. Auch Kennern der Burschenschaftszene war das "Gürteln" bis dato unbekannt. Blume überrascht das nicht. Es komme immer wieder vor, dass versucht werde, Dinge im Nachhinein sprachlich zu glätten. Blume ist dennoch optimistisch, dass die Vorkommnisse bei der Normannia jetzt mit Nachdruck und lückenlos aufgeklärt werden. Er sagt aber auch: "Ich hätte mir gewünscht, dass die Öffentlichkeit früher informiert worden wäre." Immerhin habe es aber eine Hausdurchsuchung gegeben. Der Antisemitismus-Beauftrage zeigte sich außerdem sicher: "Da wird noch einiges zutage kommen." Inzwischen berichten mehrere überregionale Medien über den Übergriff. Auch das Innenministerium Baden-Württemberg ist jetzt in der Sache aktiv geworden. Zu den Äußerungen Blumes, dass zur Normannia auch "Vertreter von Justiz und Polizei gehörten", äußerte sich das Ministerium gestern aber nicht. Ein Sprecher teilte gegenüber der RNZ jedoch auf Nachfrage mit, man habe die Polizei Mannheim um Informationen und um eine Stellungnahme gebeten. Beides liege aber noch nicht vor. "Der Fall und bestimmte Aussagen lassen uns nicht kalt. Wir möchten mehr über den Sachverhalt erfahren, das Thema interessiert uns natürlich brennend", sagte der Sprecher weiter. Er betonte aber gleichzeitig, dass Polizei und Staatsanwaltschaft akribisch ermitteln und die Sache "in guten Händen" sei. Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg hat die Burschenschaften derweil aufgefordert, sich klar zu dem antisemitischen Vorfall in einer Verbindung zu positionieren. "Kommt da jetzt eine Reaktion - wenn nicht, würde Schweigen auch etwas aussagen", meinte Vize-Rektor Frederek Musall. Er sei schockiert von den Ermittlungen zu einem wohl judenfeindlichen Übergriff in der Heidelberger Burschenschaft Normannia. Die "Menschen herabsetzenden Rituale", bei denen ein Gast mit jüdischen Vorfahren bei einer Feier der Normannia mit Gürteln geschlagen, mit Münzen beworfen und antisemitisch beleidigt worden sein soll, gehörten nicht in das 21. Jahrhundert. Zugleich sei er aber von dem Übergriff nicht überrascht, sei er doch einer auf einer langen Liste antisemitischer Attacken aus jüngster Zeit. Update: Donnerstag, 10. September 2020, 10 Uhr Ist die Normannia ein Treffpunkt der rechtsextremen Szene? Ein Ex-Mitglied der Burschenschaft meldete sich bei der RNZ. Zudem teilten die Behörden weitere Details zu dem antisemitischen Übergriff mit. Von Sarah Hinney Heidelberg. Nachdem der antisemitische Übergriff in den Räumen der Burschenschaft Normannia zu Heidelberg am Montag öffentlich wurde, gaben Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag weitere Details bekannt: Aktuell läuft ein Ermittlungsverfahren gegen acht Personen, darunter eine Frau, die im Verdacht stehen, einen 25-jährigen Mann körperlich misshandelt und antisemitisch beleidigt zu haben. Demnach soll der Geschädigte in der Nacht auf Samstag, 29. August, gegen 1 Uhr beleidigt, mit Münzen beworfen und mit Gürteln auf die Beine sowie gegen den Rücken geschlagen worden sein, nachdem er angegeben hatte, dass er jüdische Vorfahren habe. Am 2. September wurde laut Polizei bei einer Hausdurchsuchung umfassendes Beweismaterial sichergestellt. Insgesamt wurden bislang 27 Teilnehmer der Feierlichkeit ermittelt, von denen 8 Personen beschuldigt werden, an den Straftaten beteiligt gewesen zu sein. Die Ermittlungen werden länderübergreifend geführt, unter anderem im Saarland und in Nordrhein-Westfalen, heißt es weiter vonseiten der Staatsanwaltschaft. Bereits am Montagabend hatte sich ein ehemaliges Mitglied der Burschenschaft Normannia bei der RNZ gemeldet und glaubwürdig berichtet, dass dem Altherrenverband bereits in der Vergangenheit Informationen darüber vorlagen, dass das Verbindungshaus Treffpunkt der örtlichen rechtsextremen Szene sei. Auch soll dem Altherrenverband seit über einem Jahr bekannt gewesen sein, dass es schon früher im Verbindungshaus zu antisemitischen Äußerungen und dem Zeigen des "Hitlergrußes" gekommen sei. Ferner, dass die rechtsextreme "Identitäre Bewegung" regelmäßig Stammtische im Verbindungshaus abhalte und dort politische Aktionen plane. All diese Dinge hätten bereits vor über einem Jahr zu massiven Zerwürfnissen innerhalb der Aktivitas – gemeint sind die studierenden Mitglieder der Burschenschaft – geführt. Auch an dem jetzt öffentlich gewordenen antisemitischen Übergriff, der sich gegen ein Mitglied der Alten Landsmannschaft Afrania richtete, soll mindestens ein Mitglied der "Identitären Bewegung" beteiligt gewesen sein. Das zumindest behauptet das Ex-Normannia-Mitglied gegenüber der RNZ. Die Staatsanwaltschaft äußerte sich auf weitere Nachfrage dazu nicht. Erstmals meldete sich am Dienstag auch der Vorsitzende des Altherrenverbands der Burschenschaft Normannia, Gunnar Heydrich, zu Wort. In einer Pressemitteilung an die RNZ schreibt er: "Die Burschenschaft Normannia duldet keinen Antisemitismus in ihren Reihen oder durch Dritte auf ihrem Haus. Nach Kenntnis entsprechender Vorwürfe hat die Burschenschaft Normannia umgehend reagiert und die Auflösung ihrer Aktivitas beschlossen. Mit diesem Schritt soll eine schnelle und vollständige Aufklärung der Vorwürfe erleichtert werden. Die Burschenschaft Normannia kooperiert dabei vollumfänglich mit den Behörden, deren Ermittlungen sich nicht gegen die Burschenschaft Normannia, sondern gegen einzelne Personen richten. Sollten sich die Vorwürfe gegen einzelne ihrer Mitglieder erhärten, wird die Burschenschaft Normannia auch intern entsprechende Konsequenzen ziehen. Antisemitismus und gewalttätige Übergriffe sind mit dem burschenschaftlichen Gedanken nicht zu vereinbaren." Auf die RNZ-Nachfrage, welche Konsequenzen das konkret seien und was genau die Auflösung der Aktivitas bedeute, antwortete der Vorsitzende nicht. Auch zu den Vorwürfen, es sei schon in der Vergangenheit zu antisemitischen Äußerungen im Haus der Normannia gekommen, nahm Heydrich am Dienstag auf RNZ-Nachfrage nicht mehr Stellung. DerAntisemitismus-Beauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg, Michael Blume, appellierte am Dienstag an die Justiz, das Geschehene transparent und öffentlich aufzuklären. Er habe Erkenntnisse, dass zu den Alten Herren der