Heidelberg

Normannia-Affäre: Abschluss der Ermittlungen frühestens Ende April (Update) (Mi, 14 Apr 2021)
Heidelberg. (shy) Seit Monaten laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen des mutmaßlichen antisemitischen Übergriffs im Haus der Burschenschaft Normannia – und noch immer gibt es kein Ergebnis. Ursprünglich sollten die Ermittlungen Ende Januar abgeschlossen sein. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Heidelberg sprach nun von frühestens Ende April.  Update: Mittwoch, 14. April 2021 Abschluss der Ermittlungen erst im März Heidelberg. (dpa) Im Fall eines möglichen antisemitischen Angriffs auf einen Studenten bei der Heidelberger Verbindung Normannia verzögert sich der Abschluss der Ermittlungen abermals. Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Heidelberg am Montag der Deutschen Presse-Agentur sagte, steht Ende der Woche noch die Vernehmung eines männlichen Zeugen an. "Daher dürfte es Mitte März werden, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind", fügte er hinzu. Ermittelt wird insgesamt gegen neun Männer und eine Frau.  Ende August 2020 hatte ein damals 25 Jahre alter Mann eine Party mit etwa 30 Feiernden im Haus der Normannia besucht. Dort soll er malträtiert worden sein. Er sei mit Gürteln geschlagen, mit Münzen beworfen und antisemitisch beleidigt worden, so die Staatsanwaltschaft. Das Mitglied der Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania in Heidelberg hatte den Angaben der Anklagebehörde zufolge zuvor berichtet, er habe jüdische Vorfahren. Nach seiner Misshandlung hatte er Anzeige erstattet. Ursprünglich sollten die Ermittlungen Ende Januar abgeschlossen sein. Wegen neuer Stellungnahmen einiger Verteidiger der zehn Beschuldigten mussten aber weitere Zeugen gehört werden. Später hieß es, womöglich werde Ende Februar entschieden, ob sich der Verdacht der gefährlichen Körperverletzung erhärte und Anklage gegen die neun Männer und eine Frau erhoben werde. Update: Montag, 22. Februar 2021, 15.55 Uhr Nach Hitlergruß-Foto Klage von Ex-MVV-Geschäftsführer zurückgezogen  Heidelberg. (shy) Anfang Oktober hatte der Mannheimer Energieversorger MVV Energie AG den bisherigen Geschäftsführer eines Tochterunternehmens entlassen. Grund war ein Foto, das ihn neben einem anderen Mann zeigte, welcher im Haus der Burschenschaft Normannia die Hand zum Hitlergruß erhebt. Der Ex-Geschäftsführer hatte gegen die Kündigung allerdings geklagt. Wie das Arbeitsgericht Mannheim nun mitteilte, hat er die Klage aber inzwischen zurückgenommen. Das Verfahren ist damit erledigt. Offen ist nach wie vor, wann die Staatsanwaltschaft Heidelberg ihre Ermittlungen in Sachen Normannia abschließt. Die Burschenschaft war Anfang September 2020 in den Blick der Öffentlichkeit gerückt, nachdem ein mutmaßlicher antisemitischer Übergriff öffentlich geworden war. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln gegen mehrere Personen. Update: Donnerstag, 28. Januar 2021, 20.15 Uhr Abschluss der Ermittlungen im Fall Normannia erst im Februar Heidelberg. (dpa) Im Fall eines möglichen antisemitischen Angriffs auf einen Studenten bei der Heidelberger Verbindung Normannia verzögert sich der eigentlich für Ende Januar anvisierte Abschluss der Ermittlungen. Wegen neuer Stellungnahmen einiger Verteidiger der zehn Beschuldigten würden die Untersuchungen frühestens Mitte Februar beendet, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Heidelberg der Deutschen Presse-Agentur. Es müssten noch Zeugen gehört werden. Erst dann wird entschieden, ob sich der Verdacht der gefährlichen Körperverletzung erhärtet und Anklage gegen die neun Männer und eine Frau erhoben wird. Ende August 2020 hatte ein damals 25-Jähriger als Gast eine Party mit etwa 30 Feiernden im Haus der Normannia besucht. Dort soll er malträtiert worden sein. Er sei mit Gürteln geschlagen, mit Münzen beworfen und antisemitisch beleidigt worden, so die Staatsanwaltschaft Heidelberg. Das Mitglied der Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania in Heidelberg hatte den Angaben der Anklagebehörde zufolge zuvor berichtet, er habe jüdische Vorfahren. Nach seiner Misshandlung hatte er Anzeige erstattet. Neben Mitgliedern der Normannia sind unter den zehn Verdächtigten auch die Burschenschaften Ghibellinia zu Prag (Saarbrücken), Germania (Köln) und Asciburgia (Mainz) vertreten. Aus der letztgenannten Verbindung stammt die einzige weibliche Beschuldigte. Die Alten Herren der Normannia hatten sich im Blick auf den Fall von Antisemitismus distanziert. Die Studentengruppe, in der der Übergriff stattgefunden haben soll, wurde aufgelöst. Das Geschehen hatte Erschütterung in der Öffentlichkeit und eine Diskussion über Judenfeindlichkeit und rechtsextremes Gedankengut in Burschenschaften ausgelöst. Update: Mittwoch, 20. Januar 2021, 8.35 Uhr Falsche Mails stiften Verwirrung Heidelberg. (shy) Eigentlich wollte sich die Burschenschaft Normannia im Rahmen eines Konvents neu sortieren – der fand aber nicht statt. Da der Vorsitzende der Alten Herren, Gunnar Heydrich, zurückgetreten ist, ist die Normannia quasi führungslos. Eine E-Mail, die angeblich aus den Kreisen der Alten Herren versendet wurde, behauptet nun allerdings etwas anderes. Demnach sei Thomas Mayer-Steudte neuer kommissarischer Vorsitzender. Man könne ihn über die AfD Krefeld kontaktieren, heißt es in der Mail weiter. Kurios: Mayer-Steudte widerspricht der Aussage. "Das stimmt nicht und ich bin auch nicht berechtigt, für die Normannia zu sprechen", sagt er auf RNZ-Nachfrage am Telefon. Der Absender der E-Mail nutzt eine Protonmail-Adresse – dabei handelt es sich um einen E-Mail-Dienst, der die Nachrichten der Nutzer verschlüsselt. Laut Mayer-Steudte sei nicht bekannt, wer die Mails verschickt. Es ist nicht die erste E-Mail von diesem Absender, die die RNZ erreicht hat. Unter keiner der E-Mails stand ein Name. Rückfragen nach einem konkreten Ansprechpartner blieben unbeantwortet. Update: Montag, 9. November 2020, 20.33 Uhr Doch keine neue Aktivitas bei der Normannia Heidelberg. (RNZ) Die Burschenschaft Normannia will nach eigener Aussage erst einmal keine neuen aktiven Mitglieder in ihr Haus am Schloss einziehen lassen. Das teilte die Altherrenschaft mit und reagierte damit auf einen RNZ-Bericht von Montag. "Stattdessen beabsichtigt die Altherrenschaft, alles in die Wege zu leiten, um die Zimmer auch zukünftig der allgemeinen Studentenschaft einschließlich der an der Ruperto Carola immatrikulierten ausländischen Studenten als Wohnraum zur Verfügung zu stellen", heißt es in der Mail. Zudem betont die Altherrenschaft, dass sie bei ihrem Treffen keine Alten Herren "ausgeschlossen" habe, wie die RNZ vermutet hatte. Dass es jedoch Streit unter den Alten Herren gab, bestätigt die Altherrenschaft: "Richtig ist (...), dass die Trennung insofern stattgefunden hat, als Herr Markus P. im Zuge einer Diskussion in der Altherrenschaft seinen Austritt erklärt hat. Herr Christian Schaar ist ausgetreten, nachdem gegen ihn verbindungsintern heftige Vorwürfe erhoben wurden." Update: Montag, 26. Oktober 2020, 20.15 Uhr Die Heidelberger Burschenschaft Normannia versucht den Neustart Heidelberg. (dns) Nach dem antisemitischen Übergriff im Haus der Burschenschaft Normannia hat deren Altherrenschaft ihr einen Neustart verordnet. In einer knappen Pressemitteilung teilte sie am Sonntag mit, dass sie sich für die Zukunft neue Leitlinien gebe. Dabei dürfte es sich um die "tiefgreifenden Einschnitte" handeln, die der Vorsitzende Gunnar Heydrich gegenüber der RNZ angekündigt hatte. Sechs Leitlinien haben die Alten Herren beschlossen. Neben dem Bekenntnis zu einer "Synthese aus traditionellen und burschenschaftlichen Werten und Anforderungen einer modernen bürgerlichen Leistungsgesellschaft" schreiben sie unter anderem: "Die Mitglieder (...) setzen sich aktiv für den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat ein." Vor allem betonen sie jedoch, die Mitglieder seien sich "der Verbrechen des Nationalsozialismus bewusst und bekennen sich zu der daraus resultierenden besonderen Verantwortung Deutschlands für die Opfer des Nationalsozialismus". Zudem lehnten sie jeden Extremismus ab – "gleichgültig ob von rechts oder von links". Die gleichzeitige Mitgliedschaft in der Burschenschaft und einer vom Verfassungsschutz beobachteten Vereinigung oder Partei beziehungsweise verfassungswidrigen Organisationen schließe sich aus. Das ist vor allem vor dem Hintergrund interessant, dass sich in den letzten Jahren immer wieder Mitglieder der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften und beobachteten Identitären Bewegung im Normannenhaus trafen – unter anderem deshalb fordern aktuell zahlreiche Politiker, dass die Burschenschaft selbst beobachtet wird. Um diesem Schritt oder gar der Auflösung der Burschenschaft zu entgehen, hat die Altherrenschaft offenbar mehrere Mitglieder ausgeschlossen. Wie sie erklärt, habe man sich von einigen Mitgliedern getrennt – darunter der Ex-Geschäftsführer der MVV-Tochtergesellschaft Regioplan, der sich neben einem Burschenschafter ablichten ließ, der den Hitlergruß zeigte, sowie Christian Schaar, der Vorsitzender der rechtsextremen "Jungen Landsmannschaft Ostpreußen" war. Schon vor dem Treffen der Altherrenschaft sind einige Mitglieder ausgetreten, um sich von rechtsextremen Tendenzen zu distanzieren. Der Beschluss der Leitlinien deutet darauf hin, dass die Burschenschaft in den nächsten Monaten neue Mitglieder in ihr Haus ziehen lassen will. Die alte Aktivitas wurde nach dem Übergriff aufgelöst. Update: Sonntag, 25. Oktober 2020, 19.35 Uhr SPD fordert Normannia auf, ihr Haus der Allgemeinheit zur Verfügung stellen Das Verbindungshaus soll "ein öffentlicher Ort der Toleranz" werden. Die SPD Heidelberg beschloss einstimmig einen entsprechenden Initiativantrag. Von Sarah Hinney Heidelberg. Die Ereignisse rund um die Burschenschaft Normannia beschäftigen auch die örtliche Politik. So hat die SPD Heidelberg bei ihrer jüngsten Jahreshauptversammlung einstimmig einen Initiativantrag beschlossen, der sich direkt an die Burschenschaft richtet. Sie fordert darin die Verantwortlichen der Normannia auf, die Aktivitäten im Haus einzustellen und das Gebäude der Heidelberger Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. So heißt es: "Aus dem Gebäude nahe des Schlosses soll ein öffentlicher Ort der Toleranz entstehen, der unsere offene Gesellschaft repräsentiert und das soziale Miteinander fördert." Eingebracht wurde der Antrag von dem Stadtrat und Kreisvorsitzenden Sören Michelsburg. Er sagt: "Rechtsradikale Burschenschaften passen nicht in das weltoffene Bild unserer Stadt. In Heidelberg gibt es viele wichtige und sozial notwendige Projekte, denen schlicht der Platz fehlt." Auch Landtagskandidat Daniel Al-Kayal unterstützt den Antrag und würde ein Tätigwerden der Verantwortlichen begrüßen. Die Heidelberger Sozialdemokraten sind sich einig: Ein "Haus der Intoleranz und Ausgrenzung" könne zu einem Ort der Toleranz werden, wenn Verantwortung von den Betroffenen übernommen werde. Aber so einfach ist das nicht. Einerseits spricht im Moment wenig dafür, dass diese Verantwortung übernommen wird. Denn: Wie die RNZ berichtete, waren den Alten Herren rechtsradikale, antisemitische und rassistische Vorfälle im Haus über Jahre nicht nur bekannt, sie wurden gezielt unter dem Deckel gehalten. Überdies wurden immer wieder Rechtsradikale ins Haus eingeladen. Sowohl der letzte als auch der aktuelle Vorsitzende des Altherrenvereins haben diese Tatsachen bestritten. Andererseits gehört das Normannenhaus am Kurzen Buckel dem eingetragenen Verein "Studentenwohnheim Stückgarten". In dessen Satzung, die der RNZ vorliegt, heißt es: "Der Verein dient ausschließlich der Studentenhilfe. Er unterstützt das Studium und die Erziehungsarbeit an Studenten der Universität Heidelberg durch Bereitstellung und Unterhaltung eines Studentenwohnheims oder Aufenthaltsheimes". Hier stellt sich freilich die Frage, ob mit der Auflösung der Normannia-Aktivitas der Zweck des Vereins noch erfüllt ist – denn wo keine Studenten sind, braucht es auch keine Studentenhilfe. Die Vereinsmitglieder sind verpflichtet, "Vereinsanteilscheine" zu erwerben. Das bedeutet, sie finanzieren damit auch das Haus. Mitglied ist nur, wer auch in der Burschenschaft ist. Denn die Vereinsmitgliedschaft erlischt durch Austritt oder Ausschluss aus der Normannia. Interessant ist, dass bei "Erlöschen der Mitgliedschaft das betreffende Mitglied keinen Rechtsanspruch auf Rückzahlung des Anteilscheins hat". Wer die Normannia verlässt, bekommt sein investiertes Geld also möglicherweise nicht zurück. In der Konsequenz könnte ein Austritt aus der Burschenschaft also auch einen finanziellen Verlust bedeuten – eine mögliche Erklärung für die Zögerlichkeit vieler Mitglieder, die Normannia zu verlassen. Anders sieht es aus, wenn sich der Verein auflöst. Und das müsste er – laut Satzung –, wenn sich die Burschenschaft auflöst. In der Satzung heißt es dazu: "Bei Auflösung oder Aufhebung des Vereins oder Wegfall seines bisherigen Zwecks fällt das Vermögen des Vereins, soweit es die eingezahlten Kapitalanteile der Mitglieder und den gemeinsamen Wert der von den Mitgliedern geleisteten Sacheinlagen übersteigt, an die Universität Heidelberg." Das Anwesen müsste demnach also im Fall der Auflösung verkauft und der Erlös entsprechend der Kapitalanteile an die Mitglieder ausgezahlt werden. Was übrig bliebe, bekäme die Universität. Über eine Auflösung der Burschenschaft muss allerdings auf zwei Generalconventen entschieden werden. Laut dem Vorsitzenden Gunnar Heydrich soll Ende des Monats eine Mitgliederversammlung der Normannia stattfinden. Auf der Tagesordnung stünden "tiefgreifende Einschnitte". Näher äußerte sich Heydrich nicht. Ob die Mitgliederversammlung angesichts der Corona-Lage allerdings tatsächlich stattfinden kann, ist unklar. Sicher scheint indes, dass der Antrag der SPD ein frommer Wunsch bleiben wird. Update: Freitag, 23. Oktober 2020, 21.21 Uhr "Anlaufobjekt der extremen Rechten" Von Sarah Hinney Heidelberg. Der Screenshot eines Instagram-Fotos, das auf der Seite der Akademischen Damenverbindung Regina Maria-Josepha zu Dresden erschienen war, bringt den ehemaligen Vorsitzenden der Burschenschaft Normannia, Egon Manz, weiter in Bedrängnis. Manz ist darauf in den Farben der Burschenschaft Salamandria Dresden zu sehen. Im Moment ist unklar, wann das Foto entstanden ist. Gegenüber der RNZ hatte Manz behautet, er sei "seit mindestens sieben Jahren kein Mitglied der Salamandria mehr". Allerdings existiert auf Youtube ein Video vom "Burschentag 2016", das Manz ebenfalls in Salamandria-Farben zeigt. Laut Daniel Al-Kayal, Landtagskandidat der SPD Heidelberg, wird "die Burschenschaft Salamandria vom sächsischen Verfassungsschutz als Wohn- und Anlaufobjekt der extremen Rechten geführt". Al-Kayal hat sich im Zusammenhang mit dem Foto in einem offenen Brief an den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl gewandt und fordert ihn darin auf, als Innenminister und oberster Dienstherr der Polizei und des Landesamts für Verfassungsschutz die Burschenschaften im deutschen Kooperationsverband Deutsche Burschenschaft (DB) sowie die mit der Normannia eng in Kontakt stehenden Burschenschaften vom Verfassungsschutz prüfen zu lassen. Weiter schreibt er: "Auch Ihre eigene Verbindung, die Alte Leipziger Landsmannschaft Afrania zu Heidelberg, war an dem Abend der antisemitisch motivierten Gewalttat auf dem Haus der Normannia eingeladen und anwesend. Als oberster Dienstherr der baden-württembergischen Sicherheitsbehörden erwarten wir von Ihnen hierzu eine Stellungnahme und den Austritt aus dem Altherrenverband der Burschenschaft, um die Situation mit der notwendigen Distanz beobachten zu können." Darüber hinaus fordert Al-Kayal eine transparente und vollständige Aufklärung der Vorfälle bei der Normannia sowie deren Verflechtungen mit den Sicherheitsbehörden im Land Baden-Württemberg. Strobl ist überdies Landesvorsitzender CDU Baden-Württemberg. In dieser Eigenschaft fordert Al-Kayal ihn dazu auf, Stellung zum CDU-Kreisvorstandsmitglied und Mannheimer CDU-Vize Egon Manz zu beziehen. Manz hatte erst seinen Austritt aus der Normannia bekundet, nachdem die RNZ ihm nachgewiesen hatte, dass er bereits vor über einem Jahr von rechtsradikalen Umtrieben im Normannenhaus wusste und Hinweisen nicht nachgegangen war. Update: Mittwoch, 21. Oktober 2020, 20 Uhr Die Normannia hat immer alles intern geregelt Von Sarah Hinney Heidelberg. "Das war überhaupt das erste Mal, dass ich auf diesem Haus mit einem rechtsradikalen Vorfall konfrontiert war", hatte Egon Manz vor gut einer Woche, kurz vor seinem Austritt aus der Burschenschaft Normannia, gegenüber der RNZ behauptet. Der Mannheimer CDU-Vize und ehemalige Polizist meinte damit einen Vorfall im Jahr 2019: Damals soll sich ein studentisches Mitglied am Telefon mit "Heil Hitler" gemeldet haben. "Die Burschenschaft Normannia duldet keinen Antisemitismus in ihren Reihen oder durch Dritte auf ihrem Haus. Antisemitismus und gewalttätige Übergriffe sind mit dem burschenschaftlichen Gedanken nicht zu vereinbaren", schreibt Gunnar Heydrich, Vorsitzender des Altherrenverbands auf der Internetseite der Normannia. Der RNZ liegt nun umfängliches authentisches Material aus den vergangenen zehn Jahren vor, das beweist, dass es in dieser Zeit weitere rechtsradikale Vorfälle im Normannenhaus gegeben