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Statussymbole (Mo, 29 Okt 2018)
von Dennis Görlich Mehmet Mert ist 21 und fährt einen Wagen für 50.000 Euro. Woher haben junge Türken Geld für so teure Autos? Alles Schuldner oder Gangster? Diese Fragen höre ich immer wieder – Antworten finde ich in Ellwangen und denke: Verdammt, der Typ hat mehr Plan als ich. Mit Mehmet Mert haben wir in unserer Webserie über Statussymbole gesprochen. Bereits vor Jahrtausenden haben Menschen ihren gesellschaftlichen Status mithilfe von Objekten und Symbolen markiert. Ob die Krone eines Königs oder der Ring des Bischofs: Viele Symbole aus der Vergangenheit kennen wir auch heute noch. Welche Statussymbole prägen die moderne Gesellschaft? – Folge (01/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Statussymbole. Ein Statussymbol ist meist ein wertvolles Objekt, das die Zugehörigkeit des Besitzers zu  einer (sozialen) Gruppe oder Schicht nahelegt. Je besser sich ein Objekt in der breiten Öffentlichkeit präsentieren lässt, desto mehr eignet es sich als Statussymbol. Unter diesem Gesichtspunkt sind Autos und Schmuck beliebtere Statussymbole als etwa ein Eigenheim. Seit einem Jahrzehnt dienen auch Smartphones als Statussymbol, da diese, wie Kleidung und Schmuck, jederzeit mitgeführt und präsentiert werden können. 62 Prozent der Deutschen sehen den mobilen Begleiter laut einer Intel-Umfrage als Statussymbol. Ein Statussymbol muss aber nicht zwingend ein physischer Gegenstand sein. So können auch immaterielle Güter wie ein Adels- oder Doktortitel diese Funktion erfüllen. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Mehmet Mert getroffen und über Statussymbole geredet. Obwohl Mert gerade einmal Anfang 20 ist, fährt er einen 6er BMW. Wir wollten wissen, woher er das Geld hat und wen er beeindrucken möchte.  „Statussymbole dienen oft der Stärkung des Selbstwertgefühls, wenn andere Referenzbezüge nicht ausreichen oder gar nicht vorhanden sind”, stellt Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZFTI) fest. “Unter den Türkeistämmigen, die aus der Arbeiterschicht nach mehreren Generationen – zumindest ökonomisch – in die Mitte der Gesellschaft aufsteigen und sich zunehmend mehr materielle Güter leisten können, wird durch den Erwerb von höherwertigen Gütern wie teure Autos, Handys oder auch Bekleidung demonstriert, dass man finanziell gut ausgestattet ist und sich vieles leisten kann.“ Das Bedürfnis der Statusdemonstration scheint bei Männern besonders verbreitet zu sein. Im Arbeitsleben auch von Bedeutung Auch eine Umfrage des Allensbach-Instituts deutet darauf hin, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Bedeutung von Statussymbolen gibt. 57 Prozent der befragten Frauen gaben an, dass Männer ihrer Meinung nach ihre Selbstsicherheit aus Statussymbolen beziehen. Bei ihrem eigenen Geschlecht vermuteten dies lediglich 16 Prozent. Die gleiche Umfrage ergab, dass 82 Prozent der Frauen glauben, Männer würden Selbstsicherheit durch Erfolg im Beruf sammeln. Folglich gibt es auch im Job oft das Bedürfnis, den eigenen Status nach außen zu demonstrieren. Laut dem „Firmenwagenmonitor 2017“ verfügen zwei von drei Berufstätigen ab einem Jahresgehalt von mehr als 150 000 Euro über ein von der Firma bezahltes Fahrzeug, ein Parkplatz direkt am Firmeneingang inklusive. Im Durchschnitt kostet das Auto 65 000 Euro. Entsprechende Kleidung und hochwertige Büroausstattung überzeugen schließlich die letzten Zweifler vom beruflichen Status. Ein nicht nur im Beruf besonders beliebtes Statussymbol unter türkischen Männern: der Bart. Dieser ist für viele der Inbegriff der Männlichkeit. Genaue Zahlen der Bartträger gibt es nicht. Dass in den vergangenen Jahren allein in Istanbul hunderte Spezialkliniken entstanden, die Barttransplantationen anbieten, zeigt aber das Potential in diesem Bereich. Immerhin muss man hier etwa 1.500 Euro für einen neuen Bart investieren – ein lukratives Geschäftsmodell. Das neue Statussymbol: Verzicht auf Statussymbole Das steigende Bewusstsein für Umwelt und Nachhaltigkeit und der damit einhergehende Wandel der Wertvorstellungen, wirkt sich auch auf die Bedeutung von Statussymbolen aus. Zwar ist das Auto weiterhin das beliebteste Verkehrsmittel, jedoch verliert es gerade in der jungen Generation immer mehr an Bedeutung. 55 Prozent der 18 bis 29-jährigen in Deutschland besitzen laut Statistik-Portal Statista ein eigenes Auto. Eine Befragung unter den Autofahrern, deren Fahrzeug maximal fünf Jahre alt ist ergab, dass in dieser Altersgruppe nur noch 10,6 Prozent das Auto als Statussymbol verstehen. „Das Auto wird nicht mehr primär als Objekt zur Statusinszenierung genutzt“, erklärt Mark Morrison vom Frankfurter Zukunftsinstitut. „Status wird heute über andere Dimensionen der Selbstinszenierung abgedeckt, etwa über das Ernährungsverhalten, sportliche Aktivitäten, Mode – also den Lebensstil.“ Die Einschätzung, dass materielle Statussymbole an Bedeutung verlieren,  wird von einer repräsentativen Studie der Strategieagentur Diffferent bestätigt. Demnach gaben 90 Prozent der Befragten an, dass ihnen „genügend Zeit für sich haben“ persönlich sehr erstrebenswert erscheint. Unter den zehn meistgenannten Statussymbolen befand sich mit „ein eigenes Haus besitzen“ lediglich ein materielles Gut. Wichtiger waren den Teilnehmern der Umfrage „ein unbefristeter Arbeitsvertrag“ und „körperlich fit sein“ - Gesundheit und ein sicherer Job statt Sportwagen und Goldkette. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Eigentum und Statussymbole (458,4 KB) Unser Workshopvideo  In unserem Workshop haben wir uns mit der unterschiedlichen Wahrnehmung von Statussymbolen auseinandergesetzt. Daraus ist dieses Video entstanden. Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Eigentum (Mon, 29 Oct 2018)
von Dennis Görlich Erkan Sahin hält Protzen und Prahlen für ein Ding der Türken. Aber auch als Zeichen geglückter Integration. Der Hamburger sagt mir, Türken und Deutschen unterscheiden sich überhaupt nicht, wenn es um Eigentum geht. Nur ihre Liebe zum Mercedes-Stern sei größer. Mit Erkan Sahin haben wir in unserer Webserie über Eigentum gesprochen. “Mein Haus, mein Auto, mein Boot”. Eigentum dient schon seit jeher als Symbol für Wohlstand, häufig aber auch als finanzielle Absicherung oder Altersvorsorge. Wie wichtig ist der Besitz von Eigentum in der heutigen Zeit und in der Zukunft? – Folge (02/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Eigentum. Ein eigenes Haus zu besitzen, ist für viele Menschen ein Lebenstraum – unabhängig von der Nationalität. Der Blick auf die Zahlen zum Wohneigentum in Deutschland zeigt allerdings deutliche Unterschiede zwischen den Nationalitäten, wenn es um die Realisierungschancen dieses Traum geht. Im Jahr 2014 verfügten 47 Prozent der Deutschen über ein Haus oder eine Wohnung, unter türkischen Migranten war es gerade einmal ein knappes Drittel (28 Prozent). Trotzdem sieht man darin einen gewissen Aufholeffekt, denn 2006 lag der Wert bei den Deutschtürken noch bei nur 21 Prozent, gegenüber 44 Prozent der Deutschen. Was dabei alle eint: die Schwierigkeit, den Hauskauf über Kredite zu finanzieren. Laut der BPD Immobilienentwicklung müssen 20 bis 30 Prozent des Immobilienwertes durch eigene Ersparnisse abgedeckt werden. Deshalb erwerben Deutsche verhältnismäßig spät ihr Wohneigentum – vorausgesetzt sie bekommen überhaupt einen Kredit. Dagegen liegt die Quote an Eigenheimbesitzern in der Türkei seit Jahren bei über 60 Prozent. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Erkan Sahin getroffen und über Eigentum geredet. Sahin ist Gründer Deutsch-Türkischen Gemeinde in Hamburg. Wir wollten wissen, ob sich Türkischstämmige und Deutsche in Hinblick auf Eigentum unterscheiden.  Für Caner Aver, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Türkeistudien (ZFTI), hat der Zuwachs von türkischem Eigentum in Deutschland auch eine kulturelle Komponente: „Nach der Niederlassungsabsicht ab Mitte der 1980er Jahre hat sich der Erwerb von Wohneigentum unter den Türkeistämmigen erhöht. Damit wurde und wird zugleich die Entscheidung zu einem dauerhaften Verbleib in Deutschland verbunden.“ Den Traum vom Eigenheim realisieren zu können, stellte Aver eines der wesentlichen Motive der Gastarbeitermigration dar. Er wurde zunächst mithilfe des in Deutschland verdienten Geldes zunächst im Herkunftsland realisiert, später dann auch im Aufnahmeland: „Besonders bei Großfamilien waren Mehrfamilienhäuser sehr beliebt, die vorwiegend in alten Arbeitersiedlungen aufgekauft und oft auch in Eigenregie saniert wurden, um mit der (Groß-) Familie unter einem Dach zu leben. Später folgten zunehmend auch der Erwerb von Mehrfamilienhäusern als Kapitalanlage, um neben der Rente eine weitere finanzielle Absicherung im Alter zu haben.“ Teilen statt besitzen Des Deutschen liebster Besitz ist noch immer das Auto. Über 46 Millionen PKW sind auf deutschen Straßen unterwegs. Gerade im ländlichen Bereich ist es nicht unüblich, zur bestandenen Führerscheinprüfung oder zum 18. Geburtstag ein Auto geschenkt zu bekommen. Während in Deutschland die Sicherheit des Fahrzeugs als wichtigstes Kaufkriterium angegeben wird, entscheidet in der Türkei der Kraftstoffverbrauch über die Auswahl des Fahrzeugs. Leistung, Design und Image der Marke spielen in beiden Ländern nur eine untergeordnete Rolle. In Städten mit einem gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr verzichten aber immer mehr Menschen auf ein eigenes Auto. Car-Sharing wird immer beliebter, da die Fixkosten für ein Auto hoch und Parkplätze knapp sind und das eigene Auto die meiste Zeit des Tages nur herum stünde. Die Verbraucherzentrale ermittelte, dass sich 62 Prozent der deutschen Bevölkerung die Nutzung von Carsharing-Angeboten vorstellen können. Aber nicht nur das Teilen von Autos liegt in der sogenannten „Sharing Economy“ im Trend. Auch das Teilen von Fahrrädern, Werkzeug oder Apartments erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Mit dem Eigentumserwerb geht meist die Aufnahme eines Kredites einher. So hatten laut SCHUFA bereits 18 bis 19-jährige im Jahr 2017 Kreditschulden in Höhe von durchschnittlich 4.267 Euro, Tendenz steigend. Bis zum Alter von 49 Jahren steigen die durchschnittlichen Schulden auf 12.884 Euro an. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Eigentum und Statussymbole (458,4 KB) Unser Workshopvideo  Unserer Workshop zu diesem Thema fand in Kooperation mit der Deutsch-Türkischen Gemeinde Hamburg statt. Das Abschlussstatement des Workshops zum Thema Eigentum und Statussymbole:  Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Ehre (Mon, 29 Oct 2018)
von Christina Häußler Osman Uygur ist von Narben gezeichnet. Frührer war er eine Legende an vielen Club-Türen im Ruhrgebiet und Ehre sein höchstes Gebot. Doch meine Angst vor dem Interview ist unbegründet: Heute versteht Osman Ehre anders. In unserer Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Osman Uygur getroffen, um über Ehre zu reden. Was Ehre und Ansehen bedeutet, definiert jede Gesellschaft anders. In Deutschland wurden einst Duelle durchgeführt, um Ehrverletzungen zu sühnen. Im Nahen Osten kommt es auch heute noch zu Tötungen im Namen der Ehre, sogenannten ‘Ehrenmorden’. – Folge (03/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Schule. Als Ehrenmord wird ein Mord bezeichnet, der sich im Kontext von patriarchalisch geprägten Familienverbänden ereignet und vorrangig von Männern an Frauen ausgeübt wird, um die aus Tätersicht verletzte Ehre der Familie wieder herzustellen. So heißt es in einer Studie des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht im Auftrag des Bundeskriminalamts (BKA). Die Studie stammt aus dem Jahr 2011 und untersucht Ehrenmorde in Deutschland von 1996 bis 2005. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Osman Uygur in Oberhausen getroffen und über Ehre geredet. Uygur ist eine ehemaliger Türsteher, der viel für seine Ehre gekämpft hat. Heute zeigt er sich einsichtig und definiert Ehre neu. In der Logik einer patriarchalischen Gesellschaft resultiert die Verletzung der Ehre meist aus dem Fehlverhalten der Frau in einem sexuellen Kontext. Die Frau hat demnach unberührt in die Ehe zu gehen, ihrem Mann treu zu sein und sich schamhaft zu verhalten. Aus einem Verstoß gegen diese Regeln leiten die Täter das Recht ab, die Frau zu töten. Dementsprechend waren (vermeintliche) Untreue oder eine angestrebte Trennung des Opfers die häufigsten Auslöser für Ehrenmorde. Durch diese Form von Selbstjustiz wird der Ehrenkodex der patriarchalischen Gesellschaft über das allgemeine Tötungsverbot gestellt. Die Ehre der Familie ist wichtiger als das Leben des Einzelnen. Laut Caner Aver, Wissenschaftler am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen, ist der Begriff Ehre in unterschiedlichen sozialen, ethnischen und kulturellen Milieus unterschiedlich stark ausgeprägt und wird unterschiedlich verstanden. Für die Identität von Türkischstämmigen habe er tendenziell eine größere Bedeutung als für Menschen in der westlichen Gesellschaft. Der Stellenwert der Ehre kann Aver zufolge noch mehr zunehmen, wenn sehr traditionelle Menschen in einem engen kulturellen Umfeld zurückgezogen leben. Ihr Ehrverständnis bringen sie dann auch in seinen radikalen Formen in andere Gesellschaften mit: „Bei der Migration werden Traditionen nicht an der Grenze zurückgelassen”, sagt Aver. Die Studie zeigt auch, wie die mediale Aufmerksamkeit für Ehrenmorde 2005 regelrecht explodiert ist. Grund hierfür dürfte unter anderem der Mord an Hatun Sürücü sein, eine türkischstämmige Deutsche, die Anfang 2005 von ihren Brüdern in Berlin mit drei Kopfschüssen getötet wurde, weil sie sich gegen eine Zwangsehe zur Wehr setze. Bei den meisten Gewalttaten oder Morden im türkischen Milieu handelt es sich allerdings um Familiendramen, die im Affekt, aus Wut oder anderen Motiven begangen werden und so auch in anderen Gesellschaften vorkommen. Ursprung von Ehrenmorden Ethnologische und soziologische Forschungen kommen laut der Studie zu dem Schluss, dass für die Entstehung von Ehrenmorden eine Verknüpfung von mehreren Faktoren verantwortlich ist: Eine arme, wenig entwickelte Agrargesellschaft, die häufig von Viehzucht gelebt hat und durch starke Konkurrenz geprägt war. Die Existenz von patriarchalen Familienverbänden, die einen zentralen Stellenwert in der Gesellschaft einnahmen. Die Dominanz von Männern über Frauen und deren Sexualität, einhergehend mit einer Abwertung von Weiblichkeit. Die Abwesenheit des Staates, wodurch Selbstjustiz befördert wurde. Die Ehre einer Familie war in solch einer Gesellschaft ihr symbolisches Kapital und wichtig für die Bildung von strategischen und wirtschaftlichen Bündnissen. Sie ergänzte dadurch das wirtschaftliche Kapital. Deshalb wurde dem symbolischen Kapital besonders in armen Familien ein hoher Stellenwert beigemessen. Durch den Erhalt seiner Ehre machte ein Familienverband deutlich, dass er die eigenen Interessen vertreten und wahren konnte. Wurde die Ehre der Familie beschmutzt, wird sie durch den Ehrenmord wieder hergestellt. Die Tat wurde im Vorfeld oft gemeinschaftlich beschlossen. Dabei ist es auch wahrscheinlich, dass andere Frauen über die geplante Tat Bescheid wussten und ihre Durchführung billigten. Ehrenmorde in Deutschland Statistisch werden Ehrenmorde vom Bundeskriminalamt nicht erfasst, da es sich dabei nicht um einen eigenen Tatbestand handelt. Durch die Analyse von Prozessakten wurden im Zeitraum von 1996 bis 2007 78 Fälle identifiziert, bei denen es sich um Ehrenmorde im engeren und weiteren Sinne handelt. Insgesamt werden in Deutschland pro Jahr ca. 700 Tötungsdelikte im familiären und partnerschaftlichen Umfeld  verzeichnet. Zwei Drittel aller Ehrenmorde ereignen sich in türkischen Familien. Bei 90 Prozent aller Ehrenmorde in Deutschland wird die Tat von Migranten der ersten Generation durchgeführt, die im Herkunftsland geboren wurden und noch eng daran gebunden sind. Sie stammten aus einer schlecht integrierten Schicht mit wenig Zugang zu Bildung. Die Opfer sind meist weiblich und durchschnittlich zwischen 18 und 29 Jahren alt. Allerdings liegt auch der Anteil an männlichen Opfern mit 43 Prozent unerwartet hoch. Grund dafür ist, dass mit den betroffenen Frauen auch deren unerwünschte Partner angegriffen werden. Die Zahl der Ehrenmorde in Deutschland ist in den untersuchten Jahren verhältnismäßig konstant geblieben. Die Studie des Max-Planck-Instituts kam zu dem Ergebnis, dass der Tatbestand Ehrenmord in Deutschland nicht überdauern wird. Darum seien auch Befürchtungen unbegründet, die von einer Re-Ethnisierung der jüngeren türkischen Bevölkerung ausgehen. Die Studie fand keine Hinweise darauf, dass die Praxis der Ehrenmorde über die Generationen weitergegeben wird. Obwohl Ehrenmorde eng an einen spezifischen kulturellen Hintergrund gebunden sind, dürfe auch nicht übersehen werden, dass  – wie bei der Mehrheit aller Gewaltverbrechen auch – ein geringer Bildungs- und Sozialstatus ein entscheidender Faktor sei. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Ehre (315,6 KB) Unser Workshopvideo    Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Arbeit (Mon, 29 Oct 2018)
von Dennis Görlich Nesrin Tekin hilft jungen Türkinnen in Berlin. Bei der Jobsuche und auch Eheproblemen. Womit sie mich schockt: Das Klischee der unterdrückten türkischen Frau trifft in vielen Familien noch immer zu. Ein weiterer Tag, an dem ich mich neu hinterfragen muss. In unserer Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Nesrin Tekin getroffen, um über Arbeit zu reden. Arbeit ist für viele Menschen längst mehr als ein notwendiges Mittel, um das Leben zu finanzieren. Gerade für Migranten stellt die Teilhabe am Arbeitsleben auch eine Chance dar, sich in die Gesellschaft zu integrieren - wenn sie es denn schaffen, Hindernisse wie Diskriminierung zu überwinden. – Folge (04/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Arbeit. Unter Migranten mit Wurzeln in der Türkei geht lediglich jede dritte Frau und jeder zweite Mann einer Arbeit nach. Das geht aus dem Mikrozensus 2016, einer Erhebung der sozialen Lage in Deutschland, hervor. Die Gründe hierfür sind vielfältig. So befinden sich viele in einer Ausbildung oder bereits im Ruhestand. Von denen, die einen Job suchen, scheitern viele an den Erwartungen und Voraussetzungen des Arbeitgebers. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Nasrin Tekin getroffen und über Arbeit geredet. Tekin arbeitet für für den TIO e.V. der sich für Frauen Migrantenfamilien einsetzt.  Für beruflichen Erfolg oder Misserfolg gibt es bei Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund eine Vielzahl an Faktoren. Und auch nicht jede Ablehnung eines Bewerbers ist rassistisch motiviert. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) kritisiert in ihrem jährlichen Bericht mehrere Punkte, die Migranten den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren.  So fand sie bei Arbeitgebern etwa Einstellungsvoraussetzungen, die sachlich nicht gerechtfertigt sind, beispielsweise sehr gute Deutschkenntnisse bei Reinigungskräften. Zudem gingen Personalentscheider oft davon aus, dass türkische Jugendliche weniger motiviert und zuverlässig sind und schulische Defizite haben. Die ADS stellt fest: “Rassistische Diskriminierung beim Zugang zu Arbeit knüpft oft an die (zugeschriebene) nichtdeutsche Herkunft, den ausländisch klingenden Namen, an Vorurteile oder stereotype Normalitätserwartungen an Bewerber_innen an.” Muslimische Frauen werden oft besonders benachteiligt Mit dem 2006 eingeführten Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) soll Benachteiligung von Menschen – auch aufgrund der Herkunft – verhindert werden. 29 Prozent der Türkeistämmigen erleben Diskriminierung im Bereich Arbeit, vor Freizeit (21 Prozent) und Bildung (18 Prozent).   Jeder vierte Bürger mit Migrationshintergrund hat in den letzten zwei Jahren Erfahrung mit Diskriminierung gemacht. Besonders betroffen sind muslimische Frauen, die ein Kopftuch tragen. Hier greift häufig eine mehrdimensionale Diskriminierung, das heißt Diskriminierung aufgrund mehrerer Merkmale. In diesem Fall: weibliches Geschlecht, ausländische Herkunft und muslimische Religionszugehörigkeit. Betroffene bewarben sich zumeist im medizinischen Bereich, zum Beispiel als Arzthelferinnen, Altenpflegerinnen sowie Krankenschwestern und im pädagogischen Bereich (Lehrerinnen, Erzieherinnen). Viele berichteten hier, aufgrund ihres Kopftuchs nicht eingestellt worden zu sein. Die Befürchtung, Angestellte mit Kopftuch könnten sich negativ auf den Kundenkontakt auswirken, ist auch im gastronomischen Bereich allgegenwärtig. Die Einstellungsbereitschaft würde wiederum steigen, wenn sie das Kopftuch ablegen. Wenige Migranten in Führungspositionen – auch im öffentlichen Dienst Im öffentlichen Dienst sind Türkeistämmige stark unterrepräsentiert: Während ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung bei 3,39 Prozent liegt, haben nach dem Mikrozensus zufolge lediglich 0,4 Prozent der Beamten in Deutschland einen türkischen Migrationshintergrund. “Diskriminierung läuft zunächst latent, das heißt, den Migranten werden bestimmte Bereiche oder Zusammenhänge nicht zugetraut, sei es aufgrund sprachlicher Barrieren oder fehlender formaler Qualifikation”, schreibt Ahmet Toprak in seinem Buch Integrationsunwillige Muslime?. “Sie werden mit einfachen und stupiden Tätigkeiten befasst, um sie nicht zu ‘überfordern’.” Der Anteil der Arbeiter unter den Türkeistämmigen ist folglich mit 14,8 Prozent deutlich höher als unter den Deutschen (8,1 Prozent). Der Aufstieg innerhalb eines Unternehmens wird dadurch erschwert. Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung erklärt das Phänomen so: “Je höher man in der unternehmerischen Hierarchie kommt, desto weniger Migranten findet man. Das liegt nicht unbedingt an Migrantenfeindlichkeit, sondern an sozialen Klüngeleien.” Aver meint damit, dass bestimmte Posten innerhalb höherer Sozialschichten vergeben werden. Diesen Schichten gehören Menschen mit Migrationshintergrund aber meist nicht an. Also nehmen Migranten auch Jobangebote an, für die sie überqualifiziert sind. Verstärkt wird diese Tendenz Aver zufolge zusätzlich dadurch, dass Migranten in sozialen Strukturen verankert und deshalb weniger bereit sind, für ein paar Jahre an einen anderen Ort zu ziehe. Eher nähmen sie einen schlechter bezahlten Job in Kauf. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes liefert in ihrem Bericht auch Lösungsvorschläge: Das Beschwerdemanagement innerhalb der Betriebe sollte verbessert werden, um vor Ort gegen Diskriminierung vorgehen zu können. Aber auch Beratungsstellen außerhalb der Unternehmen sollten gestärkt werden. Transparenz im Lohnsystem würde  Lohndiskriminierung. Diversity-Konzepte (Vielfaltsmanagement) sollen weiterhin dafür sorgen, dass Talente unter Migranten gezielt aufgespürt, gefördert und von den Arbeitgebern eingesetzt werden. All diese Schritte tragen dazu bei, die Chancengleichheit - nicht nur für Migranten - am Arbeitsplatz zu stärken. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Bildung (381,3 KB)   Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Alltagsrassismus (Mon, 29 Oct 2018)