Normannia "Vertreter von Justiz und Polizei gehörten", so Blume. Das mache ihm Sorge. "Da muss jeder Anschein vermieden werden." Er sehe zudem fortgesetzte antisemitische und autoritäre Tendenzen in Burschenschaften. Es sei bekannt, dass gerade die Burschenschaft Normannia eine solche Tradition pflege. Update: Dienstag, 8. September 2020, 20 Uhr Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Burschenschaft Normannia Ein 25-jähriger Gast soll bei einer Feier auf dem Verbindungshaus mit Gürteln geschlagen und antisemitisch beschimpft worden sein. Nach den Übergriff wurden die Aktivitas aufgelöst. Von Sarah Hinney Heidelberg. Es ist ein ungeheuerlicher Vorwurf, der sich gegen die Burschenschaft Normannia Heidelberg richtet und die hiesige Staatsanwaltschaft sowie den Staatsschutz beschäftigt. In der Nacht zum Samstag, 29. August, soll ein 25-jähriger Gast im Verbindungshaus der Normannia in der Straße "Kurzer Buckel" am Schloss gegen 1 Uhr von mehreren Burschenschaftlern mit Gürteln geschlagen und leicht verletzt worden sein. Gleichzeitig wurde er mit antisemitischen Ausdrücken beleidigt und mit Geldmünzen beworfen. Der Geschädigte habe zuvor angegeben, dass er jüdische Vorfahren habe. Das hat die Staatsanwaltschaft Heidelberg auf RNZ-Nachfrage bestätigt. Die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat sowie zu den Tätern dauern an. Öffentlich gemacht hatte den Vorfall die Antifaschistische Initiative Heidelberg sowohl auf ihrer Homepage, als auch in einer Pressemitteilung. Dort heißt es: "Die Burschenschaft Normannia zu Heidelberg hat am 3. September mit sofortiger Wirkung ihre Aktivitas aufgelöst. Vorausgegangen war der antisemitisch motivierte Angriff mehrerer Burschenschafter auf ein Mitglied der ,Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania’ im Haus der Normannia am Abend vom 28. auf 29. August." An dem Angriff seien neben Aktiven Studenten der Normannia auch Mitglieder der Burschenschaften Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken und Germania Köln beteiligt gewesen, schreibt die Initiative weiter. Die Beteiligung der zwei weiteren Burschenschaften bestätigte die Staatsanwaltschaft Heidelberg am Montag nicht – dies werde noch ermittelt. Sicher ist indes, dass das Anwesen von der Polizei durchsucht wurde, "um mögliche Beweismittel" zu sichern – etwa Gästebücher. Die Antifaschistische Initiative kritisiert: "Bei den offiziellen Pressemitteilungen des Polizeipräsidiums Mannheim sucht man vergebens nach einer Veröffentlichung zu dieser antisemitisch motivierten Körperverletzung." Und tatsächlich hat die Polizei – die täglich eine Vielzahl von Pressemitteilungen online veröffentlicht – über diesen Vorfall bislang nicht berichtet. In der Pressestelle der Polizei verwies man am Montag auf Nachfrage direkt an die Staatsanwaltschaft. "Wir sind in der Sache sofort aktiv geworden, aber wir wollten mehr über die Hintergründe wissen. Und wir wissen auch noch nicht, wie viele Personen an dem Vorfall beteiligt waren", begründet ein Sprecher der Staatsanwaltschaft die Zurückhaltung bei der Information der Öffentlichkeit. Aktuell seien drei Personen namentlich bekannt, man gehe aber davon aus, dass insgesamt mindestens sechs Personen beteiligt waren. Erwähnenswert sei indes, dass das "Gürteln" von Gästen der Burschenschaft nach bisherigem Erkenntnisstand nicht unüblich sei und wohl von den Beteiligten in der Regel akzeptiert werde, so der Sprecher weiter. Am Dienstag teilte die Polizei mit, dass der 25-Jährige direkt nach dem Vorfall am Samstag Strafanzeige erstattet hatte. Die Kriminalinspektion 6, Staatsschutz, der Kriminalpolizeidirektion Heidelberg habe unter Beteiligung der Kriminaltechnik und der forensischen IT danach die Ermittlungen aufgenommen. Bei einer Durchsuchung des Verbindungshauses am vergangenen Mittwoch sei dabei umfassendes Beweismaterial gefunden und sichergestellt worden. Insgesamt werden gegen 27 Teilnehmer der Feier ermittelt. Acht davon sollen an den Straftaten beteiligt gewesen sein. Ein Teil der Ermittlungen würden auch in Saarland und in Nordrhein-Westfalen geführt. Es zeichne sich ab, dass es sich bei dem Schlagen mit den Gürteln, der sogenannten "Gürtelung", um ein gängiges Ritual der tatverdächtigen Personen handeln soll. Auf der Homepage der Normannia wurde die Auflösung der studierenden Mitglieder der Burschenschaft, der sogenannten "Aktivitas", bekannt gegeben. Der Altherrenverein der Burschenschaft, die 1890 in Heidelberg gegründet wurde, besteht offenbar weiter. Der RNZ wurde zudem anonym das Foto eines Briefes per E-Mail zugeschickt. In diesem Schreiben wendet sich ein Gunnar Heydrich als Vorsitzender des Altherrenbundes der Normannia schriftlich an die "Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania" mit folgenden Worten: "Wir bedauern den abscheulichen und inakzeptablen Vorgang vom 28. auf den 29. August auf unserem Haus, dessen Opfer ihr Bundesbruder wurde, auf das Schärfste. Als Konsequenz haben wir am 3. September mit sofortiger Wirkung unsere Aktivitas aufgelöst." Ob das Schreiben authentisch ist, ist unklar. Sicher ist, dass die Normannia keine Berührungsängste mit einer politisch rechten Gesinnung hat. Zu ihren Mitglieder zählen unter anderem Bundestagsmitglied und AfD-Politiker Christian Wirth sowie der Autor der "Jungen Freiheit" Michael Kurt Paulwitz, der lange bei den Republikanern aktiv war. Weder die Burschenschaft Normannia noch die Alte Leipziger Landsmannschaft Afrania war für die RNZ am Montag telefonisch zu erreichen. Stand: Montag, 7. September 2020, 17 Uhr
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Kritik an Verwaltung und OB: Mieterverein rechnet mit der Heidelberger Wohnungspolitik ab (Fri, 25 Sep 2020)