hat. Manche führten dazu, dass Mitglieder die Burschenschaft verlassen haben. Bei der Polizei angezeigt wurde indes nie jemand. Die Vorfälle wurden in "Strafanträgen" festgehalten – über die dann burschenschaftsintern entschieden wurde. Säuberlich wurden Vorgänge, Diskussionen darüber und Entscheidungen in seitenlangen Protokollen beschrieben. In den Anwesenheitslisten finden sich genau die Namen der "Alten Herren" wieder, die auch heute noch – sofern nicht jüngst ausgetreten – eine Rolle in der Normannia spielen. Dokumentiert sind wörtlich rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Äußerungen. Dokumentiert ist, wie ein damaliges Mitglied vor Jahren damit prahlte, "in Gegenwart eines dunkelhäutigen Bundeswehrkameraden geäußert zu haben, nicht neben einem Neger sitzen zu wollen". Dokumentiert sind "faschistische Grußformen durch Armheben, Rufen und in schriftlicher Form sowie das Tragen von wehrmachtsähnlicher Kleidung" und das Rufen von "Heil Hitler". Dokumentiert ist auch, dass im Normannenhaus "in mehreren Fällen" rechtsextreme Musik lief, inklusive abstoßend rassistischer und antisemitischer Textzeilen. Abgespielt wurde die Nazimusik im Keller des Normannenhauses. In einer Bar – bestehend aus Sandsäcken, dekoriert mit Stahlhelmen. Gäste habe man auch mal im "Führerstübchen" untergebracht, berichtet ein Ex-Normanne der RNZ und beschreibt seine Zeit in der Burschenschaft als "seelisches und soziales Gefängnis und paranoide Wahnwelt". Die RNZ haben in den vergangenen Wochen zahllose Schriftstücke, Fotos und Chatprotokolle aus der älteren und jüngeren Vergangenheit von verschiedenen Seiten erreicht – die Namen der Informanten sind der Redaktion bekannt. Die Informationen zeichnen das Bild einer in sich geschlossenen Gemeinschaft, in der strenge Regeln herrschen und eine klare Struktur. Einer Gemeinschaft, in der zwar keineswegs politische Einigkeit herrscht – über eines aber ist man sich vollkommen einig: Von den rechtsradikalen Vorfällen darf nichts nach außen dringen. Nachzulesen ist das etwa in einer protokollierten Diskussion darüber, ob rechtsradikale, rassistische und antisemitische Äußerungen ein Grund seien, einen Aktiven aus der Normannia auszuschließen, oder ob es sich nur um "spätpubertäre Eskapaden" handle. So heißt es dort auch wörtlich, "interne Informationen und Diskussionen dürften nicht in die Öffentlichkeit getragen werden". Der Bundesbruder sei "in gewissen Punkten schwierig", man solle ihm aber "Gelegenheit zur Entwicklung" geben. "Die Burschenschaft sieht ihren Sinn in der Pflege der Freundschaft und Geselligkeit sowie der Aufgabe, zur politischen Bildung ihrer Mitglieder beizutragen", lautet Artikel 4 der Präambel der Satzung der Normannia Heidelberg. Ihr Wahlspruch: "Ehre, Freiheit, Vaterland". Zur politischen Bildung ihrer Mitglieder zählte die Normannia 2011 etwa einen Vortrag des rechtsextremen Bloggers Karl-Michael Merkle alias Michael Mannheimer. Merkle hatte auf einer Pegida-Demo in Karlsruhe 2015 Angela Merkel als den schlimmsten Kanzler, den Deutschland seit Adolf Hitler hatte, bezeichnet. Schon 2004 hatte die RNZ über ein geplantes Treffen bei der Normannia berichtet, das nach Protesten wieder abgesagt worden war. Als Redner angekündigt waren damals etwa Michael Nier und Karl Richter. Richter wurde 1995 wegen Volksverhetzung verurteilt. Nier war Europakandidat für die NPD. Aus Österreich sollte Gerhoch Reisegger anreisen – ein rechtsextremer Publizist und Verschwörungstheoretiker. Doch auch einer rechtsradikalen Gesinnung eigentlich unverdächtige Personen referierten im Haus: 2010 war der damalige Mannheimer Polizeipräsident Thomas Köber zu Gast und sprach über das Thema "Migrantenproblematik unter Sicherheitsaspekten". Laut Semesterbericht der Normannia war der Vortrag ein "Höhepunkt". Der Vorsitzende Gunnar Heydrich hatte jüngst öffentlich geäußert, dass die Normannia keine "parteipolitischen Veranstaltungen im Anwesen dulde" und die rechtsextreme Identitäre Bewegung (IB) deshalb auch keine Stammtische dort abhalten durfte. Chatprotokolle beweisen, dass ein aktives studentisches Normannia-Mitglied selbst zu IB-Stammtischen auf dem Haus eingeladen hat. Heydrich war am 29. August 2020 persönlich im Haus der Normannia dabei – an dem Abend, als dort ein Gast mit Gürteln geschlagen und antisemitisch beschimpft worden sein soll, nachdem er angegeben hatte, jüdische Vorfahren zu haben. Heydrich lehnt ein Gespräch mit der RNZ seit Wochen ab. Am Mittwoch erklärte er lediglich per E-Mail: "Ende diesen Monats findet unsere Mitgliederversammlung statt, bei der für uns tiefgreifende Einschnitte auf der Tagesordnung stehen." Update: Freitag, 16. Oktober 2020, 19.30 Uhr Jetzt verlässt auch der Ex-Chef-Volkswirt bei Union Investment die Normannia Heidelberg. (shy) Nach Egon Manz hat nun ein weiterer "Alter Herr" der Normannia auf RNZ-Nachfrage seinen Austritt aus der Burschenschaft erklärt und darüber hinaus scharfe Kritik geäußert. David Milleker, langjähriger Chefvolkswirt bei Union Investment und heutiger Betriebsrat, war ebenfalls Empfänger der E-Mail, die nachweist, dass mehreren "Alten Herren" spätestens im Sommer 2019 bekannt war, dass sich unter anderem Rechtsradikale im Normannenhaus treffen. Milleker äußerte sich jetzt schriftlich: "Ich war zum fraglichen Zeitpunkt einfaches Mitglied und (zu?) sehr mit anderen Themen im Leben beschäftigt." Selbstkritisch müsse er einräumen, sich seinerzeit mit der Erklärung seitens des damals amtierenden Vorsitzenden Egon Manz, "die Sache sei aufgeklärt", zufrieden gegeben zu haben – statt, wie in anderen Fällen, einen Strafantrag beziehungsweise Ausschlussverfahren selbst zu stellen und/oder zu unterstützen. "Die jüngsten Vorkommnisse, die mir zu Ohren gekommen sind, sind in allen Bestandteilen – politischer Extremismus, Antisemitismus, Gewaltdelikte und das Missachten von Gastfreundschaft – widerlich und abstoßend", so Milleker weiter. Nichts davon habe bei einer akademischen Burschenschaft etwas zu suchen. "Die Burschenschaft Normannia wird aus meiner Sicht selbstkritisch prüfen müssen, ob die reine Trennung von der Aktivitas ausreicht oder noch weitergehende Schritte erforderlich sind, nachdem zuvor sämtliche Mechanismen der Selbstkontrolle komplett versagt zu haben scheinen", so Milleker abschließend. Unterdessen hat sich auch die Aktivitas der Akademischen Damenverbindung Nausikaa zu Heidelberg am Montag auf Facebook von der Normannia distanziert. "Wir sind erschüttert über die Vorkommnisse, die seit dem 29. August 2020 zu Tage getreten sind", heißt es dort. "Jede Beleidigung, jeden tätlichen Angriff auf Menschen unserer Gesellschaft verurteilen wir aufs Schärfste." Und weiter: "Niemand sollte aufgrund seiner Herkunft, Religion, sexuellen Identität oder anderer Diskriminierungsgründe Angriffen oder der Angst vor solchen ausgesetzt sein." Als akademische Damenverbindungen fühle man sich Werten verpflichtet, die ein wertschätzendes Miteinander als Basis eines gegenseitigen Umgangs voraussetzen. Zu Studentenverbindungen, welche diese Werte durch ihr Handeln und ihre Äußerungen mit Füßen treten, habe man schon in der Vergangenheit jeden Kontakt vermieden und werde auch in Zukunft keinen pflegen. Damit ist die Nausikaa nicht allein. Nach RNZ-Informationen hat die Normannia schon seit Jahren bei mehreren Verbindungen Hausverbot. Update: Mittwoch, 14. Oktober 2020, 21 Uhr Ist die Normannia ein Prüffall für den Verfassungsschutz? Von Sarah Hinney Heidelberg. Das Innenministerium in Baden-Württemberg hat die Verbindung zwischen der Burschenschaft Normannia Heidelberg und der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften "Identitären Bewegung" bestätigt. Der Mannheimer SPD-Landtagsabgeordnete Boris Weirauch hatte nach dem antisemitischen Übergriff Aufklärung in Sachen Normannia sowie über eventuelle Verbindungen zur rechtsradikalen Szene gefordert – und eine Anfrage im Landtag gestellt. Die Antwort liegt der RNZ vor. Das Innenministerium schreibt: "Über einen Beschuldigten liegen staatsschutzrelevante Erkenntnisse vor. Er ist der ,Identitären Bewegung’ zugehörig und konnte bereits bei diversen Aktionen und Demonstrationen als Teilnehmer festgestellt werden." Auch seien den Sicherheitsbehörden des Landes Verbindungen zwischen der "Identitären Bewegung" und der Burschenschaft Normannia Heidelberg bekannt. Die Brisanz des Übergriffs – bei der ein Student mit Gürteln geschlagen und antisemitisch beschimpft worden sein soll – war den Ermittlungsbehörden offenbar frühzeitig bewusst. Bereits am 31. August war das Ministerium durch das Polizeipräsidium Mannheim über die Vorkommnisse informiert worden – also zwei Tage nach der mutmaßlichen Tat. Die Öffentlichkeit hatte erst am 7. September davon erfahren. Die zehn Beschuldigten gehören laut Ministerium den Burschenschaften Normannia Heidelberg, Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken und Germania Köln sowie dem Verein Deutscher Studenten (VdSt) Asciburgia Mainz an. Motiv für die Übergriffe sei "nicht zuletzt in der antisemitischen Gesinnung zumindest einzelner Beschuldigter in Interaktion mit gruppendynamischen Prozessen und Imponiergehabe zu sehen", heißt es weiter. Für Boris Weirauch ist die Normannia jetzt ein Fall für den Verfassungsschutz: "Die Burschenschaft Normannia gibt seit Jahren Antisemiten und Rechtsextremisten eine Heimat. Dies wurde von den dortigen Führungspersonen offenkundig geduldet, wenn nicht gar unterstützt. Gerade vor diesem Hintergrund wirkt die ohnehin eher pflichtschuldige Distanzierung der Alten Herren der Normannia wenig glaubhaft", sagt Weirauch der RNZ. Der SPD-Mann fordert über die konkreten Ermittlungen des Staatsschutzes hinaus daher auch eine umfassende Prüfung der Verstrickungen der Normannia in rechtsextreme Kreise durch den Verfassungsschutz: "Was an Vorkommnissen rund um die Normannia in den letzten Wochen das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat, lässt befürchten, dass die antisemitische Straftat Ende August nur die Spitze des Eisbergs war. Es muss jedem im Kreis der Normannia klar werden, dass das nicht ohne Folgen bleiben wird." Im Schreiben des Innenministeriums heißt es weiter: Abgesehen vom aktuellen Ermittlungsverfahren lägen den Sicherheitsbehörden keine Erkenntnisse vor, wonach in der Vergangenheit weitere antisemitische oder rechtsextremistisch motivierte Vorkommnisse in den Räumlichkeiten der Normannia stattfanden. Das lässt Fragen offen, denn bereits vergangene Woche hatte die RNZ über ein Foto berichtet, das einen Burschenschaftler im Normannenhaus beim Hitlergruß zeigt. Am Dienstag hatte die RNZ ein Foto der Szene veröffentlicht. Unterdessen hat sich auch SPD-Landtagskandidat Daniel Al-Kayal in einer Pressemitteilung geäußert: "Innenminister Strobl muss handeln und die in den antisemitischen Angriff verwickelten Burschenschaften untersuchen lassen. Als Mitglied der in den Vorfall verwickelten Burschenschaft Afrania muss Strobl sich entscheiden, ob er sich der freiheitlich-demokratischen Grundordnung oder seinem Lebensbund verpflichtet fühlt", so Al-Kayal. Update: Dienstag, 13. Oktober 2020, 22 Uhr Druck auf Normannia und Mannheimer CDU wächst Von Sarah Hinney Heidelberg. Nicht nur der Druck auf die Burschenschaft Normannia wächst – auch der CDU Kreisverband Mannheim steht jetzt im Fokus. Nachdem die RNZ am Samstag veröffentlicht hatte, dass Egon Manz, stellvertretender Vorsitzender des CDU-Kreisverbands, bereits im August 2019 unter anderem darüber informiert war, dass sich Rechtsradikale im Normannenhaus in Heidelberg treffen, hatte der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, auf Twitter geschrieben: "Für mich ist es völlig unverständlich, wie jemand gleichzeitig in der früheren, weiterhin mit Antisemitismus durchsetzten NS-Kameradschaft Normannia Heidelberg und in einer demokratischen Partei Mitglied sein kann." Hier sei eine klare Entscheidung fällig, gegebenenfalls durch die CDU. Austritt begrüße ich & hoffe, dass weitere folgen. Aufgrund des anhaltenden #Antisemitismus in der früheren NS-Kameradschaft "Normannia Heidelberg" halte ich Doppel-Mitgliedschaften in demokratischen Parteien & Tätigkeiten im Staatsdienst für unvereinbar. @SarahHinney @dpa_lsw — Michael Blume (@BlumeEvolution) October 11, 2020 In einer Pressemitteilung hatte das auch die Mannheimer SPD gefordert. Die neuesten Enthüllungen rund um die sogenannte "Gürtelung" eines Studenten aus antisemitischen Motiven und die Entlassung eines "Altherren" als Geschäftsführer im MVV Konzern, nachdem ein Foto nebst einem Hitlergruß veröffentlicht wurde, stellen dabei scheinbar nur die Spitze des Eisberges einer jahrelangen Aneinanderreihung von rechtsradikalen und antisemitischen Vorfällen dar, so die stellvertretende Vorsitzende Isabel Cademartori. Am späten Samstagabend hatte Manz der RNZ schriftlich seinen Austritt aus der Normannia erklärt. Am Sonntag schrieb der Mannheimer CDU-Vorsitzende Nikolas Löbel auf Twitter: "Herr Manz hat mir nach einem langen gemeinsamen Gespräch erklärt, dass er auf Grund der Vorkommnisse in der Normannia seine Mitgliedschaft mit sofortiger Wirkung beendet." Herr Manz hat mir nach einem langen gemeinsamen Gespräch erklärt, dass er auf Grund der Vorkommnisse in der Burschenschaft Normannia seine dortige Mitgliedschaft mit sofortiger Wirkung beendet hat. — Nikolas Löbel (@NikolasLoebel) October 11, 2020 Eine weitere Erklärung der CDU folgte nicht. Der SPD Mannheim reicht das nicht. "Das ist erst auf massiven öffentlichen Druck geschehen und wenig glaubwürdig. Ich kann mir vorstellen, dass die CDU glaubt, die Sache sei damit erledigt. Spätestens jetzt muss sich die CDU Mannheim zur Rolle von CDU-Vize Egon Manz bei der rechtsradikalen Burschenschaft Normannia aber erklären", sagte Cademartori auf RNZ-Nachfrage am Montag. Die RNZ hatte Manz vergangene Woche mit einer E-Mail konfrontiert, aus der hervorgeht, dass er und fünf weitere "Alte Herren" bereits vor über einem Jahr wussten, dass sich die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Identitäre Bewegung (IB) regelmäßig im Normannenhaus trifft, ein Aktivitas-Mitglied den Holocaust verleugnet und mehrfach den Hitlergruß gezeigt haben soll. Manz hatte angegeben, er habe die Vorwürfe für einen "Racheakt gehalten", sei ihnen deshalb nicht nachgegangen. Zu dem Foto, das vor einer guten Woche vom linken Mediennetzwerk Indymedia veröffentlicht wurde und insgesamt drei Personen zeigt – darunter einen Burschenschaftler im Normannenhaus beim Hitlergruß und den inzwischen entlassenen MVV-Regioplan-Geschäftsführer sitzend daneben – hatte Manz gegenüber der RNZ geäußert, dass dieser "Alte Herr" das mit dem Hitlergruß vermutlich nicht mitbekommen habe, weil er nach vorne schaue. Der RNZ liegen zwischenzeitlich allerdings mehrere Fotos aus dieser Situation im Normannenhaus vor, die beweisen, dass die Szene zumindest so lange gedauert hat, dass sich eine weitere Person mit ins Bild stellen konnte. Auf drei der Bilder hebt ein Mann den rechten Arm zum Hitlergruß und der Ex-MVV-Regioplan-Geschäftsführer daneben sitzend den rechten Arm mit Bierglas steil nach oben. Update: Montag, 12. Oktober 2020, 21.59 Uhr Heidelberg. (shy) Der ehemalige Mannheimer Kriminalhauptkommissar und stellvertretende Vorsitzende des Mannheimer Kreisverbandes der CDU, Egon Manz, hat die RNZ am späten Samstagabend per E-Mail darüber informiert, dass er seine Mitgliedschaft in der Burschenschaft Normannia Heidelberg mit sofortiger Wirkung beendet hat. Hintergrund: die RNZ hatte in ihrer Samstagsausgabe berichtet, dass fünf "Alte Herren" der Normannia, darunter auch Manz, bereits 2019 darüber informiert waren, dass sich Rechtsradikale im Normannenhaus treffen. Gegenüber der RNZ gab Manz an, er sei dem nicht nachgegangen, weil er die Vorwürfe für einen "Racheakt" gehalten habe. Manz war 2019 Vorsitzender der Burschenschaft.  