von Hüdaverdi Güngör Cihat Genc verlor seine Schwestern beim Brandanschlag von Solingen 1993. Seine Familie leidet noch heute an den Folgen des Hass-Verbrechens. Mir kommen fast die Tränen, als er mir erzählt, dass seine Mutter noch immer um die Toten weint. Rassismus ist die schlimmste Krankheit der Menschheit. In unserer Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Cihat Genc getroffen, um über Rassismus zu reden. Das politische Klima in Deutschland ist angespannt. Mit der Alternative für Deutschland (AfD) sitzt eine rechtspopulistische Partei in allen deutschen Parlamenten. Fremdenfeindlichkeit scheint wieder salonfähig geworden zu sein. Die türkischstämmige Community erlebt Rassismus seit Jahrzehnten, doch jüngere Generationen haben noch feinere Antennen für ihn als die Eltern oder Großeltern. Das hat in erster Linie mit veränderten Erwartungen zu tun. – Folge (05/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Alltagsrassismus. Rechtsextreme Straf- und Gewalttaten erreichten 2016 ein neues Hoch. 2014 waren es noch 990 Gewalttaten. Grund für den enormen Anstieg seit 2014 waren besonders Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und andere Gewaltakte gegen Flüchtlingen. Alleine 2015 und 2016 verzeichnete das Bundesamt für Verfassungsschutz über 3000 Rechtsextreme Gewalttaten. Mit der AfD zog eine rechtspopulistische Partei in 14 von 16 Landtagen. Im Bundestag bildet sie heute die drittstärkste Partei und die größte Oppositionspartei. Sinan Sogukoglu, Sprecher der türkischen Gemeinde in Deutschland, sieht in den Straftaten eine Kontinuität in der deutschen Geschichte. Die türkischstämmigen Menschen hätten Angst und verlören den Glauben an die Zukunft und ein friedliches Zusammenleben. Vertrauensverlust und Abkehr von Deutschland seien die Folge. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Cihat Genc getroffen und über Rassismus geredet. Cihat und seine Familie verloren bei einem fremdenfeindlichen Brandanschlag 5 Angehörige. Wir wollten wissen, ob Cihat heute noch Rassismus begegnet.  Rassismus nimmt unterschiedliche Formen an. So zeigt sich der offene Rassismus besonders in Gewalt- und andere Straftaten. Daneben gibt es auch institutionellen Rassismus, der von Ämtern, Behörden, auch auch Schulen ausgehen kann. Er trifft Menschen mit Migrationshintergrund besonders im Alltag in Form von Diskriminierung und hat Chancenungleichheit zur Folge. Fremdenfeindlich motivierte Übergriffe und Attentate gab es schon in der Vergangenheit. In den 90er-Jahren übten Rechtsradikale mehrere Brandanschläge auf türkische Familien aus. Drei Menschen kamen bei einem Brandanschlag 1992 in Mölln ums Leben, nur wenige Monate später kamen fünf Mädchen und Frauen der Familie Cihat Genç bei einem Brandanschlag in Solingen um. Der junge Deutschtürke Cihat Genç erinnert sich noch heute täglich an das grausame Attentat auf seine Verwandten. Hass verspürt er aber nur gegenüber den Attentätern. Cihat Genç spricht sich gegen eine Pauschalisierung von Deutschen aus. In seinem Alltag werde er so gut wie nie angefeindet. Damit bestätigt er einen Trend. Laut einer Befragung des Zentrums für Türkeistudien haben sich in den vergangenen Jahren immer weniger türkischstämmige Migranten in Nordrhein-Westfalen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert gefühlt. Der Wert war seit 1999 noch nie so niedrig. Allerdings gibt jeder zweite an, schon einmal diskriminiert worden sein, besonders auf der Arbeit, in der Schule, bei Behörden oder der Polizei. Nach Einschätzung des Pressereferenten der türkischen Gemeinde haben sich Anschläge von Mölln, Solingen, Hoyerswerda und die des Nationalistischen Untergrundes ins kollektive Gedächtnis der türkischen Gemeinde gebrannt. Besonders die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zwischen 2000 und 2007 und die Rolle der Verfassungsschutzämter dabei hätten gezeigt, dass institutioneller Rassismus in den Sicherheitsbehörden ein großes Problem ist. Bei den NSU-Verbrechen sei trotz verschiedener Hinweise nie ernsthaft in Richtung Rechtsextremismus ermittelt worden. Den Opfern wurden Verstrickungen in die organisierte Kriminalität, Drogenmilieu und in Schutzgelderpressungen unterstellt, sie wurden also zu Tätern gemacht. In Bezug auf Diskriminierung ist die türkischstämmige Gemeinschaft mit der Zeit auch feinfühliger geworden. Ihre Mitglieder sind zu größeren Teilen in Deutschland angekommen und haben andere Erwartungen als ihre Eltern oder Großeltern: Sie wollen wie ihre Mitbürger ohne Migrationshintergrund behandelt werden und wissen um ihre Rechte. Das zeigt eine Studie des Zentrums für Türkeistudien. Je länger die eigene Migrationsgeschichte zurückliegt, desto stärker nehmen Menschen Diskriminierung wahr. So gaben 40 Prozent der Einwanderer aus der ersten Generation in NRW an, Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht zu haben. Aus der zweiten Generation gab dies etwa jeder Zweite an (54,9 Prozent), und in der dritten Generation liegt dieser Wert bei 73,2 Prozent. Die gute Nachricht lautet: Probleme mit ihren deutschen Nachbarn nehmen die türkischstämmigen Migranten nicht wahr. Im Gegenteil, in einer Studie des NDR gibt eine klare Mehrheit der Befragten an, mit Nachbarn und Kollegen gut zurechtzukommen. Aus derselben Statistik geht auch hervor, dass sich die Befragten nicht ausgegrenzt oder isoliert fühlen. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Alltagsrassismus (248,4 KB) Unser Workshopvideo  In unserem Workshop haben wir über die Erfahrungen der Teilnehmer mit Rassismusgesprochen. Für unser Workshopvideo sind wir auf die Straße gegangen und haben Interviews geführt.  Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Eigenverantwortung (Mon, 29 Oct 2018)
von Hüdaverdi Güngör Mustafa Esmer sieht die Türken als politische Opfer. Der rechte Nationalist liest Satre und fühlt sich von Malcom X und der Black-Power-Bewegung inspiriert. Ich muss während unseres ganzen Interviews denken: Beschwer dich nicht, geh doch einfach in die Politik! Mit Mustafa Esmer haben wir in unserer Webserie über Verantwortung gesprochen. Integration ist keine Einbahnstraße. Mit diesem Satz appellierte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Integrationsgipfel an deutsche Arbeitgeber, sich mehr für Migranten zu öffnen. Das Gegenteil trifft aber auch zu: Auch Migranten sollten nicht nur darauf warten, dass Staat und Gesellschaft auf sie zugehen. Eine Demokratie lebt davon, dass alle Bürger Verantwortung übernehmen und das Land mitgestalten. – Folge (06/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Eigenverantwortung. Integration ist keine Einbahnstraße. Mit diesem Satz appellierte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Integrationsgipfel an deutsche Arbeitgeber, sich mehr für Migranten zu öffnen. Das Gegenteil trifft aber auch zu: Auch Migranten sollten nicht nur darauf warten, dass Staat und Gesellschaft auf sie zugehen. Eine Demokratie lebt davon, dass alle Bürger Verantwortung übernehmen und das Land mitgestalten. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Mustafa Esmer getroffen und über Verantwortung und seine türkische Identität geredet.  Im Fall der Türkischstämmigen kommt als Besonderheit dazu, dass viele von ihnen auch die Politik in der Türkei mitbestimmen können - und zuletzt als Wählergruppe von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan entsprechend stark umworben wurden. In deutschen politischen Gremien sind die Deutschtürken nur schwach vertreten: Lediglich elf von 709 Abgeordneten im Bundestag haben einen türkischen Migrationshintergrund. Das liegt womöglich auch an einer schwachen Wahlbeteiligung. Bei der Bundestagswahl 2017 lag sie laut einer Umfrage der Universität Duisburg-Essen bei den Türkischstämmigen bei nur 64 Prozent, 12 Prozent weniger als in der Gesamtbevölkerung. Die Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in NRW, Serap Güler (CDU), beobachtet das Problem auch in anderen Migranten-Communitys. Sie sieht Fehler auf beiden Seiten: „Viele von ihnen interessieren sich nach wie vor für die Politik der Heimatländer und weniger für unsere. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir es bisher nicht sonderlich gut geschafft haben, diese Menschen anzusprechen. Wenn Sie an die Gruppe der Spätaussiedler denken, zeigt sich ja, wie man es besser machen kann.“ Die Verbundenheit zu der Türkei ist nach wie vor sehr groß. Das geht aus einer Studie des NDR hervor. Insgesamt gaben 72 Prozent der Befragten an, dass der Begriff „Heimat“ voll und ganz auf die Türkei zutrifft. Bei Deutschland lag der Wert nur bei 26 Prozent. Die türkische Regierung nutzt mittlerweile das Potenzial in Deutschland. 2014 führte die Türkei das Wahlrecht für die türkischen Staatsbürger im Ausland ein. Bereits 2010 nannte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan in Köln Assimilation einen “Bruch des Völkerrechts”. Für Serap Güler attestiert Erdogan eine Umarmungsstrategie: „Er hat den Menschen schnell das Gefühl gegeben, sich um sie zu kümmern, für sie da zu sein und hat damit ein Vakuum gefüllt.“ Der türkische Staatspräsident ist mit seiner Strategie auf fruchtbaren Boden gestoßen. Von den 3 Millionen türkischstämmigen Menschen waren bei den vergangenen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen laut der türkischen Wahlbehörde 1,4 Millionen wahlberechtigt. Die Wahlbeteiligung lag nur bei 46 Prozent. Doch unter denen gewannen Erdoğan und seine AKP zusammen mit der nationalistischen MHP eine klare Mehrheit. Den Präsidenten eines anderes Landes zu lieben und zu verehren, ist zunächst nichts Verwerfliches. Problematisch wird es dann, wenn dieser Präsident nicht mehr für demokratische und rechtsstaatliche Werte eintritt. Staatssekretärin Güler betont: „Niemand verlangt von den Menschen, ihre Bindung zur alten Heimat abzubrechen. Aber ich würde mir wünschen, dass sie endlich hier ankommen, mit Verstand und Herz. Mich stört es ungemein, wenn ich Demonstranten sehe, die hier leben und sich für die Todesstrafe in der Türkei aussprechen.“ Suat Yilmaz, Leiter der Landesweiten Koordinierungsstelle kommunale Integrationszentren (LaKI), arbeitete als Streetworker in den Problemvierteln von Dortmund. Yilmaz tut sich schwer mit der Frage, was Migranten tun müssen. Die Ethnisierung von Problemen hält er für gefährlich: Letztendlich unterscheide einen Ali Arslan in Hamburg nichts von einem Kevin Müller in Dresden. In Ostdeutschland erlebe man ein ähnliches Phänomen bei der Identitätsfrage, so Yilmaz. Für ihn hat das Problem mit ökonomischen Milieus und Bildung zu tun. Yilmaz hat Verantwortung für sein Leben übernommen und so den Sprung in ein höheres Bildungsmilieu geschafft. Er studierte Sozialwissenschaften. „Wenn ich ein Kind hätte, hätte das trotz meines Migrationshintergrunds in dieser Gesellschaft wahrscheinlich bessere Chancen als das Kind einer deutschen Mutter aus Bottrop, die Arbeitslosengeld bezieht”, sagt er. In seiner Arbeit als Streetworker und Talentscout sprach Yilmaz mit den verschiedensten Jugendlichen. Deutsche und türkische Nationalisten gehörten auch dazu. „Die Gespräche haben sich nie unterschieden, es ging immer um dieselben Probleme: Angst und Hoffnung”, sagt er. “Wenn wir in der dritten und vierten Generation immer noch eine separierende Debatte führen, dann können wir die Integrationspolitik wegschmeißen. Diese Menschen sollen doch zusammenleben und nicht in zwei Welten oder Atmosphären!“ Yilmaz spricht nicht nur mit den Jugendlichen. Er versucht, gemeinsam mit ihnen Lösungen zu finden. „Wir leben im Zeitalter des Populismus. Den Populismus, den Erdoğan zum Beispiel zutage bringt, müssten wir ein Stück weit kopieren. Wir brauchen eine Art demokratischen Populismus. Wir fahren ein Rennen mit einem VW gegen Porsche und Ferraris.“ Er sieht auch Facebook als Problem. „Es ist der größte Stammtisch in der Menschheitsgeschichte. Du hast da keine Chance, zu argumentieren. Ein einziger Blogger kann über Facebook mehr Menschen erreichen als alle Bundestagsabgeordneten zusammen. Diese Menschen haben eine Definitionsgewalt. Wir erleben eine Umkehrung der Machtverhältnisse. Jeder kann mit systematischer Öffentlichkeitsarbeit mehr Follower haben als ein Fernsehsender.“ Deswegen gründete Yilmaz 2014, zusammen mit dem Autor dieses Textes, die Organisation „Die Verfassungsschüler“. Die Verfassungsschüler wollen die Demokratie und die Grundwerte des Landes, die in den ersten zehn Artikeln des Grundgesetzes stehen, emotional und offensiv vermitteln. Genau so, wie Populisten oder Hassprediger es auch machen. Yilmaz ist sich sicher, dass wir keine “sitzende Demokratiearbeit” machen können. Er nennt seine Methode eine “aufsuchende”. „Die Debatten dürfen nicht im Internet stattfinden, sondern im Realen. Demokratie ist nichts, was angeboren ist. Jeder Generation muss sie neu beigebracht werden.“ 2014 traten die Verfassungsschüler bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen als eigene Partei an. Die Jugendlichen haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Politische Partizipation (231,4 KB) Unser Workshopvideo  In unserem Workshop haben wir einen kleinen Podcast erstellt. Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Familie (Mon, 29 Oct 2018)
von Dennis Görlich Sinem Aktas war nie feiern, dafür hat sie ihr Abitur gemacht. Mit der Hilfe ihres Vaters. Als wir uns in der Dortmunder Nordstadt treffen, erzählt sie mir, wie sehr sich ihre Familie am Gymnasium für sie eingesetzt hat. Ich denke an meine Schulzeit zurück und muss lächeln. Mit Sinem Aktas haben wir in unserer Webserie über Familie gesprochen. Kaum etwas scheint in der türkischen Gemeinschaft einen höheren Stellenwert zu besitzen als die Familie. Das bedeutet häufig auch, sich starren Familienhierarchien unterzuordnen. Doch die Wertvorstellungen der türkischen Familien befinden sich im Wandel – genauso wie die Definition des Begriffes “Familie”. – Folge (07/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Familie. Was ist Familie? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht.  Deutsche verstehen darunter meist die Kernfamilie, bestehend aus Eltern und ihren Kindern. Die Definition türkischer Migranten erstreckt sich oft über mehrere Generationen bis zu entfernten Verwandten in der Türkei. Der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak hat in Interviews vier verschiedene muslimische Familientypen in Deutschland festgestellt und in seinem Buch Unsere Ehre ist uns heilig präsentiert. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Sinem Aktas getroffen und über die Familie geredet. Wir wollten erfahren, wieso Sinem ihren schulischen Werdegang ihrer Familie zu verdanken hat.  In einer konservativ-autoritären Familienstruktur prägen traditionelle Werte wie Respekt, Ehre und Würde den Alltag. Es herrscht eine klare hierarchische, patriarchalische und geschlechtsspezifische Ordnung. Der Vater besitzt die höchste Autorität und ist der Entscheider – bei konservativen deutschen wie türkischen Familien. Die Mutter verfügt über “verdeckte Macht”. Vor allem bei innerfamiliären Angelegenheiten wird sie zu Rate gezogen. Auch hier zeigen sich Parallelen bei deutschen und türkischen Familien. Vor allem Mädchen leiden unter dieser Ordnung, da ihre Bildung nachrangig behandelt wird. Die Deutschkenntnisse in der Familie sind meist gering, die Eltern stammen aus der Arbeiterschicht. Die Wahl des Ehepartners erfolgt ebenfalls traditionell: “Bei konservativen Familien ist die Wahl des Ehepartners keine individuelle Entscheidung, sondern eine kollektive Familienentscheidung”, stellt Professor Toprak von der Fachhochschule Dortmund fest. “Die Eltern fragen nicht, ob du verliebt bist, sondern fragen ‘woher kommt der Schwiegersohn oder die Schwiegertochter’.” Meist kommt dieser/diese dann aus der Türkei oder sogar der Heimatregion. Aus dieser Familie gehen oft mehr als drei Kinder hervor. Die Familiengröße verstärkt häufig auch die Loyalität gegenüber Verwandten in der Türkei. Religiöse Familien orientieren sich an religiösen Werten und Normen. Die Teilnahme an religiösen Aktivitäten wird von jedem in der Familie erwartet. Das Bildungsniveau ist vielfältig von niedrig bis hoch. Im Vergleich zu einer konservativen Familie sind die Deutschkenntnisse innerhalb dieser Familien meist gut. Die Wahl des Ehepartners beschränkt sich hier zwar nicht auf die gleiche Herkunft, jedoch auf die gleiche Religion der Familie. Zusammen mit konservativen Familien stellen religiöse Familien die größte türkische Gruppe in Deutschland dar. Bei leistungsorientierten Familien steht eine gute (Aus)-Bildung im Vordergrund. Werte und Normen spielen eine geringere Rolle. Aufgrund der hohen Erwartungen der Eltern werden die Kinder in der Regel autoritär erzogen. Es wird dabei jedoch nicht zwischen den Geschlechtern unterschieden. In diesen Familien erreichen die Kinder meist hohe Bildungsabschlüsse, während die Eltern selbst ein geringes bis mittleres Bildungsniveau vorweisen. Die Zahl der Kinder ist im Vergleich zur konservativen Familie gering. “Die Eltern sagen: ‘Wenn wir wollen, dass unsere Kinder eine gute Ausbildung haben, dann können wir uns fünf, sechs Kinder nicht leisten, sondern maximal zwei bis drei”, erklärt Ahmet Toprak diesen Trend. Die Wahl des Ehepartners richtet sich primär nach dem Bildungsgrad, Religion und Herkunft sind zweitrangig. In den modernen Familien sind beide Elternteile gleichberechtigt. Diese Gleichberechtigung wirkt sich sowohl auf die Erziehung aus, als auch auf Entscheidungen innerhalb der Familie. Unabhängig vom Geschlecht haben alle Kinder die gleichen Rechte und Pflichten. Das Bildungsniveau innerhalb der Familie ist sehr hoch, im Gegensatz zur leistungsorientierten Familie auch bei den Eltern. Eine durchschnittliche moderne Familie besteht aus ein bis zwei Kindern, was mit einer durchschnittlichen deutschen Familie zu vergleichen ist. In modernen Familien werden Ehepartner aus Deutschland bevorzugt. Binationale Ehen zwischen Partnern unterschiedlicher Nationalität, sind gängige Praxis. Binationale Ehen, sowie Ehen zwischen Partnern unterschiedlicher Familientypen, stellen die Wertvorstellungen der Familie auf die Probe. Gerade wenn einer der Partner konservativer als der andere aufgewachsen ist, besteht häufig Konfliktpotential. Es kommt zu einer Vermischung der Wertvorstellungen. Diese Vermischung vollzieht sich aber auch bei den Kindern, die in der Schule unter Umständen andere Werte vermittelt bekommen als im Elternhaus. Eine vollständige Anpassung der eigenen Kinder an deutsche Lebensverhältnisse ist gerade für konservative türkische Familien häufig eine der größten Sorgen. Es wird befürchtet, die Kinder könnten sich kulturell und religiös entfremden. Sich einerseits in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, auf der anderen Seite die kulturellen Wurzeln aber nicht aufzugeben, ist die Herausforderung, der sich auch die dritte Migrantengeneration immer noch stellen muss. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Ehre (315,6 KB) Unser Workshopvideo  In unserem Workshop haben haben wir eine Szene zwischen einem kühlen Vater und einem Sohn nachgespielt. Der Workshop fand in Kooperation mit dem Planerladen e.V. in Dortmund statt.  Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Wohnen (Mon, 29 Oct 2018)
von Christina Häußler Ihsan Kaplan findet die türkischen Viertel in deutschen Großstädten gar nicht so schlimm. Der Hamburger Student überlässt den Blick auf die Alster gern den Reichen der Hansestadt. Kein Wunder, denke ich: Wer Sternenstaub sammelt, hat einen anderen Blick auf die Welt. Mit Ihsan Kaplan haben wir in unserer Webserie über die Wohnverhältnisse in Hamburg gesprochen. Eine Unterkunft zu haben, stellt ein Grundbedürfnis des Menschen dar. Wohnraum bietet Sicherheit und Geborgenheit – Elemente, die besonders für jene wichtig sind, die beschlossen haben, ihr Leben in einem fremden Land fortzuführen. Dabei kann gerade für Menschen mit Migrationshintergrund die Wohnungssuche zu einem großen Problem werden. – Folge (08/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Wohnen. In Großstädten ist der Wohnungsmarkt oft problematisch. Wenig Angebot steht einer hohen Nachfrage gegenüber. Für Menschen mit Migrationshintergrund ist es noch schwerer, eine neue Bleibe zu finden. Sie haben – wie auch in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt – häufig mit Vorurteilen und Diskriminierungen zu kämpfen. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Ihsan Kaplan getroffen und über die Wohnverhältnisse in Hamburg geredet. Kaplan ist Student und beschäftigt sich mit Raumfahrt.  Um dem Problem der Diskriminierung bei der Wohnungssuche auf den Grund zu gehen, führten „Spiegel” und „Bayerischer Rundfunk” 2017 in zehn großen deutschen Städten einen Versuch durch: 20.000 Antworten auf Online-Wohnungsangebote wurden dabei per E-Mail versendet. Die fiktiven Absender der sonst identischen Schreiben unterschieden sich nur hinsichtlich ihrer Nationalität. Sie kamen entweder aus Polen, Italien, der Türkei, Deutschland oder dem arabischen Raum. Der Test zeigte, dass besonders Bewerber mit vermeintlich türkischen oder arabischen Migrationshintergrund auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt werden. Im Vergleich zu ihnen bekamen Bewerber, die unter einem deutschen Namen nach einem Besichtigungstermin fragten, vier Mal häufiger eine positive Rückmeldung und Einladung. Auch wurden deutsche Mieter mit geringem Einkommen gegenüber Ausländern mit festem Einkommen bevorzugt. Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) soll in Deutschland eigentlich verhindern, dass Menschen wie in dieser Studie aufgrund ihrer „Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität“ (§ 1 AGG) benachteiligt werden. Allerdings bietet das AGG mit § 19 auch eine Hintertür für Vorurteile und Ablehnung. Denn die Ungleichbehandlung von Menschen bei der Wohnungsvergabe wird zulässig, wenn dadurch die „Schaffung und Erhaltung sozial stabiler Bewohnerstrukturen und ausgewogener Siedlungsstrukturen sowie ausgeglichener wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Verhältnisse“ befördert wird (§19, Abs. 3 AGG). Türkischstämmige und Deutsche wohnen in ähnlichen Verhältnissen Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) zeigte in einem Gutachten 2015, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufiger in einer schlechteren Wohnsituation leben als die deutsche Mehrheitsbevölkerung. Es gäbe „deutliche Hinweise, dass dies […] auch auf rassistische Diskriminierung am Wohnungsmarkt zurückzuführen ist“, heißt es in der Studie. Vergleicht man im Detail türkischstämmige Haushalte mit deutschen, zeichnet sich ab: Mehr Menschen leben in der Regel auf weniger, dafür aber teurerem Wohnraum. Im Schnitt umfassen türkischstämmige Haushalte 3,5 Mitglieder, zeigt der Integrationsreport des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aus dem Jahr 2008. In deutschen leben statistisch gesehen 2,0. Außerdem zahlen Türkischstämmige im Schnitt mehr Miete – durchschnittlich 30 Cent pro Quadratmeter, laut Daten des Mikrozensus 2006. Besonders türkischstämmige Menschen wohnen separiert in bestimmten Vierteln Little Istanbul in München, Duisburg Marxloh oder die Dortmunder Nordstadt. Was früher, als die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kamen, durch Gemeinschaftsunterkünfte geplant war, hat sich heute wie fast selbstverständlich eingespielt: Viele Türkischstämmige leben zusammen in einzelnen Stadtteilen oder Vierteln. Diese ethnische Segregation belegte auch der Integrationsreport des BAMF. Ob das von den Anwohnern allerdings freiwillig gewählt oder dem Druck des Wohnungsmarktes geschuldet ist, bleibt fraglich: Laut einer BAMF-Umfrage wäre es 61,9 Prozent der befragten Türken egal, wie hoch der Anteil an Ausländern oder Deutschen in ihrem Wohnviertel ist. Die Folgen dieser ethnischen Segregation sind für viele Experten dagegen eindeutig: Es kommt zu weniger interethnischen Kontakten, das Erlernen der neuen Sprache wird erschwert und für die Hinzugezogenen wird es leichter, sich von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. Auch für nachfolgende Generationen hätte es negative Folgen, so die gängige Kritik an den Ausländervierteln. Kurz: In der Theorie behindert Segregation Integration. Viele praktische Studien finden laut BAMF allerdings keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Integration und Segregation. Die Einschätzung dieses Sachverhalts sei stark davon abhängig, wie man Integration definieren würde, sagt Caner Aver, Wissenschaftler am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen. „Versteht man Integration als so-leben-wie-die-Mehrheitsgesellschaft, dann ist in segregierten Vierteln natürlich nicht von Integration zu sprechen,” sagt er. Aver verweist auf eine hohe Quote an Selbstständigen in den ethnischen Vierteln, die dadurch Steuern zahlen, Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen und einen wertvollen integrativen und volkswirtschaftlichen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Das wird auch dadurch deutlich, dass immer mehr Migranten Wohneigentum in Deutschland besitzen, stellte das BAMF fest. Das trifft besonders auf Migranten aus der Türkei, Italien, Kroatien und Polen zu, also Migrantengruppen, deren Einwanderungsgeschichte bereits mehrere Generationen zurückliegt. Demgegenüber stehen Migranten aus Bosnien und Herzegowina, die vergleichsweise selten Wohneigentum besitzen, heißt es im BAMF Integrationsreport von 2008.     Soziale Unterschiede wiegen schwerer als ethnische Laut BAMF wiegen Sprachbarrieren beim Knüpfen neuer Kontakte schwerer als das gemeinsame Wohnen in einem Viertel. Denn nur weil man nebeneinander wohne, müsse man nicht zwingend Gemeinsamkeiten finden und eine Freundschaft entwickeln, so das Bundesamt. Generell zeichne sich Segregation heutzutage eher dadurch aus, dass Menschen zusammenziehen, die in ähnlichen Lebensumständen leben und nicht nur, weil sie die selbe Nationalität haben. „Fakt ist, dass die Arbeitslosigkeit in Quartieren mit einem hohem Migrantenanteil im Vergleich zur gesamten Kommune oft höher liegt. In diesen Vierteln leben auch Herkunftsdeutsche, die mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind,” sagt Aver. Indem besserverdienende Migranten in wohlhabende Stadtteile ziehen, wird auch die ethnische Segregation gemindert, die soziale Segregation jedoch weiter verschärft. Laut BAMF bleiben in den betreffenden Stadtteilen so vermehrt sozial schwache Menschen zurück, mit schwierigen Lebensumständen, die tendenziell zu weniger Toleranz in der Lage seien, wodurch es vermehrt zu Konflikten kommen kann. Hier müsse angesetzt werden, um Integration und Zusammenleben in Zukunft zu verbessern. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Bildung (381,3 KB) Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Chancengleichheit (Mon, 29 Oct 2018)
von Dennis Görlich Emrah Celik glaubt nicht an Chancengleichheit. Schon in der Realschule fragten Lehrer ihn, was er dort als Türke eigentlich suche. Trotzdem will er nicht verzweifeln. Seine Hoffnungen setzt er in die nächste Generation. Ich bewundere seinen Optimismus, kann ihn aber nur schwer teilen. In unserer Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Emrah Celik getroffen, um über Chancengleichheit zu reden. Artikel 3 des Grundgesetzes besagt, dass in Deutschland niemand aufgrund seiner Herkunft, seiner Sprache oder Religion benachteiligt werden darf. Jeder Mensch ist vor dem Gesetz gleich. Menschen mit Migrationshintergrund haben es in Schule und im Beruf trotzdem oft schwerer. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Doch was kann man gegen diese Ungerechtigkeit tun? – Folge (09/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Chancengleichheit. Chancengleichheit bedeutet zunächst, dass alle Menschen die gleichen Ausgangsbedingungen bekommen. Wo eine formale Chancengleichheit herrscht, gibt es keine rechtlichen Hindernisse für einzelne Gruppen, um  eine Schule oder Universität zu besuchen oder sich auf eine Arbeitsstelle zu bewerben. Allerdings gibt es Gründe, warum Migranten auch in Abwesenheit von solchen Hindernissen niedrigere Erfolgschancen haben, etwa aufgrund schlechterer Sprachkenntnisse oder Vorurteile in der Gesellschaft. Deshalb vertreten viele Politiker und Wissenschaftler die Meinung, dass es unterstützender Maßnahmen bedarf, um Defizite in bestimmten Bereichen auszugleichen. Jeder zweite türkischstämmige Migrant in Deutschland fühlt sich laut einer Umfrage der Universität Münster als Bürger zweiter Klasse. Zudem geben 54 Prozent an, nicht als Teil der deutschen Gesellschaft akzeptiert zu werden, egal wie sehr man sich anstrenge. Einwanderer aus der ersten Generation empfinden das stärker so (65 Prozent) als solche aus der zweiten und dritten (43 Prozent). Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Emrah Celik getroffen und über Chancengleichheit geredet. Celik ist heute selbstständiger Grafikdesigner. Von ihm wollten wir erfahren, welche Erfahrungen er mit Chancengleichheit, besonders in der Schulzeit, gemacht hat.  Das Gefühl, nicht dazuzugehören, entsteht oftmals bereits im Kindesalter, wenn sich Schüler von ihren Lehrern ungerecht behandelt fühlen. So sind 42 Prozent der türkischstämmigen Schüler der Meinung, nicht die gleichen Chancen wie deutsche Schüler zu haben. Von den Eltern glauben dies sogar 59 Prozent. Suat Yilmaz von den Kommunalen Integrationszentren NRW (LaKI) nimmt die Lehrkräfte allerdings in Schutz: “Wir als Gesellschaft können Lehrern Rückendeckung geben, sie zu echten Autoritäten machen, oder wir zerreden ihre Rolle.” In diesem Zusammenhang kritisiert Yilmaz die Diskussionskultur. “Allzu oft werden in Bildungsdebatten die Lehrer entweder zu Verursachern von Bildungsungerechtigkeit gemacht, oder sie sind zusammen mit den Schülern die Leidtragenden des Systems.” Sprachkenntnisse als Schlüssel Der Großteil der Migranten gibt in der Befragung der Universität Münster Schwierigkeiten mit der Sprache bei Eltern oder Kindern als entscheidendes Hindernis für Chancengleichheit an. Häufig wird in den Familien die Muttersprache der Eltern gesprochen. Die so entstandenen Deutschdefizite werden dann in der Schule meist nicht mehr ausgeglichen. Türkischstämmige Eltern, die ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen, fühlen sich dabei oft überfordert – auch wegen eigener Sprachdefizite. 59 Prozent von ihnen wünschen sich dem Institut für Demoskopie Allensbach zufolge vom Staat mehr Unterstützung bei der Erziehung. Auch das soziale Umfeld hat Einfluss auf die Chancengleichheit. Es wirkt sich vor allem auf die Aufstiegschancen aus, also auf die Wahrscheinlichkeit, beruflich mehr im Leben zu erreichen als die Eltern. Wer in einer Arbeiterfamilie aufwächst, beginnt seltener ein Studium als ein Kind von Akademikern. Förderungsmaßnahmen in der Schule sind ein Versuch, dieses Ungleichgewicht zumindest teilweise auszugleichen, beispielsweise über Kooperationen mit Unternehmen und Hochschulen, die benachteiligte Schüler für Ausbildung und Studium begeistern sollen. Auch Unternehmen müssen umdenken Im Berufsleben stehen Migranten vor weiteren Hürden. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schließt zwar eine Benachteiligung aufgrund der Rasse oder Herkunft aus. In der Praxis werden Migranten allerdings bereits im Bewerbungsprozess diskriminiert. Das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) fand in einer Studie heraus, dass sich bereits ein türkisch klingender Name die Erfolgschancen bei der Bewerbung mindert. In dem Versuch bekamen die Bewerber mit türkischem Namen 14 Prozent weniger positive Rückmeldungen als deutsch klingende Bewerber – trotz identischer Bewerbungsunterlagen. Eine mögliche Lösung für dieses Problem könnten anonymisierte Bewerbungsverfahren sein, um frei von Vorurteilen ausschließlich die Leistung zu bewerten. Denn wenn die einzelne Person betrachtet wird und der Bewerbung Empfehlungsschreiben früherer Arbeitgeber vorliegen, verschwindet der Effekt von Vorurteilen meist. Die türkischen Bewerber haben dann annähernd die gleichen Chancen wie ihre deutschen Mitbewerber. Standardisierte Auswahlverfahren, die weniger Raum für subjektive Beurteilungen zulassen, sind bereits vor allem bei großen Unternehmen verbreitet. Eine multinationale Ausrichtung der Unternehmen begünstigt die Chancengleichheit zusätzlich, wenn sie kulturelle Vielfalt gezielt fördern. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Bildung (381,3 KB) Unser Workshopvideo  In unserem Workshop zu diesem Thema haben die Teilnehmer darauf hingewiesen, dass es nicht nur für Migranten Benachteiligungen in der Chancengleichheit gibt. Sondern auch für Frauen. Deswegen haben wir versucht, nachzuvollziehen wie die Chefs bei der Auswahl ihrer Bewerber entscheiden könnten. Daraus ist diese Szene entstanden Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Religion (Mon, 29 Oct 2018)
von Hüdaverdi Güngör Selim Sezgi sagt, der Islam geht mit den Lehren von Marx Hand in Hand. Für den Chemnitzer Muslim finden sich in seiner Religion viele kommunistische Ansätze. Ich treffe ihn vorm bronzenen Marx-Kopf auf dem Marktplatz der Stadt. Neben uns Pro Chemnitz-Anhänger. Sie fangen an zu pöbeln, weil sie unsere Shisha sehen. Mit Selim Sezgin haben wir in unserer Webserie über Religion gesprochen Mit dem weltweiten Anstieg von Terrorakten durch Al Qaida und den IS in den letzten zehn Jahren hat die Islamophobie in Deutschland zugenommen. Dabei ist die Angst vor Terrorismus in Bezug auf den türkisch geprägten Islam Religionsforschern zufolge unbegründet. Eine ambivalente politische Rolle spielen aber die religiösen Verbände in Deutschland. – Folge (10/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Religion. Schätzungsweise fünf Millionen Muslime leben in Deutschland. Mit fast drei Millionen Anhängern bilden die Türkischstämmigen unter ihnen die größte Gemeinschaft. Moscheen waren und sind ein wichtiger Treffpunkt für die Generation der Gastarbeiter. In den Teestuben von Moscheen trifft man sich und tauscht sich über die Arbeit, die Familie und das Leben in der Ferne aus. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Selim Sezgi in Chemnitz getroffen und über Religion geredet. Von Sezgin wollten wir erfahren welchen Stellenwert die Religion für ihn hat und wie es ist als Türke in Chemnitz aufzuwachsen.    Wie hoch der Stellenwert des Islams für die Türkeistämmigen ist, zeigt eine Studie des Zentrums für Türkeistudien. In keinem gesellschaftlichen Bereich engagieren sich die Türkeistämmigen mehr als in ihrer Religionsgemeinschaft, prozentual fast dreimal so häufig wie christliche Deutsche es in ihrer Gemeinde tun. Kurioserweise schätzen sich Mitglieder der zweiten und dritten Generation als religiöser ein als ihre Eltern und Großeltern, obwohl sie seltener beten und Moscheen besuchen. Zu diesem Ergebnis kam die Universität Münster in einer repräsentativen Erhebung. Die Forscher erklären es sich damit, dass die jüngeren Generationen ein demonstratives Bekenntnis zu ihrer kulturellen Herkunft ablegen wollen.   Der deutschtürkische Geisteswissenschaftler Caner Aver schließt sich den Forschern an. „Die Religion ist auch ein Teil der Identität, sobald der Islam und die islamischen Länder im Fokus der internationalen Konflikte stehen oder die Islam-Debatte immer negativer geführt wird. Dann nehmen sie eine Abwehrhaltung ein und und schützen den Islam als Teil ihrer Identität”, so Aver. In wichtigen theologischen Fragen und Grundlagen sei die dritte Generation allerdings nicht so firm, vermutet er. Diesem Bekenntnis zum Islam steht eine deutsche Bevölkerung gegenüber, die ihn immer mehr fürchtet. Es sind Gegensätze, die das Verhältnis zwischen Türkeistämmigen und Deutschen belasten. Besonders Terroranschläge, die im Namen des Islam verübt wurden, haben dazu beigetragen. Aver ruft daher zu einer sachlichen Debatte auf. Ein Großteil der Opfer islamisch motivierter Anschläge weltweit sind selbst Muslime. Statistisch gesehen, sagt Aver, sind in den vergangenen Jahren in Deutschland mehr Gewalttaten von Rechtsextremen verübt worden als von Islamisten. Trotzdem sei die Aufarbeitung in den Medien eine andere. Dadurch würden Muslime mit Gewalt gleichgesetzt, womit besonders jüngere Deutschtürken nicht ausreichend differenziert umgehen könnten. So entstünden bestimmte Stereotypen. Die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) profitiert von der Angst der Bevölkerung und schürt sie zusätzlich.  Zudem gründete sich noch vor der Flüchtlingskrise 2015 in Dresden der Verein Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida). Pegida arbeitet mit der AfD zusammen und ist ein Sammelbecken rechter und islamophober Kräfte. An den wöchentlichen Montagsdemonstrationen nahmen zeitweise Zehntausende teil. Dabei liegt der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Sachsen lediglich bei 0,48 Prozent, in ganz Deutschland bei 5 Prozent. Volker Beck, Lehrbeauftragter am Bochumer Centrum für religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität und ehemaliger Bundestagsabgeordnete, kann mit dem Wort „Islamkritik“ nichts anfangen. Er fragt, um welchen Islam es sich denn dabei handeln soll. „Ist es der Islam meiner Putzfrau, die zum Zuckerfest Baklava macht und nicht wahnsinnig religiös ist oder der Islam eines Typen, der aus einer Neuköllner Moschee zum IS gegangen ist als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit?” Bereits das Wort „Islamkritik“ homogenisiere den Islam. Ganz nach dem Motto, dass es nur eine gültige Variante des Islams gebe, und das sei die fundamentalistische des Islamischen Staates. Das sei das Bild, das Rechtspopulisten wie Alexander Gauland oder  Alice Weidel (beide AfD) und Islamisten vom Islam gleichermaßen zeichnen möchten. Für Beck ist das grober Unsinn: "Jeder Glaube wird erst als Geglaubtes von konkreten Gläubigen in Geschichte wie Gegenwart wirksam. Damit ist er eben immer Gegenstand von Interpretation und damit auch zwangsläufig dem Wandel unterworfen." Die Probleme des türkisch geprägten Islams sieht er in der Entstehungsgeschichte der meisten türkisch geprägten islamischen Organisationen in Deutschland. „Die Verbände sind religiöse Dienstleister, die ihre Entstehungsgeschichte einer politischen Identität verdanken“, sagt Beck. Damit meint er besonders die zwei größten türkisch geprägten Organisationen, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) und die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Nach eigenen Angaben unterstehen der DITIB über 900 Vereine in Deutschland. Sie selbst ist wiederum der türkischen Religionsbehörde (DIYANET) unterstellt und damit dem türkischen Staat. Aus einer Dokumentation des Bundestages von 2015 geht hervor, dass der Beirat der DITIB vor allem aus Funktionären der türkischen Religionsbehörde besteht. Die Funktionäre haben außerdem ein größeres Stimmgewicht haben als die Vertreter der über 900 Ortsgemeinden. Die Religionsbehörde sendet Imame von der Türkei nach Deutschland. Zeitweise hat sich auch die Millî Görüş von der türkischen Religionsbehörde Imame schicken lassen. Ein Sprecher erklärte gegenüber CORRECTIV, dass dies in Engpässen begründet gewesen sei. Mittlerweile bildet sie eigene Imame in Deutschland aus. Nach eigenen Angaben hat die IGMG in Deutschland rund 127.000 Mitglieder. Die Gemeinschaft wurde zeitweise vom Verfassungsschutz beobachtet. Gegründet wurde sie von dem mittlerweile verstorbenen türkischen Politiker Necmettin Erbakan, der stellvertretender Ministerpräsident der Türkei war. Er gilt als Ziehvater von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Der Einfluss der türkischen Politik auf die Religionsverbände ist nicht unmittelbar sichtbar. Die DITIB macht keine Parteiwerbung. „Aber die Menschen, die innerhalb der DITIB organisiert sind, stammen oft aus dem national-islamischen Milieu”, sagt Aver. “Dieses Milieu dominiert derzeit die AKP und die nationalistische MHP.” In ihrer offiziellen Rhetorik ergreife die DITIB keine Partei, aber in den Teestuben und in den Diskussionen unter Gemeindemitgliedern sprächen sich ihre Mitglieder durchaus für eine bestimmte Richtung aus. Aver sieht die Politik und die Gesellschaft in der Verantwortung. Er fordert von der Mehrheitsgesellschaft, dass sie Antworten liefert, wie man diese Religionsorganisationen, aber auch Religionsgemeinschaften in Deutschland strukturell verankern kann. „Auch die Türkei muss sich im Klaren sein, dass sie die DITIB langfristig nicht aus der Türkei steuern kann.“ Volker Beck hingegen beobachtet, dass sich immer mehr Menschen, die sich früher loyal zu ihren Verbänden verhielten, nun gegen diese stellen. Sie fordern, dass man über einen deutschen Islam nachdenkt, unabhängig vom türkischen Staat. Ein deutscher Islam müsste auf religiöser Ebene nichts einbüßen, stünde aber nicht mehr im politischen Bezug zu irgendwelchen anderen Ländern. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Identität (249,5 KB) Unser Workshopvideo  Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. 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Sport (Mon, 29 Oct 2018)
von Dennis Görlich Gürkan Bora ist Jugend-Fußballtrainer. Der ganzen Özil-Debatte zum Trotz beginnt für ihn die Integration noch immer auf dem Platz. Konflikte entstehen dort nicht durch die Herkunft, sondern aus dem Geldbeutel der Eltern. Gürkan gibt mir etwas, dass ich nach meinem Chemnitz-Besuch dringend nötig habe: Hoffnung. Mit Gürkan Bora haben wir in unserer Webserie über Arbeit gesprochen. Bildnachweis: correctiv „Sport ist der Motor für Integration in die Gesellschaft.“ Diesen Satz hört man von Sportfunktionären häufig. Der Motor scheint jedoch durch die Özil-Debatte ins stocken zu geraten. Auch einige Sportvereine gefährden die Integration, wenn sie sich nicht für andere Kulturen öffnen – deutsche wie türkisch geprägte Vereine. Doch es gibt Lösungen. – Folge (11/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Sport. „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren“, schrieb Fußballer Mesut Özil in einer Stellungnahme, in der er auch seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gab. Dieser Satz löste eine Debatte über Alltagsrassismus aus, die weit über den Sport hinaus reichte. Dabei galt die Nationalelf bis dahin als Vorzeigeobjekt für gelungene Integration durch Sport. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2010 hatten von den 21 deutschen Spielern immerhin 11 einen Migrationshintergrund. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Gürkan Bora in Dormagen getroffen. Wir wollten von Bora erfahren, wie wichtig der Sport für die Integration sein kann. Bora erhielt mit seinem Verein bereits mehrere Preise.   Der Sport ist in allen Gesellschaften mit das wichtigste Mittel der Integration. In tausenden Sportvereinen gehen Deutsche, Migranten und Flüchtlinge gemeinsam ihrer Lieblingssportart nach. Von einigen kritisch gesehen sind die etwa 500 Migrantensportvereine in Deutschland. Das sind Vereine, deren Mitglieder überwiegend aus einer Migrantengruppe und zu denen kaum Deutsche zählen. Der Großteil sind Fußballvereine, die meisten davon mit türkischem Hintergrund. Der Migrationsforscher Stefan Metzger geht jedoch davon aus, dass auch diese Migrantenvereine einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten. Metzger hat die Studie „Das Spiel um Anerkennung – Vereine mit Türkeibezug im Berliner Amateurfußball“ veröffentlicht. In zahlreichen Interviews hat er unter anderem die Motive hinter der Gründung türkischer Sportvereine beleuchtet. Einer dieser Gründe: man wollte Sport in seinem vertrauten Freundes- und Familienkreis ausüben. Da Migranten sowohl in Mannschaften als auch in Gremien der Vereine wenig berücksichtigt wurden, schaffte man sich ein alternatives Angebot. „Die Leute fühlen sich in vielen gesellschaftlichen Teilbereichen diskriminiert – so auch im Fußball“, stellt Metzger fest. „Wenn man vom Verband nicht als gleichberechtigtes Mitglied angesehen wird, ist das auch eine Art von Diskriminierung.“ Diese Diskriminierung lässt sich auch weiter oben in den Verbänden erkennen: In den Präsidien der 21 Landesverbände des Deutschen Fußballbundes befinden sich unter den 220 Mitgliedern lediglich acht mit ausländischen Wurzeln. Gefährden türkische Sportvereine die Integrationsarbeit? Als weiteren Grund für die Gründung ethnischer Vereine gaben viele die Rücksichtnahme auf religiös-kulturelle Werte der Mitglieder an. „Mit der Kultur von Bratwurst und Kabinenbier konnten viele nichts anfangen“, erklärt Metzger. „Dabei reden wir nicht nur von religiös eingestellten Migranten, sondern auch von weniger Gläubigen. Für viele türkische Migranten gehört öffentlicher Alkoholgenuss eben nicht dazu. Auch der Genuss von Schweinefleisch fällt in diese Kategorie. Das hat im Gründungsmoment der Vereine oft eine große Rolle gespielt.“ Ein entscheidender Aspekt für die Integration ist die Einbindung der türkeistämmigen Jugendliche in die Vereine. Bei ethnischen Vereinen werden laut Metzger auch jene Jugendliche erreicht, zu denen andere Institutionen wie Schule und Sozialarbeit nur noch schwer Zugang bekommen. Diese Selbsthilfe im Migrationsprozess zeigt Erfolg: Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft ermittelte, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Deutschen im Vereinssport nur geringfügig unterrepräsentiert sind. Während 47,6 Prozent der jungen Zuwanderer in Sportvereinen aktiv sind, kommen die Deutschen auf einen Wert von 54,8 Prozent. „Wenn man unter Integration eine Art von Teilhabe in gewissen gesellschaftlichen Bereichen wie Arbeitsmarkt oder Schulsystem auffasst, dann haben diese Klubs meiner Ansicht nach dafür gesorgt, dass ihre Mitglieder am organisierten Sport teilnehmen können. Unter diesem Aspekt hat es für mich auf jeden Fall zur Integration geführt“, findet Stefan Metzger. Auffällig ist laut Zahlen des deutschen Jugendinstituts (DJI) allerdings das Geschlechterverhältnis bei türkeistämmigen Jugendlichen: Zwei von drei Jungen (67 Prozent) sind in einem Sportverein organisiert, demgegenüber ist aus religiösen und kulturellen Gründen nur jedes vierte Mädchen (25 Prozent) Mitglied eines Vereins. Förderprogramme unterstützen die Vereine Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) fördert zusammen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) integrative Projekte deutscher Sportvereine, die sich speziell an Menschen mit Migrationshintergrund richten. Name des Projektes, das 1989 ins Leben gerufen wurde: „Integration durch Sport“. Die Angebote der Vereine sollen Migranten nicht nur dazu ermutigen, sportlich aktiv zu werden, sondern sich dort auch ehrenamtlich zu engagieren. Migrationsforscher Metzger setzt auf Kommunikation: „Man muss in den Dialog treten, die Menschen müssen qualifiziert werden: Viele Mitglieder der türkischen Vereine kennen eine solche Vereinsmeierei gar nicht. Man muss die Menschen an das Ehrenamt heranführen.“ Außerdem soll laut DOSB durch die gemeinsame sportliche Betätigung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund die gegenseitige Akzeptanz gestärkt werden. Des Weiteren möchte man das Bewusstsein für einen offenen Umgang mit anderen Kulturen in den Vereinen fördern. Deutschlandweit nehmen über 750 Sportvereine an dem Projekt teil. Mehr als 4.000 Seminare, Workshops und Qualifizierungsmaßnahmen und etwa 4.000 ehrenamtliche Helfer umfasst „Integration durch Sport“ aktuell. Um ihn am Laufen zu halten, muss der Integrationsmotor Sport also gepflegt werden. Manchmal reicht es da vielleicht auch, eine Geflügelbratwurst auf den Vereinsgrill zu legen, wenn ein türkisches Team zu Gast ist. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Engagement in der Gesellschaft (425,3 KB) Unser Workshopvideo      In unserem Workshop haben wir uns mit Sport und die Chance auf Integration auseinandersetzt. Es wurde schnell klar, dass die Teilnehmer die wirklichen Probleme wo anders sehen. In der Anerkennung des Frauenfußballs.  Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Engagement in der Gesellschaft (Mon, 29 Oct 2018)