Von Sebastian Riemer Heidelberg. Beim Mieterverein ist es gute Tradition, nach der Jahreshauptversammlung die Bürgerschaft zu einer Veranstaltung einzuladen. Dieses Mal war eine Bilanz der städtischen Wohnungspolitik angekündigt. Was die rund 70 Anwesenden am Mittwoch in der Halle 02 dann zu hören bekamen, glich einer Abrechnung: Von zehn Gastrednerinnen und -rednern zeichneten sieben in Kurzvorträgen ein düsteres Bild der Wohnungsnot in Heidelberg – und forderten eine aktivere, sozialere Wohnungspolitik vom Gemeinderat. Die RNZ gibt einen Überblick des Abends, der vom Mietervereins-Vorsitzenden, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Lothar Binding, moderiert wurde. > Wie es mit dem Einwohnerantrag zur Wohnungspolitik weitergeht: Zum Auftakt forderte der Leiter des Mietervereins, Christoph Nestor, in einer scharfzüngigen Rede eine neue, andere Wohnungspolitik in Heidelberg: "Nur blind fanatische Neoliberale glauben noch daran, dass renditeorientierte Wohnungsmarktakteure den Schaden, den sie jahrzehntelang angerichtet haben, selbst beheben könnten." Stattdessen müsse man am Gemeinwohl orientierten Bauträgern Vorrang einräumen. Das ist auch die zentrale Forderung des von Nestor mitinitiierten Einwohnerantrags zur Wohnungspolitik, den 2000 Heidelberger unterschrieben haben. Über diesen wird im Herbst im Gemeinderat weiter beraten. Nestor kritisiert, dass die Stadtverwaltung versuche, den Einwohnerantrag ins Leere laufen zu lassen: "Wir werden den Oberbürgermeister fragen, ob er eine seriöse Verhandlungsunterlage dazu erstellen wird." Denn diese gibt es nach Nestors Ansicht bislang nicht. Als der Einwohnerantrag im Juli erstmals kurz im Gemeinderat behandelt wurde, hatte die Verwaltung in einer knappen Vorlage fast alle Forderungen daraus als "rechtlich nicht möglich" oder "nicht umsetzbar" bezeichnet – begründet mit jeweils einem Satz. So scheitere die Forderung aus dem Antrag, bei neuen Bauprojekten stets das existierende Modell für das Mark-Twain-Village (MTV) – mit 40 Prozent geförderten Mietwohnungen und 30 Prozent geförderten Eigentumswohnungen – anzuwenden, angeblich daran, dass eine solche "Festsetzung im Bebauungsplan unzulässig" sei. Dabei braucht es dafür gar keine Bebauungspläne – zumindest bei Grundstücken in städtischer Hand: In MTV mussten sich alle Bauträger dem vom Gemeinderat per Grundsatzbeschluss festgelegten Modell unterordnen. "Wenn dieser Oberbürgermeister damit angibt, dass MTV das größte bundesdeutsche Sozialwohnungsprojekt sein soll, kann er doch zustimmen, dass wir für Patrick-Henry-Village diesen Maßstab anwenden", sagte Nestor. Er wünsche sich, dass der oder die nächste OB nach der Wahl 2023 mit der neuen Wohnungspolitik angebe, nach dem Motto: "Das haben meine Bürger initiiert und das setze ich um." Zudem fordert Nestor, dass der Einwohnerantrag auch in den Bezirksbeiräten behandelt wird. > Wie groß die Not der Sozialen in dieser Stadt ist: Verzweifelt und ernüchtert: So wirkten Redner der sozialen Einrichtungen und Initiativen, die sich um die Schwächsten in der Gesellschaft kümmern – jene, die am Heidelberger Wohnungsmarkt gar keine Chance haben. "Wir sind auf eine aktivere Wohnungspolitik angewiesen", sagte etwa Klaus Bowe von Obdach e.V. – der Verein bietet Wohnungslosen ein Dach über dem Kopf, samt Sicherheit und Struktur. Aktuell leben 84 Menschen in 36 Wohnungen, die der Verein besitzt oder anmietet. "Die Nachfrage ist viel höher", so Bowe. Das gleiche Problem hat Gerd Schaufelberger von der Jugendagentur, die sich um benachteiligte Jugendliche am Übergang von Schule zu Beruf kümmert: "Die einzigen Wohnungen, die wir in Heidelberg haben, sind von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GGH." Das dürfe nicht sein. "Wir unterstützen den Einwohnerantrag, weil es eine Sozialquote geben muss bei allen Bauprojekten." Dramatisch ist die Lage auch beim Frauenhaus. "Wir müssen Frauen abweisen, die Schutz suchen vor Gewalt, weil wir keinen Platz haben", sagte Kathrin Himmelmann. Das Frauenhaus werde zunehmend zum "Wohnraumersatz": "Die Frauen bleiben viel länger bei uns als nötig, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden." Dieses Problem kennt auch Matthias Meder, Leiter der SKM-Wohnungslosenhilfe: "Das Soziale-Hilfe-System wird durch die Wohnungsnot in Heidelberg verstopft." Viele Menschen blieben aus Mangel an Alternativen in Notwohnungen stecken, obwohl sie längst eigenständig leben könnten. Stefanie Burke-Hähner von der Awo führte noch einen weiteren Aspekt des Problems an: "Wir verlieren Mitarbeiter, die in den Odenwald ziehen, weil sie in Heidelberg keine bezahlbare Wohnung finden." > Die Mathematik des Immobilienentwicklers: Eine ganz andere Note brachte der Heidelberger Immobilienentwickler Andreas Epple in die Debatte ein – seine arithmetische Kernthese: "Eine große Menge passt nicht in eine kleine Menge." Strikt mathematisch gesehen, so Epple, sei nun einmal Fakt: "Im besonders attraktiven Heidelberg wollen mehr Menschen wohnen als hier wohnen können. Dass ein Teil keine Wohnung bekommt, ist also mathematisch zwingend – aber gleichwohl ungerecht." Ändere man das "Selektionskriterium", so Epple, sei das Grundproblem nicht gelöst. Auch wenn nicht mehr der Geldbeutel, sondern andere Kriterien darüber entscheiden würden, wer in Heidelberg eine Wohnung findet, bliebe die generelle Ungerechtigkeit. Angesichts der zwingenden mathematischen Logik hilft laut Epple nur eines: "Mehr bauen!" Als Stadt müsse man daher zwei Fragen politisch beantworten: "Wie viele Menschen sind in Heidelberg erwünscht? Und: Wo soll zusätzlicher Wohnraum entstehen?" Man könne in die Breite – etwa auf Felder – bauen, in die Höhe oder in der Region, "wofür man natürlich den ÖPNV stärken müsste". Aber egal, was man tue, am Ende bleibe der unumstößliche, mathematische Fakt: "Eine große Menge passt nicht in eine kleine Menge." > Was die städtische Wohnungsbaugesellschaft zu alldem sagt: GGH-Chef Peter Bresinski legte eine Kurzanalyse vor, warum die Immobilienpreise ständig steigen – das liege nicht allein an renditeorientierten Firmen, sondern auch am Drang in die Städte, der Zinsentwicklung, steigenden Baukosten und mehr Rechtsvorschriften. Und es gebe ja "auch in Heidelberg Wohnungen für 5,50 Euro pro Quadratmeter, etwa auf dem Boxberg – aber eben nicht in jedem Stadtteil." Das Problem sei komplex, nicht alles, was als Lösung präsentiert werde, funktioniere so einfach. Beispiel Wien, oft als "Hauptstadt bezahlbaren Wohnens" bezeichnet: "Wien gibt jährlich 600 Millionen Euro Subventionen in den Wohnungsmarkt. Auf Heidelberg umgerechnet sind das 50 Millionen Euro." Das, so Bresinski, müsse man sich erst einmal leisten.