Update: Sonntag, 11. Oktober 2020, 18.13 Uhr Von Sarah Hinney Heidelberg. Erst der mutmaßliche antisemitische Übergriff im Haus der Burschenschaft Normannia Ende August, dann das Foto, das einen Burschenschaftler im Normannenhaus beim Hitlergruß zeigt – nun ist gewiss, dass der Vorstand der Normannia bereits vor über einem Jahr darüber informiert war, dass sich Rechtsradikale unter den Mitgliedern der "Aktivitas" befanden. Der RNZ liegt ein Schreiben eines ehemaligen Mitglieds vor, in dem es unter anderem heißt: "So ist unser Verbindungshaus seit geraumer Zeit Treffpunkt der örtlichen rechtsradikalen Szene." Ferner steht in der E-Mail, dass die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Identitäre Bewegung (IB) dort regelmäßige Stammtische durchführe und politische Aktionen plane. Ein Aktivitas-Mitglied soll zudem den Holocaust verleugnet und mehrfach den Hitlergruß gezeigt haben. Das Schreiben wurde am 30. August 2019 an fünf "Alte Herren" der Normannia per E-Mail gesendet. Unter anderem an den damaligen Normannia-Vorsitzenden Egon Manz, aber auch an David Milleker, langjähriger Chefvolkswirt bei Union Investment. Nachdem die RNZ Egon Manz am Donnerstag mit dem Schreiben konfrontiert hatte, fand am Freitagmorgen ein Gespräch mit dem ehemaligen Mannheimer Kriminalhauptkommissar und stellvertretenden Vorsitzenden des Mannheimer Kreisverbandes der CDU statt. Manz erklärte, dass es zu den Vorwürfen 2019 interne Ermittlungen im Haus der Normannia gegeben habe. Diese hätten ergeben, dass es sich bei dem Schreiben "um einen Racheakt" eines anderen Normannen wegen Streitigkeiten innerhalb der Aktivitas gehandelt habe. Die Polizei sei daher nicht eingeschaltet worden. Der Autor der E-Mail habe das Haus später freiwillig verlassen, "um einem Rauswurf zuvorzukommen". Wenige Wochen später habe es einen weiteren Vorfall gegeben. Ein Mitglied der Aktivitas habe sich am Telefon mit "Heil Hitler" gemeldet – auch dieser Mann habe daraufhin die Normannia verlassen müssen. "Danach war Ruhe und das war überhaupt das erste Mal, dass ich auf diesem Haus mit einem rechtsradikalen Vorfall konfrontiert war", so Manz. Dass ein Student der Heidelberger Verbindung Rupertia bereits am 1. Mai 2019 von mehreren Normannia-Mitgliedern in der Altstadt antisemitisch beschimpft und später so geschlagen worden sei, dass das Opfer dabei einen Zahn verloren habe, davon habe er nichts gewusst. Und dass ein Mitglied der Normannia in diesem Zusammenhang vom Amtsgericht Heidelberg am 22. Juni 2020 wegen gefährlicher Körperverletzung schuldig gesprochen wurde, habe er erst aus der RNZ erfahren. Nachdem öffentlich wurde, dass ein Student der Verbindung Afrania mit Gürteln geschlagen und antisemitisch beleidigt worden sein soll, habe er die achtköpfige Aktivitas ohne weitere Untersuchung aufgelöst. Zwei der ehemaligen Aktiven wohnen allerdings bis heute in dem Haus, sie hätten noch einen Mietvertrag, so Manz. Einer von ihnen ist Mitglied der Identitären Bewegung. Das will Manz aber nicht gewusst haben. Auf die Frage, wie das sein könne, wo er doch ein Jahr zuvor darüber informiert wurde, antwortet er: "Das habe ich damals nicht überprüft, ich dachte ja, es wäre ein Racheakt." Manz macht keinen Hehl daraus, dass es innerhalb der Burschenschaft inzwischen mächtig rumore. Rund 90 Alte Herren gebe es in der Normannia. Vier seien im Zuge der jüngsten Vorfälle bereits ausgetreten. "Viele sitzen auf gepackten Koffern – die warten die Gerichtsverhandlung ab", so Manz. Das Rumoren hat sich seit der Veröffentlichung des Fotos, das den inzwischen ehemaligen MVV-Regioplan-Geschäftsführer direkt neben einem Burschenschaftler zeigt, der den Arm zum Hitlergruß hebt, noch verstärkt. "Das so etwas auf dem Haus möglich war, ist eine Schande", betont Manz, vermutet aber gleichzeitig, dass der "Alte Herr" das mit dem Hitlergruß nicht mitbekommen habe, "er schaut ja nach vorne". Die MVV Energie AG hat den Mann Anfang der Woche entlassen, nachdem die RNZ das Unternehmen mit dem Foto konfrontiert hatte. In Sachen Aktivitas gibt Manz zu: "Aus heutiger Sicht hätte man die schon vor einem Jahr auflösen müssen." Die Mannheimer CDU steht jedenfalls hinter ihrem stellvertretenden Vorsitzenden. Die RNZ-Nachfrage, inwieweit es für eine christlich-demokratische Partei vertretbar sei, in den eigenen Reihen Personen zu haben, die sich im Umfeld von Rechtsradikalen bewegen, weist die CDU die "Unterstellung" zurück. So teilt der Pressesprecher des CDU-Kreisverbandes Mannheim, Christian Hötting, unter anderem mit: "Egon Manz steht auf dem Boden des Grundgesetzes." Auch Manz sagt: "Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe alles getan, um das Problem der Normannia zu lösen." Update: Freitag, 9. Oktober 2020, 14 Uhr MVV entlässt Regioplan-Geschäftsführer Der Mitarbeiter ist "Alter Herr" bei der Normannia. Ein Foto zeigt ihn neben einem Mann, der den Hitlergruß zeigt. Heidelberg. (shy) Die MVV Energie AG hat den bisherigen Geschäftsführer des Tochterunternehmens MVV Regioplan entlassen. Das hat das Unternehmen am Dienstagnachmittag schriftlich mitgeteilt. Hintergrund ist ein Foto, das zuerst vom linken Mediennnetzwerk Indymedia veröffentlicht worden war. Es zeigt den Mitarbeiter des Mannheimer Energieversorgers MVV in den Räumen der Burschenschaft Normannia Heidelberg auf einem Stuhl sitzend, die rechte Hand mit einem Bierglas erhoben. Neben ihm sitzt ein Mitglied einer anderen Burschenschaft, das die rechte Hand zum Hitlergruß erhebt. Nachdem die Rhein-Neckar-Zeitung die MVV Energie AG am Sonntag mit Text und Foto konfrontiert hatte, teilte ein Unternehmenssprecher am Montagvormittag mit, dass das Unternehmen den Mitarbeiter mit sofortiger Wirkung bis zur Klärung des Vorgangs freigestellt hat. Am Dienstag schrieb das Unternehmen: "Nach der gestern unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe erfolgten sofortigen Freistellung hat MVV nun heute die endgültige Trennung von dem Mitarbeiter vollzogen und den Arbeitsvertrag gekündigt. Gleichzeitig wurde er als Geschäftsführer der Tochtergesellschaft abberufen." Ein Unternehmenssprecher bekräftigte zur Begründung erneut, dass das Unternehmen keinerlei Nähe zu rechtsradikalen Positionen duldet. MVV stehe für Toleranz, Vielfalt und Gerechtigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft.  Die Staatsanwaltschaft Heidelberg teilte auf Nachfrage mit, dass bezüglich des Fotos die Ermittlungen aufgenommen worden sind. Das Zeigen eines Hitlergrußes ist in Deutschland strafbar. Insgesamt sind auf dem Bild drei Personen zu sehen. Der MVV-Mitarbeiter, der Burschenschaftler, der den Hitlergruß zeigt und eine weitere Person im Hintergrund, die einen Helm trägt. Bei dem Mann, der den Hitlergruß zeigt, handle es sich laut Indymedia um ein Burschenschaftsmitglied aus Köln. Unklar ist, wann das Foto aufgenommen wurde. Update: Dienstag, 6. Oktober 2020, 15.03 Uhr Von Sarah Hinney Heidelberg. Fast war es ruhig geworden um die Burschenschaft Normannia Heidelberg. Bis das linke Mediennetzwerk Indymedia am Freitag im Rahmen eines ausführlichen Textes ein Foto veröffentlichte, das einen hochrangigen Mitarbeiter des Mannheimer Energieversorgers MVV zeigt: Markus P., der Geschäftsführer der MVV Regioplan. P. sitzt auf einem Stuhl, hebt die rechte Hand mit einem Bierglas steil nach oben. Neben ihm sitzt ein Mitglied einer anderen Burschenschaft, das die rechte Hand reckt, aber ohne Bierglas – zum Hitlergruß. Nachdem die Rhein-Neckar-Zeitung die MVV Energie AG am Sonntag mit Text und Foto konfrontiert hatte, teilte ein Unternehmenssprecher am Montagvormittag mit, dass das Unternehmen Markus P. mit sofortiger Wirkung bis zur Klärung des Vorgangs freigestellt hat. Man dulde keinerlei Nähe zu rechtsradikalen Positionen. "MVV steht für Toleranz, Vielfalt und Gerechtigkeit, gleichzeitig für Null Toleranz gegenüber jeglicher Form von politischem Extremismus." Dass es sich auf dem Foto um den Mitarbeiter handele, daran bestehe kein Zweifel, so der MVV-Sprecher auf Nachfrage. P. selbst war am Montagmorgen nicht zu erreichen. "Er wird sich aber dazu äußern müssen", sagte der Sprecher weiter. Klar ist bereits jetzt, dass P. nicht zufällig bei der Normannia ist. Er trägt ein Burschenschaftsband auf dem Foto. Laut Indymedia ist P. ein "Alter Herr" der Normannia. Die Heidelberger Burschenschaft war Anfang September in den Blick der Öffentlichkeit gerückt, nachdem ein mutmaßlicher antisemitischer Übergriff öffentlich geworden war. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln. Daraufhin war die "Aktivitas" – also die Gruppe der studentischen Mitglieder der Burschenschaft – aufgelöst worden. Das jetzt veröffentlichte Foto ist ein weiterer Hinweis darauf, dass längst nicht alle Fragen im Umfeld der Burschenschaft geklärt sind. Das Zeigen des Hitlergrußes ist in Deutschland eine Straftat. Wann das Bild entstand, ist derzeit noch unklar. Die Bezüge der Normannia zu Rechten und Rechtsradikalen sind hingegen eindeutig. Zu den "Alten Herren" der Burschenschaft gehört der AfD-Bundestagsabgeordnete Christian Wirth. Er ist seit Sonntag AfD-Vorsitzender im Saarland. Auch die Veranstaltung der Nachwuchsorganisation "Junge Alternative Kurpfalz" (JA) im März 2018 im Hilde-Domin-Saal der Stadtbücherei – bei der der rechtsextreme damalige AfD-Brandenburg-Chef Andreas Kalbitz als Redner geladen war – hat Bezüge zur Normannia. Organisiert wurde diese vom damaligen JA-Sprecher Kilian Steinmann, nach RNZ-Informationen ebenfalls ein Normanne.  Update: Montag, 5. Oktober 2020, 23.55 Uhr Zehn Polizisten ermitteln gegen acht Personen Heidelberg. (shy) Der Innenausschuss des Landtags Baden-Württemberg hat sich in seiner Sitzung am Mittwoch unter anderem mit den Ermittlungen zum antisemitischen Übergriff in den Räumen der Burschenschaft Normannia befasst. Wie der Ausschussvorsitzende Karl Klein (CDU) – laut einer Presseerklärung – mitteilte, wird derzeit durch das Polizeipräsidium Mannheim und die Staatsanwaltschaft Heidelberg ein Ermittlungsverfahren gegen acht Personen geführt. Diese stünden im Verdacht, einen 25-jährigen Mann körperlich misshandelt und antisemitisch beleidigt zu haben. Der Fall sei aufgrund seines Hintergrundes und seiner Bedeutung für die Polizei Baden-Württemberg alles andere als gewöhnlich. Das Polizeipräsidium Mannheim setze daher über zehn Ermittler ein, sagte Klein. Der Mannheimer SPD-Landtagsabgeordnete Boris Weirauch fordert unterdessen umfassende Aufklärung. Wie bereits angekündigt, hat er eine Anfrage an den Landtag Baden-Württemberg gestellt. Konkret will Weirauch unter anderem wissen, wann und wie die Landesregierung Kenntnis von dem Vorfall erhalten hat und wegen welcher Straftatbestände gegen welche Personen ermittelt werde. Außerdem fordert Weirauch Informationen von Landesregierung, Polizei- und Justizbehörden sowie dem Verfassungsschutz über mögliche Erkenntnisse, ob zwischen den Personen – gegen die ermittelt wird – und der "Identitären Bewegung", der "Jungen Alternative", der AfD oder anderen rechtsextremen Gruppierungen Verbindungen bestehen. Ferner will er wissen, ob bereits vor dem Vorfall Verbindungen zwischen der Normannia und der rechtsextremen Szene bestanden, und ob die Räume der Burschenschaft als Treffpunkt der rechtsextremen Szene bekannt sind.  Update: Freitag, 25. September 2020, 19.30 Uhr Heidelberg. (shy) Drei Heidelberger Burschenschaften haben in einer gemeinsamen Presseerklärung ihre Solidarität mit dem Verbindungsstudenten erklärt, der Ende August im Haus der Burschenschaft Normannia antisemitisch beleidigt, mit Gürteln geschlagen und mit Münzen beworfen worden sein soll. "Mit Abscheu und Betroffenheit haben wir, die Heidelberger Burschenschaften Allemannia, Frankonia und Vineta, den antisemitischen Vorfall zur Kenntnis genommen", heißt es in der Mitteilung. Antisemitische Beleidigungen und Demütigungen mit tätlichen Angriffen hätten sie in einer akademischen Verbindung nicht für möglich gehalten. Mit der sofortigen Auflösung der Aktivitas habe die betroffene Altherrenschaft das Mindestmaß der zwingend gebotenen Konsequenzen gezogen. "Rassistische und insbesondere antisemitische Äußerungen, Angriffe sowie jede Art von Diskriminierung innerhalb unserer Verbindungen oder gegenüber Gästen und Dritten sind für uns absolut undenkbar", heißt es weiter. Ein derartiges Verhalten sei in keiner Weise zu akzeptieren, zu entschuldigen oder zu verharmlosen, sondern müsse, auch abgesehen von den strafrechtlichen, harte Konsequenzen haben. Und weiter: "Wir setzen uns aktiv für die verfassungsmäßige Ordnung unseres Grundgesetzes ein, die gerade aus dem Gedanken geboren wurde, nie wieder solche Diskriminierungen zu dulden." Die drei Burschenschaften sind die ersten, die sich in Heidelberg zu dem Vorfall öffentlich zu Wort melden – insgesamt gibt es in Heidelberg rund 30 Burschenschaften und Studentenverbindungen. Der Vize-Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, Frederek Musall, hatte wenige Tage nach Bekanntwerden des Vorfalls gefordert, dass sich die Burschenschaften – gerade vor dem Hintergrund ihres historischen Selbstverständnisses als Vorkämpfer der Demokratie – klar zu dem antisemitischen Vorfall positionieren und sich distanzieren müssten. Update: Montag, 21. September 2020, 20.15 Uhr Von Sarah Hinney Heidelberg. Der Übergriff im Haus der Burschenschaft Normannia Ende August, bei dem ein Student mit Gürteln geschlagen, antisemitisch beschimpft und mit Münzen beworfen worden sein soll, ist nicht der einzige strafrechtlich relevante Vorfall, in den Mitglieder der Normannia verwickelt waren. Recherchen der RNZ haben ergeben, dass mindestens ein Mitglied der Normannia bereits am 19. Januar 2019 bei einem Angriff auf das Linke Zentrum "Ewwe longt’s!" in der Mannheimer Neckarstadt beteiligt war. Bei der Eröffnungsfeier des Zentrums hatte eine Gruppe von "Störern" versucht, sich Zutritt zu den Räumlichkeiten zu verschaffen und Pfefferspray versprüht. Später wurde durch eine Landtagsanfrage des Mannheimer Abgeordneten Boris Weirauch bekannt, dass es sich bei den "Störern" um Mitglieder der "Jungen Alternative" (JA) Baden-Württemberg sowie um Beteiligte mit Bezügen zur rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) handelte. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hat jetzt auf RNZ-Nachfrage bestätigt, dass mindestens ein Mitglied der Normannia unter den "Störern" war. Ebenfalls bestätigt ist, dass es in der Folge zu einem Ermittlungsverfahren gegen dieses Mitglied gekommen ist. Tatvorwurf war das Führen von Waffen bei öffentlichen Versammlungen oder Aufzügen, strafbar nach dem Versammlungsgesetz. Wie das Verfahren ausging, konnte die Staatsanwaltschaft angesichts der Vielzahl an Ermittlungsverfahren gegen die "Störer" nicht sagen. Zudem soll nach RNZ-Informationen ein Student der Heidelberger Verbindung Rupertia am 1. Mai 2019 von mehreren Normannia-Mitgliedern in der Heidelberger Altstadt zunächst antisemitisch beschimpft und später so geschlagen worden sein, dass das Opfer dabei einen Zahn verlor. Dass es an jenem 1. Mai einen Vorfall gab, hat die Staatsanwaltschaft Heidelberg auf RNZ-Anfrage nun ebenfalls bestätigt. Ein Mitglied der Burschenschaft Normannia wurde in diesem Zusammenhang vom Amtsgericht Heidelberg am 22. Juni 2020 wegen gefährlicher Körperverletzung schuldig gesprochen. Details zu dem Verfahren nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Das Urteil sei aber noch nicht rechtskräftig. Im Zusammenhang mit den Vorfällen am 1. Mai gibt es noch ein weiteres laufendes Ermittlungsverfahren gegen eine andere Person, die zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat ebenfalls Mitglied der Normannia war. Der Tatvorwurf lautet hier auf gefährliche Körperverletzung sowie Volksverhetzung. Wie schon nach dem antisemitischen Übergriff im Haus der Normannia vor drei Wochen gab die Polizei auch nach dem Vorfall am 1. Mai 2019 keine Pressemitteilung heraus. Dabei hatte der Verletzte – laut Staatsanwaltschaft – noch am Abend der Tat Anzeige bei der Polizei erstattet. Doch damit endet die Liste der Ermittlungsverfahren gegen Normannia-Mitglieder noch immer nicht: So hatte die Staatsanwaltschaft Heidelberg vergangenes Jahr auch noch wegen des Verdachts des Zeigens eines "Hitlergrußes" gegen einen der Burschenschaftler ermittelt. Dieses Verfahren wurde mit Verfügung vom 3. Januar 2020 in Ermangelung eines hinreichenden Tatverdachts aber eingestellt, so die Staatsanwaltschaft Heidelberg. An dem antisemitischen Übergriff vom 29. August sollen acht Personen beteiligt gewesen sein. Nach RNZ-Informationen sind mindestens zwei davon Normannia-Mitglieder. Drei weitere stammen aus dem Saarland. Es soll sich um Mitglieder der Saarbrücker Burschenschaft Ghibellinia zu Prag handeln. Bekanntes Mitglied unter den "Alten Herren" dieser Burschenschaft ist der AfD-Bundetagsabgeordnete Christian Wirth – er ist auch Mitglied der Normannia. Update: Donnerstag, 17. September 2020, 20 Uhr Innenministerium hält Zweifel an neutraler Aufklärung für nicht angebracht "Wir nehmen den Vorfall sehr ernst" - Viele offene Fragen werden erst jetzt beantwortet Von Sarah Hinney Heidelberg. Warum wurde die Öffentlichkeit nach dem antisemitischen Übergriff auf einen Studenten im Haus der Burschenschaft Normannia am 29. August erst so spät informiert? Wieso hat die Staatsanwaltschaft Heidelberg in ihrer Pressemitteilung das Schlagen mit dem Gürtel als "gängiges Ritual" dargestellt, obwohl dieses Ritual unbekannt ist? Weshalb wird das Innenministerium erst jetzt aktiv, obwohl seit Jahren bekannt ist, dass die Burschenschaft Normannia Bezüge in die rechtsextreme Szene hat? Wie kann gesichert werden, dass der Vorfall lückenlos aufgeklärt wird, wenn Vertreter von Polizei und Justiz zu den Alten Herren der Normannia gehören? Und hatte Innenminister Thomas Strobl – der selbst seit Studienzeiten Mitglied der "Landsmannschaft Afrania" ist, zu der auch das mutmaßliche Opfer des aktuellen Vorfalls gehört – durch seine Verbindungen frühzeitig Kenntnis von dem Vorfall? Es sind viele Fragen offen – einige davon haben Strobl und das Innenministerium jetzt beantwortet. "Ich habe zur Landsmannschaft Afrania überhaupt keinen regelmäßigen Kontakt mehr", sagte Strobl gegenüber der RNZ. Er selbst habe von dem antisemitischen Vorfall Kenntnis bekommen, als er von der Polizei bearbeitet wurde. Zur Normannia habe er auch zu seiner eigenen Studentenzeit als Afrania-Mitglied in Heidelberg kaum Kontakt gehabt, sagte der Minister weiter. "Besuche aus dem anderen Haus waren sehr selten – was auch damit zusammenhängt, dass die Normannia eine Burschenschaft ist, wir eine Landsmannschaft. Das sind unterschiedliche Dachverbände. Deswegen hatten wir – obwohl wir Nachbarn waren – mit anderen Verbindungen viel mehr Kontakt." Warum das Innenministerium sich erst im Zuge des antisemitischen Übergriffs mit der Normannia beschäftigt, dazu sagt ein Ministeriumssprecher: "Die Burschenschaft ist kein Beobachtungsobjekt