von Hüdaverdi Güngör Umre Kizildeniz ist Erdogan-treu, Deutscher wie Türke gleichermaßen und bei der freiwilligen Feuerwehr in Hassloch. Wenn eine Katze vom Baum gerettet werden muss, spielt Politik für ihn keine Rolle. Und ich begreife dass Engagement für die Türkei nicht im Widerspruch zu Deutschland stehen muss. Mit Umre Kizildeniz haben wir in unserer Webserie über Engagement gesprochen Über 30 Millionen Menschen bringen sich in Deutschland in den verschiedensten Organisationen ein, vom Sportverein über religiöse Einrichtungen, politische Parteien bis hin zu den skurrilsten Interessenvertretungen. Unsere Zivilgesellschaft würde ohne das ehrenamtliche Engagement der Bürger zusammenbrechen. Das Zentrum für Türkeistudien sieht es auch als wichtigen Bestandteil der Integration von Migranten in Deutschland. Doch sie engagieren sich deutlich seltener, und wenn es sie tun, dann häufig in eigenen türkischstämmigen Communities. – Folge (12/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Engagement in der Gesellschaft. Der Politikprofessor Dr. Dirk Halm von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien befürchtet, dass dieser Trend zunehmen wird. Bereits 2005 untersuchte er das freiwillige Engagement von Deutschtürken. Insgesamt befragte die Stiftung dazu 1500 Menschen. Hochgerechnet engagierten sich demnach 1,3 Millionen von ihnen in Vereinen, Verbänden, Gruppen und Initiativen. Halm verweist jedoch darauf, dass Beteiligung nicht gleich Engagement bedeutet: „Wenn du in einem Verein Fußball spielst, bedeutet das, dass du dich beteiligst. Erst wenn du eine Funktion zum Beispiel im Vorstand einnimmst, engagierst du dich.“ Berücksichtigt man diese Unterscheidung, treten deutliche Unterschiede zwischen Deutschen mit türkischem und solchen ohne Migrationshintergrund zutage. Von den 1,3 Millionen türkischstämmigen engagierten sich demnach lediglich 200 000 Menschen. Die Zahlen des Freiwilligensurvey 2014 bestätigen das geringere Engagement:  Während sich 46,8 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund ehrenamtlich engagierten waren es bei den Migranten nur 31,5 Prozent. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Umre Kizildeniz getroffen und über das Engagement geredet. Wir wollten von Kizildeniz wissen, ob er sich engagiert und, ob für ihn Engagement für die Türkei und Deutschland vereinbar sind.   Die Ursachen dafür sind vielfältig. Für Halm ist aber Bildung der stärkste Faktor für die Bereitschaft zum Engagement. Das bedeutet: Je gebildeter jemand ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er oder sie sich engagiert. Der Geisteswissenschaftler Caner Aver hingegen vermutet, dass die Türkischstämmigen nicht mehr vor großen integrationspolitischen Herausforderungen stehen wie die erste Gastarbeitergeneration in Deutschland. Es geht nicht mehr um Akzeptanz sondern um Gleichberechtigung. Sie fordern eine Teilhabe an den gesellschaftlichen Ressourcen, auf die jeder Bundesbürger zugreifen kann, um ihre Zukunft als gesichert zu empfinden. „Erst, wenn das alles erledigt ist, werden sich die Migranten auch in mehrheitsgesellschaftlichen Organisationen ehrenamtlich engagieren.“ Aver befürchtet  auch, dass die aktuellen Debatten über Integration einen negativen Einfluss auf das Integrationsniveau haben werden. „Wir erleben bei Deutschtürken aktuell Rückzugstendenzen in eigen-ethnische Communitys“ Dass sich die Deutschtürken besonders häufig in solche ethnischen Verbände zurückziehen ist nicht neu. Bereits 2005 engagierten sie sich am häufigsten in religiösen Gemeinden, Erhebungen des ZftI zufolge sogar dreimal häufiger als Menschen ohne Migrationshintergrund. Zwar relativiert Aver die Zahlen:„Auch wenn nur eine Person Mitglied im Moscheeverein ist, wird die ganze Familie gezählt. In den Kirchen wiederum muss die einzelne Person ein eingetragenes Mitglied sein.“ Im  FreiwilligenSurvey 2014 zeichnet sich zugleich viel Potenzial für ein stärkeres  Engagement von Migranten ab. 68,1 Prozent der befragten Migranten zieht in Erwägung, sich zu engagieren. Dieses Potenzial kann ausgeschöpft werden. Geisteswissenschaftler Caner Aver kennt die Herausforderungen dabei aus eigener Erfahrung. Er war fünf Jahre lang im Vorstand der Türkisch Deutschen Akademiker Plattform. In verschiedenen Projekten versuchte er, besonders hochqualifizierte junge Deutschtürken für ein Engagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen zu gewinnen. Dafür, glaubt Aver, müssen die Attraktivität des Ehrenamtes - etwa die Vorteile für die persönliche und berufliche Entwicklung - erhöht und seine gesellschaftliche Bedeutung stärker kommuniziert werden. Sehr wichtig ist dabei eine persönliche Ansprache. Dass ein solcher Ansatz funktionieren kann, zeigt unser Interview mit Umre Kizildeniz. Kizildeniz ist im beschaulichen Dorf Haßloch aufgewachsen. Seit seiner Jugend ist er aktiv bei der freiwilligen Feuerwehr. Er erinnert sich bis heute an den Brief, der ihn zur freiwilligen Feuerwehr brachte: Es war der erste Brief, der persönlich an ihn gerichtet war und ihn zu einem Schnuppertag einlud. Bis heute engagiert sich Umre in der freiwilligen Feuerwehr mehrmals die Woche. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Engagement in der Gesellschaft (425,3 KB) Unser Workshopvideo  Unseren Workshop zu diesem Thema führten wir Kooperation mit der Alevitischen Gemeinde Nürnberg e.V. statt. Im Workshop kamen wir zu dem Ergebnis, das ehrenamtliche Engagement mit dem beruflichen Werdegang zu kombinieren. Mit unserem Video wollten wir auf den Personalnotstand in der Pflege hinweisen.  Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. 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Heimat (Mon, 29 Oct 2018)
von Hüdaverdi Güngör Tugba Bakirci sagt, wenn man für türkische Probleme kämpft, kann man in Deutschland nichts verändern. Ich frage die Auszubildende, als was sie sich denn fühle – deutsch oder türkisch? „Als Kölsches Mädche". Mit Tuba Bakirci haben wir für unsere Webserie über Heimat gesprochen. Vor über 50 Jahren kamen die ersten Gastarbeiter nach Deutschland. Daran, sie in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, dachte damals niemand. Gespaltene Persönlichkeiten und Generationen sind die Folge. Besonders seit der Zuspruch für Erdogan gestiegen ist, wird die Loyalität vieler Türkeistämmiger gegenüber Deutschland infrage gestellt. Dabei erleben wir gerade die Geburt einer vielfältigeren Gesellschaft. – Folge (13/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Heimat. Als drittes von insgesamt neun Ländern schloss Deutschland 1961 das Anwerbeabkommen mit der Türkei ab. Für die Gastarbeiter damals war das Rotationsprinzip vorgesehen. Konkret bedeutete das: zwei Jahre in Deutschland arbeiten und wieder zurück in die Heimat. Zu Beginn lebten die türkischen Gastarbeiter in Wohnheimen mit ihren Landsleuten und zählten gemeinsam die Tage bis zur Rückkehr. Eine Integration in die Gesellschaft planten weder die deutschen Politiker noch die türkischen Gastarbeiter. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Tugba Bakirci in Köln getroffen und über Heimat geredet. Bakirci stellt klar, Köln ist ihre Heimat. Dennoch sehen die anderen Menschen in ihr nur die Türkin. Und doch sind die meisten mit ihren Familien in Deutschland geblieben. Geblieben ist aber auch ihre Sehnsucht nach der Türkei. Und neu dazu gekommen sind Probleme, die zwei unterschiedliche Heimatländer mit sich bringen. Die Türkei ist für die Türkeistämmigen heutzutage durch die Medien, die türkisch geprägten Stadtteile, durch eigene Shops und insbesondere durch die Familie allgegenwärtig in Deutschland. Das bestätigen auch die Zahlen des Zentrums für Türkeistudien (ZfTi). In einer Befragung in Nordrhein-Westfalen gaben rund die Hälfte der Türkeistämmigen an, Heimatverbundenheit zur Türkei zu spüren. Zu Deutschland hingegen sagte das nicht einmal jeder fünfte. Eine ähnlich deutliche Tendenz zeigte sich auch in einem unserem Workshop, den CORRECTIV mit jungen Deutschtürken zum Thema Heimat  in Ellwangen in Baden-Württembergs, gegeben hat. Die Teilnehmer, die überwiegend aus der dritten Generation stammten, gaben zu 80 Prozent an, ihre Heimat in der Türkei zu sehen. Das sind vier von fünf. Für den Geisteswissenschaftler des ZfTi Caner Aver ist dieses Ergebnis nicht überraschend. Sein Institut kam zu dem Ergebnis, dass die Heimatverbundenheit zu der Türkei bei Angehörigen der dritten Generation fast so stark ausgeprägt ist wie bei denen der zweiten; 43,6 Prozent fühlen sich heimatlich der Türkei verbunden. Die größte Verbundenheit zur Türkei spüren in NRW wenig überraschenderweise die Menschen aus der ersten Generation, also der Gastarbeiter selbst, die noch in der Türkei aufgewachsen sind. Angehörige der dritten Generation, deren Eltern häufig schon in Deutschland geboren oder in jungen Jahren eingewandert sind, idealisieren das Herkunftsland der Großeltern. Das Leben in Deutschland ist eher eine pragmatische Entscheidung. In unserem Workshop stellten wir die provokante Frage, für welches Land die Teilnehmer sterben würden. Die meisten entschieden sich für die Türkei. Neben dem Zuspruch für den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, sind es solche Ergebnisse, die Zweifel an der Loyalität der Deutschtürken für die Bundesrepublik säen. Es bleibt die Frage nach den Ursachen für diese Ambivalenz unter den Deutschtürken, und hierbei dürften auch politische Faktoren eine Rolle spielen. In keinem der Kabinette unter Angela Merkels Kanzlerschaft war je ein Deutschtürke vertreten. Auch im Bundestag sitzen lediglich elf türkischstämmige Abgeordnete. Die Wahlbeteiligung unter den Türkischstämmigen bei der Bundestagswahl 2017 war mehr als 10 Prozent geringer als im Rest der Bevölkerung. Für den Geisteswissenschaftler Aver ist die emotionale Abwendung von Deutschland das Ergebnis gescheiterter Integrationspolitik und mangelnder Vertretung der Deutschtürken in öffentlichen Diskussionen. Ihm zufolge wurde viel zu häufig über statt mit den Menschen geredet. Auch die häufig negativ konnotierten Debatten über das Kopftuch, den Islam, die Integration, die Türkei, Erdoğan und Mehrfachidentitäten trügen dazu bei. Sie setzten die Türkeistämmigen immer wieder unter einen Rechtfertigungsdruck.  „Wenn die Mehrheitsgesellschaft dir nicht das Gefühl gibt, dass du zu ihnen, zu einem neuen Deutschland, gehörst, suchst du dir ein anderes soziales Gefüge“, so Aver. Viele Türkischstämmige finden es in der Herkunftskultur. Doch auch die Türkischstämmigen selbst sieht Aver in der Pflicht: „Sie müssen Strategien im Umgang mit ihrer Mehrfachidentität entwickeln, die beide Seiten vereint, ohne eine auszuschließen. Den Teil ihrer deutschen Identität kennen sie oft noch nicht ausreichend”.  Den könnten Jugendliche besser kennenlernen, wenn sie beim nächsten Urlaub in der Türkei darauf achteten, was sie am meisten aus Deutschland vermissen. Aver ist selbst Kind einer türkischen Gastarbeiterfamilie und gehört damit der zweiten Generation an. Man müsse auch lernen, zwischen Pragmatismus und Emotionalität zu unterscheiden: „Das ist nicht einfach in einer globalisierten Welt, in der man für 300 Euro in die Türkei fliegen kann und türkische Serien und Nachrichten über einen Satelliten zu Hause in Deutschland empfängt. Physisch kann man also in Deutschland leben, aber gedanklich und emotional im Herkunftsland der Eltern oder Großeltern.” Sich für eine Seite zu entscheiden bezeichnet Aver als komfortabler, als aus zwei Identitäten eine neue herauszubilden. Für die Bewältigung von Wertekonflikten müsse die Politik Angebote machen. “Wir dürfen die jungen Menschen damit nicht alleine lassen“, so Aver. Aktuell geht der Trend unter Türkeistämmigen dazu, sich nicht entscheiden zu wollen. Statt „entweder oder“ wählen sie ein „und“. Gerade Menschen aus der dritten Generation möchten häufiger zwischen beiden Ländern pendeln und sehen ihre Heimat in Deutschland und in der Türkei, auch wenn sie sich am Ende für Deutschland als ihren Lebensmittelpunkt entscheiden. Bewusst nennt sich der Geisteswissenschaftler Aver deswegen auch Deutschtürke. Er lebt aus eigener Entscheidung in Deutschland, teilt die Werte dieses Landes. Aber die Türkei sei ebenfalls ein Teil seiner Identität, die er niemals aufgeben möchte. Der Begriff Deutschtürke schließt die Identifikation mit beiden Ländern ein. Dass man dafür von allen Seiten Kritik erfahren kann, zeigt der Fall des ehemaligen deutschen Nationalspielers Mesut Özil. Als Özil sich für die deutsche statt für die türkische Nationalmannschaft entschied, erntete er aus der türkischen Community viel Kritik. Vor der Fußballweltmeisterschaft ließ der gebürtige Gelsenkirchener sich allerdings mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan ablichten. Wochenlange Debatten in den Medien waren die Folge. Trotzdem, findet Aver, hat die Situation etwas Positives. Es sei die schmerzhafte Geburt einer neuen Gesellschaftsform. „Wir befinden uns seit Jahren im Prozess einer gesellschaftlichen Transformation. Es ist wie die Geburt eines Kindes; es ist zwar sehr schmerzhaft, aber am Ende kommt ein Kind auf die Welt, das symbolisch für eine neue, vielfältige Gesellschaft steht. Probleme wird es zwar immer noch geben, aber am Ende werden wir diese neue Gesellschaft als Normalität begreifen und eher an sozialen statt an Integrationsproblemen arbeiten.“ Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Identität (249,5 KB) Unser Workshopvideo  In unsrem Workshopvideo haben wir ein Statement für Deutschland gesetzt.     Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Freiheit (Mon, 29 Oct 2018)
von Christina Häußler Dilan Coktas ist als Sechsjährige aus der Türkei nach Deutschland geflüchtet. Das Leben fern der Heimat radikalisiert, sagt sie. Das gilt vor allem für die Deutschtürken hier. Ich bewundere, dass sie immer noch mit den Menschen reden will. Mit allen. Obwohl sie von Deutschen wie von Deutschtürken oft angefeindet wird. Mit Dilan Costas haben wir in unserer Webserie über Freiheit gesprochen. Westliche Gesellschaften betrachten Freiheit als einen ihrer zentralen Werte. In Deutschland kann man recht ungehindert seine Meinung äußern, ohne Angst vor Verfolgung haben zu müssen. Doch in den türkischen Gemeinschaften in Deutschland kann die Realität eine andere sein. – Folge (14/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Freiheit. Das Grundgesetz schreibt das Recht zur freien Meinungsäußerung in Artikel 5 fest. Jeder darf seine Meinung äußern. Davon gibt es nur wenige Ausnahmen, zum Beispiel wenn die persönliche Ehre eines anderen Menschen verletzt wird. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Dilan Coktas in Duisburg getroffen und über Freiheit geredet. Anders als die meisten Türkeistämmigen sind ihre Eltern nicht als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Sie sind aus der Türkei geflüchtet. Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei Auch die türkische Verfassung garantiert allen in Artikel 26 die Meinungs- und Pressefreiheit: „Jedermann hat das Recht, seine Meinungen und Überzeugungen in Wort, Schrift, Bild oder auf anderem Wege allein oder gemeinschaftlich zu äußern und zu verbreiten.“ Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung: wenn die Sicherheit des Staates betroffen ist oder gefährdet wird. Außerdem sagt die Verfassung, dass ein „Genehmigungssystem“ kein Widerspruch zur Meinungsfreiheit sei. Das ermöglicht staatliche Zensur, welche die Meinungsfreiheit untergraben kann. Die Pressefreiheit in der Türkei befindet sich laut Reporter ohne Grenzen e.V. in einer „schwierigen Lage”. Die Türkei befindet sich in einem Ranking der Organisation auf Platz 157 von 180 Ländern. Im Vergleich zum Vorjahr ist sie um zwei Plätze abgerutscht. Nur noch in den arabischen Staaten sowie in China, Kuba und Nordkorea steht es noch schlechter um die Pressefreiheit. Dort schätzt Reporter ohne Grenzen die Lage als „sehr ernst” ein. Seit dem Putschversuch im Juli 2016 hat sich die Situation in der Türkei deutlich verschlechtert. Es hat „eine beispiellose Hexenjagd auf kritische Journalisten und Medien” stattgefunden, schreibt die Organisation. Mehr als 100 Journalisten wurden verhaftet, 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Kritische Journalisten wurden unter Generalverdacht gestellt und unabhängige Medien mussten seitdem in ständiger Angst vor Inhaftierung und Strafen leben. Aktuell sitzen 28 Journalisten in der Türkei in Haft (Stand: 11.09.2018), diese Zahl umfasst allerdings nur jene, deren Inhaftierung zweifelsfrei mit ihrer journalistischen Tätigkeit zusammenhängt. Die tatsächliche Anzahl dürfte jedoch viel höher sein, da die türkische Justiz Betroffene und ihre Anwälte lange im Unklaren über die Anschuldigungen lässt. Ein besonders prominenter Fall ist die Verfolgung und Inhaftierung von Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“. Für die Veröffentlichung von Informationen zu Waffenlieferungen der Türkei an Syrien wurde er 2015 der Spionage angeklagt und festgenommen. Drei Monate später wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen, das Ausreiseverbot gegen ihn wurde ebenfalls aufgehoben, so dass Dündar später nach Deutschland reisen konnte. 2016 wurde er für schuldig befunden und zu fast sechs Jahren Haft verurteilt. Während der Urteilsverkündung wurde ein Attentat auf ihn verübt, bei dem er jedoch nicht zu Schaden kam. Der Täter wurde inzwischen wieder freigelassen. Aktuell lebt und arbeitet Dündar in Deutschland. Gemeinsam mit CORRECTIV hat die journalistische Plattform  #ÖZGÜRÜZ gegründet. Übersetzt bedeutet das: „Wir sind frei“. In der Türkei ist die Internetseite von #ÖZGÜRÜZ zensiert. Verhältnis von türkischen Migranten zur freien Meinungsäußerung Bis in die 1990er Jahre war es aufgrund der sunnitisch geprägten Staatsdoktrin der Türkei unüblich, sich als türkischer Migrant offen zu einer alevitischen Konfession oder zu einer kurdischen Herkunft zu bekennen. Heute sind die Konflikte eher politisch geprägt. Denn ethnische und konfessionelle Minderheiten sind heute in der Türkei besser anerkannt als in den vergangenen Jahrzehnten. Doch politisch ist das Land gespalten. Wer gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan und die Regierung ist und Kritik äußert, läuft Gefahr, als Staatsfeind denunziert zu werden, der die Türkei schwächen will oder gar ihre territoriale Auflösung anstrebt. „Jeder, der zu laut und zu kritisch gegen die offiziellen Interessen der Regierung redet, steht der realen Gefahr gegenüber, verhaftet zu werden, was aber nicht unmittelbar mit einer Verurteilung einhergehen muss,“ sagt Caner Aver, Wissenschaftler am Zentrum für Türkeistudien und Migration in Essen, über die Situation in der Türkei. Der Konflikt lässt sich aber in dieser Schärfe nicht auf türkische Gemeinden in Deutschland übertragen: „Nur ein geringer Teil türkischer beziehungsweise türkischstämmiger Migranten, der in Zahlen nicht genau zu erfassen ist, steht ideologisch hinter der Regierungspartei der Türkei und zeigt Kritikern gegenüber ein ähnliches Verhalten,“ so Aver weiter. Es besteht nur die Möglichkeit, die tatsächlichen Anhänger Erdoğans und der AKP anhand der Wahlbeteiligung festzumachen: Demnach haben knapp 65% der in Deutschland lebenden Türken bei der Präsidentschaftswahl 2018 Erdoğan gewählt. Die Einstellung der Türkischstämmigen zur Meinungsfreiheit in Deutschland ist jedoch eine andere. „Migranten sind sich bewusst, dass sie hier in Deutschland frei ihre Meinung äußern können. Die, die das nutzen, schätzen es sehr,“ sagt Aver.   Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Politische Partizipation (231,4 KB) Unser Workshopvideo  In unserem Workshop haben wir über das Freiheitsempfinden von einer kurdischen Studentengruppe gesprochen.  Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Aufstiegschancen (Mon, 29 Oct 2018)