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Schwetzingen: Damit Radfahrer schneller nach Heidelberg kommen (Fri, 25 Sep 2020)
Von Anna Manceron Schwetzingen/Heidelberg. Wer für seine Arbeit zwischen Schwetzingen und Heidelberg pendelt, kennt das Problem: Obwohl zwischen beiden Städten weniger als zehn Kilometer liegen, braucht man für den Weg oft eine gefühlte Ewigkeit. Das liegt zum einen am Stau während der Stoßzeiten auf den Straßen in und rund um Heidelberg, aber auch am mangelhaften Angebot im öffentlichen Nahverkehr. "Die Städte sind verkehrstechnisch so schlecht miteinander verbunden, dass es geradezu grotesk ist", sagt Jürgen Odszuck, Erster Bürgermeister der Stadt Heidelberg. Um mehr Bürger zum Umstieg vom Auto aufs Fahrrad zu bewegen, hat er sich mit seinen Amtskollegen aus Schwetzingen, Eppelheim und Plankstadt zusammengetan. Die Rathauschefs wollen einen Radschnellweg von Schwetzingen nach Heidelberg bauen. Und weil ihnen der "normale" bürokratische Weg dafür zu lange dauert, nehmen sie das Projekt nun selbst in die Hand. Eigentlich fällt die Planung eines solchen Schnellradwegs in den Aufgabenbereich des Landes – und damit des zuständigen Regierungspräsidiums Karlsruhe. Doch weil die dortigen Planer zurzeit mit anderen Projekten ausgelastet sind, übernehmen die vier Kommunen diese Aufgabe jetzt selbst. Bei der Unterzeichnung der Planungsvereinbarung am Donnerstag in Schwetzingen zeigt sich die Karlsruher Regierungspräsidentin, Sylvia M. Felder, entsprechend dankbar: "Ohne Ihre Unterstützung wäre der Planungsbeginn für diesen Radschnellweg nicht so schnell möglich gewesen", betont sie. Wo die rund sieben Kilometer lange Schnellstrecke entlang führen soll, wissen die Entscheidungsträger auch schon: Ihre bevorzugte Trasse beginnt am Schwetzinger Bahnhof und führt über Plankstadt und Eppelheim in die Heidelberger Bahnstadt. Der neue Stadtteil Patrick-Henry-Village soll ebenfalls angebunden werden. Mit dieser Wegführung wollen die Kommunen die historische Maulbeerallee wieder zum Leben erwecken. Die schnurgerade Verkehrsachse wurde im 18. Jahrhundert unter Kurfürst Carl Theodor angelegt und verband das Heidelberger mit dem Schwetzinger Schloss. Heute ist von der Maulbeerallee kaum etwas übrig geblieben. Um die Strecke wieder herzustellen, müsste man vor allem eine Brücke über die B 535 zwischen Schwetzingen und Plankstadt bauen. Doch für die Bürgermeister steht schon jetzt fest: Der Aufwand wird sich lohnen. "Der Radverkehr boomt. Immer mehr Menschen steigen aufs Rad, um im Alltag ihre Strecken zurückzulegen", betont der Schwetzinger Oberbürgermeister, René Pöltl. Seine Verwaltung übernimmt die Federführung der Planung und tritt gemeinsam mit den anderen Kommunen mit 200.000 Euro in Vorkasse. Laut Pöltl könnte das gesamte Planungsverfahren rund eine Million Euro kosten. Die Ausgaben für die Planung und den Bau des Radschnellwegs übernimmt das Land. Gemeinsam mit der Stadt Schwetzingen will das Regierungspräsidium zudem Fördermittel vom Bund beantragen. Mit dem neuen Radschnellweg sei man innerhalb von 35 bis 45 Minuten im Neuenheimer Feld, schätzt Pöltl. Wann die Bauarbeiten losgehen könnten, darüber will der Schwetzinger Bürgermeister Matthias Steffan am Donnerstag noch nicht spekulieren. "Unser Ziel ist aber, die Planungen noch dieses Jahr so weit voranzutreiben, dass wir im nächsten Jahr die notwendigen Gutachten – zum Beispiel bezüglich des Umweltschutzes – in Auftrag geben können", so Steffan.