des Landesamtes für Verfassungsschutz." Unabhängig davon würde die Polizei bei konkreten Gefahren oder dem Verdacht von strafbaren Handlungen tätig. "Bei antisemitischen Vorfällen sind wir dabei in hohem Maße sensibel und gehen jedem Hinweis auf strafbares Verhalten konsequent nach." Zweifel an der neutralen Aufklärung des Falles seien nicht angebracht, heißt es weiter aus dem Ministerium. Es gehe darum, den Sachverhalt lückenlos aufzuklären, und es werde – ohne Ansehen der Person – jedem noch so geringen Verdachtsmoment umfassend nachgegangen. Dabei habe das Ministerium den Fortgang der Ermittlungen eng im Blick und stehe auch im Austausch mit der jüdischen Gemeinde in Heidelberg und dem Antisemitismus-Beauftragten des Landes, Michael Blume. Blume hatte vergangene Woche die Pressemitteilung von Staatsanwaltschaft und Polizei kritisiert, weil dort das Schlagen mit dem Gürtel als "gängiges Ritual" dargestellt wurde. Auf die Frage, wie es dazu kam, gibt das Ministerium lediglich eine ausweichende Antwort: "Die konkrete Tathandlung ist Gegenstand der aktuellen Ermittlungen. Wir nehmen den Vorfall im Innenministerium sehr ernst und haben Vertrauen in die polizeiliche Arbeit und die lückenlose Aufklärung." Völlig offen bleibt indes die Frage, warum die Öffentlichkeit nicht spätestens nach der Hausdurchsuchung bei der Normannia am 2. September informiert wurde. Die Information der Öffentlichkeit sei am Verlauf der Ermittlungen auszurichten und obliege der Staatsanwaltschaft, heißt es dazu aus dem Ministerium. Update: Montag, 14. September 2020 Normannia hat seit Jahren Verbindungen zu Rechtsextremen Nun macht auch die Landtags-SPD Druck. Auch OB Würzner und die Universität meldeten sich zu Wort. Zudem stellt sich die Frage, wer den Wikipedia-Beitrag zur "Gürtelung" schrieb, der erst nach dem Vorfall entstand? Von Sarah Hinney Heidelberg. Aufklärung mit Nachdruck hat Innenminister Thomas Strobl am Donnerstag gegenüber der RNZ im Zusammenhang mit dem antisemitischen Übergriff auf einen Studenten im Haus der Normannia versprochen – auch die Landtags-SPD macht jetzt Dampf. Der Mannheimer SPD-Abgeordnete Boris Weirauch möchte in einer Landtags-Anfrage wissen, ob Verbindungen von Burschenschaften in die rechtsextreme Szene, Bezüge zur AfD und zur "Identitären Bewegung" bestehen. Bezüge der Normannia zur AfD zu finden, ist ein Leichtes: Zu den "Alten Herren" der Burschenschaft gehört der AfD-Bundestagsabgeordnete Christian Wirth. Martin Kohler, stellvertretender Vorsitzende des Berliner Landesverbands der AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative" (JA), posierte bereits 2018 auf der Terrasse des Normannia-Hauses – und postete das Bild auf Instagram. Der AfD-Politiker Malte Kaufmann war ebenfalls 2018 als Redner bei der Burschenschaft zu Gast. Auch die Nähe der Burschenschaft zur rechtsextremen Szene ist seit Jahren bekannt. Schon 2004 hatte die RNZ über ein geplantes Treffen bei der Normannia berichtet, das nach Protesten wieder abgesagt worden war. Zu der Veranstaltung waren unter anderem Michael Nier und Karl Richter als Redner angekündigt. Richter wurde 1995 wegen Volksverhetzung verurteilt. Nier war Europakandidat für die NPD. Aus Österreich sollte außerdem Gerhoch Reisegger anreisen – ein rechtsextremer Publizist und Verschwörungstheoretiker. Unklar ist indes weiterhin, was hinter dem Versuch steckt, den antisemitischen Übergriff im Haus der Normannia im Nachhinein zu verharmlosen. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hatte am Montag gegenüber der RNZ geäußert, dass es sich bei dem Schlagen mit Gürteln, der sogenannten "Gürtelung", angeblich um ein gängiges Ritual handele. In einer Presseerklärung hatten Polizei und Staatsanwaltschaft die Aussage am Dienstag wiederholt. In der Nacht zum Mittwoch hatte dann ein Unbekannter einen ausführlichen Wikipedia-Artikel zum Thema angelegt. Darin wurde behauptet, dass es sich bei der "Gürtelung um ein humoristisches Ehrenritual mit dem Zwecke symbolischer Bestrafung oder eines Kräftemessens innerhalb jugendlicher (meist akademischer) Kreise" handle. Pikant dabei: Nur wenige Stunden später verbreitete Norbert Weidner auf Twitter den Beitrag. Weidner war von 2008 bis 2012 Schriftleiter der "Burschenschaftlichen Blätter" und als solcher Mitglied des Verbandsrates der Deutschen Burschenschaft. Er gilt überdies als rechtsextrem und gehörte früher mehreren neonazistischen Organisationen an. Der Wikipedia-Beitrag hatte jedoch nicht lange Bestand – seit Donnerstagabend ist er gelöscht. In der Causa Normannia sind also viele Fragen offen. "Die Geschehnisse müssen vollständig aufgeklärt werden", forderte Oberbürgermeister Eckart Würzner am Freitag. "Ich bin entsetzt über diesen widerlichen Vorfall. Es ist wichtig, dass das Opfer Anzeige erstattet hat und die Täter nun ermittelt werden." In Heidelberg gebe es keinen Platz für Antisemitismus, rechtsradikales Gedankengut und Gewalt – weder in Burschenschaften noch an anderer Stelle. "Wir sind eine weltoffene und tolerante Stadt, in der das friedliche Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen tagtäglich gelebt wird. Jüdisches Leben ist ein unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaft", so der OB. Auch die Universität Heidelberg hat sich inzwischen zu Wort gemeldet und verurteilt antisemitische Übergriffe und Diskriminierungen auf das Schärfste: "Die Universität Heidelberg ist eine Einrichtung, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft, Geschlechter, sexueller sowie religiöser und weltanschaulicher Orientierungen, sozialer Schichten und aus vielen verschiedenen Ländern zusammenkommen, um partnerschaftlich, gleichberechtigt und respektvoll miteinander zu arbeiten." Zu Burschenschaften unterhalte die Universität keinerlei institutionelle Verbindungen. Vielmehr betrachte man sie als "Netzwerke von Privatpersonen". Die Uni vertraue darauf, "dass die staatlichen Instanzen antisemitische Übergriffe jeglicher Art rückhaltlos aufklären und ahnden". Update: Samstag, 12. September 2020 "Wer schweigt, macht sich mitschuldig" Nach dem Vorfall bei der Burschenschaft Normannia demonstrierten in Heidelberg 100 Menschen gegen Antisemitismus. Von Philipp Neumayr Heidelberg. Rund 100 Menschen versammelten sich am Freitagabend auf dem Universitätsplatz, um nach dem Vorfall im Haus der Heidelberger Burschenschaft Normannia ein Zeichen zu setzen gegen Antisemitismus. Das Junge Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) in Heidelberg hatte am Mittwoch im Internet zu der Kundgebung mit dem Titel "Entschlossen gegen Antisemitismus" aufgerufen, und Angehörige verschiedener Parteien und Initiativen von den Liberalen bis zur Antifa waren diesem Aufruf gefolgt. Er sei "schockiert und wütend", darüber, was sich auf dem Burschenschafts-Haus zugetragen habe, erklärte Patrick Baumgärtner vom Jungen Forum der DIG. In der Nacht auf den 29. August soll ein 25-Jähriger dort mit Münzen beworfen und mit Gürteln geschlagen worden sein, nachdem er angegeben hatte, dass er jüdische Vorfahren habe. Ans Licht gebracht wurde das Ganze von der Antifaschistischen Initiative Heidelberg, die darüber auf ihrer Homepage und in einer Pressemitteilung informierte. Auf der Homepage der Normannia wurde inzwischen die Auflösung der studierenden Mitglieder der Burschenschaft, der sogenannten "Aktivitas", bekannt gegeben. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Staatsschutz beschäftigen sich mit dem Fall. Es sei nicht der erste antisemitische Übergriff in diesem Jahr, weder in Heidelberg noch in Deutschland, sagte Baumgärtner. Er und ein weiterer Vertreter des Jungen Forums forderten unter anderem, das Thema Antisemitismus in der Gesellschaft grundsätzlicher anzugehen, auch unterschwelligere Formen dessen auszumachen und darauf hinzuweisen. CDU-Landtagskandidatin Anja Boto sagte: "Antisemitismus ist nicht tragbar und das müssen wir in alle Gesellschaftsgruppen hinaustragen." Der Heidelberger FDP-Landtagskandidat Benjamin Brandstetter betonte, dass eine schnelle Aufklärung, wie sie Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) versprach, nicht ausreiche. "Wir müssen den Antisemitismus als das bekämpfen, was er ist: ein Angriff gegen uns alle." Hieronymus Eichengrün von den Jungen Liberalen hat es laut eigener Aussage selbst erlebt, wie es ist, zum Ziel von Antisemitismus zu werden, als er mit Kippa durch die Stadt lief. Mittlerweile mache er das nicht mehr, da er das Gefühl habe, sich nicht mehr frei bewegen zu können. Eichengrün forderte, dass der Staat mit aller Härte gegen antisemitische Übergriffe wie bei der Normannia vorgehen müsse, dass die Polizei stärker für Antisemitismus sensibilisiert wird – und dass niemand mehr die Augen verschließe, denn: "Wer schweigt, macht sich mitschuldig." Update: Samstag, 12. September 2020 Landes-SPD will mehr über die Vorfälle bei der Burschenschaft wissen In der Landtagsanfrage geht es um Bezüge zur AfD, zur "Identitären Bewegung" oder anderen rechtsextremen Parteien oder Gruppierungen. Von Sören Sgries Heidelberg/Stuttgart. Nachdem die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen zu einem antisemitischen Vorfall in einem Heidelberger Burschenschaftshaus aufgenommen hat, schaltet sich auch die Landtags-SPD ein. In einer Landtagsanfrage, die am Donnerstag gestellt wurde, wollen die Parlamentarier unter Bezug auf die RNZ-Berichterstattung unter anderem wissen, wann die Landesregierung von den Vorfällen Kenntnis bekommen hat. Auch wird sehr detailliert nach Bezügen zur AfD, zur "Identitären Bewegung" oder anderen rechtsextremen Parteien oder Gruppierungen gefragt. Der Mannheimer SPD-Abgeordnete Boris Weirauch sagte dazu, die Landesregierung müsse genau hinschauen, ob es Verbindungen von Burschenschaftlern in die rechtsextreme Szene gebe: "Zustände wie in Österreich, wo rechtsextreme Burschenschaften offen agieren und leider wesentlichen gesellschaftlichen Einfluss ausüben, darf es in Deutschland nicht geben!" Update: Freitag, 11. September 2020 Innenminister verspricht Nachdruck bei der Aufklärung Die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg fordert alle Burschenschaften zur Distanzierung auf. Die Jusos wollen weitere Verbindungen vom Verfassungsschutz prüfen lassen. Von Sarah Hinney und Sören Sgries Heidelberg. Auch das Innenministerium Baden-Württemberg beschäftigt sich mit dem antisemitischen Übergriff im Haus der Burschenschaft Normannia. Innenminister Thomas Strobl (CDU) sagte am Donnerstag im Gespräch mit der RNZ: "Ich kann Ihnen versichern, dass durch das Polizeipräsidium Mannheim unter Sachleitung der Staatsanwaltschaft Heidelberg mit Nachdruck daran gearbeitet wird, den strafrechtlich relevanten Sachverhalt aufzuklären." Am 29. August soll ein Mitglied der Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania bei der Normannia beleidigt, mit Münzen beworfen und mit Gürteln geschlagen worden sein, nachdem er angegeben hatte, dass er jüdische Vorfahren habe. Laut Strobl – der 60-Jährige studierte selbst in Heidelberg Jura und ist Mitglied in der Verbindung Afrania – hat das Innenministerium sich von Anfang an regelmäßig und eng über die Ermittlungen des Polizeipräsidiums Mannheim informieren lassen. Dort seien Spezialisten des Staatsschutzes, aber auch etwa Kriminaltechniker eingebunden. Das laufende Verfahren wollte er nicht kommentieren. Er betonte aber: "Antisemitische Vorfälle nehmen wir nicht einfach hin, sie müssen vollständig aufgeklärt werden." Der Schutz jüdischen Lebens und die Bekämpfung von Antisemitismus hätten "bei mir persönlich und im Innenministerium höchste Priorität". Strobl sagte weiter: "Wir treten jeder Form von Antisemitismus in all seinen widerwärtigen Erscheinungsformen mit äußerster Konsequenz entgegen. Das ist mir auch persönlich ein Herzensanliegen." Auch der Vize-Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, Frederek Musall, äußerte sich am Donnerstag auf RNZ-Nachfrage: "Gerade weil sich Burschenschaften in ihrem historischen Selbstverständnis als Vorkämpfer der Demokratie verstehen, sind sie jetzt aufgefordert, sich klar zu dem antisemitischen Vorfall zu positionieren und sich zu distanzieren." Es sei aber wichtig, "nicht alle in einen Topf zu werfen". Gerade in einer internationalen, weltoffenen Stadt wie Heidelberg dürfe kein Platz sein für Antisemitismus – und auch nicht für Rituale, die gegen die Würde von Menschen verstoßen. "Körperverletzung ist eine Straftat, das kann man nicht beschönigen", so Musall weiter. Auch wenn es sich nur um Verfehlungen einzelner handeln sollte, findet Musall: "Wenn die Burschenschaften in Heidelberg sagen, dass so etwas hier keinen Platz hat, dann ist das auch ein wichtiges Signal über Heidelberg hinaus." Die Studentenschaft der Universität Heidelberg verurteilt den antisemitischen Angriff auf das Schärfste. "Sowohl die Universität Heidelberg als auch die Heidelberger Studentenschaft haben eine beschämende Vergangenheit, was Antisemitismus und Nationalsozialismus anbelangt", sagte der Vorsitzende der Studentenschaft, Leon Köpfle. "Als Studenten der Universität Heidelberg sehen wir uns deshalb in einer besonderen Verantwortung, dass weder nationalsozialistisches Gedankengut noch Antisemitismus je wieder einen Platz an unserer Universität – oder überhaupt in unserer Gesellschaft – finden." Auch der Heidelberger SPD-Landtagskandidat Daniel Al-Kayal und die Juso-Hochschulgruppe verurteilen in einer Erklärung den Übergriff. Der Fall lege die antisemitische Gesinnung der Burschenschaft für alle offen. Die Jusos würden seit Jahren mit Aktionen zum Semesterstart über Burschenschaften aufklären. Juso-Mitglied Annalena Wirth sagte: "Burschenschaften locken Erstsemester mit günstigen Unterkünften und Gemeinschaftsgefühl, dahinter stecken jedoch unterdrückende Strukturen und ein Weltbild, das 1933 stehen geblieben ist.” Immer wieder würden der Normannia Verbindungen in die rechtsextreme Szene nachgesagt. Al-Kayal fordert deshalb, dass der Altherrenverein der Normannia und weitere Burschenschaften vom Verfassungsschutz überprüft werden. Update: Donnerstag, 10. September 2020, 20 Uhr Demütigende Männlichkeitsrituale "haben im 21. Jahrhundert nichts zu suchen" Antisemitismus-Beauftragter der Regierung kritisiert Presseerklärung der Polizei - Innenministerium wird aktiv Von Sarah Hinney Heidelberg. Der antisemitische Übergriff im Haus der Burschenschaft Normannia in Heidelberg zieht Kreise. Am Dienstag hat sich der Antisemitismus-Beauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg, Michael Blume, zu den Vorfällen geäußert. Er habe Erkenntnisse, dass zu den Alten Herren der Normannia "Vertreter von Justiz und Polizei gehörten", so Blume. Namen nannte er am Mittwoch auf Nachfrage der RNZ nicht. Gleichwohl betonte Blume, dass er persönlich mit dem Landeskriminaldirektor gesprochen habe und in alle Richtungen ermittelt werde. Verärgert zeigte sich Blume über die Veröffentlichung der Presseerklärung von Polizei und Staatsanwaltschaft, in der die sogenannte "Gürtelung" als gängiges Ritual bezeichnet wurde. Zum Hintergrund: Der Geschädigte soll in der Nacht vom 29. August im Haus der Normannia in der Straße "Kurzer Buckel" am Schloss von mehreren Personen mit Gürteln geschlagen, Münzen beworfen und antisemitisch beschimpft worden sein, nachdem er angegeben hatte, dass er jüdische Vorfahren hatte. "Ich wünsche mir, dass Männlichkeitsrituale, die Demütigungen und Gewalt beinhalten, endlich aufhören", sagte Blume, der betonte, dass er selbst bei der Bundeswehr war. Blume sagte weiter: "Ich bin der Meinung, so etwas hat im 21. Jahrhundert nichts zu suchen. Weder bei einer Burschenschaft noch in einer Pressemitteilung der Polizei." Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein neuer Beitrag auf Wikipedia. Dort wird behauptet, dass es sich bei der "Gürtelung" um ein "humoristisches Ehrenritual" handle. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hatte erstmals am Montag gegenüber der RNZ geäußert, "dass das Gürteln von Gästen der Burschenschaft nach bisherigem Erkenntnisstand nicht unüblich ist und wohl von den Beteiligten in der Regel akzeptiert wird". Noch am Montag war zu diesem "Ritual" im Internet – auch bei Wikipedia – allerdings nichts zu finden. Auch Kennern der Burschenschaftszene war das "Gürteln" bis dato unbekannt. Blume überrascht das nicht. Es komme immer wieder vor, dass versucht werde, Dinge im Nachhinein sprachlich zu glätten. Blume ist dennoch optimistisch, dass die Vorkommnisse bei der Normannia jetzt mit Nachdruck und lückenlos aufgeklärt werden. Er sagt aber auch: "Ich hätte mir gewünscht, dass die Öffentlichkeit früher informiert worden wäre." Immerhin habe es aber eine Hausdurchsuchung gegeben. Der Antisemitismus-Beauftrage zeigte sich außerdem sicher: "Da wird noch einiges zutage kommen." Inzwischen berichten mehrere überregionale Medien über den Übergriff. Auch das Innenministerium Baden-Württemberg ist jetzt in der Sache aktiv geworden. Zu den Äußerungen Blumes, dass zur Normannia auch "Vertreter von Justiz und Polizei gehörten", äußerte sich das Ministerium gestern aber nicht. Ein Sprecher teilte gegenüber der RNZ jedoch auf Nachfrage mit, man habe die Polizei Mannheim um Informationen und um eine Stellungnahme gebeten. Beides liege aber noch nicht vor. "Der Fall und bestimmte Aussagen lassen uns nicht kalt. Wir möchten mehr über den Sachverhalt erfahren, das Thema interessiert uns natürlich brennend", sagte der Sprecher weiter. Er betonte aber gleichzeitig, dass Polizei und Staatsanwaltschaft akribisch ermitteln und die Sache "in guten Händen" sei. Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg hat die Burschenschaften derweil aufgefordert, sich klar zu dem antisemitischen Vorfall in einer Verbindung zu positionieren. "Kommt da jetzt eine Reaktion - wenn nicht, würde Schweigen auch etwas aussagen", meinte Vize-Rektor Frederek Musall. Er sei schockiert von den Ermittlungen zu einem wohl judenfeindlichen Übergriff in der Heidelberger Burschenschaft Normannia. Die "Menschen herabsetzenden Rituale", bei denen ein Gast mit jüdischen Vorfahren bei einer Feier der Normannia mit Gürteln geschlagen, mit Münzen beworfen und antisemitisch beleidigt worden sein soll, gehörten nicht in das 21. Jahrhundert. Zugleich sei er aber von dem Übergriff nicht überrascht, sei er doch einer auf einer langen Liste antisemitischer Attacken aus jüngster Zeit. Update: Donnerstag, 10. September 2020, 10 Uhr Ist die Normannia ein Treffpunkt der rechtsextremen Szene? Ein Ex-Mitglied der Burschenschaft meldete sich bei der RNZ. Zudem teilten die Behörden weitere Details zu dem antisemitischen Übergriff mit. Von Sarah Hinney Heidelberg. Nachdem der antisemitische Übergriff in den Räumen der Burschenschaft Normannia zu Heidelberg am Montag öffentlich wurde, gaben Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag weitere Details bekannt: Aktuell läuft ein Ermittlungsverfahren gegen acht Personen, darunter eine Frau, die im Verdacht stehen, einen 25-jährigen Mann körperlich misshandelt und antisemitisch beleidigt zu haben. Demnach soll der Geschädigte in der Nacht auf Samstag, 29. August, gegen 1 Uhr beleidigt, mit Münzen beworfen und mit Gürteln auf die Beine sowie gegen den Rücken geschlagen worden sein, nachdem er angegeben hatte, dass er jüdische Vorfahren habe. Am 2. September wurde laut Polizei bei einer Hausdurchsuchung umfassendes Beweismaterial sichergestellt. Insgesamt wurden bislang 27 Teilnehmer der Feierlichkeit ermittelt, von denen 8 Personen beschuldigt werden, an den Straftaten beteiligt gewesen zu sein. Die Ermittlungen werden länderübergreifend geführt, unter anderem im Saarland und in Nordrhein-Westfalen, heißt es weiter vonseiten der Staatsanwaltschaft. Bereits am Montagabend hatte sich ein ehemaliges Mitglied der Burschenschaft Normannia bei der RNZ gemeldet und glaubwürdig berichtet, dass dem Altherrenverband bereits in der Vergangenheit Informationen darüber vorlagen, dass das Verbindungshaus Treffpunkt der örtlichen rechtsextremen Szene sei. Auch soll dem Altherrenverband seit über einem Jahr bekannt gewesen sein, dass es schon früher im Verbindungshaus zu antisemitischen Äußerungen und dem Zeigen des "Hitlergrußes" gekommen sei. Ferner, dass die rechtsextreme "Identitäre Bewegung" regelmäßig Stammtische im Verbindungshaus abhalte und dort politische Aktionen plane. All diese Dinge hätten bereits vor über einem Jahr zu massiven Zerwürfnissen innerhalb der Aktivitas – gemeint sind die studierenden Mitglieder der Burschenschaft – geführt. Auch an dem jetzt öffentlich gewordenen antisemitischen Übergriff, der sich gegen ein Mitglied der Alten Landsmannschaft Afrania richtete, soll mindestens ein Mitglied der "Identitären Bewegung" beteiligt gewesen sein. Das zumindest behauptet das Ex-Normannia-Mitglied gegenüber der RNZ. Die Staatsanwaltschaft äußerte sich auf weitere Nachfrage dazu nicht. Erstmals meldete sich am Dienstag auch der Vorsitzende des Altherrenverbands der Burschenschaft Normannia, Gunnar Heydrich, zu Wort. In einer Pressemitteilung an die RNZ schreibt er: "Die Burschenschaft Normannia duldet keinen Antisemitismus in ihren Reihen oder durch Dritte auf ihrem Haus. Nach Kenntnis entsprechender Vorwürfe hat die Burschenschaft Normannia umgehend reagiert und die Auflösung ihrer Aktivitas beschlossen. Mit diesem Schritt soll eine schnelle und vollständige Aufklärung der Vorwürfe erleichtert werden. Die Burschenschaft Normannia kooperiert dabei vollumfänglich mit den Behörden, deren Ermittlungen sich nicht gegen die Burschenschaft Normannia, sondern gegen einzelne Personen richten. Sollten sich die Vorwürfe gegen einzelne ihrer Mitglieder erhärten, wird die Burschenschaft Normannia auch intern entsprechende Konsequenzen ziehen. Antisemitismus und gewalttätige Übergriffe sind mit dem burschenschaftlichen Gedanken nicht zu vereinbaren." Auf die RNZ-Nachfrage, welche Konsequenzen das konkret seien und was genau die Auflösung der Aktivitas bedeute, antwortete der Vorsitzende nicht. Auch zu den Vorwürfen, es sei schon in der Vergangenheit zu antisemitischen Äußerungen im Haus der Normannia gekommen, nahm Heydrich am Dienstag auf RNZ-Nachfrage nicht mehr Stellung. DerAntisemitismus-Beauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg, Michael Blume, appellierte am Dienstag an die Justiz, das Geschehene transparent und öffentlich aufzuklären. Er habe Erkenntnisse, dass zu den Alten Herren der Normannia "Vertreter von Justiz und Polizei gehörten", so Blume. Das mache ihm Sorge. "Da muss jeder Anschein vermieden werden." Er sehe zudem fortgesetzte antisemitische und autoritäre Tendenzen in Burschenschaften. Es sei bekannt, dass gerade die Burschenschaft Normannia eine solche Tradition pflege. Update: Dienstag, 8. September 2020, 20 Uhr Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Burschenschaft Normannia Ein 25-jähriger Gast soll bei einer Feier auf dem Verbindungshaus mit Gürteln geschlagen und antisemitisch beschimpft worden sein. Nach den Übergriff wurden die Aktivitas aufgelöst. Von Sarah Hinney Heidelberg. Es ist ein ungeheuerlicher Vorwurf, der sich gegen die Burschenschaft Normannia Heidelberg richtet und die hiesige Staatsanwaltschaft sowie den Staatsschutz beschäftigt. In der Nacht zum Samstag, 29. August, soll ein 25-jähriger Gast im Verbindungshaus der Normannia in der Straße "Kurzer Buckel" am Schloss gegen 1 Uhr von mehreren Burschenschaftlern mit Gürteln geschlagen und leicht verletzt worden sein. Gleichzeitig wurde er mit antisemitischen Ausdrücken beleidigt und mit Geldmünzen beworfen. Der Geschädigte habe zuvor angegeben, dass er jüdische Vorfahren habe. Das hat die Staatsanwaltschaft Heidelberg auf RNZ-Nachfrage bestätigt. Die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat sowie zu den Tätern dauern an. Öffentlich gemacht hatte den Vorfall die Antifaschistische Initiative Heidelberg sowohl auf ihrer Homepage, als auch in einer Pressemitteilung. Dort heißt es: "Die Burschenschaft Normannia zu Heidelberg hat am 3. September mit sofortiger Wirkung ihre Aktivitas aufgelöst. Vorausgegangen war der antisemitisch motivierte Angriff mehrerer Burschenschafter auf ein Mitglied der ,Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania’ im Haus der Normannia am Abend vom 28. auf 29. August." An dem Angriff seien neben Aktiven Studenten der Normannia auch Mitglieder der Burschenschaften Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken und Germania Köln beteiligt gewesen, schreibt die Initiative weiter. Die Beteiligung der zwei weiteren Burschenschaften bestätigte die Staatsanwaltschaft Heidelberg am Montag nicht – dies werde noch ermittelt. Sicher ist indes, dass das Anwesen von der Polizei durchsucht wurde, "um mögliche Beweismittel" zu sichern – etwa Gästebücher. Die Antifaschistische Initiative kritisiert: "Bei den offiziellen Pressemitteilungen des Polizeipräsidiums Mannheim sucht man vergebens nach einer Veröffentlichung zu dieser antisemitisch motivierten Körperverletzung." Und tatsächlich hat die Polizei – die täglich eine Vielzahl von Pressemitteilungen online veröffentlicht – über diesen Vorfall bislang nicht berichtet. In der Pressestelle der Polizei verwies man am Montag auf Nachfrage direkt an die Staatsanwaltschaft. "Wir sind in der Sache sofort aktiv geworden, aber wir wollten mehr über die Hintergründe wissen. Und wir wissen auch noch nicht, wie viele Personen an dem Vorfall beteiligt waren", begründet ein Sprecher der Staatsanwaltschaft die Zurückhaltung bei der Information der Öffentlichkeit. Aktuell seien drei Personen namentlich bekannt, man gehe aber davon aus, dass insgesamt mindestens sechs Personen beteiligt waren. Erwähnenswert sei indes, dass das "Gürteln" von Gästen der Burschenschaft nach bisherigem Erkenntnisstand nicht unüblich sei und wohl von den Beteiligten in der Regel akzeptiert werde, so der Sprecher weiter. Am Dienstag teilte die Polizei mit, dass der 25-Jährige direkt nach dem Vorfall am Samstag Strafanzeige erstattet hatte. Die Kriminalinspektion 6, Staatsschutz, der Kriminalpolizeidirektion Heidelberg habe unter Beteiligung der Kriminaltechnik und der forensischen IT danach die Ermittlungen aufgenommen. Bei einer Durchsuchung des Verbindungshauses am vergangenen Mittwoch sei dabei umfassendes Beweismaterial gefunden und sichergestellt worden. Insgesamt werden gegen 27 Teilnehmer der Feier ermittelt. Acht davon sollen an den Straftaten beteiligt gewesen sein. Ein Teil der Ermittlungen würden auch in Saarland und in Nordrhein-Westfalen geführt. Es zeichne sich ab, dass es sich bei dem Schlagen mit den Gürteln, der sogenannten "Gürtelung", um ein gängiges Ritual der tatverdächtigen Personen handeln soll. Auf der Homepage der Normannia wurde die Auflösung der studierenden Mitglieder der Burschenschaft, der sogenannten "Aktivitas", bekannt gegeben. Der Altherrenverein der Burschenschaft, die 1890 in Heidelberg gegründet wurde, besteht offenbar weiter. Der RNZ wurde zudem anonym das Foto eines Briefes per E-Mail zugeschickt. In diesem Schreiben wendet sich ein Gunnar Heydrich als Vorsitzender des Altherrenbundes der Normannia schriftlich an die "Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania" mit folgenden Worten: "Wir bedauern den abscheulichen und inakzeptablen Vorgang vom 28. auf den 29. August auf unserem Haus, dessen Opfer ihr Bundesbruder wurde, auf das Schärfste. Als Konsequenz haben wir am 3. September mit sofortiger Wirkung unsere Aktivitas aufgelöst." Ob das Schreiben authentisch ist, ist unklar. Sicher ist, dass die Normannia keine Berührungsängste mit einer politisch rechten Gesinnung hat. Zu ihren Mitglieder zählen unter anderem Bundestagsmitglied und AfD-Politiker Christian Wirth sowie der Autor der "Jungen Freiheit" Michael Kurt Paulwitz, der lange bei den Republikanern aktiv war. Weder die Burschenschaft Normannia noch die Alte Leipziger Landsmannschaft Afrania war für die RNZ am Montag telefonisch zu erreichen. Stand: Montag, 7. September 2020, 17 Uhr
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Heidelberger Zoo: Ein kleiner Petz ist der neue, große Star (plus Video) (Tue, 13 Apr 2021)
Von Sarah Hinney Heidelberg hat einen neuen Star und der ist 5,8 Kilogramm schwer, so groß wie ein Mops, sehr flauschig und wahnsinnig niedlich: Merle ist das erste Syrische Braunbärenbaby im Zoo seit 20 Jahren und damit eine kleine Sensation. Dabei liegen Trauer und Freude dicht beieinander: Merles Vater Martin musste im Januar – nur wenige Tage bevor seine Tochter auf die Welt kam – eingeschläfert werden. Er hatte Arthrose in beiden Kniegelenken und litt unter starken Schmerzen. Den Pflegerinnen und Pflegern fiel der Abschied von Martin sehr schwer. "Er war ein ganz toller, lieber Bär", sagt die Leiterin im Raubtierrevier, Bianca Weißbarth. Dass seine Partnerin Ronja ein Kind von ihm erwartete, hat alle überrascht: "Wir haben nicht mit Nachwuchs gerechnet, aber am 15. Januar hat plötzlich etwas in der Box geschrien und das war nicht Ronja", erzählt die Revierleiterin begeistert. Warum es diesmal mit dem Nachwuchs geklappt hat, könnte einen Grund haben: Zum ersten Mal hatte die Revierleiterin die Braunbären im vergangenen Jahr konsequent in die Winterruhe geschickt. Bis auf einen vorsichtigen Blick in die Box jeden Morgen blieben die Tiere völlig ungestört. In den Jahren zuvor waren die Bären das ganze Jahr über auch draußen in der Anlage unterwegs. "Syrische Braunbären brauchen nicht zwingend Winterruhe", erklärt Weißbarth. Dennoch habe man das diesmal ausprobieren wollen. Letztlich liegt es in der Natur der Bären, dass der Stoffwechsel der Tiere ganz runterfährt. Sie brauchen während der Winterruhe keine Nahrung, eigentlich nicht mal Wasser, schlafen fast nur. Ganz wie in der Natur hat sich Ronja also im vergangenen Sommer eine dicke Fettschicht angefressen, im Herbst wurde sie mit vielen Nüssen gefüttert und zum Schluss gab es nur noch Salat. In ihrer Wurfbox hat sich Ronja dann auch prompt ein kuscheliges Nest gebaut. Ihr kleines Baby kam während der Winterruhe zur Welt – ganz so, wie es sich für Braunbären gehört. Gerade mal so groß wie ein Meerschweinchen war das kleine Bärenbaby bei seiner Geburt. "Wir haben es lange nicht gesehen. Bärenbabys krabbeln nach der Geburt direkt über den Bauch zur Brust der Mutter, um zu trinken", erklärt Bianca Weißbarth. Getrunken hat Merle dafür ziemlich laut und deshalb haben die Pfleger das kleine Bärchen täglich gehört. Nach etwa sechs Wochen bekamen sie es dann endlich erstmals zu sehen. Inzwischen ist Merle drei Monate alt und kerngesund, Ronjas Winterruhe ist auch vorbei. "Sie ist eine großartige Mama", freut sich Weißbarth über Ronjas liebevollen Umgang mit ihrem Baby. Bärenpapa Martin fehlt den beiden nicht – auch wenn das traurig klingt, aber Bärinnen ziehen auch in der Natur ihre Jungen ganz alleine auf. Zoodirektor Klaus Wünnemann freut sich ebenfalls riesig über den Nachwuchs: "Es ist schon eine Ewigkeit her, dass wir junge Bären im Zoo hatten. Dabei ist Nachwuchs für die Syrischen Braunbären so wichtig. Die Tiere sind in Kleinasien von der Ausrottung bedroht und auch die Zoopopulation kann jedes Jungtier gut gebrauchen." Bis die Zoobesucher die beiden beobachten können, ist noch etwas Geduld gefragt. Erst wenn die Temperaturen dauerhaft wärmer werden und Merle sich sicher durch das Innengehege bewegt, dürfen Mutter und Tochter gemeinsam die große Außenanlage erkunden. Info: Die ersten Fotos und Videos von Bärenkind Merle gibt es online unter www.zoo-heidelberg.de/deinZoo. Update: Dienstag, 13. April 2021, 20.08 Uhr Zum ersten Mal seit 20 Jahren Nachwuchs bei den Braunbären Merle ist das Vermächtnis des eingeschläferten Braunbären Martin. Bis die Zoobesucher die beiden Bärinnen selbst beobachten können, ist noch etwas Geduld angesagt. Heidelberg. (RNZ) Neuer Nachwuchs im Heidelberger Zoo: Die syrische Braunbärin Ronja hat im Januar 2021 eine kleine Bärin zur Welt gebracht, wie der Tierpark mitteilt. Noch sind die beiden im Innenhaus der Bärenanlage untergebracht. Bis vor den Ostertagen waren Mutter und Tochter, wie es in der Natur üblich ist, in Winterruhe. Seit letzter Woche sind beide immer aktiver geworden und die kleine Bärin hat nun begonnen, das Innengehege neugierig zu erkunden. Die Tierpfleger konnten Mutter und Tochter dabei mit der Kamera erstmalig erfassen. Für den Zoo ist es der erste Nachwuchs bei den syrischen Braunbären seit über 20 Jahren. Die letzten Heidelberger Bären kamen 1994 zur Welt. "Es ist schon eine Ewigkeit her, dass wir junge Bären im Zoo hatten", berichtet Zoodirektor Klaus Wünnemann. Nachwuchs für die syrischen Braunbären so wichtig: Die Tiere sind in Kleinasien von der Ausrottung bedroht und auch die Zoopopulation kann jedes Jungtier gut gebrauchen. Bären bringen ihre Jungtiere während der Winterruhe zur Welt. Bärin Ronja hat in diesem Zeitraum fast nur geschlafen. Dass ein Jungtier geboren wurde, haben die Tierpfleger nur auf der Überwachungskamera im Innengehege erahnen können. Für die Bärin ist es der erste Nachwuchs. Absolute Ruhe war daher für sie sehr wichtig. Erst nach rund drei Monaten, als Ronja kurz vor Ostern wieder aktiver wurde, begannen die Tierpfleger, sich den beiden behutsam zu nähern. Am Montag konnte die erste tierärztliche Untersuchung des Jungtieres durchgeführt werden. Neben der Geschlechtsbestimmung überprüfte die Zoo-Tierärztin das Gewicht und die junge Bärin erhielt einen Mikrochip mit ihrer persönlichen Identifikationsnummer. Das Ergebnis der Untersuchung lautet: Die junge Bärin ist kerngesund. Revierleiterin im Raubtierrevier, Bianca Weißbarth hofft, dass sich die Kleine gut entwickelt. Der syrische Braunbär Martin musste Anfang des Jahres aufgrund von massiven Arthrosen in beiden Knien eingeschläfert werden. Nur wenige Wochen später, am 15. Januar, kam sein Nachwuchs zur Welt. Bärin Ronja wird die Kleine alleine aufziehen. Weißbarth sagt: "In der Natur treffen sich Bären meist nur zur Paarung. Die Jungenaufzucht ist alleine Sache der Bären-Mütter, dabei spielen die Bären-Väter keine Rolle." Dass Martin nicht mehr da ist, wird sie in der Aufzucht nicht behindern. Bisher kümmere sich Ronja sehr gut um die Kleine und sei im Umgang mit ihr ganz entspannt. Einen Namen hat die junge Bärin bereits erhalten. In Gedenken an den Bärenvater Martin haben die Tierpfleger ebenfalls einen Namen mit dem Anfangsbuchstaben M gewählt – Merle. Bis die Zoobesucher die beiden Bärinnen Ronja und Merle selbst beobachten können, ist noch etwas Geduld angesagt. Erst wenn die Temperaturen dauerhaft wärmer werden und Merle sich sicher durch das Innengehege bewegt, dürfen Mutter und Tochter gemeinsam nach und nach die große Außenanlage erkunden. Ein genaues Datum steht noch nicht fest. Info: Mehr von "Martins Vermächtnis" gibt es unter www.zoo-heidelberg.de/deinZoo zu sehen.