von Dennis Görlich Turgay Tahtabas kam in den 90ern nach Deutschland, arbeite als Müllmann und ist heute erfolgreicher Unternehmer. NRW-Ministerpräsident Laschet verlieh im erst letztens den Landesverdienstordens. Turgays Erfolgsrezept: Er wollte helfen, Deutschland etwas besser zu machen. Und zwar nicht nur für Türkischstämmige ... Mit Turgay Tahtabas haben wir in unserer Webserie über Aufstiegschancen gesprochen. Das Ziel, etwas im Leben zu erreichen, haben die meisten. Das Problem ist häufig: Nicht nur die persönlichen Fähigkeiten bestimmen die eigene Zukunft. Auch das soziale Umfeld und potentielle Arbeitgeber nehmen Einfluss auf die Chancen. Junge Migranten haben hier mit besonderen Hürden zu kämpfen. – Folge (15/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Aufstiegschancen. Als in den 1960er-Jahren türkische Gastarbeiter nach Deutschland kamen, wurden diese überwiegend in der Nähe ihrer Betriebe untergebracht. Es entstanden Wohngebiete wie z.B. in Duisburg-Marxloh mit einem hohen Anteil an Migranten. Die Schließung der Zechen und Stahlwerke wenige Jahrzehnte später hatte eine hohe Arbeitslosigkeit in dem Viertel zur Folge. Jeder zweite Migrant ist hier heute arbeitslos. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Turgay Tahtabas getroffen und über seinen sozialen Aufstieg geredet. Obwohl Tahtabas erst in den 90ern nach Deutschland gekommen ist, schaffte er es sich vom Müllmann zum Unternehmer hochzuarbeiten. Tahtabas leitet ein gemeinnütziges Unternehmen mit dem er sich für sozial schwächere Kinder einsetzt.  Die Aufstiegschancen eines Menschen werden stark von dem sozialen Umfeld beeinflusst, in dem er aufwächst. So ist sich die Sozialforschung einig, dass Kinder aus Gebieten wie Duisburg-Marxloh seltener eine akademische Ausbildung erhalten werden als Kinder aus Stadtteilen mit einem hohen Einkommensniveau. Von 100 Kindern in Deutschland, deren Eltern nicht studiert haben, besuchen lediglich 21 eine Hochschule. Das ergab eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey. „Wir müssen vorgezeichnete Biografien durchbrechen und dafür sorgen, dass Kinder vom Rand der Gesellschaft geholt werden und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln”, schreibt Suat Yilmaz in seinem Buch Die große Aufstiegslüge. „Denn wo soll es herkommen, wenn die Eltern nie einer geregelten Arbeit nachgegangen sind, wenn sie die Sprache und die Kultur unseres Landes nicht kennen?” Finanzielle Barrieren und fehlende familiäre Vorbilder Warum beeinflusst das Umfeld die beruflichen Aufstiegschancen so stark? Ein Faktor ist die unterschiedliche Erwartungshaltung an die Kinder. Während 91 Prozent der Eltern aus den oberen Einkommensschichten von ihren Kindern den Abschluss des Abiturs erwarten, sind es bei den Eltern aus unteren Einkommensschichten nur 41 Prozent. Dies geht aus einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach hervor. Selbst wenn Arbeiterkinder Abitur machen, entscheiden sie sich häufig gegen ein Hochschulstudium. Das kann mehrere Gründe haben: Eltern mit einer Berufsausbildung ziehen diese in der Regel auch für ihre Kinder einem Hochschulbesuch vor. Die fehlende Erwartungshaltung, aber auch der Mangel an akademischen Vorbildern in der Familie, hemmen den beruflichen Aufstieg des Kindes. HInzu kommen finanzielle Hürden. Zwar sind diese mit der Abschaffung der Studiengebühren und mit der staatlichen Ausbildungsfinanzierung gesunken. Besteht aber die Notwendigkeit, einen Kredit aufzunehmen, schreckt das viele Schüler von einem Studium ab. Trotz dieser Hürden geben 61 Prozent der jungen Migranten dem Allensbach-Institut zufolge an, dass ihnen ein sozialer Aufstieg wichtig ist. 45 Prozent glauben, dass sie diesen tatsächlich schaffen. Demgegenüber wünschen sich 71 Prozent der Eltern einen Aufstieg ihrer Kinder, 55 Prozent trauen ihnen das auch zu. Gelingt der schulische Aufstieg, stoßen viele Migranten auf die nächste Herausforderung: die Suche nach einem Arbeitsplatz. Unternehmen entdecken allmählich den Nutzen kultureller Vielfalt Bewerber mit Migrationshintergrund haben es nachweislich schwerer, zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, mit einem türkisch klingenden Namen eine positive Rückmeldung zu erhalten, ist laut Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) um 14 Prozent geringer als mit einem deutschen Namen. Um die kulturelle Vielfalt im Unternehmen zu nutzen und Diskriminierung vorzubeugen, praktizieren Arbeitgeber in den USA schon seit einiger Diversity Management („Vielfaltsmanagement”). Auch in Deutschland befassen sich Personalabteilungen verstärkt mit diesem Konzept. „Wir haben als Initiative in den vergangenen Jahren viel erreicht: 2600 Unternehmen und Institutionen stehen hinter der Charta der Vielfalt und vertreten über 9,2 Millionen Beschäftigte”, sagt Ana-Cristina Grohnert, Vorstandsvorsitzende der Charta der Vielfalt, einer Unternehmensinitiative zur Förderung von Vielfalt in Unternehmen. Kritiker befürchten hingegen, dass durch eine gezielte Bevorzugung von Migranten oder auch Frauen der Leistungsgedanke in den Hintergrund rücken und den Unternehmen Wettbewerbsnachteile verursachen könnte. Bessere Chancen haben Bewerber mit Migrationshintergrund häufig in größeren Unternehmen: Hier werden meist standardisierte und objektive Bewertungskriterien auf die Bewerber angewandt, was weniger Raum für Diskriminierung bietet, als die subjektiven Beurteilungen der Personalentscheider kleiner Unternehmen. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Bildung (381,3 KB) Unser Workshopvideo    Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Schule (Mon, 29 Oct 2018)
von Dennis Görlich Erdem Yildirmaks Lehrer hatte jede Menge Vorurteile. Aber Erdem ist weniger an den Diskriminierungen in der Schule verzweifelt als an den Grundsätzen unseres Bildungssystems. Seinen Weg hat er trotzdem gemacht und fordert jetzt, dass sich für die nächste Generation was ändern muss. Mit Erdem Yildirmak haben wir in unserer Webserie über Schule gesprochen. In der Schule werden Grundlagen für die Zukunft gelegt und Werte vermittelt. Viele türkische Migrantenkinder verspüren aber oft bereits hier eine Ungleichbehandlung durch Lehrer und Mitschüler. Wie begegnet man diesem Problem? – Folge (16/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Schule. Die Einschulung ist für die meisten Kinder, ebenso wie für ihre Eltern, etwas Besonderes. Eine prall gefüllte Schultüte, viele neue Freunde und Wissensdurst sind beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start in die Schulzeit. Ein Problem, das sich Migrantenkindern stellt: Schon bevor es losgeht, haben sie bei elementaren Fähigkeiten wie etwa der deutschen Sprache Defizite. Von Tag eins ihrer Schulzeit an müssen also viele schon aufholen. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Erdem Yildirmak in Bottrop getroffen und über seine Schulzeit geredet. Yildirmak besuchte als einer der wenigen aus seinem Stadtteil das Gymnasium. Er findet, die handwerklichen Berufe gehen dabei unter. Die Eltern allein können ihnen bei der Aufholjagd oft kaum helfen. Viele türkische Eltern fühlen sich bei der Betreuung und Erziehung der Kinder überfordert. 59 Prozent wünschen sich laut einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach eine stärkere Unterstützung vom Staat. Weiterhin kritisieren 54 Prozent die mangelnde Förderung der Kinder durch die Lehrer. Diese dürfte an manchen Schulen von einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund erschwert werden. An jeder dritten Grundschule in Nordrhein-Westfalen (NRW) liegt der Anteil an Migranten nach Angaben der Landesregierung bei über 50 Prozent, sodass eine individuelle Betreuung nur schwer möglich ist. “Schulen sind neben dem Arbeitsplatz die Integrationsorte Nummer eins”, stellt NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer fest. “Die in den letzten Jahren sehr stark gestiegenen Zuwanderungszahlen sind eine Herausforderung für die Schulen, genauso wie für die Gesellschaft insgesamt.” Doch nicht nur die fehlende Förderung wird den Lehrern vorgeworfen. So unterstellen 63 Prozent der türkischen Befragten den Lehrkräften Vorurteile gegenüber Zuwandererkindern. Welche Art der Benotung ist fair? Darüber, wie Lehrer auf die Startschwierigkeiten ihrer Kinder reagieren sollten, sind die türkischstämmigen Eltern gespaltener Meinung: 47 Prozent von ihnen wünschen sich eine konsequente Benotung der Leistungen ihrer Kinder, während 44 Prozent eine nachsichtige Benotung fordern. Die Hälfte der Eltern vermutet zudem, dass Zuwandererkinder bei gleicher Leistung sogar schlechter als deutsche Kinder beurteilt werden. Für ein schlechteres Abschneiden könnten die Eltern allerdings mitverantwortlich sein, meint Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZFTI): “Das deutsche Bildungssystem fordert ein hohes Maß an Elternengagement, und ein Ausbleiben dieses Engagements spiegelt sich in den Empfehlungen und Noten wider”. Von Bildungspolitikern und Schulen fordert er, die interkulturelle Kompetenz der Lehrer stärker zu fördern, um auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen zu können. Nicht zuletzt die internationalen PISA-Studien belegen, dass es aber auch tatsächlich einen Leistungsunterschied zwischen Migrantenkindern und den restlichen Schülern in Deutschland gibt. Dieser ist hier sogar größer als in anderen wohlhabenden Ländern. Wenn man nach den Ursachen hierfür sucht, lässt sich ein Zusammenhang zwischen Leistungen und dem Bildungsniveau der Eltern feststellen. Ein niedriger Bildungsstand in der Familie und einfache soziale Verhältnisse haben meist schwache Leistungen des Kindes zur Folge. Zwar wird den Kindern mit 64 Prozent überdurchschnittlich oft bei den Hausaufgaben geholfen, jedoch fällt dies nur 43 Prozent der Eltern leicht. Ein Faktor könnten hier wieder die deutschen Sprachkenntnisse sein. Eine fehlende oder nur geringe Unterstützung in der Schule führt häufig zu einem frühzeitigen Abbruch der Schullaufbahn. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergab, dass das Risiko eines Schulabbruchs bei Schülern mit Migrationshintergrund doppelt so hoch ist wie bei den deutschen Mitschülern. So haben 33,2 Prozent der türkischstämmigen Bevölkerung keinen allgemeinen Schulabschluss (Statistisches Bundesamt, Stand 2016). Gerade bei ihnen könnten unterstützende Maßnahmen der Schule die berufliche Perspektive verbessern. Mentoring-Programme erleichtern den Zugang in die Berufswelt Spezielle Kooperationsprogramme in den Schulen sollen den Schülern helfen, Ängsten vor künftigen Arbeitgebern entgegenzuwirken. Auf der anderen Seite können sich die Unternehmer ein Bild von ihren potenziellen künftigen Mitarbeitern machen. Das soll auch der Befürchtung vorbeugen, die eigene Belegschaft könnte Auszubildende mit Migrationshintergrund weniger akzeptieren. Neben dem klassischen Praktikum werden Mentoring-Programme immer beliebter, bei denen den Schülern für die berufliche Orientierung berufserfahrene Erwachsene zur Seite gestellt werden. Diese Mentoren begleiten die Schüler beim Übergang in die Ausbildung und unterstützen sie bei der Suche nach dem passenden Beruf. Die Schulen stellen die Grundlage für die Förderung der Chancengleichheit und der Aufstiegschancen dar. Sie können durch Maßnahmen wie zusätzlichen Deutschunterricht, kleinere Klassen und den Einsatz von Lehrern mit Migrationshintergrund gezielt auf die Bedürfnisse der Migranten eingehen. Aber auch die Unterstützung durch die Familie trägt letztlich viel zum Erfolg des Kindes bei. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Bildung (381,3 KB) Unser Workshopvideo  Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Veränderungen im Leben (Mon, 29 Oct 2018)
von Dennis Görlich Meltem Sahin liebt Duisburg-Marxloh und will aus dem Stadtteil nicht mehr weg. Multikulti macht Marxloh für sie international. Ich treffe mich mit ihr und lerne, was echter Optimismus ist. Mit Meltem Sahin haben wir in unserer Webserie über Veränderungen im Leben gesprochen. Das Leben ist voller Veränderungen, die Gesellschaft ist im stetigen Wandel. Bei jungen Menschen stellt sich spätestens mit dem Schulabschluss die Frage nach der persönlichen Zukunft. Menschen mit Migrationshintergrund haben hier mit besonderen Hürden zu kämpfen. – Folge (17/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit“ zum Thema Veränderungen im Leben. Ein arabisches Sprichwort lautet: „Willst Du Dein Land verändern, verändere Deine Stadt. Willst Du Deine Stadt verändern, verändere Deine Straße. Willst Du Deine Straße verändern, verändere Dein Haus. Willst Du Dein Haus verändern, verändere Dich selbst.“ Wie leicht eine persönliche Veränderung vollzogen werden kann, ist aber nicht nur von dem Einzelnen abhängig, sondern – und da schließt sich wieder der Kreis – auch von seinem Umfeld. Allem voran der Familie. Die äußeren, die sozialen, gesellschaftlichen und auch ökonomischen Zwänge, so behaupten viele Forscher, seien bei Menschen mit Migrationshintergrund größer als bei Deutschen ohne Migrationshintergrund. Ihre Einschnitte müssten deswegen radikaler sein. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Meltem Sahin in Duisburg getroffen und über die Veränderungen im Leben geredet. Sahin steht vor vielen Veränderungen. Die eigene Karriere, der Einfluss aus der Türkei und die sich wandelnde Stadtteil. Kinder aus sozial schwachen Familien ohne Migrationshintergrund haben es laut einer Studie des Soziologen Aladin El-Mafaalani bei einem Aufstieg aus ihrem sozialen Umfeld leichter, sich von ihrer Familie abzugrenzen. Die Bindung sei hier nicht so groß wie bei türkeistämmigen Familien, heißt es in El-Mafaalanis Studie „Vom Arbeiterkind zum Akademiker – Über die Mühen des Aufstiegs durch Bildung”. Jedoch habe die schwächere Bindung zur Familie auch geringere Erfolgserwartungen der deutschen Eltern an ihre Kinder zur Folge, folgert El-Mafaalani, der auch die NRW-Landesregierung in integrationspolitischen Fragen berät. El-Mafaalanis These: Deutsche Kinder aus sozial schwachen Milieus seien bei ihrem Aufstiegswunsch meist auf sich allein gestellt. Ihre Eltern hätten sich mit ihrem Schicksal letztendlich abgefunden und würden demnach auch keine Erwartungen an ihre Kinder stellen. Die türkeistämmigen Eltern dagegen hätten noch die Hoffnung, dass es ihren Kindern besser gehen könne und würden deswegen größeren Wert auf schulischen und beruflichen Erfolg legen. Damit geraten die Kinder häufig in einen Zwiespalt: Denn dieser Erfolg stünde meist im Konflikt mit den ebenfalls geforderten familiären Werten wie Zusammenhalt und den kulturellen Traditionen. Ihre Familie bedeutet für Migrantenkinder also sowohl Unterstützung als auch Hemmnis. Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg – und für Veränderung Eine weitere Herausforderung für Migrantenkinder ist die Finanzierung ihres sozialen Aufstiegs, also die ihrer Ausbildung. 2016 besaßen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 11,5 Prozent der Türkeistämmigen einen Hochschulabschluss (2006: 4,8 Prozent.). Dennoch liegen Türkeistämmige deutlich unter dem Schnitt aller Migranten in Deutschland – im Gesamten hat 2016 mit 26,1 Prozent gut jeder Vierte ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Ob die Abschlüsse im In- oder Ausland erworben wurde, geht aus den Zahlen nicht hervor. Da Türkeistämmige aufgrund ihrer Migrationsgeschichte in Deutschland oft Wurzeln in der Arbeiterschicht haben, reicht die finanzielle Unterstützung durch die Familie während des Studiums häufig nicht aus. 68 Prozent der Studierenden mit Migrationshintergrund gehen deswegen noch einer zusätzlichen Erwerbstätigkeit nach, wie Zahlen der Hans-Böckler-Stiftung zeigen. Knapp jeder dritte Studierende mit Migrationshintergrund (31 Prozent) gab an, das Studium aus finanziellen Gründen bereits unterbrochen zu haben. Im Vergleich dazu gaben dies nur 17 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund an. „Ein ständiges Abwägen zwischen Sicherheit und Weiterentwicklung ist deutlich erkennbar”, sagt Aladin El-Mafaalani. Junge Türkeistämmige seien zerrissen in der Entscheidung zwischen Familie und Erfolg, zwischen Absicherung und finanziellem Risiko. Beides zusammen scheint oft schwer zu vereinbaren. „Im Laufe des Aufstiegs verändern sich nicht nur Sprachgebrauch, Erscheinungsbild und Lebensstil, sondern auch in umfassender Weise Milieuzugehörigkeit und Persönlichkeit”, sagt El-Mafaalani. „Hier deutet sich bereits an, dass beim Aufstieg enorme soziale und psychische Hürden überwunden werden müssen.“ Dies führt nicht selten zu einem Hinterfragen der eigenen Identität. Remigration für Selbstentfaltung oder Karriere In extremer Form kann das Hinterfragen seiner Selbst, der Verpflichtung gegenüber seiner Familie auch im Bruch mit seinem Land enden. Jedes Jahr wandern laut Statistischem Bundesamt etwa 30.000 Menschen von Deutschland in die Türkei ab, der Großteil davon ist Türkeistämmig. Die Gründe für diese Lebensentscheidungen sind vielfältig. Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZFTI) hat sie 2017 für seine Studie „Transnationale Remigration nach Deutschland“ erfasst. Demnach waren die Hauptgründe für das Auswandern das Sammeln von Erfahrung und die Selbstentfaltung. Aber auch berufliche Weiterentwicklung oder gar die Partnersuche waren Motive für die Wahl der Türkei als neue Heimat. Zwar wurde auch die Unzufriedenheit mit den Beschäftigungsbedingungen Hochqualifizierter von Teilnehmern der Studie bemängelt, jedoch wurden der Zugang zum Arbeitsmarkt und die Karriereentwicklung unter günstigen Bedingungen (Passzugehörigkeit, internationale Unternehmen, etc.) durchaus positiv empfunden. Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen wurden von den Befragten ebenfalls als Abwanderungsgrund genannt. Man erhoffte sich „Normalität ohne Rechtfertigungen“. Erdung durch Erdogan Da der Großteil der Türkeistämmigen die Türkei jedoch lediglich während kurzer Urlaubsreisen erfahren hat, setzte bei vielen Studienteilnehmern nach der Abwanderung ein Befremdlichkeitsgefühl ein, erklärt Aver in seiner Studie. Erst jetzt wurden für viele die Unterschiede zwischen Deutschland und der Türkei wahrnehmbar. Dies führte zum erneuten Hinterfragen der eigenen Identität, dessen Ergebnis häufig die Re-Remigration zurück nach Deutschland war. Außerdem fielen von den Befragten auch häufig Begriffe wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder Menschenrechte, die entscheidend für eine Rückkehr nach Deutschland waren. Werte, die allen in Deutschland lebenden Menschen zustehen. Egal welcher Herkunft. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Bildung (381,3 KB) Unser Workshopvideo  In unserem Workshop haben wir über die Veränderungen im Leben gesprochen. Im Workshop sind wir auf das Motto „Geh’ Deinen Weg“ gekommen und dazu ein kurzes Musikvideo produziert   Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Kinder (Mon, 29 Oct 2018)
von Dennis Görlich Dilem Kaya ist genauso alt wie ich. Aber sie hat bereits ganz konkrete Vorstellungen für ihre Kinder: Bildung ist wichtig, sagt die junge Berlinerin. Außerdem sollen sie in möglichst vielen Kulturen aufwachsen. Damit sie sich aus allen das Beste ziehen können. Mit Dilem Kaya haben wir in unserer Webserie über Kinder gesprochen. Kaum etwas ist für Eltern wichtiger als ihre eigenen Kinder. Der Stellenwert von Kindern im Allgemeinen hat sich in Deutschland dennoch gewandelt. Auch in türkischen Familien gibt es Veränderungen. – Folge (18/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit...“ zum Thema Kinder. In einer traditionellen türkischen Familie steht der “wirtschaftliche Wert” des Kindes im Fokus: Kinder waren von jeher ein wichtiger Teil der Altersvorsorge. Für eine moderne Familie rücken Meinung vieler Sozialwissenschaftler die “wirtschaftlichen Kosten”, die mit der Ausbildung von Kindern entstehen, in den Vordergrund. Früher wurde eine kinderreiche Familie meist mit einem erfolgreichen Leben assoziiert. Heute können sich sowohl viele Türkeistämmige als auch Deutsche einen Lebensentwurf ohne Kinder vorstellen. Im Jahr 1960 brachte eine türkische Frau laut Weltbank im Schnitt noch 6,3 Kinder zur Welt, heute nur noch 2,1. Bei türkischen Migranten in Deutschland liegt der Wert bei 1,87 Geburten, deutsche Frauen bringen durchschnittlich 1,33 Kinder zur Welt. Die Geburtenrate der türkischstämmigen Community nähert sich also an die der Mehrheitsgesellschaft an. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Dilem Kaya getroffen und über ihren Kinderwunsch geredet. Kaya macht aktuell ihr Abitur in Berlin. Von ihr wollten wir wissen, wie ihre Kinder aufwachsen sollen.   Das Bundesministerium für Familie stellte in einem 2010 erschienenen Bericht zudem fest, dass türkische Migranten später ihr erstes Kind bekommen, als die Frauen in ihrem Heimatland. So bekommen Frauen in der Türkei mit durchschnittlich 19,9 Jahren ihr erstes Kind, türkische Migrantinnen der ersten Generation mit 23,3. Dieser Wert erhöhte sich in der zweiten Generation nur geringfügig auf ein Alter von 23,7. In konservativen türkischen Familien haben die Geschlechter einen unterschiedlichen Stellenwert: “Der Junge darf mal laut sein, Fehler machen, er ist der Prinz. Bei den Mädchen ist es umgekehrt. Sie sollen ordentlich und ruhig sein, Sachen schnell erledigen, sauber arbeiten”, stellt Ahmet Toprak, Erziehungswissenschaftler an der Fachhochschule Dortmund fest. “Dieser geschlechtsspezifische Erziehungsstil kommt den arabisch-türkischen Mädchen zugute. Denn die gleichen Attribute, die von den Eltern erwartet werden, sind in Schulen gefragt. Alle Lehrer wollen Anpassung. Wenn die Jungs auch so streng erzogen würden, wären sie in der Schule nicht die Verlierer.” Wenn ein Kind in der Familie schulisch und beruflich etwas erreicht, ist es laut Toprak meist ein Mädchen. Kinder verbessern die Integrationschancen Eine gute Integration der Kinder in der Schule kann positive Auswirkungen auf die ganze Familie haben: “Kinder können als Kultur- und Sprachorgan dienen und haben da eine ganz wichtige Rolle. Das müsste man im Integrationskontext viel stärker nutzen”, findet Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien. Kulturelle Traditionen seien für die Eltern weniger das Problem als religiöse Traditionen. Schwimmunterricht oder Weihnachtsfeiern wären hierbei klassische Beispiele, wo die einen Eltern ihre Kinder hinschicken würden, andere aber nicht. “Das sind durchaus Konfliktpotentiale, die man mit kleinen Interventionen lösen kann. Dass man das nicht flächendeckend macht, ist nach wie vor ein großes Problem.” Zu den größten Sorgen türkischer Eltern gehört nach Auffassung von Professor Haci-Halil Uslucan von der Universität Hamburg, dass sich ihre Kinder komplett an deutsche Lebensverhältnisse anpassen und sich dadurch kulturell und religiös entfremden könnten. Dem versuchen religiöse Familien mit intensiverer religiöser Erziehung entgegenzuwirken. Die Integrationschancen verringern sich Uslucan zufolge in kinderreichen konservativen Familien. Seine These: Je mehr Geschwister die Kinder haben, desto weniger Kontakte pflegen sie mit deutschen Altersgenossen, was wiederum ihre Integration in die deutsche Gesellschaft erschwert. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Ehre (315,6 KB) Unser Workshopvideo  In unserem Workshop haben wir, in Kooperation mit der Alevtitischen Gemeinde e.V., die Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe, SPD, besucht und über die Möglichkeiten in der Politik gesprochen. In unserem Workshopvideo versuchen wir einen politisch Uninteressierten für die politische Partizipation zu überzeugen. Die Motivationsgrundlage dafür: Kinder.   Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Hochzeit (Mon, 29 Oct 2018)