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Asylarbeit: Seit 40 Jahren engagieren sich Heidelberger für Flüchtlinge (Fri, 25 Sep 2020)
Von Marion Gottlob Heidelberg. Wenn man sich nur für einen Augenblick vorstellt, selbst fliehen zu müssen – dann wäre man froh, in der Not Hilfe beim Heidelberger Asylarbeitskreis (AK) zu finden. Seit 40 Jahren engagieren sich in Heidelberg Menschen ehrenamtlich für Flüchtlinge. Ulrike Duchrow hat für das "Heidelberg Jahrbuch zur Geschichte der Stadt" Fakten der Asylarbeit recherchiert und einen Aufsatz geschrieben. Sie sagt: "Ich habe die Corona-Isolation genutzt." Zur Flüchtlingsarbeit fand Duchrow durch die Beschäftigung mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Mit ihrer Familie stellte sie in den 1990er-Jahren Flüchtlingen eine Unterkunft bereit. Auf ihre Anregung hin wurde es 2009 Flüchtlingen möglich, schon während des Asylverfahrens zu studieren. Davon, sagt sie, hätten damals vor allem Syrer profitiert, die bereits in ihrer Heimat ein Studium begonnen hatten. "Die Motivation, sich für Flüchtlinge zu engagieren, ist humanitär und karitativ. Hilfe geschieht meist unauffällig. Doch wo Einzelne handeln, trägt das zur Mitmenschlichkeit in einer Stadt bei", sagt Duchrow. Vor 40 Jahren startete das Engagement bei Amnesty International. Durch Verfolgungen im Iran, in Äthiopien und in der Türkei stieg die Zahl der Asylbewerber. 1980 appellierte der Anwalt Berthold Münch an die Stadt, einen Flüchtling vor Abschiebung zu bewahren. Ein vergeblicher Aufruf. "Heftige Emotionen löste das ,Heidelberger Manifest’ aus, das rassistische Grundsätze vertrat", so Duchrow. Bei der Podiumsdiskussion "Asylrecht in Gefahr" mit Berthold Münch und Pfarrer Wolfgang Weber hieß es: "Flüchtlinge sind in Gefahr – nicht gefährlich." In den folgenden Jahren boten verschiedene Gruppen ehrenamtlich Sprachkurse und soziale Betreuung an. 1986 engagierte sich die Amnesty-Asyl-Gruppe für zwei Eritreer, die aus Heidelberg abgeschoben werden sollten. Im folgenden Jahr entstand der "Asylarbeitskreis Humanes Exil", der eng mit Amnesty International zusammenarbeitete. 1991 kam es zur Krise: Ein Mitarbeiter verschuldete den Arbeitskreis wohl aufgrund mangelnder interner Kontrolle. Doch es gelang, finanzielle Probleme zu lösen, auch dank Spenden. Gleichzeitig stieg aufgrund des Krieges im ehemaligen Jugoslawien die Zahl der Flüchtlinge. Mitglieder von "Humanes Asyl" gründeten 1991 einen eingetragenen Verein. Die Stadt brachte Migranten dezentral unter, beispielsweise im Oftersheimer Weg. Der offene Brief "Es sind Menschen wie du und ich" bat um Mitgefühl, als es Proteste gegen eine Unterkunft in der Blumenthalstraße gab. Mehrfach wurde Kirchenasyl gewährt, auch einem jungen Kurden, der in der Türkei inhaftiert und gefoltert worden war, da er die Trauerfeier eines ermordeten Rechtsanwalts besuchte. 9000 Unterschriften wurden für den Flüchtling gesammelt – und er durfte bleiben. Manche Heidelberger Ideen fanden bundesweit ein Echo: Dazu gehörte die Aktion "Gegessen wie Asylbewerber", bei der 58 Testesser eine Woche lang von Lebensmittelpaketen der Asylbewerber lebten, um gegen diese Abschreckungsmaßnahme zu protestieren. Ebenso wurde das Schicksal der 16-jährigen Neshe diskutiert. Die Schwester eines kurdischen Oppositionellen wurde in die Türkei abgeschoben, obwohl sie zur Schule ging und einen Ausbildungsplatz hatte. Mit Oberbürgermeisterin Beate Weber entstanden im Jahr 2000 wichtige "Leitlinien zur Betreuung ausländischer Flüchtlinge". Ein Jahr später gab es zwischen Asyl-AK und der Stadt einen Kooperationsvertrag. Die Arbeit des Asyl-AKs wurde mit dem Friedenspreis der Stiftung Heidelberger Friedenskreuz ausgezeichnet. 2019 wurde ein Projekt der Hotelfachschule zur Ausbildung von Flüchtlingen mit dem Integrationspreis des Landes gewürdigt. Sogar drei Gemeinderatsbeschlüsse zu europaweiten Flüchtlingsaktionen bewirkte man. "Für uns ist Zusammenarbeit wichtig", so Duchrow, "das wirkt in die Zukunft." Ihr Essay wird im November erscheinen.
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Karlstorbahnhof Heidelberg: Moria-Benefizkonzert war ein voller Erfolg (Fri, 25 Sep 2020)
Von Florian Richter Heidelberg. Es ist eine echte humanitäre Tragödie, der an diesem Mittwochabend auf der Sommerbühne des Karlstorbahnhofs Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. Eine Tragödie, die sich seit Wochen in dem Geflüchtetenlager Moria auf der griechischen Insel Lesbos abspielt. Rund 13.000 Menschen sind dort nach einem Großbrand über Nacht obdachlos geworden. Gemeinsam mit der Initiative "Heidelberg hilft" stellte der Karlstorbahnhof nun ein Benefizkonzert unter dem Motto "Hilfe für Moria" auf die Beine, um Spenden zugunsten der Notleidenden zu sammeln. Die Künstlerinnen und Künstler verzichteten für ihren Auftritt auf jegliche Gage. Das Konzert war ein voller Erfolg. Mehr als 150 Menschen kamen zur Sommerbühne, über 2600 Euro an Hilfsgeldern konnten gesammelt werden. Caroline Thiemann vom Karlstorbahnhof war begeistert: "Viele spendeten, obwohl sie gar keinen Platz mehr im Publikum bekamen." Auch Einzelstadtrat Waseem Butt, der den Aktivisten und Mitinitiatoren Daniel Kubirski vertrat, war von der Anteilnahme der Heidelbergerinnen und Heidelberger gerührt. "Als ich zu einer Spendenaktion aufgerufen hatte, hatte ich gehofft, dass wir ein Auto mit Waren voll bekommen", erzählt er. Doch bereits nach zwei Tagen habe man so viele Sachspenden sammeln können, dass ein Fahrzeug allein nicht mehr ausreichte. "Hunderte Menschen kamen zu mir, viele ältere Damen, Familien, Kinder, teilweise sogar mit Neuwaren." Als Butt davon berichtet, kommen ihm die Tränen. Diese Hilfsbereitschaft berühre ihn sehr, meint er. Besonders im Gedächtnis geblieben ist Butt eine Frau. Nach ihrem Geburtstag hatte sie Waren im Wert von 700 Euro eingekauft. Den ganzen Tag war sie unterwegs, um Zelte, Schlafsäcke und vieles mehr zu besorgen. Eine Anteilnahme, die den Stadtrat tief beeindruckt hat. Für ihn ist ohnehin klar: Die Hilfsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger wird insbesondere vonseiten der Politik unterschätzt. "Sie wird blockiert und ist nicht gefragt." Er wolle das Benefizkonzert daher auch als Appell an die Politik sehen: "Wenn Sie nur erlauben, uns Deutsche, Heidelberger, helfen zu lassen, dann reicht uns das." Viele lokale Künstlerinnen und Künstler machten den Abend mit einer bunten Mischung von Weltmusik bis hin zu Rap zu einem Besonderen. Neben Percussionist Erwin Ditzner, Rapper Muso, Oliver Kuka und Matthias Paul von "Tutu Toulouse" begeisterten Jutta Glaser und Jochen Seiterle sowie Dominik Baer das Publikum. Letzterer berichtet zu Beginn seines Auftritts davon, wie er in jungen Jahren seine Eltern bei deren Arbeit in Flüchtlingslagern begleitet hatte. Dabei habe den Singer-Songwriter eine Frage nie losgelassen: "Was, wenn ich dort geboren wäre? Niemand weiß, warum wir hier geboren sind und die da – das ist aber auch das Einzige, das uns unterscheidet." Alle Hilfsgelder kommen nun dem Verein "Frankenkonvoi" zugute. Seit 2015 engagiert sich dieser in der Ersthilfe von Geflüchteten. Tom Geisbuesch, Vorstand des "Frankenkonvois", bedankte sich schon einmal schriftlich für die Unterstützung – und er konnte eines garantieren: "Jeder einzelne Cent kommt Hilfsbedürftigen zugute!"