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Radachse Adenauerplatz: Asphaltdecke muss nachgebessert werden (Tue, 13 Apr 2021)
Heidelberg. (RNZ/rl) Seit rund einem Jahr gibt es die neue Radachse als schnelle Radverbindung von Altstadt und Hauptbahnhof am Adenauerplatz. Wegen eines Materialfehlers muss nun die Asphaltdeckschicht im Zuge von Gewährleistungsarbeiten erneuert werden. Das teilte die Stadt Heidelberg am Dienstag mit.  Dabei handle es sich um den gleichen Materialfehler, der auch am Kreuzungsausbau Speyerer Straße und "Im Mörgelgewann" an der Großsporthalle aufgetreten war: Hier stellte sich bei einer Prüfung heraus, dass die neue Deckschicht begann, sich vom Untergrund abzulösen. Schuld daran sind winzige, nicht-sichtbare Bestandteile im Asphalt, die zu viel Regenwasser aufnehmen und den Belag zum Aufplatzen bringen. Bei den Bauarbeiten war der Materialfehler für die beauftragte Baufirma nicht feststellbar, teilte die Stadt mit. Zusätzliche Kosten entstünden der Stadt durch die Nachbesserung nicht. Anders als an der Speyerer Straße seien an der Radachse Adenauerplatz keine größeren Schäden an der Deckschicht aufgetreten. Die Arbeiten solle kommenden Freitag, 16. April, starten und soll fast ausschließlich an den Wochenenden stattfinden. Einzig in der letzten Bauphase ab Anfang Mai, wenn die Baustelle in den Einmündungsbereich der Kreuzung Sofienstraße wandert, soll auch wochentags gearbeitet werden. Am 12. Mai sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Verkehrsführung Während der Arbeiten soll an den Wochenenden wechselweise nur ein Fahrstreifen im Bereich der Kreuzung Friedrich-Ebert-Anlage und Sofienstraße befahrbar sein. Je nach Baufortschritt ist dann zunächst das Geradeausfahren in Richtung Hauptbahnhof, später das Rechtsabbiegen in die Sofienstraße oder das Linksabbiegen und Umrunden des Adenauerplatzes nicht möglich. Eine Umleitung für den Autoverkehr rund um den Bismarckplatz wird ausgeschildert. Auch der Radverkehr wird über Nadlerstraße, Plöck, Kleine Plöck und Rohrbacher Straße umgeleitet. Fußgänger werden innerhalb der Baustelle umgeleitet. Es müsse mit Verkehrsbehinderungen gerechnet werden, teilte die Stadt mit.
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Heidelberg: Auto kollidierte mit Kleinlaster in Wieblingen (Tue, 13 Apr 2021)
Heidelberg. (pol/rl) Am Montagvormittag stießen in Wieblingen ein Auto und ein Kleinlaster zusammen. Das teilte die Polizei mit. Ein 19-jähriger VW-Fahrer fuhr gegen 9.40 Uhr auf dem Kurpfalzring in Richtung Wieblingen und wollte an der Einmündung in die Umgehungsstraße (L637) nach rechts in Richtung Autobahn weiterfahren. Dabei missachtete er die Vorfahrt eines Kleinlasters, dessen 57-jähriger Fahrer ebenfalls in Richtung Autobahn fuhr. Bei dem Zusammenstoß wurden der 19-jährige VW-Fahrer leicht verletzt. Der VW Auto musste abgeschleppt werden. Der 57-Jährige blieb unverletzt. Es entstand rund 15.000 Euro Gesamtschaden.
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Heidelberg: Alles ist möglich auf dem "Sonnendeck" (Tue, 13 Apr 2021)
Von Anica Edinger Heidelberg. Es könnte ein Kultursommer der Superlative werden – denn jetzt steht fest: Neben der Sommerbühne des Karlstorbahnhofs wird es eine zweite Open-Air-Bühne in Heidelberg geben. Am 13. Juni will das städtische Theater die Saison für das "Sonnendeck" eröffnen, und das an einem besonderen Ort: den denkmalgeschützten Bäderterrassen des Heidelberger Schlosses. Bis zum 31. Juli soll es dort zusätzlich zu den Schlossfestspielen Kunst und Kultur geben. Schauspiel, Musik, Kabarett: Möglich ist alles, wie Theater-Intendant Holger Schultze jetzt sagt. "Das Ambiente dort oben ist magisch", schwärmt Brit Bartkowiak, Oberspielleiterin am Theater. Schultze träumt derweil: "Das könnte Modellcharakter auch für die Zukunft haben." Bespielt wird das "Sonnendeck", wo unter Wahrung der Corona-Regel 80 Zuschauer Platz finden, nicht nur von allen Sparten des Theaters, es wird auch zur Bühne für die freie Szene. Freie Künstlerinnen und Künstler sind ab sofort aufgerufen, sich mit ihren Aufführungen für einen Platz auf dem "Sonnendeck" zu bewerben. "Das war uns eine Herzensangelegenheit", so Bartkowiak. Sie selbst arbeitete als freie Regisseurin, bevor sie im Februar 2021 im Theater angestellt wurde. Deshalb weiß sie auch: Je länger die Pandemie andauert, je länger Kunst und Kultur nicht stattfinden, desto prekärer, gar "desaströs", wie Bartkowiak sagt, werde die Situation für freie Künstlerinnen und Künstler. "In meinem persönlichen Umfeld haben viele bereits aufgegeben, sich beruflich umorientiert." Umso wichtiger sei es, nun als Künstler zusammenzustehen – egal ob frei oder fest angestellt. Das sieht auch Holger Schultze so: "Jetzt geht es um Solidarität." Von Beginn an sei deshalb klar gewesen, dass das "Sonnendeck" für die freie Szene geöffnet wird – und dass die Auftritte selbstredend auch allesamt honoriert werden. Schultze sieht es als eine Art "Kleinkunstbühne": "Ich kann mir dort alles vorstellen: den Jazzpianisten ebenso wie den Zauberkünstler oder eine Kabarettgruppe." Die ganz große Vielfalt: Das wünscht sich auch die Oberspielleiterin auf dem "Sonnendeck". Vor allem aber solle es darum gehen, eine gewisse Leichtigkeit an lauen Sommerabenden zu transportieren. Und auch, wenn das Theater über das Programm noch Stillschweigen bewahrt, steht eines bereits fest: Die Premiere auf dem "Sonnendeck" gestaltet der Opernchor des Theaters mit einer Art Chorrevue – natürlich coronakonform. Das heißt: Der Chor tritt nicht als ganzer Chor auf, vielmehr treten die einzelnen Individuen in den Vordergrund. Schultze war das ein Anliegen, denn er sagt: "Als Chor hat man gar keine Perspektive mehr." Denn gemeinsames Singen ist aktuell wegen Corona unvorstellbar. Man könne sich deshalb gar nicht ausmalen, wie die Chormitglieder in den ersten Proben fürs "Sonnendeck" aufgeblüht seien, wie groß die Freude gewesen sei, endlich wieder etwas zu tun. Sechs Mal wöchentlich könnte das "Sonnendeck" ab dem 13. Juni bespielt werden. Die Programmpunkte sollen jeweils nicht länger als eine Stunde dauern. Dass die Nachfrage nach Kunst da ist, dass die Menschen förmlich danach lechzen, davon ist Schultze überzeugt. Die Karten für die Schlossfestspiele seien nahezu ausverkauft, berichtet er. Es habe einen regelrechten Ansturm gegeben. Laut Bartkowiak zeige das eindrücklich, wie wichtig Kunst und Kultur für unser gesellschaftliches Zusammenleben sei. So sei das "Sonnendeck" doch auch ein "Hoffnungsschimmer", meint Bartkowiak. Für alle im Theater. Für die freie Szene. Fürs Publikum. Es ist die Chance auf einen echten Kultursommer in Heidelberg – sofern es die dann geltenden Corona-Regeln zulassen. Im Theater geht man einfach davon aus, dass das so sein wird. Schultze fragt: "Was sollen wir sonst auch tun?" Info: Der Vorverkauf für das "Sonnendeck" beginnt voraussichtlich Ende Mai. Freie Künstler können sich bis 30. April bewerben. Alle Infos gibt es unter www.heidelberger-schlossfestspiele.de.
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Heidelberger Stadthalle: "Ich fürchte, die Stadthalle könnte die Atmosphäre eines Kinosaales bekommen" (Tue, 13 Apr 2021)
Von Holger Buchwald Heidelberg. Eine "Weinberg-Konstruktion" mit aufsteigenden Rängen im Parkett und der Einbau von Hubpodien im Zuschauerbereich seien für die Stadthalle ungeeignet, findet Martin Sander. Der 58-jährige preisgekrönte Organist ist in Heidelberg kein Unbekannter: Von 1999 bis 2012 war er Professor an der Hochschule für Kirchenmusik und hat die Stadthallenorgel als Kustos betreut. In dieser Zeit hat er sich intensiv mit dem Werk von Philipp Wolfrum befasst, der 1903, als die Stadthalle eröffnet wurde, Generalmusikdirektor in Heidelberg war. Derzeit lehrt Sander in Detmold und Basel. Prof. Sander, wie gut sind Sie über die Umbaupläne für die Heidelberger Stadthalle informiert? Da kann ich mir selbst keine Schulnote geben. Aber ich habe verstanden, um was es geht: um eine Weinberg-Konstruktion für den Zuschauerraum, die über Hubpodien im Parkett reversibel ist, aber auf den Emporen mit irreversibel steilen Rängen arbeitet. Durch beides wird das für den Klang relevante Raumvolumen im großen Saal sehr viel kleiner. Welche Punkte kritisieren Sie? Die Attraktivität der Stadthalle liegt in meinen Augen in der Schönheit ihrer historischen Substanz als einem der Wahrzeichen Heidelbergs. Sie zu erhalten und zugleich ein modernes Kongresszentrum in der Bahnstadt zu bauen, wäre etwas ganz Besonderes. Die Stadthalle war doch niemals ein "Weinberg", die Akustik wurde von dem damaligen Generalmusikdirektor Philipp Wolfrum ausgeklügelt. Eine seiner genialen Ideen war, den Bühnenbereich als speziell geformte "Musiknische" zu planen und dort auf von ihm erfundene bewegliche Podien zu setzen, die per Handkurbel bewegt werden konnten. In meinen Augen war es ein Fehler, diese später durch feste Podien zu ersetzen. Was war so genial an dieser Idee? Wolfrum beschreibt das selbst sehr gut in seinem Büchlein "Die Heidelberger Konzertreform". Es ging ihm darum, die Orchesterensembles und Solisten je nach aufgeführtem Werk unterschiedlich zueinander zu positionieren. So konnte man durch die Podien einige oder auch alle Musiker wie in einen Orchestergraben versenken. Auch ließ Wolfrum gerne einmal die abgesenkten Bläser gegen die Rückwand der Musiknische spielen, zugunsten einer noch indirekteren, dadurch runderen Klangwirkung. Solche Ideen ließen sich auch heute noch für sehr schöne Effekte nutzen. Die Möglichkeit dazu wäre mit den geplanten Zuschauerreihen hinter dem Orchester verschenkt. Die Akustik in der Stadthalle war zuletzt aber laut Gutachten nicht gerade optimal. Ich denke, das lag vor allem an dem Vorhang, der in den 60er Jahren hinzukam, und an der plüschigen Bestuhlung. Beides hat sehr viel Schall absorbiert. Der Vorhang kann weg – und für die Stühle könnte man heute Material verwenden, das es in den 60ern so noch nicht gab. Durch den Weinberg kämen die Zuhörer aber in den Genuss des direkten Schalls. Der Direktschall darf nicht zu klein sein, das stimmt. Das ästhetisch Schöne ist aber der Raumklang – und der nimmt ab, wenn das Raumvolumen durch den Weinberg geringer wird. Die vorgeschlagene Deckenöffnung über den Emporen, die das Landesdenkmalamt übrigens als problematisch einstuft, wäre in meinen Augen nur der verzweifelte Versuch, etwas von dem Raumvolumen zurückzugewinnen, das durch den Weinberg verloren ginge, also einen Fehler durch einen weiteren zu kompensieren. An der Neckarseite will Architekt Felix Waechter einen Bypass vom großen Saal abzwacken, durch den die Besucher vom Foyer in den Meriansaal gelangen können. Was halten Sie davon? Ich fürchte, der Saal ist nicht groß genug, dass man von ihm noch etwas abtrennen sollte. Man kann in solchen Räumen nicht straflos Wände einziehen, ohne dass die Akustik leidet. Das hat man schon in manchen Kirchen gesehen, so zum Beispiel in St. Petri in Freiberg. Die Silbermann-Orgel dort hat nicht mehr den Klang wie früher. Es gibt positive Beispiele, wo Modernisierungen besser gelöst wurden. Was meinen Sie damit? Ich denke vor allem an das Stadtcasino Basel. Es wurde von den Architekten Herzog und de Meuron saniert, die auch für die Elbphilharmonie verantwortlich waren. Diese Architekten, die in Hamburg einen perfekten Weinberg geschaffen haben, wären nie auf die Idee gekommen, in dem historischen Konzertsaal in der Schweiz dasselbe zu probieren. Das Stadtcasino ist ein bisschen größer als die Heidelberger Stadthalle, hat nach dem Umbau noch 1397 Plätze. Bei solch einem geringen Raumvolumen kommt eine Weinberg-Konstruktion gar nicht richtig zum Tragen. Ich bin zwar kein ausgebildeter Akustiker, aber ich fürchte, die Stadthalle könnte als Weinberg die Atmosphäre eines Kinosaales bekommen. Kennen Sie die Stadthalle auch ohne Vorhang oder wie kommen Sie auf die Idee, dass vor allem er für die schlechte Akustik verantwortlich war? Als man ihn noch hoch und runterfahren konnte, habe ich in der Stadthalle eine CD mit Wolfrums Orgelsonaten aufgenommen. Als der Vorhang größtenteils nicht mehr hing, sondern auf dem Boden der Bühne lag, hatte der Saal eine schöne Akustik. Und der Klang der Orgel hat den Raum gut gefüllt. Was ist eigentlich das Besondere an der Stadthallen-Orgel? Dieses Instrument des badischen Orgelbauers Voit ist die älteste Konzerthallenorgel Deutschlands und hat als eine von wenigen romantischen Orgeln all die Jahre weitestgehend im Originalzustand überlebt, auch dank einer sehr behutsamen Restaurierung durch die Firma Vleugels 1993. Sie war Vorbild für eine ganze Reihe anderer Orgelbauten. Die Baden-Badener wollten so eine für ihr Kurhaus, die Prager für ihren Smetana-Saal. Und Pfiffikus Wolfrum war damals auf die Idee eines fahrbaren Spieltisches gekommen – seitdem wurden Saal-Orgeln nie mehr anders gebaut. Die "Konzertfreunde der Stadthalle" setzen sich bei der Sanierung für einen optimierten Ist-Zustand ein. Wie könnte der in Ihren Augen aussehen? Ein Vorbild könnte das sensible denkmalgerechte Vorgehen im schon erwähnten Stadtcasino Basel sein. Hier in Heidelberg würde das eine gewisse Rückbesinnung auf 1903 bedeuten – mit Beseitigung der Schallschlucker, Wiederherstellung flexibler Podien im Bühnenbereich, akustisch optimierter Bestuhlung und gerne auch Rückkehr zu fünf Sitzreihen auf der Empore, aber keinesfalls so steil ansteigend wie im Rahmen der Weinberg-Planung gedacht. So könnte optisch der Flair dieses schönen Jugendstil-Saals bewahrt werden und akustisch der Geist wieder zurückkehren, der in diesem Konzerthaus Jahrzehnte lang geherrscht hatte, bis daraus der Tanzsaal der Amis und eine Kongresshalle wurde.