von Dennis Görlich Theresa ist Deutsche und Berat Özkaynak Türke. Genauso halten sie es auch in ihrer Ehe. Echte Deutschtürken können erst ihre Kinder sein, sagen sie. Es freut mich, wie harmonisch und liebevoll die beiden ihren Weg gefunden haben. Mit Dilara und Berat Özkaynak haben wir in unserer Webserie über die Ehe gesprochen. Wenn Deutsche und Türkischstämmige untereinander heiraten, ist das ein Indikator für das Zusammenwachsen der Kulturen. Die kulturellen Unterschiede erzeugen aber auch Spannungen, die sich nicht immer überwinden lassen. Das zeigt bei binationalen Ehen vor allem eines: die hohe Scheidungsrate. – Folge (19/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit...“ zum Thema Hochzeit. Unterschiede zwischen verschiedenen Nationen und Kulturen werden fast nirgendwo so deutlich wie bei Hochzeiten. In dem Fest drücken sich Heimatgefühl, Religion und die regionalen Bräuche eines Landes aus. Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Dilara und Berat Özkaynak getroffen. Dilara konvertierte vor einiger Zeit zum Islam und hieß vorher Theresa. Wir wollten von beiden erfahren, wie sie sich ihre bevorstehenden Hochzeitsfeier vorstellen, wie die Rollenverteilung sein soll und wie die Kinder groß werden sollen.  Am Tag einer türkischen Hochzeit etwa bindet der Bruder oder der Vater der Braut eine rote Schleife um. Diese Schleife steht für die Reinheit und die Jungfräulichkeit der Braut. Diese und andere Gepflogenheiten zeigen die Unterschiede, aber auch ein paar Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen auf. Der Brauch der roten Schleife, auch wenn er für viele Deutsche befremdlich sein mag, ist von Symbolen in der christlichen Kultur nicht so weit entfernt. Bei christlichen Hochzeiten ist es meist der Vater der Braut, der sie zum Altar führt und den Schleier öffnet. Die Braut galt bis zu diesem Augenblick als unberührt, das weiße Kleid steht für Reinheit. Weit auseinander gehen hingegen die Vorstellungen von den Kosten einer Heirat. Geld spielt (k)eine Rolle Der Großteil der Deutschen – laut einer Umfrage der CreditPlus Bank über 60 Prozent – will für seine Hochzeit maximal 5000 Euro ausgeben. Für Türken undenkbar: Gut 20.000 Euro werden in der Türkei im Schnitt für ein Fest mit 300 bis 350 Gästen investiert, schätzt der Wirtschaftsexperte Dr. Ahmet Refii Dener. Laut einer aktuellen Umfrage der CreditPlus Bank würden sich jedoch lediglich 9 Prozent der Deutschen ihre Hochzeit mehr als 20.000 Euro kosten lassen. Türkische Hochzeiten sind auch in Deutschland ein gutes Geschäft. Alleine in Nordrhein-Westfalen richten sich über 40 Hochzeitssäle besonders an die türkischstämmige Community. In Duisburg-Marxloh gibt es mit der Weserstraße eine bekannte Brautmeile, die türkischstämmige Kunden aus ganz Europa anlockt. An zahlreiche Brautmodengeschäften reihen sich die Juweliere. In der Regel zahlt bei türkischen Ehen die Familie der Braut die Verlobungsfeier und die des Bräutigams die Hochzeitsfeier. Für das Brautpaar und seine Familien ist das „Taki” besonders wichtig. Taki bedeutet so viel wie „dranhängen, anhängen”. Es ist der Teil der Hochzeit, an dem die Geschenke für das Paar entgegen genommen werden. Besonders Geld und Gold sind beliebt. Die Formel ist einfach: Je mehr Gäste, desto mehr Geschenke. Es ist ein Weg, um die Kosten der Hochzeit zu kompensieren. Binationale Ehen werden immer beliebter In jeder Kultur ist die Ehe neben der Elternschaft das wichtigste gesellschaftliche Band zwischen Mann und Frau. Entsprechend bedeutend ist die Rolle, die Ehen im Zusammenleben verschiedener Kulturen spielen können - auch wenn sie nicht immer perfekt funktionieren. Im Jahr 2015 gab es in Deutschland 45.915 binationale Trauungen. Dies entspricht einem Anteil von 11,5 Prozent aller geschlossenen Ehen. Die Zahl wächst seit Jahrzehnten, 1960 lag der Anteil noch bei 3,7 Prozent. Am häufigsten sind dabei Eheschließungen mit einem türkischen Partner. Fast jede fünfte deutsche Frau (19 Prozent) in einer binationalen Ehe entscheidet sich für einen Partner aus der Türkei, bei den Männern sind es noch 14 Prozent. Kulturelle und religiöse Unterschiede zwischen den Ehepartnern und ihren Familien führen allerdings auch zu einem um 64 Prozent höheren Scheidungsrisiko. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher vom Rostocker Zentrum zur Erforschung des demografischen Wandels und von der University of Liverpool, die 5648 Ehen in Deutschland untersucht haben. Hiltrud Stöcker-Zafari vom Verband binationaler Familien sieht in dem Konfliktpotential auch eine Chance: „Schafft man es, über seinen eigenen Tellerrand zu schauen und sich auf bislang Fremdes einzulassen, kann so viel Verbundenheit und gemeinsames Neues entstehen.” Andersartigkeit, andere Sitten oder Rituale würden immer öfter als bedrohlich dargestellt. Binationale Ehen könnten dem entgegenwirken. “So erhält jeder einen Platz, und Herausforderungen können leichter und nachhaltig gemeistert werden“. Kulturelle Unterschiede, verschiedene Religionszugehörigkeiten, ein anderes Rollenverständnis – all das macht eine Ehe zu einer Herausforderung, bietet aber gleichzeitig ein enormes Potential für die Integration und Völkerverständigung. Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Ehre (315,6 KB) Unser Workshopvideo  In unserem Workshop haben wir das Thema Hochzeit zum Anlass genommen, um über Fake-News zu diskutieren. Daraus ist dieses Video entstanden:  Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Integration (Mon, 29 Oct 2018)
von Christina Häußler Marcel Kellner kommt aus Bottrop, meiner Heimat. Als er mir die Geschichte seiner italienischen Familie erzählt, mischt sich Xalo ein. Ich kenne den jungen Kurden nicht. Was schwierig beginnt, wird eine interessante Diskussion. Es geht um ehrlichen Respekt und Offenheit, sagen beide. In unserer Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Marcel Kellner und Xalo getroffen, um über Ehre zu reden. Sich in ein fremdes Land zu integrieren, ist eine persönliche Herausforderung für Zugezogene, aber auch eine gesamtgesellschaftliche für das aufnehmende Land. In Deutschland kommt sogar noch in Hinblick auf die Türkischstämmigen der dritten oder vierten Generation immer wieder die Frage auf: Hat die Integration nun funktioniert - oder nicht? – Folge (20/20) unserer Webserie „Auf eine Shisha mit...“ zum Thema Integration. Als Deutschland 1961 ein Anwerbeabkommen mit der Türkei abschloss, ist keiner davon ausgegangen, dass viele der Gastarbeiter und ihre Nachkommen für immer in Deutschland bleiben werden. Zu Beginn lebten die türkischen Gastarbeiter in Wohnheimen mit ihren Landsleuten und zählten gemeinsam die Tage bis zur Rückkehr. Weder sie noch die deutschen Politiker dachten über Integration in die deutsche Gesellschaft nach. Für die Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Marcel und Xalo in Bottrop getroffen und über Integration geredet.   Stattdessen war ein Rotationsprinzip geplant. Es sah vor, dass die Arbeiter einige Jahre in Deutschland arbeiten und dann in die Heimat zurückkehren. Das Prinzip wurde ausgesetzt. Viele Arbeiter holten ihre Familien nach. In vielen Lebensbereichen wurden Türkischstämmige seitdem erfolgreich in die Gesellschaft integriert. Doch gerade weil die Integration der türkischen Gastarbeiter – zumindest teilweise – funktioniert hat, steht unsere Gesellschaft heute neuen Herausforderungen gegenüber.   Versäumnisse und Defizite der Integration müssen immer im Zusammenhang mit der Migrationsgeschichte betrachtet werden. So hat die anfängliche Unterbringung der türkischen Gastarbeiter in separierten Stadtteilen immer noch Auswirkungen auf die Integration ihrer Kinder und Enkel. Denn auch heute noch leben verhältnismäßig viele Türkischstämmige in bestimmten Stadtteilen. In diesem Fall spricht man von ethnischer Segregation. Man denke hierbei an Duisburg-Marxloh oder die Dortmunder Nordstadt. „Physisch kann man in Deutschland leben, aber gedanklich und emotional im Herkunftsland der Eltern oder Großeltern,” sagt Caner Aver, Wissenschaftler am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen. Die Folgen davon wirken sich noch auf die nachfolgenden Generationen aus: Sprachdefizite sorgen dafür, dass türkische Migrantenkinder bereits bei der Einschulung gegenüber ihren Klassenkameraden Aufholbedarf haben. Der einzige Faktor für beruflichen Erfolg und spätere Aufstiegschancen ist die Herkunft jedoch nicht. Statt der ethnischen Herkunft hat das soziale Milieu einen sehr viel größeren Einfluss: Suat Yilmaz, Leiter der Landesweiten Koordinierungsstelle kommunale Integrationszentren (LaKI), der selbst den Sprung in ein höheres Bildungsmilieu geschafft hat, sagt: „Wenn ich ein Kind hätte, hätte das trotz meines Migrationshintergrunds in dieser Gesellschaft wahrscheinlich bessere Chancen als das Kind einer deutschen Mutter aus Bottrop, die Arbeitslosengeld bezieht”, sagt er. Klaren Hindernissen, die sich auf ihre ethnische Herkunft beziehen, stehen Türkischstämmige aber bei der Suche nach einer Wohnung oder einer Arbeitsstelle gegenüber. Ein (zugeschriebener) Migrationshintergrund erweist sich oft als Nachteil: Bei der Wohnungssuche werden besonders Bewerber mit türkisch oder arabisch klingenden Namen benachteiligt. Bei der Arbeitssuche haben knapp 30 Prozent aller türkischstämmigen Migranten Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht. Noch immer hat mehr als die Hälfte der türkischstämmigen Migranten im Alltag schon Erfahrung mit Diskriminierung aufgrund der Herkunft gemacht, auch wenn die Zahl abnimmt. Das wirkt sich auf die Identität aus. Auch heute noch verspüren türkische Migranten eine enge Verbundenheit zur Türkei. Die Bindung ist bei Angehörigen der dritten Generation fast so stark ausgeprägt wie bei der zweiten Generation, deren Eltern noch in der Türkei geboren wurden. Das liegt unter anderem an häufig negativ konnotierten Debatten über das Kopftuch, den Islam, die Integration, die Türkei und ihren Staatspräsidenten, Recep Tayyip Erdoğan. Diese Diskussionen setzen die Türkeistämmigen immer wieder unter Rechtfertigungsdruck: „Wenn die Mehrheitsgesellschaft dir nicht das Gefühl gibt, dass du zu ihnen, zu einem neuen Deutschland, gehörst, suchst du dir ein anderes soziales Gefüge“, so Aver. Viele Türkischstämmige finden dieses Gefüge in der Herkunftskultur. So interessieren sich türkischstämmige Migranten auch noch stark für die Politik in der Türkei. In deutschen politischen Gremien und im Bundestag sind Türkischstämmige hingegen deutlich unterrepräsentiert. Und auch die Beteiligung an Wahlen in Deutschland ist bei türkischstämmigen Migranten niedriger als im deutschen Durchschnitt. Ist Integration also gescheitert? Für gelungene Integration gibt es keine einheitliche Definition, ebenso wenig wie “die Türkischstämmigen” eine homogene Gemeinschaft bilden, sondern aus verschiedenen Ethnien (etwa Türken und Kurden) sowie Glaubensanhängern (Sunniten, Aleviten, aber auch Atheisten) bestehen, die ihre innertürkischen Konflikte auch in Deutschland austragen. „Versteht man Integration als ‘so-leben-wie-die-Mehrheitsgesellschaft’, dann ist in segregierten Vierteln natürlich nicht von Integration zu sprechen,” sagt Aver. Definiert man Integration aber als „Teilhabe an der Gesellschaft”, sind türkische Migranten der dritten und vierten Generation deutlich besser integriert als die Gastarbeiter der ersten Generation. Geglückte Integration Türkische Migranten kaufen Häuser in Deutschland, zahlen Steuern, kriegen Kinder, schicken diese zur Schule und in Sportvereine. In vielen Bereichen haben sich türkische Migranten der Mehrheitsgesellschaft angeglichen: Hat die erste Generation noch in mehr oder weniger ärmlich ausgestatteten Gebäuden gewohnt, so steigt von Jahr zu Jahr die Anzahl Türkischstämmiger, die ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung besitzen. Auch in der Familienplanung verschwinden die Unterschiede zwischen deutschen und türkischen Familien: Türkischstämmige Frauen bekommen ähnlich viele Kinder wie deutsche Frauen. Zentrale Werte, die jedem in der deutschen Gesellschaft zustehen, werden in der türkischen Gemeinschaft sehr geschätzt und sogar vermisst, beispielsweise Meinungsfreiheit. Caner Aver befragte für eine Studie türkische Migranten, die in die Türkei remigrierten und dann wieder zurück nach Deutschland kamen. Dabei fielen bei der Frage nach Faktoren, die für eine Rückkehr entscheidend waren, oft Begriffe wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder Menschenrechte. Nicht zuletzt wird ein Fortschreiten von Integration an zwei Phänomenen deutlich: Gesteigerten Ansprüchen an die Gesellschaft und ein feineres Empfinden für Diskriminierung: Je besser eine Person Deutsch spricht, je höher gebildet sie ist, je mehr sie am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, desto häufiger nimmt sie Diskriminierung wahr. Türkische Migranten sind großteils in Deutschland angekommen und haben andere Erwartungen als ihre Eltern oder Großeltern: Sie wollen gleichberechtigt sein und wie ihre Mitbürger ohne Migrationshintergrund behandelt werden. Das stellt unsere Gesellschaft aktuell wieder vor neue Herausforderungen. Neue Herausforderungen Soziologe Aladin El-Mafaalani stellt  in seinem Buch „Das Integrationsparadox“ die These auf, dass Konflikte ein Zeichen für gelingende Integration sind. Je mehr Gruppen ein Mitspracherecht haben, desto mehr Auseinandersetzungen gibt es. In einem Interview mit „Portal Deutsch“ nimmt er als Beispiel die Kopftuchdebatte: „Der Kopftuchstreit findet deshalb statt, weil eine Frau mit Kopftuch studiert hat. Als die Frauen mit Kopftuch Putzfrauen waren, hat sich keiner aufgeregt. Als eine Frau mit Kopftuch Lehrerin wurde, entstand ein gesamtgesellschaftlicher Streit. Alle Zeitungen und Zeitschriften hatten Titelbilder dazu, alle Parteien haben dazu Programmpunkte, und in vielen deutschen Bundesländern gibt es dazu Gerichtsurteile. Über alle Instanzen bis hin zum Verfassungsgericht. Das kann man Konflikt nennen. Der Konflikt ist Ergebnis eines Integrationsprozesses, nämlich erhöhter Teilhabechancen von Kopftuch tragenden Frauen.“ Der Konflikt ist somit Ausdruck des Zusammenwachsens: Denn besser integrierte Menschen fallen mehr auf. In jeder Gesellschaft gibt es auch immer Gegner und Befürworter dieses Zusammenwachsens, führt El-Mafaalani in seinem Buch weiter aus. „Zusammenwachsen tut weh”, schreibt er. Doch gerade Deutschland zeichnet sich durch eine lebendige Geschichte aus, die geprägt ist von Zusammenwachsen, zuletzt durch die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland. Alle vergangenen Brüche und Veränderungen haben dafür gesorgt, dass es uns heute so gut geht wie noch nie zuvor –  nicht trotz, sondern gerade auch wegen der ganzen Konflikte, die Bestandteil unserer Gesellschaft sind. Nicht nur zwischen Migranten und Deutschen, auch zwischen Männern und Frauen, Hetero- und Homosexuellen und noch vielen mehr. Konflikte treiben unsere Gesellschaft voran. Ausgehend von deutschen Philosophen, wie Karl Marx, Georg Simmel bis hin zu Max Weber, hat El-Mafalaanie die Theorie weiterentwickelt: Ohne Konflikte würde die Menschheit heute noch auf Bäumen sitzen. Konflikte sind das, was eine offene Gesellschaft ausmacht. Dass Integrations-Konflikten auch ein großes Potential zur Veränderung der Gesellschaft innewohnt, sieht auch Geisteswissenschaftler Caner Aver: „Wir befinden uns seit Jahren im Prozess einer gesellschaftlichen Transformation. Es ist wie die Geburt eines Kindes; es ist zwar sehr schmerzhaft, aber am Ende kommt ein Kind auf die Welt, das symbolisch für eine neue, vielfältige Gesellschaft steht. Probleme wird es zwar immer noch geben, aber am Ende werden wir diese neue Gesellschaft als Normalität begreifen und eher an sozialen statt an Integrationsproblemen arbeiten.“ Zum Download: In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst.  Integration (309,9 KB) Unser Workshopvideo    Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Keine zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas wollen auswandern (Fri, 05 Oct 2018)
von Das US-amerikanische Meinungsforschungsinstitut Gallup befragte zwischen 2013 und 2016 über 586.806 Erwachsene in 156 Ländern zum Thema Migration. 14 Prozent der Erwachsenen in 156 Ländern würden demnach gerne auswandern. Bildnachweis: Unsplash / Chris White Zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas seien „auswanderungwillig”, sagte AfD-Politiker Björn Höcke bei einer Wahlkampfveranstaltung in Oberbayern. Das Forschungsinstitut Gallup hat Menschen über ihre Migrationswünsche befragt. Die Ergebnisse widersprechen Höcke. Bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD im oberbayerischen Traunreuth am 3. September 2018 sagte der thüringer Landtagsabgeordnete Björn Höcke, einer „umfassenden amerikanischen Studie” zufolge seien zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas „auswanderungswillig”. Björn Höcke 1.png Ein YouTube-Video zeigt Björn Höckes Rede in Traunreuth in voller Länge. Screenshot von Correctiv Höckes Berechnungen zufolge seien das 1,1 Milliarden Menschen. „Ihr Ziel heißt Europa, ihr Ziel heißt USA, und stellt euch mal vor nur 10 Prozent dieser 1,1 Milliarden Menschen würde den Weg nach Europa finden. Das wären 110 Millionen”, sagte Höcke in Traunreuth. Großangelegte Studie des US-amerikanischen Forschungsinstitut Gallup Höcke spricht wohl von einer Studie des US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Gallup – das ist jedenfalls das bekannteste Meinungsforschungsinstitut, welches eine solche Befragung durchführt. Das Institut interviewte erstmals für eine im Jahr 2011 veröffentlichte Studie mit dem Titel „The Many Faces of Global Migration” weltweit 750.000 Erwachsene zu Erfahrungen mit Migration. Zu der Studie heißt auf der Webseite von Gallup: „Die Ergebnisse bieten einen Blick auf die Erfahrungen derer, die dauerhaft oder vorübergehend zur Arbeit in andere Länder abwandern wollen, diejenigen, die vorhaben zu gehen, diejenigen, die sich auf den Weg machen, diejenigen, die bereits gegangen sind, und diejenigen, die bereits nach Hause zurückgekehrt sind.” Für die neueste Studie von Gallup zum Thema Migration wurden zwischen 2013 und 2016 über 586.806 Erwachsene in 156 Ländern befragt. Die Aussage Höckes, zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas würden gerne auswandern, ist laut der neuesten Gallup-Studie falsch. Das teilte uns Julie Ray mit, Analystin und Meinungsforscherin bei Gallup sowie Co-Autorin der angesprochenen Studie. 31 Prozent der Erwachsenen aus Subsahara-Afrika äußern Migrationswunsch „Unsere jüngste Schätzung aus Subsahara-Afrika besagt, dass 31 Prozent der Erwachsenen (NICHT zwei Drittel) sagen, sie würden gerne migrieren, wenn sie könnten. Dies bedeutet eine ungefähre Zahl von 145 Millionen Menschen”, teilte Ray EchtJetzt per E-Mail mit. Rays Aussage bestätigt auch eine Grafik, die in einem Artikel vom 8. Juni 2017 zur Zusammenfassung der neuesten Forschungsergebnisse auf der Webseite von Gallup erschien: Gallup Studie 1.png Laut einer aktuellen Studie des US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Gallup würden 31 Prozent der Erwachsenen aus Subsahara-Afrika gerne auswandern. Damit stieg die Anzahl derer, die gerne auswandern würden, seit der letzten Forschung von Gallup um ein Prozent. Grafik von GALLUP, Screenshot von Correctiv 36 Millionen aus Subsahara-Afrika wünschen sich Migration in die EU Nicht alle dieser Personen würden jedoch gerne nach Europa oder in die Vereinigten Staaten ziehen, so Ray. „Ungefähr jeder vierte der 145 Millionen Erwachsenen in Subsahara-Afrika, die umziehen möchten, wenn sie könnten, würde zum Beispiel in ein Land in der EU umziehen. Das sind ungefähr 36 Millionen.” Global gesehen gilt die USA als beliebtestes Wunschziel. So würden 21 Prozent der weltweit befragten Menschen gerne in die USA abwandern, gefolgt von Deutschland mit 6 Prozent. Auch Kanada, das Vereinigte Königreich und Frankreich mit 5 Prozent sowie Australien mit 4 Prozent gelten als beliebte Migrationsziele. Von allen befragten Menschen, nicht nur denen aus Subsahara-Afrika. Gallup Studie 2.png Die USA galt laut den Forschungsergebnissen von Gallup zwischen 2013 und 2016 weltweit als beliebtestes Migrationsziel, gefolgt von Deutschland, Kanada und dem Vereinigten Königreich. Grafik von GALLUP, Screenshot von Correctiv Die Daten von Gallup würden jedoch nur Wünsche darstellen, keine Aktionen, betonte Ray. „Wir wissen, dass nur ein kleiner Bruchteil dieser Menschen tatsächlich Schritte unternimmt, um zu emigrieren.” Fehlerquote der Studie beträgt laut Gallup weniger als ein Prozent Zu der Methodik der großangelegten Studie schreibt Gallup: Die Ergebnisse würden auf aggregierten Telefongesprächen und persönlichen Interviews beruhen. „Die 156 befragten Länder repräsentieren 98 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung. Man kann mit 95-prozentiger Sicherheit sagen, dass die Fehlerquote für die gesamte Stichprobe weniger als ± 1 Prozent beträgt.” 5. Oktober 2018 · Caroline Schmüser Keine zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas wollen auswandern 3. Oktober 2018 · Tania Röttger Frei erfunden – Maaßen werden Aussagen über rechte Terrorzelle unterstellt 24. September 2018 · Jacques Pezet Junger Italiener bezeichnet sich als Afghane und schlägt 17-Jährigen mit einer Flasche 21. September 2018 · Caroline Schmüser Nein – Neunjähriger griff Mitschüler nicht mit Messer an 20. September 2018 · Caroline Schmüser Köthen – Opfer starb nicht an Kopfverletzung ALLE ECHTJETZT ARTIKEL
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Frei erfunden – Maaßen werden Aussagen über rechte Terrorzelle unterstellt (Wed, 03 Oct 2018)
von Jeder kann selbst Artikel erstellen – eigentlich zum Spaß. (Screenshot von der Seite „Paul Newsman“) Laut einem Bericht soll Maaßen auf einer Pressekonferenz gesagt haben, die vor kurzem in Chemnitz festgenommen mutmaßlichen Mitglieder einer rechtsradikalen Terrorzelle seien eine Erfindung der Regierung. Die Meldung ist falsch. Sie stammt von einer Webseite, auf der Leute echt aussehende Artikel verfassen können. Der Blog Halle Leaks veröffentlichte am 3. Oktober einen Artikel mit dem Titel: „Maaßen packt aus: Terrorzelle in Chemnitz ist Erfindung der ReGIERung aus Angst vor AfD“. Der Text bezieht sich auf die mutmaßliche rechtsextreme Terrorzelle, die die Generalbundesanwaltschaft vor kurzem in Chemnitz hatte festnehmen lassen. Und es geht um Hans-Georg Maaßen, dem seine Aussagen über Chemnitz den Job gekostet haben. Daten von Facebook zeigen, dass der Artikel bereits 1.400 Mal geteilt wurde. Halle Leaks schreibt dazu: „Das war doch jedem aufgewachten Bürger klar, dass hier mit heißer Nadel ein Terror-Szenario zusammengestrickt wurde, um über die Bande Wähler von der AfD abzuhalten. Da bilden Linksextremisten, Maulhuren der Lügenpresse und ReGIERung eine diabolische Einheitsfront.“ Doch dafür gibt es keinen Beleg. Der Artikel nennt als Quelle den „koelner-abendblatt.de“. Klickt man auf den Link, gelangt man inzwischen zu dieser Seite:  Bildschirmfoto 2018-10-03 um 15.37.17.png Screenshot von der Webseite „Paul Newsman“ Auf der Webseite „Paul Newsman“ kann jeder „Satire oder Scherzartikel“ erstellen und verbreiten. Sie haben den Anschein, echt zu sein. Mit ein paar Klicks erfährt man aber, dass es sich nicht um wirkliche Nachrichten handelt. Die Moderatoren der Seite löschen laut Nutzungsbedingungen Texte, die gegen bestimmte Regeln verstoßen, die etwa falsche Todesmeldungen enthalten oder den Rechtsstaat ablehnen. So ist auch dieser Text nicht mehr verfügbar. Der ursprüngliche Artikel wurde aber von vielen geteilt, auf Twitter unter anderem von der AfD Nürnberg. Bildschirmfoto 2018-10-03 um 15.21.13.png Screenshot von Twitter Trotz eines Kommentars darunter, dass es sich um Satire handelt, ist der Tweet noch nicht gelöscht. Es geschieht häufiger, dass ausgedachte und/oder satirische Meldungen geglaubt werden. Wie etwa im Fall angeblicher Zitate von Grünen-Politikerin Claudia Roth oder einem Tweet über das angebliche Aus der Union.  Anmerkung, 6. Oktober: Wir haben zwei Stellen im Text geändert, um zu verdeutlichen, dass es sich um eine mutmaßliche Terrorzelle handelt.   5. Oktober 2018 · Caroline Schmüser Keine zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas wollen auswandern 3. Oktober 2018 · Tania Röttger Frei erfunden – Maaßen werden Aussagen über rechte Terrorzelle unterstellt 24. September 2018 · Jacques Pezet Junger Italiener bezeichnet sich als Afghane und schlägt 17-Jährigen mit einer Flasche 21. September 2018 · Caroline Schmüser Nein – Neunjähriger griff Mitschüler nicht mit Messer an 20. September 2018 · Caroline Schmüser Köthen – Opfer starb nicht an Kopfverletzung ALLE ECHTJETZT ARTIKEL