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Heidelberg: Mit ihren Millionen wird das Kindertumorzentrum gebaut (Fri, 25 Sep 2020)
Von Julia Lauer Heidelberg. Eine Krebsdiagnose ist schlimm genug, erst recht, wenn es um erkrankte Kinder geht. Dass diese Diagnose irgendwann in der Zukunft einmal ihren Schrecken verliert, erhoffen sich Stifter, Träger und Mediziner von dem neuen Hopp-Kindertumorzentrum (KiTZ), das im Neuenheimer Feld entstehen soll. Hell, funktional und trotzdem behaglich soll der Neubau sein – wie er aussehen könnte, wurde am Donnerstag erstmals öffentlich vorgestellt. Mit dabei waren auch die Stifter Dietmar Hopp und Gerda Tschira, die die Finanzierung größtenteils übernehmen, sowie Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. Die Anforderungen an das neue Gebäude sind hoch: Kindgerecht und komfortabel soll es sein, die medizinische Versorgung der jungen Patienten darin so gut wie nur möglich, die Forschungsbedingungen ideal. "Am wichtigsten waren die Interaktion von Wissenschaft und Behandlung sowie die Qualität der Aufenthaltsbereiche", fasst der Architekt Hanno Chef-Hendriks die Prioritäten zusammen. Der Entwurf seines fünfköpfigen Teams vom Architekturbüro Heinle, Wischer und Partner mit Hauptsitz in Stuttgart bekam den Zuschlag – ausgewählt unter fünf Bewerbern. Das Architekturbüro ist spezialisiert auf Gesundheitswesen und Forschung und hat in Heidelberg auch Gebäude des Deutschen Krebsforschungszentrums entworfen. Wie schlagen sich all diese Anforderungen architektonisch nieder? Vorgesehen am Kindertumorzentrum sind Patientenzimmer mit Balkon und Schiebetüren, groß genug, sodass auch Angehörige darin Platz finden können, außerdem besondere Räume für Schulunterricht, Musik und Bewegung, Bereiche zum Malen und Lesen, zwei Spielplätze, von denen einer öffentlich zugänglich ist und einer nur für Patienten. Auch eine Cafeteria und einen Innenhof wird es geben. Zwei Ebenen sind der Forschung vorbehalten. "Das ist ein erster skizzenhafter Entwurf, den wir nun weiterentwickeln zu einem genehmigungsfähigen Antrag", erklärt der Architekt den Stand der Dinge. Wann mit dem Bau begonnen werden kann, steht noch nicht fest; wann er fertiggestellt sein wird, erst recht nicht. In dem Neubau können künftig 32 Kinder stationär aufgenommen werden – das sind etwas mehr, als derzeit in den Räumlichkeiten der Kinderklinik behandelt werden, außerdem gibt es Betten in der Tagespflege. "Wir gehen davon aus, dass sich die Behandlung künftig noch stärker in den tagesklinischen Bereich verlagert", sagt Prof. Dr. Stefan Pfister, Direktor des Kindertumorzentrums. In Deutschland gebe es etwa acht bis zehn Kinderonkologien in dieser Größenordnung – doch weil dieser Neubau viele Funktionen unter einem Dach vereine, sei er einzigartig. "Für uns ist das ein Festakt, so groß ist das Geschenk." Pfister hofft, dass sich die Heilungsrate von Kindern künftig noch weiter steigern lässt. In Deutschland erkranken jedes Jahr 2000 Kinder an Krebs. Vier von fünf Kindern werden schon heute gesund. Doch diese Rate stagniert seit vielen Jahren. Kinder erkranken an anderen Tumorarten als Erwachsene, auch deshalb lassen sich die Therapien nicht ohne Weiteres übertragen. Umso wichtiger sei die internationale Kooperation in diesem Bereich. "Wir brauchen neue, innovative Ansätze", beschreibt Pfister die Aufgabe, vor der die Forschung steht. "Ich hatte immer die Furcht, dass einer meiner Söhne an Krebs erkranken könnte", begründete SAP-Mitgründer Dietmar Hopp sein Engagement für den Neubau. Und auch Gerda Tschira, Witwe des 2015 verstorbenen SAP-Mitgründers Klaus Tschira, brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass das Kindertumorzentrum die medizinische Zukunft verändern und kranken Kindern und ihren Familien neue Perspektiven geben möge. Gemeinsam haben sie den Neubau ermöglicht, was auch Wissenschaftsministerin Bauer ausdrücklich würdigte: "Mit Mitteln der öffentlichen Hand wäre dieses Projekt nicht zu stemmen gewesen."
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Heidelberg: Ein Preis und Gottes Segen für das Ehepaar Lautenschläger (Fri, 25 Sep 2020)
Von Sarah Hinney Heidelberg. Es war nur ein kleiner Rahmen, aber er war nicht minder feierlich – Manfred und Angelika Lautenschläger haben am Donnerstag den "Stifter*innenpreis der Stiftungen der Evangelischen Landeskirche in Baden und ihrer Diakonie" erhalten. Mit dem undotierten Preis werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich mit ihrer Stiftung auf vorbildliche und erfolgreiche Weise in die Kirche oder in die Gesellschaft einbringen. Lautenschläger gab in seiner kurzen Dankesrede ganz unverblümt zu, dass er zwar als 14-Jähriger kurzzeitig Missionar habe werden wollen, sich dann aber doch für Jura entschieden habe und bereits in jungen Jahren aus der Kirche ausgetreten sei: "Weil ich mit der Religion ein Problem hatte." Von einem Problem war an diesem Nachmittag allerdings nichts zu spüren und dass sich der 81-Jährige ganz unabhängig von Religion da einbringt, wo er es für gegeben hält, zeigt schon sein Engagement in der Heidelberger Stadtmission. So schloss der Gründer des Finanzdienstleisters MLP dann auch seine Rede mit den Worten: "Es ist mir eine Ehre." Einen kleinen Blick auf die vielfältige Art und Weise, wie sich das Ehepaar Lautenschläger gesellschaftlich engagiert, warf Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh in seiner Laudatio. Dabei würdigte er insbesondere den Zweck der Lautenschläger-Stiftung, die Förderung von Wissenschaft und Bildung und Erziehung sowie die Völkerverständigung. Er wies aber auch auf konkrete Projekte hin, wie den Bau von 72 Schulen in Äthiopien oder eine Begegnungsstätte für ehemalige Zwangsarbeiter in Heidelbergs Partnerstadt Simferopol auf der Krim. "Der Segen Gottes breitet sich dort aus, wo sich Menschen begegnen", sagte Cornelius-Bundschuh, bevor er den gläsernen Preis an Angelika Lautenschläger überreichte und – "ganz unkonventionell" – den obligatorischen Blumenstrauß ihrem Mann in die Hände drückte. Torsten Sternberg von der Landeskirche Baden hatte zuvor die coronabedingt überschaubare Schar der geladenen Gäste in der Evangelischen Stiftung der Pflege Schönau in der Weststadt begrüßt. Er betonte, dass Stifterinnen und Stifter Menschen seien, die über den eigenen Horizont hinausblicken, etwas aktiv verändern wollen und sich mit ihrer Sache in hohem Maße identifizieren. Der Heidelberger Dekan Christof Ellsiepen überraschte die Geehrten an diesem Septembernachmittag, der den Herbst erahnen ließ, mit noch ein wenig "Summertime". Für das Stück aus "Porgy and Bess" packte der musikalische Ellsiepen persönlich sein Saxofon aus. Auch er richtete danach einige Worte an das Ehepaar und die Familie Lautenschläger und sprach ihnen und allen Gästen abschließend Gottes Segen aus.