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Ankunftszentrum Heidelberg: Ein Votum der Heidelberger Bürger im Sinne der Eppelheimer Bürgermeisterin (Tue, 13 Apr 2021)
Eppelheim. (lesa) Nicht nur in der Universitätsstadt wurde das Ergebnis des Bürgerentscheids zur Verlagerung des Ankunftszentrums für Geflüchtete auf das Wieblinger Gewann Wolfsgärten mit Spannung erwartet. "Ich habe die Auszählung live über das Internet verfolgt", berichtet Bürgermeisterin Patricia Rebmann der RNZ und sagt angesichts der deutlichen Ablehnung des Heidelberger Standorts in direkter Nachbarschaft Eppelheims: "Ich bin beruhigt." Zum Hintergrund: Das im Norden Wieblingens gelegene Gewann Wolfsgärten, um das sich monatelange Diskussionen und nun der Bürgerentscheid drehten, grenzt im Süden an Eppelheim. Nur Bahngleise trennen die Gemarkungen, während wiederum die Autobahn A 656 im Norden eine Barriere zum Rest Heidelbergs bildet. Von den Ideen einer Arbeitsgruppe zur Gestaltung des Ankunftszentrums war mehrfach Eppelheim betroffen – ohne jedoch selbst am Verhandlungstisch zu sitzen. Das wiederum sorgte für Zündstoff unter den Nachbarn. "Es ist kein Geheimnis, dass ich nicht begeistert vom Standort Wolfsgärten war", so Rebmann nun nach der Abstimmung in Heidelberg, bei der die Verlagerung des Ankunftszentrums von Patrick-Henry-Village (PHV) in die Wolfsgärten mit 70,3 Prozent der Wählerstimmen abgelehnt wurde. Auch in der Eppelheimer Bevölkerung habe es wenig Akzeptanz gegenüber dem Standort nahe der Gleise gegeben. Nun geht die Suche nach einem Platz für das Ankunftszentrum in die nächste Runde. Dabei hielte die Bürgermeisterin es für "sinnvoll", die Perspektive Eppelheims bei der Debatte mit einzubeziehen. Denn Flächen wie das PHV oder das Airfield, die bei der Standortsuche bereits diskutiert wurden, befinden sich auch in direkter Nachbarschaft zu Eppelheim. Vorerst keine Neuauflage soll es aber für einen eigenen Standortvorschlag geben. "Zum Agieren sehe ich zu diesem Zeitpunkt keinen Grund", betont die Bürgermeisterin. 2019 hatte sie zum Missfallen des Gemeinderats das an den Heidelberger Stadtteil Pfaffengrund grenzende Eppelheimer Gewann Kolbengarten als möglichen Standort vorgeschlagen. Die rund 30 Hektar große Fläche östlich der Autobahn A 5 war vom Land nicht in Betracht gezogen worden. "Jetzt bin ich gespannt, was Heidelberg tut", sieht die Rathauschefin angesichts der neuen Standortsuche ihre Kommune in der Beobachterrolle. "Mehr bleibt uns als kleiner Schwester Heidelbergs auch nicht übrig."
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Heidelberg: Wie "Hey Alter" beim Online-Unterricht hilft (Tue, 13 Apr 2021)
Von Katharina Kausche Heidelberg. Sie sammeln ausrangierte Laptops, machen sie technisch wieder fit und vermitteln die Geräte an Schülerinnen und Schüler – "Hey, Alter" gehört zu den Gewinnern des "Pitch"-Wettbewerbs beim ersten "Heidelberg Entrepreneurship Camp". Ebenso wie "Repositorium", eine Plattform, auf der Lehrkräfte ihr Unterrichtsmaterial austauschen können und "Worldviews", ein Seite, auf der die Debattenkultur geschult werden soll, wurde die Idee mit 500 Euro dotiert. Das "Heidelberg Entrepreneurship Camp" ist eine Veranstaltungsreihe von "hei_Innovation", zu der die Universität Heidelberg gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule und der hochschulübergreifenden Heidelberg School of Education (HSE) sowie die Stadt eingeladen haben. Die Premiere der Reihe stand unter dem Motto "Digitale Lehre". Idee war, mögliche Lösungen für dringende Probleme des digitalen Unterrichtens zu finden und dabei Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Prozesse rund um die Unternehmensgründung heranzuführen. Acht Gruppen haben sich ein Wochenende lang mit passenden Konzepten beschäftigt. Dafür hatte "hei_Innovation" im Vorfeld Heidelberger Schulen gebeten, Herausforderungen und Challenges zu formulieren. "Wir haben sehr produktive Rückmeldung bekommen", berichtet Amelie Vermeer, die gemeinsam mit Julia Piechotta das Camp organisiert hat. "Es ging dabei unter anderem um die fehlende soziale Interaktion oder auch den Wunsch nach einheitlichen Plattformen." Über das Wochenende verteilt, arbeiteten die Gruppen an ihren Konzepten und bekamen dabei Hilfe von insgesamt 20 Mentorinnen und Mentoren. In einem "Pitch"-Wettbewerb" präsentierten die Gruppen am Sonntag ihre Ideen – einige davon waren an diesem Wochenende entstanden, andere Konzepte gibt es schon länger. Neben Studierenden und Mitarbeitenden von Universitäten waren auch Schülerinnen mit dabei. Nicht alle Teilnehmer kamen aus Heidelberg. Auch aus Stuttgart, Mainz oder Freiburg hatten sich Interessierte zugeschaltet. Die drei Preise wurden in den Kategorien "Geschäftsmodell", "Impact" und "Problemlösung" vergeben. Mit "Repositorium" gewann ein Konzept, das erst an diesem Wochenende entwickelt wurde. Julia Heimann erarbeitete eine Idee für eine Plattform, auf der Lehrerinnen und Lehrer Unterrichtsmaterial austauschen können. Das achtköpfige Team von "Worldviews- Culture of debate" arbeitet dagegen schon länger an seinem Konzept. Beim Camp selbst waren zwei von ihnen dabei – Franz Zedler und Wiebke Fickinger stellten die Plattform vor. Sie soll nicht nur eine konstruktive Debattenkultur ermöglichen, indem sie Menschen miteinander vernetzt, die unterschiedliche Meinungen haben, sondern auch im Debattieren schulen. Auch "Hey, Alter" gibt es schon länger. Die Initiative vermittelt alte Geräte wie ausrangierte Laptops, an Schülerinnen und Schüler, die Geräte für den Onlineunterricht benötigen. "Wir sind bisher ehrenamtlich organisiert und haben uns jetzt systematisch damit auseinandergesetzt, wie es weitergehen soll", erklärt Maike Becker. Gemeinsam mit vier Freunden hat sie die Initiative gestartet, zwei davon – Philip Lindheimer und Hannah Herzig – nahmen auch am Camp teil. Bisher war die Initiative vor allem im Raum Stuttgart aktiv. "Wir freuen uns aber, wenn sich Gruppen in anderen Regionen bilden", so Lindheimer. Mit dem Preisgeld will die Gruppe in Equipment investieren, um alte Geräte wieder fit zu mache und die Logistik verbessern. Amelie Vermeer ist zufrieden mit dem Verlauf des ersten Camps. "Wir sind sehr stolz auf die Teilnehmer", sagt sie. "Es ist super, was sie alle in nur zweieinhalb Tagen erarbeitet haben. Die Verbindung von Entrepreneurship und Digitaler Lehre ist nicht so einfach." Durch das Online-Format waren Teilnehmer aus ganz Deutschland dabei. "Das war sehr spannend und wäre als Präsenzveranstaltung vermutlich nicht so möglich gewesen", so Vermeer. Wie es mit den einzelnen Konzepten weitergeht, wird sich noch zeigen. "Wir bieten allen an, bei uns in die Gründerberatung zu kommen", so Vermeer. "Entweder mit den Konzepten, die sie an diesem Wochenende erarbeitet und vorgestellt haben oder mit ganz anderen Ideen."
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Ankunftszentrum Heidelberg: Kommt das Ankunftszentrum nun ins Patrick-Henry-Village? (Tue, 13 Apr 2021)
Von Denis Schnur Heidelberg. Auf die Wolfsgärten wird das Ankunftszentrum für Geflüchtete nicht ziehen – das haben die Heidelbergerinnen und Heidelberger beim Bürgerentscheid am Sonntag klargemacht. Doch die Stadtverwaltung, fast alle Gemeinderatsgruppierungen, das Land und auch die Wolfsgärten-Gegner sind sich einig: Die Einrichtung soll dennoch in Heidelberg bleiben. "Wir wollen das Land weiter unterstützen", sagte Oberbürgermeister Eckart Würzner bei einem Pressetermin am Montag. Da die von ihm favorisierte Lösung Wolfsgärten nun wegfalle, blieben eigentlich nur zwei Alternativen, über die man bereits intensiv diskutiert habe: Patrick-Henry-Village (PHV) und das Airfield. "Es ist wichtig, dass wir uns jetzt in der Debatte auf diese Flächen konzentrieren", so Würzner. Weitere Alternativen sehe er nicht, und bis zu den Sommerferien sollte die Stadt eine Lösung präsentieren. "Das erwartet auch das Land – und zwar zurecht." Von beiden Möglichkeiten sind weder Würzner noch der Erste Bürgermeister Jürgen Odszuck begeistert. "Bei beiden gibt es Nutzungskonflikte", betonte Würzner. Er ließ jedoch durchblicken, dass er PHV für die sinnvollere Wahl hält. "Aber das muss politisch entschieden werden." Dabei sei aber klar, dass ein Neubau der Einrichtung innerhalb des neu entstehenden Stadtteils nur möglich sei, wenn die Rahmenbedingungen angepasst würden, betonte Odszuck. "Wenn der Dynamische Masterplan für PHV mit all seinen Abmessungen gesetzt ist und das Land auf seiner Konzeption besteht, wird es nicht gehen." Wenn aber jeder bereit sei, einen Schritt zurückzugehen, sehe er die Chance, dass man sich einigt. "Ich denke, dass das Land kompromissbereit ist, um in Heidelberg bleiben zu können." Konkret bedeute das, dass PHV "vielleicht etwas größer" werden müsse, damit es genug Platz für die Einrichtung gebe – ein Vorschlag, der bei den Landwirten für Ärger sorgen dürfte. Vor allem müsse das Land jedoch seine Konzeption für das Ankunftszentrum aufweichen. "Denn ein großer, abgeriegelter Komplex ist in PHV einfach nicht vorstellbar", so Odszuck. Stattdessen müsse man etwa darüber diskutieren, ob man nicht einzelne Teile des Zentrums – etwa Verwaltungsbauten oder bestimmte Wohngebäude – nach draußen verlagert und bei diesen auf Zäune verzichten kann. "Sie würden in Fußreichweite bleiben", erklärte Würzner, "aber es wäre nicht derselbe große Komplex." So einfach, wie es "einige Gemeinderatsgruppierungen" vor dem Bürgerentscheid skizziert hätten, sei es nicht, das Ankunftszentrum in PHV unterzubringen, betonte Würzner mit Blick auf die SPD. Aber im Gegensatz zu den Wochen vor der Abstimmung schließt die Stadtverwaltung nun nicht mehr aus, dass es klappen könnte. "Wir haben die Hoffnung", so Odszuck, "dass wir das möglich machen können, wenn wir an verschiedenen Parametern drehen." Vor allem ist mit dem Bürgerentscheid aber auch der Druck auf die Stadt gestiegen. Denn erst nach einer Verlagerung des Zentrums kann PHV wirklich entwickelt werden.
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Heidelberg: Oberbürgermeister Würzner will vorerst keine weiteren Öffnungen (Tue, 13 Apr 2021)
Von Anica Edinger und Denis Schnur Heidelberg. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Heidelberg bewegt sich seit Wochen in einem "recht moderaten" Rahmen. So jedenfalls drückte es Oberbürgermeister Eckart Würzner am Montag bei einem Pressegespräch aus. Tatsächlich meldete das Landesgesundheitsamt zum Wochenstart 61,9 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche – und damit einen deutlich niedrigeren Wert als am Sonntag (68,1). Die RNZ beantwortet die wichtigsten Fragen rund um das Infektionsgeschehen und die Möglichkeiten zu Schnelltests in Heidelberg. Welche Infektionscluster gibt es aktuell? Laut Kreisgesundheitsamt gibt es derzeit keine Infektionscluster in der Stadt. Von den 168 aktiven Fällen werden nur 25 mit verschiedenen Einrichtungen in Verbindung gebracht, wo es je maximal drei Fälle gibt. Wo stecken sich die Menschen dann an? Weiterhin passierten die meisten Ansteckungen im engen familiären sowie im sozialen Umfeld, sagt das Gesundheitsamt. Da sich die Sieben-Tage-Inzidenz in der Stadt in den letzten 14 Tagen sehr konstant zeige, sei auch kein Effekt der Osterfeiertage erkennbar, so ein Sprecher. Können alle Fälle zurückverfolgt werden? "In den meisten Fällen", so das Gesundheitsamt, könnten die Infektionsketten von den Mitarbeitern der Behörde zurückverfolgt werden. Auch die Nachverfolgung der Kontakte von Corona-Infizierten funktioniere. Wie alt sind die Menschen, die sich infizieren? Das Durchschnittsalter der aktiven Fälle liegt aktuell bei 33,8 Jahren. 70- bis 80-Jährige spielen im Infektionsgeschehen in Heidelberg kaum mehr eine Rolle. Wie viele lassen sich schnelltesten? Bei den Schnelltest-Anbietern können laut Würzner rund 3000 Menschen täglich getestet werden. Den Großteil stemmen Ärzte und Apotheker, rund 1200 Schnelltests führt zudem das Heidelberger Unternehmen Aspilos in seinen Zentren in der Tiergartenstraße 13 sowie in der Eppelheimer Straße 68 durch. Am Montag weihte Aspilos seinen dritten Standort am Anatomiegarten in der Altstadt ein. Dort können 200 Menschen pro Tag getestet werden. Sie sollten vorab einen Termin vereinbaren (www.aspilos.de). Eine Übersicht aller Anbieter kostenloser Schnelltests gibt es online unter: www.heidelberg.de/testen. Wie hoch ist die Positivquote bei den Schnelltests? Aktuell seien 0,7 bis ein Prozent der Tests positiv, so Aspilos-Geschäftsführer Nikolas Karavassilis. Bei 20.000 Überprüfungen seit Dezember habe das Unternehmen etwa 500 Coronafälle entdeckt. Wird die Testkapazität ausgeweitet? Ja, daran arbeiten die Stadt und mehrere Unternehmen aktuell. Aspilos etwa wird nächste Woche zwei neue Standorte eröffnen: Einen vermutlich auf dem Landfriedareal in der Nähe des Hauptbahnhofes und einen im Emmertsgrund. "Nächste Woche können täglich 6000 bis 7000 Menschen in Heidelberg einen Schnelltest machen", so der OB. Sind durch mehr Tests weitere Öffnungen denkbar? Erst einmal nicht. "Öffnungen wären aktuell, in der Spitze der dritten Welle, nicht sinnvoll", sagt Würzner. Dennoch arbeite die Stadt an einem System, mit dem Menschen ihren negativen Test nachweisen können – per Barcode oder Armbändchen. Wenn die Zahlen niedriger sind – hoffentlich ab Mai, so der OB –, könne man dies nutzen, damit getestete Menschen etwa Kulturveranstaltungen besuchen können. Wie viel wird in Schulen und Kitas getestet? Wenn nächste Woche der Wechselunterricht startet, werden alle Schülerinnen und Schüler zweimal pro Woche getestet. In Heidelberg sei man darauf gut eingestellt: "Die Testungen sind hier schon etabliert, wenn auch bislang auf freiwilliger Basis", so Würzner. Stellte bisher die Stadt die Testkits selbst, erhalte man mittlerweile auch Lieferungen von Land und Bund.
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Heidelberg: SNP-Erben trennen sich von Anteilen (Tue, 13 Apr 2021)
Von Matthias Kros Heidelberg. Die Erbengemeinschaft des verstorbenen Gründers der Heidelberger SNP, Andreas Schneider-Neureither, trennt sich in größerem Umfang von Aktien an dem Softwareunternehmen. Das geht aus einer Pflichtmitteilung an die Börse hervor. Danach sinkt der Anteil der Erbengemeinschaft von vormals knapp 18 auf nur noch 12,8 Prozent. Das veräußerte Aktienpaket hat einen Wert von rund 20 Millionen Euro. Der Verkauf erfolgte offenbar über die Börse, denn der Anteil des Streubesitzes am SNP-Kapital stieg in etwa in gleichem Umfang wie der Anteil der Erbengemeinschaft sank. Schneider-Neureither war Anfang November 2020 unerwartet an einem sogenannten "anaphylaktischen Schock" gestorben, also an einer besonders starken allergischen Reaktion. SNP ist ein Anbieter sogenannter Transformationssoftware. Diese kommt zum Beispiel dann zum Einsatz, wenn in einem Unternehmen der Umstieg auf eine andere Software ansteht oder verschiedene Systeme zusammengeführt werden müssen. In der Region ist SNP auch wegen seines umfangreichen Sportsponsorings bekannt, etwa als Namensgeber der neuen Großsporthalle "SNP Dome" in Heidelberg. Durch den Aktienverkauf der Erbengemeinschaft steigt der Heidelberger Unternehmer und Mäzen Wolfgang Marguerre (80) zum größten Einzelaktionär von SNP auf. Er hatte erst kürzlich seinen Anteil deutlich auf über 15 Prozent ausgebaut. Marguerre ist Gründer und CEO des Pharmaunternehmen Octapharma mit Hauptsitz in Lachen, Schweiz. Er hatte bereits angekündigt seinen Einfluss bei SNP im bestverstandenen Interesse des Unternehmens ausüben zu wollen.