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Wir wollen reden (Thu, 27 Sep 2018)
Über A wie Alltagsrassismus bis W wie Wohnen Wir sind für die Workshop-Reihe „Auf eine Shisha mit...“ durch Deutschland gereist, um mit jungen Türkischstämmigen darüber zu sprechen, was sie bewegt. Dabei sind Hintergrundtexte zu 20 wichtigen Integrations-Themen entstanden. Und auch Videos: Interviews mit Betroffenen und Workshop-Ergebnisse mit den Teilnehmern. Hier findest Du einen Überblick. Einfach auf das Thema klicken. Die Workshop-Themen:  Alltagsrassismus Arbeit Aufstiegschancen Chancengleichheit Ehre Eigentum Eigenverantwortung Engagement in der Gesellschaft Familie Freiheit Heimat Hochzeit Integration Kinder Religion Schule Sport Statussymbole Veränderungen im Leben Wohnen Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Pendlerhölle Rhein-Ruhr (Wed, 26 Sep 2018)
von Dennis Görlich Staus und Zugverspätungen sind Alltag für Reisende in NRW. Doch es gäbe Alternativen Eine Alternative zum Stehen auf der Autobahn könnte das Stehen am Bahngleis sein. Bildnachweis: Correctiv.Ruhr Über vier Millionen Menschen pendeln täglich in NRW zu ihrem Arbeitsplatz. Nicht nur die Autobahnen sind häufig überlastet, auch die Züge haben oft Verspätung oder fallen ganz aus. Zwei Großprojekte sollen die Situation verbessern. In Nordrhein-Westfalen leben knapp 18 Millionen Menschen. Jeder zweite der neun Millionen Erwerbstätigen pendelt hier täglich zur Arbeit. Gerade die Autobahnen im Ruhrgebiet und Rheinland sind davon überlastet. Wer regelmäßig durchs Ruhrgebiet zur Arbeit fährt, verbringt im Jahr 61 Stunden im Stau – das ermittelte der Navi-Hersteller TomTom. In und um Köln kommt der erzwungene Stillstand auf der Autobahn auf 80 Stunden im Jahr. Zwei Wochen Arbeitszeit, unbezahlt im stillstehenden oder kriechenden Auto, umgegeben von gereizten Leidensgenossen. Trotz dieser Tortur fahren sieben von zehn Erwerbstätigen in NRW mit dem Pkw zur Arbeit. Die Folge: Fast eine halbe Million Staukilometer auf den nordrhein-westfälischen Straßen. Eine Strecke, mit der man die Erde zehn Mal umrunden könnte. Viele empfinden die Benutzung des eigenen Autos trotzdem als alternativlos, wie eine Umfrage des ADAC ergab. Zwei Drittel der Befragten gaben an, nicht auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) umzusteigen, weil sie das Auto als Verkehrsmittel schlichtweg bevorzugen – Autofahren als Ausdruck der Freiheit. Hintergrund: Ausgebremst – Stauauslöser Lkw (CORRECTIV.RUHR) Allerdings wären auch mehr als zwei Drittel der Umfrageteilnehmer bereit, bei günstigeren Fahrpreisen auf den ÖPNV als Beförderungsmittel umzusteigen. Insgesamt fährt derzeit jeder achte Berufspendler in NRW mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Auch hier gibt es häufig Probleme: Verspätungen und Zugausfälle. Laut NRW-Verkehrsministerium war im Jahr 2017 eine von fünf Regionalexpressverbindungen unpünktlich. Pendlerhorror NRW_ Was wären für Dich Vorraussetzungen, um vom Auto zur Bahn zu wechseln_.png Manchmal sind es auch die gefühlten Wahrheiten, die entscheiden. Die meisten Pendler halten die Bahn für zu teuer. Grafik: CORRECTIV.RUHR Vernachlässigt und überlastet Besondere Sorgen bereitet die Linie RE 1, die quer durch das Ruhrgebiet und das Rheinland führt. Durch die lange Fahrstrecke und das hohe Fahrgastaufkommen ist diese Verbindung besonders von Verspätungen betroffen. So erreichte im vergangenen Jahr nur jeder zweite Zug aus Köln den Essener Hauptbahnhof pünktlich. Die Endstation Hamm erreichte jeder vierte Zug mit mindestens 11-minütiger Verspätung. Die Zahlen der Messung zeigen: Aufgrund der starken Auslastung der Zugstrecken in Rheinland und Ruhrgebiet ist eine Verspätung nur in den seltensten Fällen wieder aufzuholen. „Die Bahninfrastruktur in NRW ist stark ausgelastet bis überlastet, zudem wurden die Unterhaltung und Modernisierung vielfach vernachlässigt”, stellt Lothar Ebbers vom Fahrgastverband ProBahn NRW fest. “Daher stehen wir vor einer langen Zeit mit umfangreichen Baumaßnahmen und entsprechenden Einschränkungen.” Rhein-Ruhr-Express startet im Dezember Der Rhein-Ruhr-Express (RRX) zwischen Köln und Dortmund soll zukünftig die Pendlerstrecken im Ruhrgebiet entlasten. Ein hehres Ziel, aber praktisch kaum zu verwirklichen. Denn: Lediglich zwischen Köln und Duisburg werden für den RRX eigene Gleise verlegt. Im Ruhrgebiet teilt sich der RRX die Strecke mit dem Fernverkehr. Und da in der Regel Fernzüge bei Verspätungen Vorrang vor dem Nahverkehr – und somit auch dem RRX – haben, bleibt abzuwarten, wie verspätungsresistent der neue Zug wirklich fahren wird. Hintergrund: Kritik am RRX - warum ein neuer Zug nicht hilft (CORRECTIV.RUHR) Die erste Linie des neuen Rhein-Ruhr-Express wird noch in diesem Jahr in den Vorlaufbetrieb starten: ab 9. Dezember auf der Strecke zwischen Düsseldorf und Kassel. Im Jahr 2019 folgen dann weitere Linien, die Rhein und Ruhr verbinden. Im endgültigen Betrieb bedient der RRX die Strecke Dortmund – Köln im 15-Minuten-Takt, also vier- statt bisher dreimal pro Stunde. Mit dem Start des RRX wird auch ein weiteres Problem angegangen: der Zustand der Bahnhöfe. Jede zehnte Station in NRW ist laut Verkehrsministerium in einem inakzeptablen Zustand. Bahnhöfe, die dieser Kategorie zuzuordnen sind und auf der künftigen RRX-Strecke liegen, werden nun für insgesamt 44 Millionen Euro modernisiert. Auch dies soll dazu beitragen, den ÖPNV für potentielle „Umsteiger” attraktiver zu machen. Radschnellweg Ruhr verbindet Duisburg mit Hamm Ein weiteres Projekt, das den Pendlerverkehr in NRW entlasten soll, ist der Radschnellweg Ruhr (RS1). Dieser über 100 Kilometer lange Weg quer durch die Metropole Ruhr verbindet Duisburg und Hamm miteinander. Besondere Merkmale des Radweges: wenig Steigungen, weitestgehend kreuzungsfrei und ein geregelter Winterdienst. Der Regionalverband Ruhr (RVR) als künftiger Betreiber des RS1 versteht den Radschnellweg als Premiumprodukt für Fahrradfahrer. 180 Millionen Euro soll das Projekt bis zu seiner Fertigstellung kosten und 50.000 Autofahrten pro Tag auf das Fahrrad verlagert werden. Dieses Ziel begrüßt auch Roman Suthold, Leiter Verkehr und Umwelt des ADAC Nordrhein: „Insbesondere im Bereich der Nahmobilität – Wege unter 5 km – kann das Fahrrad als Alternative zum Auto betrachtet werden und besitzt großes Potenzial. Der Ausbau des Radschnellwegs 1 wird durch den ADAC daher ausdrücklich unterstützt”. Besonders Studierende können von der Route profitieren, die Universitäten Dortmund, Bochum, Essen und Duisburg werden an den Radschnellweg angebunden. Ein erster Abschnitt zwischen Mülheim und Essen ist bereits fertiggestellt und wird aktuell von bis zu 3.000 Radlern täglich befahren. Der endgültige Abschluss des Baus wird jedoch noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Neben Essen und Mülheim ist Bochum bisher die einzige Stadt, die mit dem Bau des RS1 begonnen hat. Zudem sind Schwierigkeiten bei Planung und Bau in Bochum und Dortmund nicht auszuschließen. Hier ist  eine Wegführung durch die Innenstadt vorgesehen. Lohnt sich der Umstieg von Auto auf Zug? Kosten der Fahrstrecke Dortmund-Essen.png Der Kostenvergleich für Pendler zwischen Dortmund und Essen. Grafik: CORRECTIV.RUHR Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. So spielen nicht nur die Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort, sondern vor allem die individuellen Kosten des Pkw eine Rolle. Diese variieren jedoch extrem. Nicht nur das Fahrzeugmodell bestimmt den Kilometerpreis, sondern auch die Versicherung, Wartung, Wertverlust und so weiter. Die Finanzämter rechnen bei der Pendlerpauschale mit Kosten von 30 Cent/Kilometer. Laut ADAC sind die tatsächlichen Kosten für einen Kilometer Autofahrt häufig höher. Bleibt man bei den angenommen Kosten von 30 Cent/Kilometer, ergibt sich folgendes Bild. Kosten der Fahrstrecke Essen-Düsseldorf.png Überraschend: Zwischen Essen und Düsseldorf ist die einzelne Autofahrt günstiger. Zumindest in der Theorie. Grafik: CORRECTIV.RUHR   Welche Auswirkungen hat das Staustehen auf die Gesundheit? „Pendeln stellt einen Stressfaktor dar”, weiß Stefan Poppelreuter vom TÜV Rheinland. Je langsamer es vorwärts geht, desto stressiger wird die Situation, weil Zeit verloren geht oder wichtige Termine verpasst werden. Die psychologische Belastung entsteht aus der Unberechenbarkeit der Situation. Wer im Stau steht oder mit einer verspäteten Bahn fährt, weiß selten, wie viel Zeit ihm dadurch noch verloren geht. Laut Poppelreuter wird eine Verspätung von 15-30 Minuten meist noch als erträglich empfunden, wobei diese Einschätzung sehr subjektiv ist und von der persönlichen Toleranzschwelle abhängt. „Im-Stau-Stehen führt zum Verlust von Kontrolle und Freiheit”, sagt der Verkehrsexperte. Man habe keine Handlungsperspektiven. Kommen noch Probleme in anderen Lebensbereichen hinzu, beispielsweise Unzufriedenheit im Job, kann das zu Depressionen oder depressiven Episoden führen. Radiosender wollen dem Problem entgegenwirken, indem sie bei Staus ansagen, wie viel Zeit man dadurch verliert. Dadurch wird der Situation etwas Ungewissheit genommen.   Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.
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Ausgebremst (Wed, 26 Sep 2018)
von Christina Häußler Stauauslöser Lkw und ihr Beitrag zum Verkehrskollaps in NRW Die A40 bei Essen zur Rushhour. Bildnachweis: Correctiv.Ruhr Nordrhein-Westfalen ist Spitzenreiter in Deutschland – zumindest, wenn es um Verkehrsaufkommen und Stauzeiten geht. Das Bundesverkehrsministeriums prognostiziert, dass der Verkehr in Deutschland weiter zunehmen wird. Doch Lösungen für NRW bleiben die Behörden schuldig. Besonders beim Hauptproblem: dem Güterverkehr durchs Ruhrgebiet. Die Verkehrssituation im Ruhrgebiet ist nach Ansicht vieler Experten eine Katastrophe. Gelinde gesagt. Fast eine halbe Million Staukilometer erfasste der ADAC im vergangenen Jahr in NRW – fast ein Drittel aller Staukilometer Deutschlands. Das ist unverhältnismäßig viel: NRW beheimatet nur ein Fünftel der deutschen Autobahnkilometer. Schuld an Stillstand und stockendem Verkehr sind die zahlreichen Baustellen in NRW, der ständig zunehmende Verkehr und die etlichen Lkw, die auf ihren Transportrouten durchs Ruhrgebiet fahren. Von den rund 60.000 Kraftfahrzeugen, die sich täglich über nordrhein-westfälische Straßen bewegen, ist etwa jedes sechste ein Lkw.       Schlimmer geht immer Lkw sind wie Öl im Feuer der zwei größten Stau-Auslöser der Region: Baustellen und Verkehr. Lkw machen einen beträchtlich Anteil am Fahraufkommen aus, sind hinter Baustellen die zweithäufigste Unfallursache und verursachen Straßenschäden, die wiederum mit Baustellen geflickt werden müssen. „Ein Lkw mit zweimal zehn Tonnen Achslast auf der Autobahn hat die gleiche Zerstörungswirkung wie 60.000 PKW“, sagt eine Sprecherin des Landesbetriebs Straßen.NRW. Lkw mit zwei Achsen und einem Gewicht von bis zu zwölf Tonnen fallen offiziell nur in die mittelschwere Kategorie. Schwere Lkw bringen in Deutschland bis zu 40 Tonnen auf den Asphalt. Ein einzelner mittelgroßer Lkw verursacht also so viel Schaden wie der komplette Straßenverkehr eines Tages in NRW. Im aktuellen Jahr findet sich laut ADAC jede dritte deutsche Baustelle in NRW. Abermals ein unverhältnismäßig hoher Anteil für das Bundesland. Jeder zweite Stau wird hier durch Baustellen verursacht. Hintergrund: Stau-Irrsinn NRW: Kein Ende in Sicht (CORRECTIV.RUHR) Aber damit nicht genug: „Die Situation in NRW wird sich in den kommenden 10 bis 15 Jahren noch deutlich verschlechtern”, sagt Michael Schreckenberg, Verkehrsforscher an der Universität Duisburg-Essen. Laut Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur soll bis 2030 der Güterverkehr in Deutschland um 38 Prozent und der Personenverkehr um 12 Prozent steigen.   Stauland NRW.png Der Stau in NRW nimmt stetig zu und soll auch noch in den kommenden Jahren weiter wachsen. Grafik: CORRECTIV.RUHR   Woher kommen die Lkw? Knapp die Hälfte aller Lkw auf deutschen Straßen kommt aus dem Ausland, laut der aktuellen Mautstatistik des Bundesamtes für Güterverkehr meist aus Polen, Tschechien, Rumänien, Litauen und den Niederlanden. Und in der Regel führt ihre Route sie durchs Ruhrgebiet. Ziele der Lkw sind der belgische Hafen Antwerpen oder der niederländische Hafen Rotterdam. Allein Antwerpen soll in den kommenden Jahren noch um etwa die Hälfte wachsen. Entsprechend wird auch der Verkehr durchs Ruhrgebiet zunehmen, schätzt der Verkehrsforscher Schreckenberg. Das NRW-Verkehrsministerium sieht der Situation entspannter entgegen: Lkw würden „kaum die hochbelasteten Strecken durch das Ruhrgebiet wählen, sondern überwiegend die A2 nördlich des Ruhrgebiets, die ja auch deshalb frühzeitig 6-streifig ausgebaut wurde.” Generell begrüßt das Ministerium den Güterverkehr durchs Ruhrgebiet. Denn sowohl beim Import als auch beim Export sind die Niederlande der wichtigste Handelspartner NRWs. Und auch Belgien rangiert unter den obersten Plätzen. Der Verkehr von und nach Rotterdam und Antwerpen hat also große wirtschaftliche Bedeutung für die Region. Wäre dann nicht eine Lösung, den Gütertransport auf die Schienen zu verlegen? Nein. Das Schienennetz bietet derzeit nicht genug Kapazitäten, um mehr Personen oder Güter zu transportieren. Kurz: Es werden in Zukunft noch mehr Fahrzeuge auf den Straßen des Ruhrgebiets unterwegs sein. Die Zeichen für die Zukunft auf NRWs Straßen stehen also schlecht: Es wird mehr Verkehr geben, mehr Baustellen, mehr Lkw. Und wieder von vorn. Das Bundes- wie auch das NRW-Verkehrsministerium setzen eher auf Instandhaltung anstatt auf langfristige Lösungen und bleiben damit Antworten schuldig. Ist der Verkehrskollaps im Ruhrgebiet überhaupt noch aufzuhalten?     Im Folgenden haben wir uns den Bundesverkehrswegeplan 2030 genauer angeschaut. Was sind die Pläne im Baustellen-Management für Nordrhein-Westfalen, und welche Möglichkeiten gibt es, über neue Schienenstrecken für den Güterverkehr unser Straßennetz zu entlasten? Der Bundesverkehrswegeplan 2030 (BVWP) Der BVWP ist ein Bedarfsplan für die nächsten zehn bis 15 Jahre. Das heißt, er setzt fest, welche Projekte zur Bewältigung des Verkehrs in Zukunft grundsätzlich notwendig sind und welche nicht. Von 2009 und 2016 hat sich eine Expertenkommission aus Bund und Ländern Zeit genommen, die künftigen Herausforderungen zu benennen und Antworten auf sie zu finden. Rund 2000 Projekte und Vorschläge zu Autobahnen oder dem Schienenverkehr in Deutschland wurden eingereicht und ausgewertet. Sie kamen von Bundesländern, Verbänden und Bürgern. Die Projekte mit dem größten Nutzen für Menschen und Wirtschaft wurden dem Bundesverkehrsministerium zufolge in den BVWP aufgenommen. Leitfaden des BVWP 2030 ist: „Erhalt vor Neubau”. Neue Verkehrswege sollen nur gebaut werden, wenn durch sie Engpässe beseitigt werden. Knapp 70 Prozent des Budgets des BVWP 2030 werden allein für Instandhaltung aufgewendet. Das entspricht bis 2030 einer Summe von ca. 141,6 Milliarden Euro. Für NRW sieht der BVWP 2030 Folgendes vor: Autobahn: Der Bedarfsplan des Bundes bis zum Jahr 2030 umfasst für Autobahnen und Bundesstraßen in NRW 200 Projekte mit Investitionen von insgesamt 20 Milliarden Euro. Schiene: Zentraler Punkt ist der Ausbau des Rhein-Ruhr-Express, in den über 1,8 Milliarden investiert werden und der ausschließlich für den Personenverkehr genutzt werden soll. Hintergrund: Kritik am RRX - warum ein neuer Zug nicht hilft (CORRECTIV.RUHR) Baustellen: notwendiges Übel Da gehen gefühlte Wirklichkeit und Fakten Hand in Hand: Die Straßen im Ruhrgebiet sind eine einzige Baustelle. Grund dafür sei, sagt Alex Vastag, Professor für Verkehrslogistik am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, dass in den letzten zehn Jahren wichtige Investitionen versäumt wurden. Auch der Duisburger Verkehrsforscher Michael Schreckenberg kritisiert: „Die Baumaßnahmen laufen den Bedürfnissen weitgehend hinterher. Gehandelt wird erst, wenn die Probleme bereits bestehen, weil die Politik nicht langfristig, sondern hauptsächlich in Legislaturperioden denkt.” Für Vastag ist die Sanierung von Straßen und Brücken das Einzige, was aktuell unternommen werden kann, um die Verkehrssituation im Ruhrgebiet zu verbessern: „Das ist keine Lösung des Problems. Die gibt es nicht. Es gibt nur Maßnahmen, die dafür sorgen können, dass die Situation in Zukunft entschärft wird”, sagt er. Aktuell wird viel Geld in NRWs Straßen investiert: 2017 haben Bund und Land 1,25 Milliarden Euro in die Hand genommen – so viel wie noch nie. 2018 soll die Summe noch einmal um 35 Millionen Euro steigen, gab Straßen.NRW im März dieses Jahres bekannt. 85 Baustellen sind allein in diesem Jahr auf nordrhein-westfälischen Autobahnen geplant: 15 davon auf der A1, der seit Jahren führenden Staustraße in NRW. Für kommendes Jahr sind bereits 45 Baumaßnahmen geplant. In der Regel kommen allerdings kurzfristig noch weitere Baustellen hinzu. Hier geht es zu einer Übersicht von Straßen.NRW über die geplante Baustellen 2018/19. Um die Belastung für Autofahrer möglichst gering zu halten, finden Baumaßnahmen wenn möglich dann statt, wenn wenig Verkehr herrscht. Nachts oder am Wochenende, je nachdem wie lang die Baumaßnahme dauert: Kürzere werden nachts erledigt, aufwendigere am Wochenende. Eine Sanierung von Straßen und Brücken ist nötig, um bestehende Verkehrswege zu erhalten. Die Straßen entlasten könnte Verkehrsforscher Schreckenberg zufolge nur eine Verlagerung des Güterverkehrs auf Schienen. Der „Eiserne Rhein” Für viele Verkehrsexperten wäre der „Eiserne Rhein” eine Möglichkeit, den Güterverkehr auf die Schienen zu verlagern und so den Verkehrskollaps in NRW abzuwenden. Doch noch ist unklar, ob und wie das Projekt umgesetzt wird. Laut Bundesregierung gäbe es zwei alternative Bahnlinien, die genutzt werden können: die Montzenroute von Aachen ins belgische Tongeren und dann bis nach Antwerpen; und die Betuweroute von Zevenaar nahe der deutsch-belgischen Grenze bis zum Hafen Rotterdam. Der „Eiserner Rhein” ist bereits seit über 100 Jahren eine Bahnstrecke zwischen den Häfen Antwerpen und Duisburg. Seit Ende des 19. Jahrhunderts fuhren die ersten Güterzüge auf dem historischen Verlauf des „Eisernen Rheins” – von Rheydt bei Mönchengladbach über Roermond in den Niederlanden bis ins belgische Antwerpen. Doch die Niederlande legten mit Verweis auf ihre Neutralität die Gleise im ersten Weltkrieg still. Nach dem ersten Weltkrieg wurde der Betrieb des „Eisernen Rheins” zwar wieder aufgenommen, 1992 aber ganz eingestellt, da die Route immer weniger genutzt wurde. Als Ersatz wurde während des Krieges die Montzenroute gebaut, die nicht durch die Niederlande führt. Würde man heute den „Eisernen Rhein” wieder in Betrieb nehmen, wären drei verschiedene Streckenverläufe denkbar, um die Häfen Duisburg und Antwerpen miteinander zu verbinden: Die Historische Trasse von Rheydt über Roermond nach Antwerpen. Entlang der A52 – diese Variante wurde von der Landesregierung NRW bevorzugt und als Vorschlag für den BVWP 2030 eingereicht. Der sogenannte „Dritte Weg“ von Rheydt über Viersen nach Kaldenkirchen. Diese Idee hatte der Bund bereits 2014 vorgeschlagen. 2018 hat die belgische Regierung eine Machbarkeitsstudie für den „Eisernen Rhein” vorgestellt. Das Ergebnis: Eine Wiederbelebung der Historischen Trasse oder ein Neubau entlang der A52 rentieren sich nicht. Allein der Bau des „Dritten Wegs” wäre wirtschaftlich. Seit Verabschiedung des BVWP 2030 ist das Projekt theoretisch einen Schritt näher an eine Realisierung gerückt: Es ist in den „vordringlichen Bedarf” aufgestiegen. Wann allerdings mit einer konkreten Umsetzung zu rechnen ist, ist bisher nicht absehbar. Denn bevor eine neue Schienenstrecke gebaut werden kann, ist ein komplexes Planungs- und Genehmigungsverfahren notwendig. Für die Autofahrer, die heute täglich im Stau stehen müssen, ist all das nur ein kleiner Trost. Langfristige Lösungen für das Stauproblem werden nicht angegangen. Vielleicht bleibt Pendlern da nur, bei sich selbst anzufangen und vom Auto auf Bahn oder Rad umzusatteln.. Hintergrund: Fahrrad und Bahn – die letzte Hoffnung für Pendler in NRW? (CORRECTIV.RUHR) Steal our Stories Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. 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Junger Italiener bezeichnet sich als Afghane und schlägt 17-Jährigen mit einer Flasche (Mon, 24 Sep 2018)
von Screenshot aus einem Facebook-Video Ein Video, das eine gewalttätige Szene zeigen soll, in der ein junger Afghane eine Flasche auf dem Kopf eines Deutschen zerbricht, kursiert auf den sozialen Netzwerken. Das Polizeipräsidium Konstanz erklärt, dass der Täter kein Afghane ist, sondern ein 16-jähriger Italiener. Auf Facebook und Youtube kursiert ein Video, das eine gewalttätige Szene zeigt. Es ist dunkel, ein braunhaariger junger Mann zerbricht eine Bierflasche auf dem Kopf eines blonden jungen Mannes. Vor der Kamera behauptet der Braunhaarige: „Ich bin von Afghanistan“. Das Video mit dem Beschreibungstext „Afghane schlägt Deutschen aus Spaß Flasche auf den Kopf“ wurde mehr als zehntausend Mal geteilt. Am 1. August 2018 hat die Staatsanwaltschaft Ravensburg und das Polizeipräsidium Konstanz eine gemeinsame Pressemitteilung zu einem sehr ähnlichen Fall veröffentlicht. Sie schrieben: „Wegen gefährlicher Körperverletzung muss sich ein im Landkreis Ravensburg wohnhafter 16-jähriger italienischer Staatsangehöriger verantworten, der bereits vergangenen Dienstag gegen 01.00 Uhr einen 17-Jährigen in der Gartenstraße mit einer Bierflasche ins Gesicht schlug und von hinzugerufenen Polizeibeamten vorläufig festgenommen worden war. Der Geschädigte, der eine Platzwunde erlitt, musste von Rettungskräften zur ambulanten Behandlung in ein Krankenhaus gebracht werden. Ein von der Tat durch einen Zeugen gefertigtes Beweisvideo, welches noch am Tatort von den Beamten sichergestellt worden war, taucht seit ein paar Tagen in den sozialen Medien auf. In diesem Video behauptet der dringend tatverdächtige Italiener wahrheitswidrig ein Afghane zu sein.“ Um sicher zu sein, dass es sich um den Fall handelte, der in dem Facebook-Video zu sehen ist, schickte Correctiv eine Anfrage an das Polizeipräsidium Konstanz. Eine Pressesprecherin bestätigte: „Bei dem von Ihnen gesendeten Video handelt es sich um die Tat, die in der genannten Pressemeldung beschrieben wird.“ Das bedeutet, der Täter hat im Video über seine Nationalität gelogen. Er ist kein Afghane, sondern Italiener. 5. Oktober 2018 · Caroline Schmüser Keine zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas wollen auswandern 3. Oktober 2018 · Tania Röttger Frei erfunden – Maaßen werden Aussagen über rechte Terrorzelle unterstellt 24. September 2018 · Jacques Pezet Junger Italiener bezeichnet sich als Afghane und schlägt 17-Jährigen mit einer Flasche 21. September 2018 · Caroline Schmüser Nein – Neunjähriger griff Mitschüler nicht mit Messer an 20. September 2018 · Caroline Schmüser Köthen – Opfer starb nicht an Kopfverletzung ALLE ECHTJETZT ARTIKEL