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Heidelberg: Junges Theater spielte in der Waldparkschule (Fri, 25 Sep 2020)
Von Ingeborg Salomon Heidelberg. Wenn die Schüler nicht in den Zwinger3 gehen können, weil der Corona bedingt (noch) als Probenraum gebraucht wird, gehen die Schauspieler des Jungen Theaters Heidelberg eben in die Klassenzimmer. So fand die Premiere von "Satelliten am Nachthimmel" am Donnerstagmorgen in der Waldparkschule statt – unter ungewöhnlichen Bedingungen und sehr zur Freude von Lehrern und Schülern. Die Sechstklässler saßen brav auf Abstand, kicherten fröhlich und beklatschten das Zwei-Personen-Stück begeistert. Wohl auch, weil sie prima nachvollziehen konnten, wie sich Hauptfigur Joni fühlt. Das Mädchen, facettenreich gespielt von Nadja Rui, hat nämlich das Gefühl, irgendwie auf dem falschen Planeten zu leben. Eigentlich ist alles ganz normal, sie hat Eltern, die manchmal nerven, und einen kleinen Bruder, den sie in den Schlaf singt. Diesen Knirps verkörpert Simon Labhart mit einer guten Portion Naivität, bis der Kleine im Verlauf des Stücks zu großer Form aufläuft. Er begleitet Joni nämlich auf ihren fantastischen Reisen ins All, denn dort hat das Mädchen ein Schwarzes Loch gefunden. Das sitzt genau in der Mitte ihres Bauches und saugt alles ein, was ihr zu nahekommt. Regisseurin Yvonne Kespohl hat Kristofer Gronskags Geschichte vom Anderssein einfühlsam umgesetzt und trifft ziemlich genau das Lebensgefühl vieler Jugendlicher vor und in der Pubertät. Nadja Rui und Simon Labhart zeigen sichtliche Spielfreude und vollen Körpereinsatz, auch in den Rollen der Erwachsenen. Die sind vorwiegend ratlos und äußern sich in Plattitüden, die beim Publikum immer wieder viel Heiterkeit hervorriefen. ("Wie groß Du geworden bist!") Dass auf Kulisse, Licht- und Tontechnik verzichtet werden muss, stört kaum, ermöglicht den jungen Zuschauern aber volle Konzentration auf Mimik und Gestik der Schauspieler. Mariam Haas und Lydia Huller haben Kostüme entworfen, die genauso fantastisch sind wie die Ideen von Joni und ihrem Bruder. Ein dickes Extra-Lob gebührt dem wunderbar aufgeblähten "Schlechten Gewissen" in Knallgelb, das so herrlich in sich zusammenfällt. Nach 40 kurzweiligen Minuten ist Joni in ihrem Leben angekommen; nun ist zwar nicht alles gut, aber Vieles anders. Das Stück ist für eine Doppelstunde konzipiert, nach der Aufführung können die Schüler noch weitere 40 Minuten mit den Schauspielern diskutieren. Info: Das Junge Theater ist mobil in Schulen unterwegs, Informationen und Buchung bei Claudia Villinger unter Tel.: 06221.5835.460.
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Heidelberg-Bergheim: Unbekannter stiehlt Spendengelder (Thu, 24 Sep 2020)
Heidelberg. (pol/mare) Am Mittwoch gegen 10.30 Uhr hat ein Unbekannter aus einem Büroraum einer sozialen Einrichtung in der Bergheimer Straße eine Spendenkasse mit mehreren hundert Euro Inhalt gestohlen. Das teilt die Polizei mit. Der Täter betrat unter einem Vorwand die Einrichtung und griff sich in einem unbeobachteten Moment eine Blechdose gefüllt mit Spendengeldern. Dann ging der MAnn wieder. Eine Angestellte bemerkte sofort den Diebstahl und verständigte die Polizei. Eine umgehend eingeleitete Fahndung nach dem Dieb verlief bislang ergebnislos. Der Mann war bereits verschwunden. Der Täter war etwa 30 Jahre alt, 1,70 bis 1,75 Meter groß. Er hatte eine Glatze und trug eine Jeans und ein rotes T-Shirt. Er sprach akzentfrei Deutsch. Die Polizei sucht Zeugen. Diese können sich per Telefon melden unter der Rufnummer 0621/1741700.