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Junges Theater Heidelberg: So lief die digitale Premiere von "Schimmerndes Wasser" (Tue, 13 Apr 2021)
Von Ingeborg Salomon Heidelberg. Auf der Bühne des Heidelberger Zwinger3 ist es ziemlich dunkel, und auch der heimische Bildschirm zeigt viel Schwarz. Das passt, denn in der deutschsprachigen Erstaufführung von "Schimmerndes Wasser" zeigt Regisseur Andreas Weinmann, wie junge Menschen mit Verlust, Trauer und Lebenskrisen umgehen. Das Stück der schwedischen Autorin Johanna Emanuelsson hatte jetzt digitale Premiere – was für ein Jugendstück besonders bedauerlich ist, vermisst der einsame Betrachter am PC doch die Reaktionen des Publikums besonders schmerzlich. Düsternis wie auf der Bühne herrscht auch im Seelenleben der elfjährigen Mädchen Manisha (Nadja Rui) und Ally (Magdalena Wabitsch). Während Manisha gern die Maske von Hannibal Lecter im Gesicht und ein blutiges Gehirn in der Hand trägt, seziert Ally Kröten. Blass wird sie dabei nicht, ist ihr Hautton doch ohnehin bläulich. Die beiden Freaks sind zunächst in je einem Spind wie gefangen, bevor sich ihr Aktionsradius auf die Bühne erweitert. "Normal" ist das alles nicht, und so ist es kein Wunder, dass die zwei weder in ihrer Familie noch in der Schule klarkommen. Als eines Tages das Meerschweinchen der Klasse verschwindet, hat die Lehrerin Sigrun von Kaffeemundgeruch (Johanna Dähler), sofort die beiden Außenseiterinnen in Verdacht. Auch im Jugendclub wird heftig über sie gelästert – und das macht beim Zuschauen besonders viel Spaß. Lisa Kohler, die für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, hat die drei Darstellerinnen nämlich kurzerhand in drei supercoole Mädchen im Mangastil verwandelt, die jetzt eine Runde jugendsprachlich ablästern und dabei eine gekonnte choreografische Einlage zeigen. Gut möglich, dass es an dieser Stelle im Zwinger3 Szenenapplaus gegeben hätte. Ally und Manisha haben nun endgültig genug und fliehen in einen geheimnisvollen Wald. Hier gibt es nichts, außer einem schwarzen Himmel und einem ebenso schwarzfunkelnden Wasser. Es ist ein magischer Ort, der die Mädchen verwandelt. Denn sie müssen sich ihren Ängsten stellen und erzählen sich zögernd von ihren Verlusten und ihrer Trauer. Beide haben nämlich den Vater verloren, beide wissen nicht, wie sie mit diesem Schmerz umgehen sollen. Langsam setzt ein Heilungsprozess ein, Alley und Manisha fassen Vertrauen zueinander – und zuletzt auch zum Leben. Dass am Schluss auch in der bislang völlig affektfreien Lehrerin Gefühle erwachen und sie das Meerschweinchen betrauern und würdig begraben kann, rundet den Heilungsprozess ab. Regisseur Andreas Weinmann hat ein Händchen für eigenwillige und doch feinfühlige Inszenierungen, wie die Heidelberger bereits bei "Botenstoffen" oder "Zigeuner-Boxer" erleben konnten. Sehr gelungen ist das Bühnenbild mit sparsam eingesetzter Lichtregie und eindrucksvollen Spiegeleffekten. Die Darstellerinnen verdienen kräftigen Applaus, deshalb ist es schon ziemlich traurig, als sie sich nach 60 Minuten alle Richtung Kamera verbeugen – ins Leere. Info: Das Stück wird auf der Plattform www.theater-stream.de angeboten.
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Heidelberg: 57-jährige Stiefmutter soll Sechsjährigen missbraucht haben (Mon, 12 Apr 2021)
Heidelberg. (jola) Ein Ehepaar muss sich seit Montag wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes vor dem Heidelberger Landgericht verantworten. Der Frau wird vorgeworfen, im Spätsommer 2020 dem damals sechsjährigen Sohn ihres Ehemannes in zwei Fällen gestattet zu haben, sexuelle Handlungen an ihr vorzunehmen und Geschlechtsverkehr mit ihr zu haben. Dem Vater wird zur Last gelegt, die erste Tat nicht unterbunden zu haben, obwohl er dazu verpflichtet gewesen wäre und bei der zweiten Tat gemeinschaftlich mit der Frau gehandelt zu haben. Außerdem soll er 78 Bilddateien mit kinderpornographischem Inhalt besessen haben. Im Prozess äußerten sich die Angeklagten nicht zur Tat. Der Vorsitzende Richter André Merz verlas allerdings die Aussagen des Ehepaars, die sie bei der Haftbefehlseröffnung vor einer Richterin gemacht haben. Dabei bestritten sie die Taten: "Ich habe ihn niemals sexuell missbraucht", sagte die 57-Jährige im Oktober 2020. Das Kind habe sie vielmehr immer anfassen und sie auch auf Toilette begleiten wollen. "Ich habe immer gesagt, er soll das lassen." Auch der 55-jährige Vater bestritt den sexuellen Missbrauch: "Ich glaube, dass er eine Fantasie im Kopf hat, die er für wahr hält." Der Angeklagte äußerte sich im Prozess allerdings zu seinem bisherigen Leben. Nach einer ersten Ehe, aus der eine Tochter hervorging, habe er 2013 mit einer anderen Frau den Sohn bekommen, um den es im jetzigen Verfahren geht. Von dieser Frau trennte er sich 2017 und heiratete 2019 die Angeklagte. Jedes zweite Wochenende sei der Sohn bei ihm gewesen. Die Taten sollen sich allerdings in den letzten Wochen der Sommerferien ereignet haben, in denen der heute Siebenjährige länger bei dem Ehepaar war. Es war das letzte Mal, dass er seinen Sohn seither gesehen hat. Die Eheleute haben Monate in der Untersuchungshaft verbracht, sind aber wieder auf freiem Fuß. "Ich war förmlich zerrissen", beschrieb der Vater seine Zeit im Gefängnis. "Ich wusste nicht, was Sache ist." Das Kind wurde bereits von einem Richter vernommen, das Gespräch wurde aufgezeichnet und wird an einem der folgenden Verhandlungstage gezeigt. Bei der Aussage der Mutter des Kindes war die Öffentlichkeit ausgeschlossen, die Urteilsverkündung ist für den 10. Mai geplant. Update: Montag, 12. April 2021, 20.15 Uhr
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Heidelberg: Kein Strom in der Südstadt (Mon, 12 Apr 2021)
Heidelberg. (RNZ/mare) In der Südstadt kam es Montagmittag zu einem mehrstündigen Stromausfall. Das teilten die Stadtwerke mit. Wegen eines Defektes an einem Freileitungsanschluss musste gegen 12 Uhr die Stromversorgung für rund 20 Wohneinheiten im Bereich der Grünewaldstraße in unterbrochen werden. Betroffen waren Häuser im Bliesweg 1-11, in der Grünewaldstraße 7-14, Kirschgartenstraße 61-75, Turnerstraße 114 a+b+c sowie die Saarstraße 1-9. Die Arbeiten dauerten den Stadtwerken zufolge etwa zwei Stunden.  Erst am Sonntag hatte es einen kleinen Stromausfall in Ziegelhausen gegeben.
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Heidelberg: 22-Jährige beschmiert Mauern mit Schriftzügen (Mon, 12 Apr 2021)
Heidelberg. (pol/mare) Eine 22-jährige Frau und ein noch unbekannter Begleiter haben wohl in der Bergheimer Straße und in der Hauptstraße/Ecke Neugasse Mauern mit Schriftzügen "verziert". Das berichtet die Polizei. Sonntagnacht gegen 3.30 Uhr erwischte die Polizei demnach an der Kreuzung Bergheimer Straße und Mittermaierstraße zwei Personen. Als sie die Beamten sahen, flüchteten sie sofort. Während der Unbekannte in Richtung Vangerowstraße entkam, schnappten die Polizisten die 22-Jährige am Alfons-Beil-Platz. An ihren Kleidern und Händen waren Farbreste, in der Sporttasche, die die junge Frau dabei hatte, fanden die Beamten vier Farbdosen und Schablonen und Handschuhe. Die entsprechenden Schriftzüge, die noch frisch waren, stellten die Ordnungshüter dann an Mauern in der Bergheimer Straße und in der Hauptstraße Ecke Neugasse fest. Die Höhe des Sachschadens ist noch nicht bekannt, die Ermittlungen laufen.
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Heidelberg: Rohrbacher wehren sich und drohen mit dem "Rexit" (Mon, 12 Apr 2021)
Von Maria Stumpf Heidelberg. Für die Rohrbacher liegt die Zukunft im Widerstand: Am Sonntag trafen sich über 250 Menschen zu einer Protestkundgebung. Sie demonstrierten gegen die geplante Straßenbahnabstellanlage an der Haltestelle Rohrbach Süd und gegen Pläne für eine Erdgasleitung durch ihre Felder. Vor zwölf Jahren war das Gas-Projekt schon einmal gestoppt worden – schon damals hatte es Proteste gegeben. Die Demonstration richtete sich aber auch gegen den Verbrauch von Rohrbacher Ackerflächen für das neue interkommunale Gewerbegebiet Heidelberg-Leimen. Eingeladen hatte Karin Weidenheimer vom Stadtteilverein – und aus allen Richtungen strebten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer herbei, auf Traktoren und Fahrrädern, mit der Oma im Rollstuhl und den Kindern im Tragetuch. Darunter auch Vertreter verschiedener Parteien. Es wirkte zunächst wie ein netter Generationentreff – doch die Themen sind ernst und man horchte auf bei mehreren Reden. Es ging zunächst um die Überlegungen der Stadt und der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (RNV), dort im Rahmen der kommenden Bergheimer Betriebshofumgestaltung Abstellflächen für Straßenbahnen samt Park & Ride-Parkplätzen zu schaffen und damit um den Erhalt von mehr als 5000 Quadratmeter Grün- und Ackerfläche. "Wenn wir nicht aufpassen, wird hier alles zerstört", appellierte Weidenheimer. Außerdem ist inzwischen bekannt, dass der Bau der 250 Kilometer langen "Süddeutschen Erdgasleitung" (SEL) wieder auf dem Planungstisch liegt – und die Stadt dazu schon im April 2020 informiert wurde, aber nicht weiter darüber aufklärte. "So geht man nicht mit Bürgern um", ärgerte sich die Vorsitzende des Stadtteilvereins: "Das Verhalten der Stadt ist nicht nachvollziehbar." Die Leitung soll von Lampertheim über Heidelberg bis nach Bayern führen. Wie genau die Trasse verlaufen soll, ist noch unklar – gemäß einer Skizze führt sie von Dossenheim nach Wieblingen und geht später durch die Kirchheimer Felder in Richtung Rohrbach und schließlich durch die Weinberge nach Leimen. "Das würde unsere kleinförmigen Strukturen hier völlig zerstören und den Feldern und Weinbergen Lebensqualität rauben", betonte Heinz Kaltschmidt vom Obst, Garten und Weinbauverein. "Sind die denn alle bescheuert, dass man so etwas wieder in eine Planung gibt", fragte Philipp Clauer vom gleichnamigen Weingut. Weitere Redner bekundeten ebenfalls ihre Ablehnung der Pläne auf Rohrbacher Flächen. Cornelia Wiethaler sprach für die Nabu-Gruppe und warb um Aufmerksamkeit für mehr Biodiversität, Klima- und Gesundheitsschutz, Bezirksbeirätin Karin Weber (Bunte Linke) meint, dass man keine dezentrale Straßenbahnabstellfläche in Rohrbach brauche. Ursula Röper, Stadträtin der Grünen und erprobt schon aus dem Widerstand gegen die Gasleitung vor zwölf Jahren, fand noch aufmunternde Worte. Sie versprach, sich um die Angelegenheit im Gemeinderat zu kümmern, und forderte "den Schulterschluss" aller Beteiligten. Da auch obendrein Teile der Rohrbacher Ackerflächen im Plangebiet für das Interkommunale Gewerbegebiet Heidelberg-Leimen auftauchen, waren sich alle einig: "Wir werden keine weiteren Flächenverluste hinnehmen." So ernst die Probleme, so ideenreich war die Veranstaltung aber auch. Die Musikgruppe "Nachbarschaftskrach" trat auf – nicht als Blechbläser wie sonst, sondern – coronagemäß – im Playback. Und dann endete die Kundgebung mit einer "Redd” des Rohrbacher Kerweborscht, der satirisch mit dem "Rexit", dem Austritt Rohrbachs aus Heidelberg und der Gründung der Großen Kreisstadt Rohrbach inklusive Boxberg und Emmertsgrund, drohte.
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Deutsches Krebsforschungszentrum: "Die Tabaksteuer-Erhöhungen sind viel zu gering" (Mon, 12 Apr 2021)
Von Birgit Sommer Heidelberg. "Die vom Kabinett beschlossenen Steuererhöhungen auf Zigaretten sind viel zu niedrig", sagt Katrin Schaller, die kommissarische Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Rauchen koste jährlich allein in Deutschland rund 127.000 Menschenleben. Die große Chance, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen und dabei gleichzeitig höhere Steuereinnahmen zu erzielen, verschenke der Referentenentwurf. Über den Einstieg, Umstieg und Ausstieg von Rauchern und den deutschen Nichtraucherschutz spricht sie im RNZ-Interview. Frau Schaller, nach zehn Jahren soll jetzt erstmals wieder die Tabaksteuer erhöht werden, um etwa 2,3 Prozent jährlich von 2022 bis 2026. Ihnen ist die Erhöhung zu gering. Ich sehe das unter dem Aspekt, wie sich die Steuererhöhung auf das Rauchverhalten der Menschen auswirkt. Die geplanten moderaten Erhöhungen sind zu gering, um zum Rauchstopp zu motivieren. Viele Raucher werden stattdessen auf den weiterhin viel billigeren Tabak zum Selberdrehen umsteigen. Wie müssten denn die Preise steigen, um vor allem den Jugendlichen den Einstieg ins Rauchen zu vermiesen? Die stärkeren Erhöhungen in den Jahren 2002 bis 2005 senkten den jährlichen Zigarettenkonsum damals um 40 Milliarden auf 95,8 Milliarden Stück im Jahr 2005. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen jährlichen Preisanstieg von zehn Prozent. Das kann bei Erwachsenen zu einem Rückgang des Raucheranteils um vier Prozent, bei Jugendlichen um bis zu 13 Prozent führen. Um die gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Kosten des Rauchens zu kompensieren, heißt es, müsste eine Schachtel Zigaretten fast 23 Euro kosten statt jetzt etwa sechs Euro. Richtig, 22,80 Euro. Wir haben das von einem Ökonomen für Deutschland ausrechnen lassen. Gesundheitskosten und volkswirtschaftliche Kosten des Rauchens summieren sich auf 97 Milliarden Euro pro Jahr. Tabakerhitzer und nikotinhaltige E-Zigaretten werden ab Juli 2022 erstmals mit einer Steuer belegt. Das Finanzministerium sagt: Was die Verbraucher für eine Zigarette halten, wird auch wie eine Zigarette besteuert. Hilft das, das Rauchen einzudämmen? Es ist auf jeden Fall gut, dass sie besteuert werden. Tabakerhitzer – hier wird ein Tabakstick in einem Gerät erhitzt – werden bisher wie Pfeifentabak, also sehr gering, besteuert. Hersteller wie Philipp Morris und BAT haben hier prinzipiell große Gewinnmargen. Die nikotinhaltigen E-Zigaretten-Liquids haben bisher nur die Mehrwertsteuer drauf und sind dadurch verhältnismäßig günstig. Das erleichtert Jugendlichen den Einstieg. Ob sich die höhere Besteuerung auf das Rauchverhalten auswirken wird, kann auch davon abhängen, inwieweit die Preiserhöhungen an die Käufer weitergegeben werden. Einer Umfrage zufolge werden 50 Prozent der Raucher von der E-Zigarette auf die wesentlich günstigeren Tabakzigaretten umsteigen. Die Steuererhöhung treibt sie also zurück zum Tabak. Das sagen die Hersteller von E-Zigaretten. Wie sich die Konsumenten verhalten werden, weiß man nicht – ob sie wieder anfangen zu rauchen, beim E-Zigaretten-Gebrauch bleiben oder ganz damit aufhören. Ist die E-Zigarette tatsächlich die erfolgreichste Ausstiegsvariante? 98 Prozent der Nutzer sollen ehemalige Tabakraucher sein. Das klingt sehr nach Hersteller-Info. Wir wissen: 80 Prozent der E-Zigaretten-Konsumenten rauchen auch gleichzeitig Zigaretten, nur knapp 15 Prozent sind ehemalige Raucher. Viele verwenden E-Zigaretten in der Absicht, mit dem Rauchen aufzuhören, aber tatsächlich gelingt das nicht so oft. Die wissenschaftliche Evidenz ist zu gering, als dass E-Zigaretten generell zum Ausstieg empfohlen werden. Das DKFZ steht dem Gebrauch von E-Zigaretten kritisch gegenüber. Warum? Das Aerosol von E-Zigaretten enthält deutlich weniger Schadstoffe als Zigarettenrauch. Wie viel weniger schädlich es ist, weiß man aber nicht. Studien deuten darauf hin, dass der Gebrauch von E-Zigaretten Gesundheitsrisiken birgt. Was uns fehlt, sind Langzeitstudien, und da die meisten E-Zigaretten-Konsumenten ehemalige Raucher sind, ist schwer zu unterscheiden, was langfristige Folgen des Rauchens und was Folgen des E-Zigaretten-Gebrauchs sind. Ab 2024 ist auch ein Werbeverbot für E-Zigaretten geplant. Deutschland hat das stufenweise für Außenwerbung und Kinowerbung beschlossen. In der EU gilt schon seit 2016 ein Werbeverbot für nikotinhaltige E-Zigaretten in TV, Radio, Internet und Print. Aber die Außenwerbung fällt nicht unter EU-Recht. Hinkt Deutschland also in Sachen Gesundheitsschutz durch Rauchverbote und durch Werbeverbote seinen europäischen Nachbarländern deutlich hinterher? Deutschland ist im europäischen Vergleich hinsichtlich der Tabakkontrolle das Schlusslicht, weil hierzulande unter anderem seit Jahren die Tabaksteuern nicht mehr wirksam erhöht wurden, die Nichtraucherschutzgesetze weitreichende Ausnahmeregelungen haben und Deutschland die Außenwerbung für Tabakprodukte erst ab Januar 2022 verbietet – als letztes Land in der EU. Irland und das Vereinigte Königreich hingegen sind führend in diesem Bereich: Sie haben hohe Zigarettenpreise, Nichtraucherschutzgesetze ohne jegliche Ausnahmen, verbieten sogar das Ausstellen von Zigaretten im Laden und haben eine unattraktive Einheitsverpackung für Zigaretten.
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