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Nein – Neunjähriger griff Mitschüler nicht mit Messer an (Fri, 21 Sep 2018)
von Der Vorfall soll sich auf dem Weg von der Schule zum Hort ereignet haben. (Symbolbild) Bildnachweis: pixabay / Abigail Grull Laut zwei Webseiten soll ein Chemnitzer Grundschüler zwei Mitschüler mit einem Messer angegriffen haben. Der Pressesprecher des Landesamt für Bildung und Schule Sachsen widerspricht dieser Darstellung der Ereignisse. In Chemnitz kam es in der vergangenen Woche zu einem Vorfall: Auf dem Weg zwischen Grundschule und Hort holte ein neunjähriger Schüler ein Messer hervor. Auf das Ereignis aufmerksam machte ursprünglich die Boulevardzeitung Tag24. Die Meldung wurden von verschiedenen Webseiten wie Compact Online und Politikstube aufgegriffen. Compact Online schilderte den Vorfall wie folgt: „Neunjähriger Migrant greift in Chemnitz Mitschüler mit Messer an”. Es handle sich um eine „schwere Straftat”, bei der „glücklicherweise niemand ums Leben gekommen” sei. In der Chemnitzer Schule gebe es jetzt Waffenkontrollen. EchtJetzt hat mit dem Pressesprecher des Landesamt für Bildung und Schule Sachsen, Roman Schulz, gesprochen. Schulz widersprach der Darstellung von Compact Online. Zwei Grundschüler hätten Messer „gezeigt” Roman Schulz zufolge gab es einen Vorfall auf dem Weg zum Hort, zu dem es Angaben zweier Schüler gebe. Die Grundschule selbst könne den Vorfall weder dementieren noch bestätigen. Laut Angaben der beiden Schüler sollen zwei andere Kinder ihnen „ein Messer gezeigt” haben. Dass es sich bei dem Vorfall um einen Messerangriff handelte, dementierte Schulz. Zwischen den vier involvierten Schülern soll es in der Vergangenheit Rangeleien und Handgreiflichkeiten gegeben haben. Die zwei Schüler, die mit dem Messer hantiert haben sollen, haben Schulz zufolge einen Migrationshintergrund und besuchen sogenannte Vorbereitungsklassen (VKA). In Vorbereitungsklassen werden neu zugewanderte Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse auf den regulären Unterricht an deutschen Schulen vorbereitet. Jungen wurden an zwei Tagen auf Messer kontrolliert Obwohl der Bereich, in dem der Vorfall stattgefunden hatte, nämlich auf dem Weg zum Hort, nicht mehr in die Zuständigkeit der Schule fällt, habe sich die Schule umgehend mit dem Vorfall beschäftigt. Dies teilte uns Schulz telefonisch mit. Im Laufe der Woche soll ein Gespräch mit den vier Schülern, ihren Eltern und Klassenlehrern stattgefunden haben. „Die Schule wird in einem Elternbrief über die Thematik informieren und auch bestätigen, dass die Kinder zu keiner Zeit in der Schule in Gefahr waren und es auch keine Messerangriffe gab”, schrieb Schulz. An den beiden Schultagen nach der Tat, dem Freitag den 14. September sowie dem darauffolgenden Montag, seien die beiden Jungen vor Betreten der Schule kontrolliert worden. Dabei habe man Ranzen, Schuhe, sowie die persönlichen Sachen der Jungen durchsucht. An beiden Tagen wurde kein Messer gefunden. 5. Oktober 2018 · Caroline Schmüser Keine zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas wollen auswandern 3. Oktober 2018 · Tania Röttger Frei erfunden – Maaßen werden Aussagen über rechte Terrorzelle unterstellt 24. September 2018 · Jacques Pezet Junger Italiener bezeichnet sich als Afghane und schlägt 17-Jährigen mit einer Flasche 21. September 2018 · Caroline Schmüser Nein – Neunjähriger griff Mitschüler nicht mit Messer an 20. September 2018 · Caroline Schmüser Köthen – Opfer starb nicht an Kopfverletzung ALLE ECHTJETZT ARTIKEL
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Köthen – Opfer starb nicht an Kopfverletzung (Thu, 20 Sep 2018)
von Kerzen und Blumen liegen an der Stelle, an dem ein 22-jähriger Köthener nach einer tätlichen Auseinandersetzung an einem Herzinfarkt verstarb. Bildnachweis: Odd ANDERSEN / AFP In Köthen kam ein 22-Jähriger nach einer tätlichen Auseinandersetzung zu Tode. Die Webseite Truth24 behauptet, das Opfer sei durch schwerwiegende Kopfverletzungen verstorben. Das ist falsch. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag den 9. September war in der Stadt Köthen in Sachsen-Anhalt ein 22-Jähriger nach einer Auseinandersetzung zu Tode gekommen. Das Opfer soll zuvor schlichtend in einen bereits laufenden Streit zwischen drei Männern mit afghanischer Staatsbürgerschaft eingegriffen haben. Die Webseite Truth24 behauptet, dem 22-Jährigen sei der Kopf zertrümmert worden. Durch die „massiven Kopfverletzungen” sei der junge Mann zu Tode gekommen. Laut Daten von Facebook wurde der Artikel von Truth24 bis zu 2700 Mal auf dem sozialen Netzwerk geteilt. Die Obduktion gab laut den zuständigen Behörden ein anderes Bild der Todesumstände. Köthener verstarb an Herzinfarkt Bereits am 9. September gab die Polizei Sachsen-Anhalt Ost in einer Pressemitteilung bekannt: „Nach dem vorläufigen, mündlich übermittelten Obduktionsergebnis ist der 22-jährige Köthener einem akuten Herzversagen erlegen, das nicht im direkten kausalen Zusammenhang mit den erlittenen Verletzungen steht.” In einer Pressekonferenz am 12. September konkretisierte der zuständige Rechtsmediziner von der Universität Halle, Rüdiger Lessig, die Todesumstände des Opfers: Der 22-Jährige sei an einem Herzinfarkt gestorben. Der Herzinfarkt basiere auf einer schweren Herzerkrankung, die der Verstorbene von Geburt an hatte. „Es war eine Fehlbildung des Herzens bei ihm vorbestehend, die unmittelbar nach der Geburt operativ behoben werden musste.”, erklärte Lessig. „Er war schwer krank und wir müssen aufgrund des Obduktionsergebnisses sagen, es hätte bei ihm jederzeit zu einem Herzinfarkt kommen können.” Geschädigter nicht zu Tode geschlagen oder getreten In der Pressekonferenz gab auch der leitende Oberstaatsanwalt Horst Nopens weitere Details zum Tathergang bekannt. Nopens zufolge soll das Opfer nach Einschreiten in den Streit der Afghanen einen Schlag ins Gesicht bekommen haben, woraufhin er zu Boden ging. Im weiteren Verlauf der Geschehnisse sei er dann an dem Herzinfarkt gestorben.  Anhaltspunkte darauf, dass der Geschädigte zu Tode geschlagen oder getreten worden sein könnte, gebe es zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Während der Obduktion seien Verletzungen an der Lippe festgestellt worden, die auf den Schlag ins Gesicht hindeuten und diesen untermauern. Mehr Informationen zu den Verletzungen des Opfers konnte Nopens aus Schutz der Ermittlungen nicht preisgeben. Ermittlungen wegen Verdacht der Körperverletzung mit Todesfolge Zwei Tatverdächtige, ein 18-jähriger sowie ein 22-jähriger Afghane, befinden sich mittlerweile in Untersuchungshaft. Gegen sie wird wegen des Anfangsverdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Der ursprüngliche Verdacht der Polizei hat sich damit geändert: Die Tatverdächtigen wurden zuerst wegen dem Anfangsverdacht eines Tötungsdelikts festgenommen. Beispielhaft für eine Körperverletzung mit Todesfolge sei folgendes Szenario, wie uns der Pressesprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau bestätigte: Person A schlägt Person B mit der Faust ins Gesicht. A rechnet nicht damit, dass B durch diesen Schlag tödlich verletzt werden könne. Der Faustschlag führt jedoch dazu, dass B fällt, unglücklich auf der Tischplatte aufkommt und verstirbt. Ob und inwieweit jemand vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Köthen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden könne, sei Gegenstand des Ermittlungsverfahrens. „Dieser Frage treten wir natürlich näher und die haben wir im Blick”, sagte Nopens bei der Pressekonferenz am 12. September. 5. Oktober 2018 · Caroline Schmüser Keine zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas wollen auswandern 3. Oktober 2018 · Tania Röttger Frei erfunden – Maaßen werden Aussagen über rechte Terrorzelle unterstellt 24. September 2018 · Jacques Pezet Junger Italiener bezeichnet sich als Afghane und schlägt 17-Jährigen mit einer Flasche 21. September 2018 · Caroline Schmüser Nein – Neunjähriger griff Mitschüler nicht mit Messer an 20. September 2018 · Caroline Schmüser Köthen – Opfer starb nicht an Kopfverletzung ALLE ECHTJETZT ARTIKEL
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„Menschenjagd“ in Halle? Was bisher bekannt ist (Thu, 20 Sep 2018)
von Marita Wehlus In Halle wurden drei junge Männer überfallen. (Symbolbild: Marktplatz Halle an der Saale) Bildnachweis: Prom23 /Pixabay Ein Blog bezeichnet drei Raubüberfälle als „Menschenjagd” auf Deutsche. Dabei sind die Nationalität der Täter und Einzelheiten der Taten unklar. Eine Gruppe Jugendlicher schlägt am späten Freitagabend einen 16-Jährigen am Pestalozzipark in Halle und stiehlt sein Handy. Kurze Zeit später wird ein 21-Jähriger in der Nähe, auch von einer Gruppe, ins Gesicht geschlagen. Knapp zwei Stunden danach überfallen mehrere Jugendliche einen 18-Jährigen, stehlen sein Handy und greifen zwei Männer an, die dem Jungen zu Hilfe kamen. So beschreibt die Polizei die Vorfälle am Abend des 14. Septembers 2018 im und um den Pestalozzipark in Halle. Der Blog Halle Leaks spricht von einer „Menschenjagd” auf Deutsche und schreibt dazu am 16. September: „Dutzende Menschen wurden mit Messern bedroht, zusammengeschlagen und ausgeraubt.” Das stimmt so nicht. Quelle ändert ihre Aussagen Halle Leaks beruft sich auf einen Artikel vom Blog Du bist Halle. Der Blog hatte am 16. September morgens über den Vorfall geschrieben, den Artikel allerdings am selben Nachmittag wieder geändert. Im ursprünglichen, auf Halle Leaks zitierten, Beitrag hieß es, eine „größere Gruppe Migranten” sei raubend durch den Park gezogen. Kurz danach stellte sich heraus: Es gibt unterschiedliche Aussagen dazu. Du bist Halle ändert seinen Artikel und schrieb: ScreenshotDubistHalle19_09_2018.PNG Screenshot aus dem Artikel von dubisthalle vom 19.09.2018 Zu diesem Zeitpunkt ist der Artikel auf Halle Leaks knapp zwei Stunden online. Auf Anfrage von EchtJetzt, ob Halle Leaks den Bericht auf Grund der Korrektur ändern würde, reagierte Halle Leaks bis Redaktionsschluss nicht. Jagd auf Deutsche? Da die Täter bis jetzt nicht gefasst wurden, kann keine Aussage über deren Nationalität gemacht werden. Halle Leaks schreibt von Flüchtlingen. Dies wird weder im Du-bist-Halle-Artikel erwähnt, noch lässt es sich zur Zeit feststellen, da die Täter noch nicht identifiziert sind. Tatsache ist, es gibt unterschiedliche Aussagen über die Täter. Bisher sei nicht sicher, ob es sich bei allen drei Straftaten um dieselben Täter handele, man ermittle aber in diese Richtung, so die Polizei Sachsen-Anhalt Süd. Einige Zeugen sprächen von „verschiedenen Nationalitäten”. Andere berichteten, Deutsche sollen unter den Täter gewesen sein. Die drei angegriffenen Männer seien deutscher Nationalität, schreibt die Polizei auf Nachfrage von EchtJetzt. Die zwei Männer, die dem letzten Opfer zu Hilfe eilten und selbst von der Gruppe Jugendlicher angegriffen wurden, sind laut Polizei allerdings keine Deutschen. Ursprünglich sprach die Polizei von drei Geschädigten und zwei Zeugen. Nach neueren Ermittlungen ist nun von sechs Opfern die Rede. Halle Leaks schreibt falsch von Dutzenden. Zu den sechs Geschädigten der Nacht zählt auch eine 14-Jährige, die früher am Tag in dem Bereich Opfer einer fahrlässigen Körperverletzung wurde.  Nachdem die Polizei zunächst nichts vom Einsatz von Messern gewusst hatte, ergab eine Befragung letzte Woche: Eines der Opfer wurde mit einem Messer und einem Schlagstock angegriffen. Auf die Frage, ob von einer Menschenjagd die Rede sein könne, sagte Polizeisprecherin Ulrike Diener am 17. September: „Nein”. Bis geklärt ist, ob es ein und dieselbe Tätergruppe ist, könne man die Straftaten auch nicht bewerten. ScreenshotAntwortmailPolizeiSachsen-Anhalt-Sued.PNG Screenshot einer Antwortmail der Polizei Sachsen-Anhalt Süd, auf Anfrage von EchtJetzt am 17.09.2018 ScreenshotPolizeiSASued25_09_18.PNG Antwortmail der Polizei Sachsen-Anhalt Süd auf Anfrage von EchtJetzt, am 25.09.2018. Verschwiegen? Halle Leaks kritisiert, die Presse schweige zu dem Fall. Doch bereits einen Tag vor Erscheinen des Halle Leaks-Artikels, veröffentlicht die Seite Halle Life die Polizeimeldung. Der Blog Du bist Halle berichtete Stunden vor Halle Leaks und fast zeitgleich mit Halle Leaks ging die Mitteldeutsche Zeitung mit einem Artikel zum Thema online. Der Lokalsender TV Halle berichtet einen Tag später über die Überfälle. Zusammengefasst: Viel Verwirrung und unterschiedliche Zeugenaussagen Tatsächlich lässt sich wenig gesichert über die Überfälle im Pestalozzipark sagen. Drei junge Menschen wurden von einer Gruppe, vielleicht derselben, überfallen. Zweien wurde das Handy gestohlen, ein junger Mann musste laut Polizei ärztlich behandelt werden. Bei einem Angriff hatten die Täter einen Schlagstock und ein Messer. Alles Weitere stützt sich auf Zeugenaussagen, die sich teils stark unterscheiden. Sowohl die Herkunft der Täter als auch die Größe der Gruppe wird von unterschiedlichen Zeugen unterschiedlich beschrieben, so die Polizei. Bis die Täter gefasst sind, lassen sich dazu also keine gesicherte Aussage treffen. Update 25. September: Wir haben den Text mit neuen Angaben der Polizei ergänzt. In einer früheren Version hieß es, die Polizei wisse nichts von einer Bedrohung mit einem Messer. Inzwischen bestätigt die Polizei, dass einer der Geschädigten mit einem Messer und einem Schlagstock angegriffen wurde. Auch die Zahl der Opfer wurde auf sechs korrigiert. 5. Oktober 2018 · Caroline Schmüser Keine zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas wollen auswandern 3. Oktober 2018 · Tania Röttger Frei erfunden – Maaßen werden Aussagen über rechte Terrorzelle unterstellt 24. September 2018 · Jacques Pezet Junger Italiener bezeichnet sich als Afghane und schlägt 17-Jährigen mit einer Flasche 21. September 2018 · Caroline Schmüser Nein – Neunjähriger griff Mitschüler nicht mit Messer an 20. September 2018 · Caroline Schmüser Köthen – Opfer starb nicht an Kopfverletzung ALLE ECHTJETZT ARTIKEL
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Chemnitz – Unbelegte Zweifel an Frontal21-Bericht und Überfall auf jüdisches Restaurant (Tue, 18 Sep 2018)
von Wirt Uwe Dziuballa am 9. September vor seinem jüdischen Restaurant in Chemnitz. Einige Blogs bezweifeln, dass es angegriffen wurde. Bildnachweis: John MACDOUGALL / AFP Der Blog Philosophia Perennis zweifelt an der Authentizität eines internen Polizeiberichts, der nahe legt, es habe in Chemnitz Hetzjagden gegeben. Ebenso zweifelt er an dem Angriff auf ein jüdisches Restaurant. EchtJetzt hat mit der Generalstaatsanwaltschaft, der Polizei, Frontal21 und dem Wirt des Restaurants gesprochen. Das TV-Format Frontal21 vom ZDF hat am vergangenen Dienstag einen internen Polizeibericht zitiert, der als weiterer Beleg dafür dient, dass Rechtsradikale am vorigen Montag in Chemnitz Hetzjagden auf ausländisch Aussehende gemacht haben. Der AfD-nahe Blog Philosophia Perennis bezweifelt in einem Artikel vom 11. September die Authentizität dieses Berichts. Titel: „Merkels Rettung? Frontal21 und der angebliche interne Polizeibericht aus Chemnitz.“ Darin heißt es: „Man habe nun ganz überraschend einen internen Polizeibericht zu den Vorkommnissen in Chemnitz gefunden.“ Im letzten Absatz äußert Autor David Berger den Verdacht, dass der Polizeibericht „nachträglich auf Anweisung aus Berlin erstellt“ wurde, um der Kanzlerin die „Peinlichkeit“ zu ersparen, „auf die Fakenews eines linksextremen Twitter-Accounts hereingefallen zu sein“. Belege für diese Vermutung liefert Berger nicht. Bildschirmfoto 2018-09-12 um 16.41.00.png Screenshot vom Artikel auf Philosophia Perennis. EchtJetzt hat keinen Zugang zu dem Polizeibericht. Frontal21 zufolge enthält er die Zeile: „100 vermummte Personen (rechts) suchen Ausländer.“ Philosophia Perennis schreibt, dass dies gar nicht die Beobachtung der Polizei gewesen sei: „Bei diesem Satz handelt es sich nur um eine Information, die der Polizei zuging.“ Also etwa durch einen Anruf von Passanten oder Demonstranten. Das könnte stimmen, geht aus der Antwort der Polizei auf Anfrage von EchtJetzt hervor: „Bei jedem polizeilichen Einsatz entsteht eine Vielzahl von verschiedenen Dokumenten. Dazu gehören auch Aufzeichnungen zu eingehenden Informationen, wie z.B. Notrufe oder auch Hinweise von Einsatzkräften. Diese Erstinformationen und Eingangsmeldungen werden im Rahmen des Einsatzes geprüft. Nicht alle in diesem polizeilichen Lagefilm enthaltenen Informationen sind demzufolge gleichzusetzen mit Tatsachen bzw. tatsächlichen Feststellungen der Beamten.“ Bildschirmfoto 2018-09-17 um 12.39.27.png Screenshot aus der Email der Polizei. Doch Christian Rohde, stellvertretender Redaktionsleiter von Frontal21, schreibt zu der Szene per Email: „Aus dem Lagebericht wird klar, dass es sich um eine polizeiliche Anfrage handelte. Die Einsatzleitung fordert laut dem Bericht Kräfte an, um die ca. 100 vermummten Personen zu suchen. Ergebnis der Suche einer Aufklärungseinheit ist, dass die Vermummten nicht mehr angetroffen werden. Die Polizei stellt laut Lagefilm fest, dass die Personen vermutlich ihre Fahrzeuge an einem Parkplatz abgestellt haben. Genau das hat Frontal21 berichtet.“ Material von Frontal21 Die Echtheit des Materials kann oder will die Polizei bisher nicht bestätigen. Eine Sprecherin schreibt: „Inwiefern sämtliche bei Frontal21 zitierten Passagen tatsächlich aus polizeilichen Einsatzdokumenten stammen, wird derzeit intensiv geprüft.“ Rohde von Frontal21 schreibt zu dem Vorwurf, dass der Bericht nicht echt sei: „Der Vorwurf wird schon allein dadurch entkräftet, dass mehrere im internen Polizeibericht (der sogenannte Lagefilm) erwähnte Vorkommnisse überprüfbar sind mit dem, was sich in Chemnitz zugetragen hat. Das eindrücklichste Beispiel ist der Überfall auf ein jüdisches Restaurant in Chemnitz.“ (Dazu unten mehr.) Rohde weiter: „Im Übrigen ist im Lagefilm auch die Ankunft des ZDF-Teams von Frontal21 vermerkt. Die Aufzeichnungen der Polizei stimmen mit unserer dokumentierten Arbeitszeit überein.“ Hintergrund: Hetzjagd-Debatte Seit Wochen diskutieren Politik und Medien, ob es in Chemnitz Hetzjagden durch Rechte auf Ausländer gegeben hat. Bundeskanzlerin Merkel und Regierungssprecher Steffen Seibert hatten den Begriff für das Geschehen in Chemnitz benutzt, als verschiedene Gruppen wegen eines Totschlags in der Stadt protestierten. Die AfD und der Chef des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen bezweifelten, dass tatsächlich Hetzjagden stattgefunden hatten. Ebenso sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), „es gab keinen Mob, keine Hetzjagd und keine Pogrome.“ Mehrere Videos aus Chemnitz wurden außerdem angezweifelt – sowohl die Echtheit als auch, ob das, was zu sehen ist, eine Hetzjagd darstellt –, unter anderem von Maaßen. Seine Äußerungen gegenüber Bild haben ihm inzwischen eine Personal-Krise eingebracht. Die SPD und die Grünen fordern seine Entlassung. Manche meinten, der Begriff „Jagdszenen“ wäre zutreffender gewesen. Auf Blogs, die flüchtlingsfeindliche Artikel veröffentlichen, wurde die Debatte als Beispiel dafür gesehen, dass Medien und Politik „Fake News“ verbreiten. Überfall auf jüdisches Restaurant? Philosophia Perennis bezweifelt außerdem, dass das jüdisches Restaurant „Schalom“ in Chemnitz überfallen wurde. Frontal21 zufolge hatten vermummte  Männer das Lokal mit Steinen, Flaschen und einem Stahlrohr beworfen. Außerdem hätten sie den Wirt beschimpft („Hau ab aus Deutschland, du Judensau“). Bei Philosophia Perennis steht: Die Sache habe ein „Geschmäckle“, denn das Restaurant habe an dem Tag des angezeigten Überfalls Ruhetag gehabt, und die Polizei habe bloß „Gegenstände in der Nähe des Restaurants“ gefunden. Diese These verbreitet auch der rechte Blog Halle Leaks. Auf der Webseite des Restaurant steht tatsächlich, es sei Freitags und Montags geschlossen. Bildschirmfoto 2018-09-12 um 14.53.58.png Screenshot von der Webseite des Restaurants. EchtJetzt hat am vergangenen Mittwoch gegen 13 Uhr im Restaurant angerufen. Uwe Dziuballa, der Wirt, meldete sich am Telefon und wirkte sehr aufgebracht, als er den Grund für den Anruf erfuhr. Er sagte: „Der Ruhetag ist also Beweis dafür, dass ich gelogen habe?“ Auch jetzt habe das Restaurant geschlossen, trotzdem sei er da. Er fühle Zorn und Wut. Dziuballa erklärte, dass er seit ein paar Jahren die Räume des Restaurants am Montag vermiete oder für Vorträge nutze. So auch am 27 August. Da fand ein Vortrag über die Folgen der Arisierung jüdischer Unternehmen unter der NS-Herrschaft statt. Um 21:44 habe er draußen Krach gehört und sei rausgegangen. Da seien schon Steine geflogen, einer habe ihn an der Schulter getroffen, die jetzt noch schmerze. Seit die Medien über den Fall berichteten, bekommt er viele Zuschriften, sagt Dziuballa. Der Großteil sei positiv, aber er bekomme auch Hassmails, zum Beispiel hätten sie ihn Lügensau genannt – viele zweifeln an dem Überfall, mit dem Hinweis, dass sein Lokal ja geschlossen gewesen sei. Dabei hatte er am 27. August um 19:19 Uhr auf der Facebook-Seite des Lokals ein Foto der Veranstaltung veröffentlicht:   Bildschirmfoto 2018-09-12 um 14.19.06.png Screenshot von der Facebook-Seite des Restaurants. In dem Fall wird ermittelt, wie ein Sprecher der Dresdner Generalstaatsanwaltschaft per Email bestätigt. Bildschirmfoto 2018-09-12 um 16.24.11.png Screenshot aus der Email der Polizei. Lagefilm auf einer Stufe mit Haftbefehl? Eine weitere Behauptung von Philosophia Perennis: Die Verbreitung der Auszüge aus dem Lagefilm sei illegal, wie die Verbreitung des Haftbefehls gegen einen der mutmaßlichen Täter in dem Mordfall, der die Proteste in Chemnitz ausgelöst hat. Philosophia Perennis nimmt den Lagefilm als Anlass, um dem ZDF Heuchelei vorzuwerfen. Schließlich habe der Sender die Verbreitung des Haftbefehls als illegal gerügt. Die Polizei prüft derzeit, ob eine Straftat vorliegt: „Es wurde bereits am vergangenen Dienstag seitens der Polizeidirektion Chemnitz ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Verletzung des Dienstgeheimnisses und einer besonderen Geheimhaltungspflicht eingeleitet.“ Allerdings hinkt der Vergleich von Philosophia Perennis: Im Fall des Haftbefehls wurden persönliche Daten veröffentlicht, nur ein Teil der Wohnadresse war geschwärzt. Im Fall des Lageberichts veröffentlichte das ZDF lediglich Auszüge aus einem amtlichen Dokument. 5. Oktober 2018 · Caroline Schmüser Keine zwei Drittel der Einwohner Subsahara-Afrikas wollen auswandern 3. Oktober 2018 · Tania Röttger Frei erfunden – Maaßen werden Aussagen über rechte Terrorzelle unterstellt 24. September 2018 · Jacques Pezet Junger Italiener bezeichnet sich als Afghane und schlägt 17-Jährigen mit einer Flasche 21. September 2018 · Caroline Schmüser Nein – Neunjähriger griff Mitschüler nicht mit Messer an 20. September 2018 · Caroline Schmüser Köthen – Opfer starb nicht an Kopfverletzung ALLE ECHTJETZT ARTIKEL
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