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Heidelberg: Eine Million Euro, damit im Begeisterhaus die Funken fliegen (Thu, 24 Sep 2020)
Heidelberg. (rie) Das Begeisterhaus verfehlt seine Wirkung selten. Wer von dem einzigartigen Projekt zum ersten Mal hört, ist meist tatsächlich begeistert. Und deshalb wollen die Macher um Projektleiter Jasper Schmidt vom Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) die Idee jetzt in noch mehr Köpfe tragen. Mit der Kampagne unter dem Titel #begeisterdich touren sie demnächst durch Heidelberg, auf der Suche nach Ideen – aber auch nach Geld. "Wir brauchen eure Unterstützung, wir brauchen eine Million Euro", sagte DAI-Chef Jakob Köllhofer beim Kampagnenstart am Mittwoch, "denn in diesem Haus sollen bald die Funken fliegen." 70 Freunde und Förderer des DAI waren zum Begeisterhaus in den Heidelberg Innovation Park in Kirchheim gekommen. "In Heidelberg wohnen 800 Millionäre – für die wär’s ein Klacks", scherzte Köllhofer. "Aber im Ernst: Wir wünschen uns bürgerschaftliches Engagement und freuen uns über jeden Euro." Dank des DAI-Freundeskreises, der das Haus in den ehemaligen Patton Barracks gekauft hat und den Umbau unterstützt, sind Schmidt und sein Team zuversichtlich, in genau einem Jahr eröffnen zu können – obwohl erst im Juni 2020 offizieller Baustart war. Dass es so schnell geht und nicht allzu teuer wird, das liegt nicht zuletzt daran, dass Schmidt und sein Team auf der Baustelle vieles selbst machen. "Auch das Mobiliar werden wir selbst bauen", sagt der 29-Jährige. "Aber für die Innenausstattung und besonders für das Dachgeschoss brauchen wir noch etwas Geld." Diese Finanzierung erhofft sich das Team durch die #begeisterdich-Kampagne. "Es ist ja eine klare Aufforderung: ,Begeister Dich’ – genau darum geht es: Jeder und jede Einzelne in seiner und ihrer Individualität sollen mitmachen", so Schmidt. Deshalb freue er sich über inhaltliche Ideen und "Mitmacher" für das Begeisterhaus genauso wie über finanzielle Beiträge. Oberbürgermeister Eckart Würzner, der Schirmherr der Kampagne, war jedenfalls schonmal begeistert: "Hier entsteht ein ganz großartiges Gemeinschaftsprojekt." Infos: www.begeisterhaus.de 
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Klimastreik-Tag: "Die Klimakrise ist durch und durch rassistisch" (Thu, 24 Sep 2020)
Von Denis Schnur Heidelberg. Es wird die erste Demonstration, die seit März durch Heidelberg zieht – oder genauer gesagt: die ersten beiden. Denn Fridays for Future und United Colors of Change laden am morgigen Freitag im Rahmen eines globalen Klimastreik-Tages gemeinsam zu gleich zwei Demonstrationen und einer großen Abschlusskundgebung ein. Warum die Klimaschutzbewegung gemeinsam mit der antirassistischen Gruppe, die in Heidelberg von den Organisatoren der "Black Lives Matter"-Kundgebungen gegründet wurde, protestiert und wie die Initiativen mit den Corona-Regeln umgehen, erklären die Sprecherinnen Leonie Baumgarten-Egemole (21) und Line Niedeggen (23) im Gespräch mit der RNZ. Ihre Bewegungen haben unabhängig voneinander die größten Demonstrationen in der jüngeren Geschichte Heidelbergs auf die Beine gestellt. Wieso tun Sie sich jetzt zusammen? Baumgarten-Egemole: Weil die Themen zusammengehören: Die Klimakrise ist durch und durch rassistisch. Die Menschen, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, sind die, die am stärksten betroffen sind. Das sind nun mal vor allem Bewohnerinnen und Bewohner des Globalen Südens. Diesen Menschen müssen wir eine Stimme geben. Niedeggen: Wir wollen klarmachen, dass es nicht reicht, irgendwann in der Zukunft Emissionen einzusparen. Unter dem Klimawandel leiden schon jetzt Menschen – aber halt nicht hier. Wenn wir das Problem nicht bei der Wurzel packen, werden wir nie Klimagerechtigkeit erreichen, sondern nur Wohlfühlklimaschutz, wie wir ihn in Heidelberg kennen. Und von der gemeinsamen Aktion erhoffen Sie sich mehr Teilnehmer? Baumgarten-Egemole: Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, wie eng die Themen verknüpft sind. Deshalb denke ich schon, dass wir verschiedene Zielgruppen ansprechen. Niedeggen: Unsere Klimastreiks waren bisher sehr weiß, akademisch geprägt und privilegiert – mit dem Anspruch, eine gesamtgesellschaftliche soziale Bewegung zu sein, wollen wir das ändern. Dazu gehört, gegen strukturelle Diskriminierung aktiv zu werden. Aber ist FFF nicht auch deshalb so erfolgreich, weil Sie sich bisher auf ein Thema konzentriert haben? Niedeggen: Wir haben uns von Anfang an als antirassistisch definiert, uns aber natürlich auf das Klimathema konzentriert. Das hat sicher auch zu unserem Erfolg beigetragen. Es gibt schon seit Jahrzehnten Klimakämpfe in der ganzen Welt, die aber vielleicht hier nicht so präsent waren, weil sie nicht von kleinen weißen Mädchen vor dem Parlament geführt wurden. Außerdem wird auch in der Berichterstattung über unsere Streiks rassistische Unterdrückung reproduziert – wenn zum Beispiel mit Vanessa Nakate die einzige nichtweiße FFF-Aktivistin beim Davos-Gipfel von einer Nachrichtenagentur aus dem Foto geschnitten wird. Das können wir nicht hinnehmen. Baumgarten-Egemole: Wir stehen als United Colors of Change in engem Austausch mit Menschen aus den Regionen, die am meisten vom Klimawandel betroffen sind, weil sie etwa von dort nach Deutschland gekommen sind. Und gerade ihnen sollten wir endlich zuhören. Am Freitag wird weltweit für Klimagerechtigkeit protestiert. Gibt es den Schulterschluss von FFF und antirassistischen Gruppen überall? Niedeggen: Bei dem Streik wird endlich der Schwerpunkt auf die internationale Solidarität gelegt. Den Tag haben wir auch auf Wunsch der Menschen ausgewählt, die in besonders vom Klimawandel betroffenen Regionen leben. In anderen Städten arbeiten auch FFF-Ortsgruppen mit antirassistischen Initiativen zusammen. Aber ich glaube, gemeinsam organisierte Demos gibt es sonst kaum – da sind wir mit die Ersten. Baumgarten-Egemole: Tatsächlich war das auch gar nicht so einfach, die Demo gemeinsam zu organisieren, da wir doch verschiedene Menschen ansprechen und in unseren Gruppen haben. Aber wir haben es geschafft, eine Brücke zu bauen, da es für uns viel wichtiger ist, die Klimabewegung endlich von einer anderen Seite zu beleuchten. Ebenfalls nicht so einfach ist es, während einer Pandemie eine Demo zu organisieren. Wie soll die ablaufen? Niedeggen: Das stimmt, das hat uns viel Mühe gekostet. Eigentlich wollten wir – wegen Corona – drei kleine Demozüge anmelden, das Ordnungsamt wollte uns dagegen nur eine stationäre Kundgebung an der Neckarwiese erlauben. Dort hätten wir aber nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die dem Thema gebührt. Die zwei kleineren Züge sind nun ein Kompromiss. Außerdem müssen die Teilnehmenden Abstand halten und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. An beiden Startpunkten – Stadtbücherei und Friedrich-Ebert-Platz – dürfen sich nur jeweils 400 Menschen treffen. Was passiert mit dem vierhundertersten? Baumgarten-Egemole: Wir werden Bereiche mit Flatterband absperren und unsere Ordnerinnen und Ordner werden schauen, dass es nicht zu voll wird. Wenn mehr Menschen kommen, bitten wir sie, direkt zur Abschlusskundgebung an der Neckarwiese zu gehen. Dort ist Platz genug für alle.
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